Alarmsignale in der Krise

IRSOP-Studie über Finanzlage der Haushalte, Gesundheitssystem und Bürgerverhalten

Nachdem die Arbeitslosenrate im letzten Monat gestiegen ist und die Einkommen zahlreicher Haushalte abgenommen haben, mussten viele Menschen in Rumänien auf ihre Ersparnisse zurückgreifen. Symbolbild: pixabay.com

Die finanzielle Lage der Haushalte in Rumänien spannt sich an. Die Arbeitslosenrate und die Anzahl jener, die ihre Kreditraten nicht bezahlen konnten, stieg von einem Monat auf den anderen um fünf Prozent. Das Gesundheitssystem darf auch nach der Corona-Krise nicht auf Entlastung hoffen. Es wird dann mit verschobenen Behandlungen überschwemmt. Dabei befindet sich Rumänien gerade erst am Gipfel der Pandemie. Das regelkonforme Verhalten der Bürger zum Schutz der Mitmenschen vor Ansteckung wird nun, nach Aufhebung des Notstands, möglicherweise zu wünschen übrig lassen – mit Ausnahme der persönlichen Hygienemaßnahmen. Das Ergebnis scheint symptomatisch zu sein für das mangelnde Vertrauen in der Gesellschaft, das Psychologen schon lange beklagen.

Diese drei Aussagen ergeben sich aus der jüngsten landesweiten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IRSOP, die am 12. Mai veröffentlicht wurde. Interviewt wurden 760 Personen im Zeitraum vom 6. bis 9. Mai. Die Ergebnisse werden im Folgenden detailliert dargestellt und vor dem Hintergrund weiterer Quellen betrachtet.

Viele müssen Gürtel enger schnallen

58 Prozent der Befragten gaben an, ihren Lebensstandard im Mai im Vergleich zum Vormonat aufrecht erhalten oder sogar etwas verbessern zu können. Für 42 Prozent hingegen hat sich die Lage verschlechtert: Im April konnten fünf Prozent der Bürger ihre Kreditrate nicht bezahlen, im Mai waren es schon zehn Prozent. Die Anzahl der Haushalte ohne verfügbares Einkommen wuchs von 38 Prozent im April auf 48 Prozent im Mai. Im Mai mussten 32 Prozent der Haushalte bereits auf Ersparnisse zurückgreifen. Hinzu kommen Anzeichen für einen systemischen Verfall: Die Arbeitslosenrate ist von April auf Mai von fünf auf zehn Prozent gestiegen.

In den nächsten drei Monaten, so die Umfrageergebnisse von IRSOP, werden die Menschen daher ihren Konsum nicht steigern. 84 Prozent gaben an, nur das Allernötigste kaufen zu wollen. 83 Prozent wollen sich auf keinen Fall verschulden. Dies bedeutet möglicherweise Schwierigkeiten für Händler mit Gütern für den langfristigen Gebrauch, schließen die Experten. Die geplante Zurückhaltung beim Kaufen könnte auch ein Warnsignal dafür sein, dass eventuelle Programme zur kurzfristigen Stimulierung des Konsums nicht greifen werden.

74 Prozent der Befragten gaben an, in den nächsten drei Monaten nicht ans Sparen zu denken. Ein Grund könnte die Unsicherheit über das erwartete Einkommen sein, so IRSOP. Dies bedeute, dass eine finanzielle Stimulierung seitens des Staats wohl nicht wie beabsichtigt für die Steigerung des Konsums, sondern zum Auffüllen der Ersparnisse eingesetzt werden könnte.

Gesundheitssystem: marode, korrupt, dauerüberlastet

Ein knappes Drittel der Befragten (31 Prozent) gab an, wegen der Corona-Krise medizinische Behandlungen, Operationen oder Laboranalysen verschoben zu haben. Dies bedeutet, dass das Gesundheitssystem auch nach der Krise starken Belastungen ausgesetzt sein wird.

39 Prozent der Bürger halten das Gesundheitssystem für die größte chronische Schwäche des Landes, 34 Prozent setzen Korruption an die erste Stelle.

Von einer Verflechtung beider Übel ist auszugehen: Auf einer Konferenz der Konrad Adenauer Stiftung zum Thema „Medienfreiheit in Südosteuropa während der Covid-19 Pandemie“ (8. Mai) beklagte die rumänische Rednerin und Journalistin Elena Calistru („Funky Citizens“) die mangelnde Transparenz in Bezug auf die Vergabe medizinischer Beschaffungen. Oft seien Firmen involviert, die keinerlei Bezug zum Gesundheitswesen hätten. Häufig seien Verbindungen zwischen den beauftragten Firmen und politischen Entscheidungsträgern erkennbar.

