Aus Achtung vor der schöpferischen Leistung der Ersterbauer

Grundsätzliche Überlegungen zur Fassadenrestaurierung der Stadtpfarrkirche Hermannstadt

Abb. 1 Ansicht der Südfassade, Foto 15. Juli 2001

Abb. 2 Südfassade, Zustand 30. Juni 2020

Abb. 3 Pfeiler Sakristei, Beispiel von Steinsichtigkeit, Foto 30. Juli 2020

Abb. 4 Fenster Westfassade 29.Juli 2020

Abb. 5 Farbliche Fassung eines Schlusssteins im Mittelschiff der Kirche. Nach Untersuchung durch Ioan Muntean, Restaurator am Brukenthalmuseum.

Am 25. Juni l. J. hat eine Sitzung der Hermannstädter Gemeindevertretung stattgefunden, wo über den Stand der Restaurierungsarbeiten an der Stadtpfarrkirche vom dafür zuständigen Beamten Victor Drăgan berichtet wurde. Bei der Frage des Farbanstrichs der verputzten Flächen wurde erwähnt, dass es verschiedene Proben gibt, von denen einige besser, andere weniger entsprechend bewertet wurden. Einig war man sich darüber, dass ein kaltes Grau, ähnlich wie die Farbe von Beton, nicht in Frage komme. Ich habe damals nur gesagt, dass ich beim heutigen Stand der Arbeiten das denkmalpflegerische Konzept dieser Restaurierung nicht erkennen kann. Da für eine grundsätzliche Debatte zu diesem Thema die erwähnte Sitzung nicht den entsprechenden Rahmen bot, möchte ich im Folgenden auf einige Fragen eingehen, die während der Sitzung zur Sprache gekommen sind, und darüber hi-naus auf Probleme dieser Restaurierung im Kontext der Hermannstädter Altstadt aufmerksam machen.

Bei den bis heute durchgeführten Arbeiten an den Fassaden der Kirche wurde konsequent nach dem Prinzip der Materialsichtigkeit gehandelt, was bedeutet, dass Flächen von behauenen Steinen gut sichtbar von Verputzflächen abgegrenzt wurden, in Extremfällen beträgt der Flächenunterschied zwischen Stein und Verputz einige Zentimeter (Abb. 3). Die Art der Oberflächengestaltung von historischen Bauten hat in der europäischen Denkmalpflege eine lange Geschichte. Zur Zeit des Historismus des 19. Jahrhunderts gab man der Präsentation wertvoller Steinmetzarbeiten den Vorrang. Später, besonders nachdem man die historischen Bauten nicht vorrangig als Produkt handwerklichen Könnens betrachtete, sondern sie unter dem Gesichtspunkt ihrer geistesgeschichtlichen Aussage beurteilte, änderte sich diese Herangehensweise. Hier erinnere ich an das Buch von Günter Bandmann „Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger“, das 1951 erschienen ist. In diesem Zusammenhang erhielt die Erforschung der Erstfassung eines Baudenkmals entscheidende Bedeutung. Von nun an war es Gebot, aus Achtung vor der schöpferischen Leistung der Ersterbauer, durch wissenschaftlich korrekte Untersuchungen die Restaurierungsvorschläge mit dem Original abzustimmen. Emblematisch für nach diesen Grundsätzen durchgeführte Restaurierungen sind die Arbeiten von Werner Bohrheim, genannt Schilling (1915-1992). Die denkmalpflegerische Praxis hat gezeigt, dass sowohl in der Antike als auch im Mittelalter die Oberflächen von steinernen Baudenkmälern farblich gefasst waren. Es bedarf nur eines erfahrenen Restaurators, um Orte zu finden, an denen der Originalzustand untersucht werden kann, so auch an der Stadtpfarrkirche (Abb. 5).

Während der Restaurierungsarbeiten am Alten Rathaus in Hermannstadt (1971-1988) wurde an verschiedenen Stellen eine Fugenmalerei freigelegt, die auch bei den damaligen Restaurierungsarbeiten berücksichtigt worden ist. Spätere Eingriffe (2004-2005) von „hochspezialisierten“ Firmen haben auf diese Aussage des Baudenkmals verzichtet.

