Authentisches Exportgut statt Braindrain

Kulturaktivistin Mercedes Echerer: „Über mich sollte man wissen, dass ich an unsere Gesellschaften glaube und mich immer dafür einsetzen werde, dass eine Integration möglich ist und wir friedlich auf diesem Planeten zusammenleben könnten.“ Links im Hintergrund Andreea Chira (Panflöte), rechts Alexander Wladigeroff (Trompete)
Foto: Klaus Philippi

Mercedes Echerer wurde 1963 in Linz geboren. Ein einziges Wort vor ihrem Namen würde Klarheit schaffen: Österreicherin. Doch hält ihre Homepage einen zwölf Seiten langen Lebenslauf parat, der mit aller Einfachheit aufräumt. Schauspielerin, Moderatorin, Herausgeberin und Kulturaktivistin. Vater Österreicher, Mutter Ungarin aus Siebenbürgen. Kommunikationsfähigkeiten in sieben europäischen Sprachen. 1999-2004 Amtszeit als Abgeordnete zum Europäischen Parlament, hier an der Gründung des Europäischen BürgerInnenforums beteiligt. Seit 2010 Leiterin des Vereins „Die2“ für Theater- und Konzertaufführungen und Verbreitung europäischer Kultur. Eine von mehr als 350 Integrationsbotschafterinnen und Integrationsbotschaftern des Schulprojektes „Zusammen:Österreich“.

Als Zehnjährige reist Mercedes Echerer zum ersten Mal mit ihren Eltern nach Klausenburg/Cluj-Napoca/Kolozsvár, lernt ihre siebenbürgische Verwandtschaft kennen. Jahrzehnte später entwirft sie das Bühnenstück „Rumänisches Roulette“ für Sprecherin und ein Folklore-Musikensemble, in dessen Begleitung sie am ersten Abend des Internationalen Theaterfestivals Hermannstadt/Sibiu 2019 auftrat. Eine Satire, für die Rumänien Ende 1989 nicht reif hätte sein können. Dreißig Jahre danach sind reichlich spät, bieten aber noch blühende Rückschau. Klaus Philippi traf Mercedes Echerer am Tag nach dem Vorstellungsabend.


Welche Strategien gelangen bei Ihnen zur Anwendung, wenn Sie eine sozialkritische Vorstellung planen, die das Publikum nicht restlos vergraulen darf, Autorin Mercedes Echerer jedoch die Chance eröffnen soll, der Gesellschaft Wege der Selbstfindung aufzuzeigen?

Um mit Johann Nepomuk Nestroy zu antworten: ‘Wenn sie einmal gelacht haben, dann kann ich ihnen die Botschaft in den Rachen nachschieben!´ Eine alte Weisheit bei Briten und Franzosen bestätigt, dass große Komödien oft ganz große Botschaften haben. Ich glaube, Menschen können über Emotionalität besser erreicht werden als mit belehrender Art. Wenn ich bei einem Kind Bewusstsein für etwas schaffen will, dann kann ich das durch Witz oder spielerische Herangehensweisen. Große Autoren haben es genauso gemacht und von ihnen zu lernen, ist wohl der beste Weg.

Wenn Sie eine steinreiche Person kennenlernen, die in der Öffentlichkeit zuhause ist und dennoch keinen Wert auf Berührungspunkte mit Kultur legt – wie würden Sie versuchen, so jemanden als Mäzen für Ihr Wunschprojekt zu gewinnen?

Mit Charme. Das ist das eine, und das andere habe ich in der Politik gelernt: Wisse die Argumente und Haltungen deiner Gegner! Es nützt nichts, mein Produkt immer noch besser darzustellen, wenn ich nicht verstehe, warum mein Gegenüber dagegen ist. Wenn ich weiß warum, kann ich vielleicht Argumente finden, die das aufbrechen, oder Missverständnisse aufklären. Zwei Parteien beiderseits der Brücke kommen nicht auf die Idee, über die Brücke zu gehen. Und dann kommt ein dritter und sagt, warum geht ihr nicht über die Brücke?