Betrachtet man hingegen die Leistung des rumänischen Gesundheitssystems im Zusammenhang mit Covid-19, schneidet es im EU-Vergleich nicht allzu schlecht ab. Auf monitorsocial.ro, der Plattform der Friedrich Ebert Stiftung, erfährt man unter dem Titel „Wie gut ist das rumänische Gesundheitssystem auf die Pandemie vorbereitet?“, dass hierzulande pro 100.000 Einwohner 698 Betten zur Verfügung stehen. Im Vergleich sind es in Italien 318, in Spanien 297, in Frankreich 598 und im EU-Mittel 504. Was medizinisches Personal pro 100.000 Bürger betrifft, belegt Rumänien allerdings – wegen des Massenexodus der Ärzte – einen der letzten Plätze.

IRSOP-Experten schließen aus der Studie, Investitionen in überschüssige Kapazitäten für Epidemien seien unvermeidbar – selbst dann, wenn sie ungenutzt unrentabel sind.

Alarmierendes Misstrauen zwischen Bürgern

Zum Thema verantwortliches Verhalten nach der Zeit der Isolation antworteten auf die direkte Frage „Werden Sie die Empfehlungen der Behörden befolgen?“ fast alle Kandidaten positiv. Auf dieselbe Frage in der dritten Person, ob die Bürger wohl die behördlichen Empfehlungen zum Schutz der Mitmenschen befolgen würden, lautete die häufigste Antwort „weniger als die Hälfte“ oder „sehr wenige“. Was die Menschen von anderen denken, liegt meist nicht weit entfernt vom eigenen Verhalten, meinen die IRSOP Experten. Und schließen daraus, dass das regelkonforme Verhalten zum Schutz der anderen wohl zu wünschen übrig lassen wird – mit Ausnahme der persönlichen Hygienemaßnahmen.

Gilt der Spruch „Wie der Schelm denkt, so ist er?“. Oder könnte eine andere Ursache hinter der Diskrepanz der Meinung über sich und andere stecken? Etwa das abgrundtiefe Misstrauen in der rumänischen Gesellschaft, das der Psychologe und Soziologe Dorin Bodea in seinem 2017 erschienenen Buch „Cine sunt eu?“ (wer bin ich) diagnostiziert und ausführlich beschreibt? Ausgehend von einer IRES-Umfrage 2012, in der sich 90 Prozent zu der Aussage „Ich bin stolz, Rumäne zu sein“ bekannten, untersuchte Bodea das Selbstbild der Rumänen in einer 2011 bis 2015 durchgeführten Studie. Darin bezeichneten sich 95 Prozent der Rumänen als kompetent, moralisch, zivilisiert, zuverlässig, lernbereit, anpassungsfähig, loyal und kooperativ. Ihre Mitbürger hingegen schätzten sie als nicht vertrauenswürdig, unberechenbar, sich krankhaft überschätzend, Lob heischend und machthungrig ein. Hinter dem Stolz, Rumäne zu sein, schließt Bodea messerscharf, verbirgt sich vielmehr der Stolz auf sich selbst, nach dem Motto „Ich bin stolz auf mich – aber schäme mich der anderen Rumänen“. Dieses Misstrauen rückt der Psychologe ins Zentrum aller gesellschaftlichen Probleme. Eine weitere Umfrage quantifiziert das Ausmaß des Misstrauens: Demnach seien neun von zehn Personen, denen man begegnet, nicht vertrauenswürdig. 95 Prozent der Rumänen bezeichnen sich selbst als „integer“, „westlich“ und „völlig anders als die anderen Rumänen“. Gleichzeitig geben 80 Prozent an, Vorschriften und Regeln nicht zu beachten, wenn sie ihnen „unpassend oder komisch“ erscheinen, oder weil die anderen sie auch nicht beachten. Bodea untersucht den augenscheinlichen Widerspruch und zieht einen alarmierenden Schluss: Psychologisch gesehen käme dies einer Todfeindschaft gleich! Man mag sich vor diesem Hintergrund die Frage stellen, ob im Zuge der finanziellen Krise, die auch die Kluft zwischen Arm und Reich akzentuiert, der Riss, der sich durch diese Gesellschaft zieht, nicht weiter aufklaffen könnte.

 

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