Bei der Fassadenrestaurierung der Hermannstädter Stadtpfarrkirche sollte m. E. darauf verzichtet werden, die Hausteinflächen klar von den verputzten Flächen strukturell und farblich zu differenzieren (Abb. 2, 3 und 4). Diese Unterscheidung ist von der Geschichte, dem ästhetischen und funktionalen Konzept des Baudenkmals her nicht zu rechtfertigen. Sie schafft außerdem ein unruhiges Erscheinungsbild, das der städtebaulichen Bedeutung der Kirche nicht zuträglich ist. Es ist zu wünschen, dass dieses bedeutende Baudenkmal der Hermannstädter Altstadt, nach den massiven Eingriffen dieser Restaurierung, aus Mitteln der Europäischen Union, seine Würde behält.

In der eingangs erwähnten Gemeindevertretungssitzung wurde beschlossen, dass eine zu bildende Arbeitsgruppe sich mit Fragen der Farbgebung für die Fassaden beschäftigt. Vielleicht können die hier aufgezeigten Überlegungen zum Thema Denkanstöße geben.

 

cffviseu

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Bemerkungen :

  • user
    dan 23.07.2020 Beim 11:07
    Jeder der die Fotos ansieht, kann sich davon überzeugen, dass die aktuelle Gestaltung der Fassaden die Würde des Gebäudes zerstört, und unprofessionell durchgeführt wurde.
    Profitieren davon tun die Firmen, die das verbrochen haben.
    Es gibt anscheinend bei der Kirche niemanden Kompetenten, der diesem Kaputt-Renovieren von Kirchen stoppt.
    Eine Schande für die Sachsen, die ev. Kirche, aber auch für den Staat, der sowas zulässt.
  • user
    dan 12.07.2020 Beim 15:57
    Herrn Fabiini sei Dank, sonst hätte die interessierte Öffentlichkeit- wie meistens- von der ev. Kirche keinerlei Informationen erahten.
    Herr Fabini hat 100% Recht: so wie die Fassade jetzt aussieht, ist das keine Stadtpfarrkirche mehr, sondern eine Schande- diese Kontraste zwischen offengelegten Steien und Putz habe ich nur noch bei unbedarften Dörfler und Städtern an ihren Prviathäusern gesehen.
    Aber vielleicht ist ja gerade das der Zweck dieser "Restauration" - die Stadtpfarrkirche zu degradieren zu einer kitschig wirkenden Konstruktion, bar jeder Schönheit und Einheitlichkeit.
    Zum Vergleich dazu kann man wirklich sagen, dass zu Ceausescu´s Zeiten nicht so hundsmiserabel- und mit so viel Geld- kaputt-restauriert worden ist wie jetzt an der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.
    Es scheint auch weder die Kirchenoberen noch deren Dependance "Hermanstädter Pfarrei" zu stören, dass aus einer ehemals baulich und historisch wertvollen Kirchenkonstruktion eine große Bauernscheune wirkt.
    Das Provinzielle hat immer mehr die Oberhand in Hermannstadt... Dummheit und Unvermögen werden bevorzugt, Hauptsache "billigstes" Angebot.

    Die aktuelle Kirchenführung wird in die Geschichte eingehen als diejenige, die das Kulturerbe der Sb. Sachsen entweder kaputt hat gehen lassen, kaputt restauriert hat, oder billigst an verschleuderte "ordinul arhitectilor" & Consorten haben den Vorzug vor jedem Sachsen in Stolzenburg, Meschen und anderso... gepachtet auf 99 Jahre...
    Danach wird nichts mehr daran erinnern, dass idiese Kirchenburg von Sb. Sachsen erbaut, der Mittelpunkt der jeweiligen Sachsengemeinde bis 1990 waren!
    S. l. Roth und viele andere vernünftige und tolerante Sachsen drehen sich im Grab um wegen diesen Kirchenoberen, denen das sächsische Kulturerbe sch... egal zu sein scheint.
    • user
      Klaus Martin Philippi 13.07.2020 Beim 09:18
      Dan - lassen Sie bitte zumindest ein winziges gutes Haar am Kopf derer haften, die aktuell über die Ausgestaltung der evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt beraten und bestimmen. Betreffenden Menschen ist ihre Nicht-Unfehlbarkeit durchaus bewusst. Können Sie selbst von Ihrer Person mit Fug und Recht behaupten, noch nie auch nur einen einzigen kleinen Fehler begangen zu haben?

