Alles, was sich ihm in den Weg stellte, wurde genagelt

„Uecker 90“ - Schwerin ehrt den gebürtigen Mecklenburger Günther Uecker in seinem 90. Lebensjahr

Günther Uecker: Selbstporträt, 1963, Übernagelte Schwarz-Weiß-Fotografie auf Holzplatte. Sammlung Staatliches Museum Schwerin (C: VG Bild-Kunst Bonn 2020).

Günther Uecker: Spikes (Prototyp), 1972, Fußballschuh, Nägel, Holzplatte. Sammlung Staatliches Museum Schwerin (C: VG Bild-Kunst Bonn 2020).

Wir können unserer eigenen Geschichte nicht entgehen, wir sind Teil unserer Erinnerungen, die täglich mit uns wachsen und die es gilt, mit zu gestalten. Es sind Günther Ueckers stehende, liegende, an der Wand oder von der Decke hängende Arbeiten, die im Zusammenspiel von Ruhe und Bewegung zu einer rhythmischen Durchdringung der Zeit verführen.

2013 konnte das Staatliche Museum Schwerin 14 Werke des international renommierten Malers und Objektkünstlers aus dem Besitz eines Berliner Sammlers erwerben. Es kam dann noch die Schenkung der Arbeit „Weißes Feld“ durch einen Privatsammler hinzu. Die „Sandspirale“ von 1970, seit 1998 als Leihgabe gegenwärtig, wurde auf Dauer für den Schweriner Sammlungsbestand gesichert. Aus dem Symposium „Günther Uecker – Porträt Mensch“ vor fünf Jahren ist eine Publikation hervorgegangen, die den neuesten Standard der Uecker-Forschung verkörpert. Im diesjährigen 90. Geburtsjahr des in Düsseldorf lebenden, gebürtigen Mecklenburger Künstlers kommt es nun zu einer Neuformation der bedeutenden Schweriner Uecker-Kollektion, die Objekte aus den späten 1960er, frühen 1970er und 1980er Jahren bis zum Jahr 2001 umfasst und die Vielfalt des künstlerischen Werkes von Uecker reflektiert.

Uecker hämmerte Nagel für Nagel in ein Brett – und das Ergebnis war ein Kunstwerk. Die rasterartig gestalteten Nagelbilder verwandeln sich bald in licht- und schattenspielhafte „Energiefelder“. Gleichzeitig verlässt der Künstler das Bild, indem er dieses mit einem Alltagsgegenstand – dem Nagel – zum Objekt macht. Als eine Metapher für Verletzbarkeit und Aggressionsbereitschaft machen die Nägel zudem sichtbar, was der Mensch dem Menschen antut. Das überarbeitete fotografische Selbstporträt (1963) gehört zu seinen „Nagelporträts“, „an denen ich meinen inneren Zustand erkennen kann“. Beim „Fadenstuhl“ (1969) wiederum hängen Bindfäden den Stuhl herunter, verdecken ihn völlig, geben dem statischen Gegenstand eine fließende Form. Zudem versinnbildlicht das Weiß Klarheit und Reinheit. Jedes Herstellen ist aber auch mit einem Akt der Zerstörung verbunden. Der Akt des Zerstörens ist gewissermaßen das Negativ des schöpferischen Aktes. So hat Uecker eine Axt in ein mit einem Nagelraster bedeckten Baumstamm eingerammt („Lohengrin“, 1978). Sein Werk demonstriert das Verhältnis zwischen kreativem Tun und Zerstörung.

Von den Nagelbildern über die Nagelskulpturen („Spikes Prototyp“, 1972) und die Übernagelungen banaler Gegenstände (Stühle, Türfassungen u. a.) bzw. „Kulturfetische“ (Piano, Televisor) oder Lichtobjekte ging Uecker schließlich 1965 zu kinetischen, klingenden Objekten über. Im „Elektrischen Garten“ (1966) ragt dann ein überdimensionaler Nagel in einem vergitterten Gehäuse empor, während die installierten Hochfrequenzaggregate in regelmäßigen Abständen Blitze entladen.

Die aggressiv aufgeladenen Gegenstände sind Metapher für die Zerstörung von Natur und Kultur, des menschlichen Lebensraumes. Die motorbetriebene kinetische Arbeit „Sandspirale“ (1972) hinterlässt Spuren im Sand, die einander ähnlich scheinen und sich trotzdem immer wieder verändern. Wiederholung und Veränderung, Vergänglichkeit und Gegenwärtigkeit werden erfahrbar.

So ist es dann nur noch ein Schritt zum Aktionsraum, in dem sich alle Objekte und Medien zu einem „Totalspektakel“ vereinen. Auf verschiedenen Ebenen sollen sie zusammen ein Porträt der Gesellschaft andeuten.
Uecker 90. Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin, Alter Garten 3, Di – So 11-17 Uhr, ab April 11–18 Uhr, bis 1. Juni. Publikation „Günther Uecker – Porträt Mensch“, Verlag moderne Kunst, 2016, 18 Euro.

 

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