Hundertmal kann ich schwärmen, Rumänien ist toll, völkerverbindend, blablabla und ich-weiß-nicht-was-noch-alles, aber falls der Sponsor keinen Zugang dazu hat? Wenn ich weiß, wie er tickt, wo das Unternehmen Schwerpunkte im Sozialen oder Kulturellen hat, dann hab ich eine Chance.
Man darf auch nicht sagen, ‘Ha!, die sponsern uns nicht´, oder so ähnlich. Für Sponsoren muss es Mehrwerte geben, nicht nur Abschreibkosten. Wahllos zu denen zu gehen, wo man weiß, die sponsern gerne, weil sie viel Geld haben, ist, ja, eine Möglichkeit, aber sicherlich nicht die einzige.

Wie viel staatliche Einmischung in kulturelle Erziehung und Schulbildung ist gerade noch knapp gesund, und ab wie wenig öffentlicher Unterstützung für dieselbe Sparte spricht man bereits von kranker Bildungspolitik?

Vor Jahrhunderten sollten alle lesen und schreiben können, alle Kinder sollten in eine Schule gehen. Wohin führen jetzt neue Möglichkeiten? Laptops für alle Kinder einer Schule, das ist stark, aber zu wenig. Wie kann ich mit Inhalten arbeiten? Wie lerne ich, eine Informationsquelle zu überprüfen? Früher war das einfacher. Man las Zeitung, fand das Impressum und wusste sofort, wo nachfragen.

Bildungspolitik ist nicht einfacher geworden. Ein gutes Beispiel jedoch ist Finnland: Bei Erreichen des Schulpflichtalters sind alle Kinder willkommen, und wir können ab jetzt ohne Zeitdruck herausfinden, wer wofür besondere Begabungen hat. Der Chirurg, der mir den Tumor herausschneidet, ist für die Gesellschaft genauso wichtig wie jemand, der in der Müllabfuhr dafür sorgt, dass ich nicht im Müll ersticke. Nicht jede Kultur trägt diese Wertigkeit in sich. Manche Kulturen sind stark in hierarchischen Strukturen verhaftet oder bedienen sich in der Bildungspolitik einer Machtstruktur.

Inhaltlich dürfte sich die Politik überhaupt nicht einmischen! Sie sollte es nur möglich machen. Bestimmung aber sollte aus einem Zusammenwirken von Experten hervorgehen. Schüler, Eltern und ambitionierte Lehrkräfte. Diese Gruppen könnten sagen, was gebraucht wird. Und auch die Marktwirtschaft einbeziehen, um Lücken aufzufüllen. Aber nicht Zehnjährigen sagen, Du wirst Arzt, Du wirst Lehrer – furchtbar!

Herausfinden braucht Zeit. Ich finde es toll, fünfzehn Jahre Zeit zu haben. Von mir aus gerne auch 20 Jahre. Aber anschließend sollte es verpflichtende Sozialrückengagements geben, was vielerorts in Europa fehlt. Die Skandinavier sind uns da weit voraus. In nordischen Staaten sind Arztgehälter auf ruralem Gebiet oftmals höher als in Städten. Wenn ich in der Schule kostenlos gebildet wurde, sollte vor Studienstart ein halbes Jahr Sozialdienst anstehen. Und gleich nach Studium nochmal sechs Monate. Das ist nicht nur ein Danke an die Gesellschaft, sondern verortet uns miteinander. Man lernt Verantwortung, Respekt und die Abhängigkeit voneinander.

Wenn man in Europa etwas für die Jungen tut, nimmt man es den Alten weg, wenn man es für die Alten tut, kann man es bei den Jungen nicht ausgeben. Das ist doch schrecklich! Es kann nicht sein, dass gesunde Länder wie Europa nicht genug Geld haben, um sowohl den Alten wie den Jungen das Beste möglich zu machen, das glaub ich nicht!