      Zum Thema der farblichen Neugestaltung: Unter der vormaligen Leitung von Architekt Hermann Fabini waren die Sandsteine besagter Kirche farblich bestrichen worden. Was man bis unlängst jahrzehntelang an Ort und Stelle sehen konnte, war folglich nicht die unbearbeitete Eigenfarbe der hervorstehenden Steine der Stützpfeiler, sondern eben ein aufgesetztes Farbbild, das die Eigenfarbe des Steins komplett verdeckt hat. Ist Ihnen dieser Fakt schon immer bewusst gewesen, haben Sie ihn beim Schreiben Ihres Kommentars bedacht?

      Mit seiner persönlichen Auffassung von farblicher und architektonischer Ausgestaltung mag Hermann Fabini zu seiner aktiven Zeit bestimmt richtig im Geist der Gegenwart gelegen sein. Was heute jedoch in neuer, veränderter Gegenwart geschieht: die Sandsteine der Stützpfeiler und Giebel erhalten ihre Eigenfarbe zurück, da die vormals aufgetragenen Farbschichten abgetragen werden - was ist daran so verwerflich?

      Ja, über die Wandfarbe kann man würfeln und auch lästern, wenn es denn für Nörgler Ihres Profils nicht anders zu machen ist. Aber die Tatsache, dass natürliche Steine ihre natürliche Farbe zurückerhalten, die verdient Anerkennung statt Rüge.
      • user
        Klaus Martin Philippi 13.07.2020 Beim 09:42
        Noch etwas: niemand gönnt sich die Freiheit, die Qualität der ehemaligen Leistungen von Architekt Hermann Fabini anzuzweifeln. All jene, die mit seinem Geschmack nicht einverstanden sind, versuchen stets, zwischen persönlichem Geschmack und fachlicher Kompetenz zu unterscheiden. Nicht alles, was Hermann Fabini architektonisch begleitet hat, kann ausschließlich gefallen. Deswegen ist es erlaubt, seinen Geschmack für überholt zu halten, was aber nicht implizit als Kritik an seiner fachlichen Kompetenz zu verstehen ist. Also: Niemand wird Hermann Fabini jemals ins kulturelle Abseits verdrängen wollen. Das bedeutet aber auch, dass er selbst und seine Anhänger sich nicht die Freiheit gönnen dürften, anderen Schlechtes nachzuwerfen, wo doch niemand ihm Negatives anhängt. Hermann Fabini wird nunmehr in Ruhe gelassen und sollte seinerseits auch andere in Ruhe lassen. Gilt auch für Sie! Sollten Sie tatsächlich das Zeug dazu haben, fundierte Kritik zu äußern, würden Sie es auch ohne Hermann Fabini tun können, würden Sie seine Schützenhilfe nicht brauchen und hätten es nicht nötig, für seine Sichtweise Partei zu ergreifen!
      • user
        dan 19.07.2020 Beim 20:41
        Herr Philippi:
        Es geht um die Gegenwart und Zukunft, nicht die Vergangenheit!

        Ich habe diese Woche selbst auch die kitschige neue Gestaltung der ev. Kirche Hermannstadt "bewundert".

        Herrn Fabini stimme ich zu:
        Das Gesamtbild der Kirche wirkt extrem unruhig durch die unruhigen Farbverläufe und -kontraste zwischen dem neuen weißen Putz und den Sandsteinfarben der Streben.

        Durch diese neue Gestaltung wurde die gesamte Komposition der Kirche zerstört.
        Was Herr Fabini in der Vergangenheit machte, ist kein Thema, das ist vergangen.
        Ab heute aber sieht jeder, der ein wenig Gefühl hat für Komposition und Farbverläufe, dass die ev. Kirche Hermannstadt nur noch eine lächerliche Fassade hat.

        Sicherlich kann eine ruhigere Fassadengestaltung den Kirchenbau wieder zu einem respektvollen Gebäude machen.
        Sollte er aber so bleiben, ist die ev. Kirche Hermannstadt nur noch ein Schatten seiner selbst geworden.
        Dafür hätte man nicht renovieren müssen.
        Auch eine Ruine mit ihrer Patina hat mehr Ausdruck als diese renovierte Kirche!