Das Geld ist da, es muss nur richtig strukturiert werden, anstatt da oder dort in Hosentaschen zu versickern...
Ja, es gibt viele Hosentaschen. Mehr Hosentaschen als Hosen.

In welcher Literatur sollte man stöbern, um als Zuschauer, Interpret oder gar Intendant gleichauf mit dem Kulturgeschehen des 21. Jahrhunderts unserer Tage sein zu können?

Wir kennen zu wenig voneinander. Es ist selbstverständlich, einen Molière zu kennen, einen Shakespeare und einen Goethe, aber C²rt²rescu...? Ja, Herta Müller hat man gelesen, weil sie einen berühmten Preis gewonnen hat. Im Westen weiß fast niemand, wer und was im sogenannten Osten aktuell das Sagen hat. Das ist aber unsere Verantwortung. Über Unternehmen, die in neuen Ländern der Europäischen Union die Erweiterung vorbereitet haben, dürfte nicht geschimpft werden. Wenn wir aus dem Westen unsere Produktionen hier im Osten vorstellen, laden wir umgekehrt viel zu selten zu uns ein. Und wenn wir doch einmal einladen, tun wir es durch Festivals, aber die jeweiligen Gäste sind nicht Teil eines Regelspielplans. Falsch.

Was kann künstlerische Ausbildung nicht vermitteln?

Ich hatte nie eine Ausbildung, bin eine Aktrice des Learning by doing. Es schockt mich, wenn wir in Österreich jährlich 100 Schauspielerinnen für einen Markt produzieren, der das nicht verkraftet. Hochbegabte junge Menschen, die kaum von ihren Chancen, Rechten und Pflichten wissen. Berufsvereinigungen und Netzwerke sind ihnen zu wenig bekannt, man gibt sich individualistisch. Im Theater jedoch braucht es mindestens einen zweiten Menschen an Kasse und Vorhang, selbst wenn Du dein Stück alleine durchziehst. Den König spielen andere.
Der einzige Rat, den ich mir gestatten würde? Stets zu überprüfen, ob man wach, neugierig und verletzbar bleibt. Nicht unsere Verletzbarkeit an der Garderobe abgeben! Man muss es in Kauf nehmen können, eine abzukriegen.

Künstler haben es oftmals nicht leicht, ihren eigenen Berufsalltag reibungslos auf die Reihe zu bekommen. Wie schwierig gestalten sich Kommunikation und Verwaltung, wenn man Hauptverantwortung in mehreren Bereichen gleichzeitig trägt?

Künstlerinnen und Künstler müssen heutzutage immer mehr Organisatorisches selber tun, was viel Zeit beansprucht. Das unterscheidet uns überhaupt nicht von Lehrern, die auch viel davon übernehmen, weil in Sekretariaten eingespart wird. Die Zeit ist nicht länger geworden. Wir müssen sie von der künstlerischen Arbeit wegnehmen. Das bleibt heikel, auch wenn es manchmal gut ausgeht. Als meine Kinder klein waren, entstand jeden Tag das Gefühl, heute habe ich in einem Lebensbereich versagt: Als Mutter, als Schauspielerin, als Frau, als Freundin oder für mich als Mensch. 24 Stunden waren zu wenig. Aber der Kassiererin im Supermarkt geht es genauso. Nur wird nicht soviel darüber geredet, und sie muss auch vielleicht nicht so verletzbar sein wie wir. Aber sie ist es dennoch.

Was würden Sie als weisungsberechtigte Person an Siebenbürgen und Rumänien zu ändern versuchen, was dürfte man hingegen glatt unverändert stehen lassen?

Wissen, das es hier gegeben hat und durch Braindrain verloren gegangen ist, reaktivieren. Es beginnt in der Landwirtschaft und endet an der Universität. Die IT-Branche und das Medizinwesen in Klausenburg haben einen langen Ruf. Dort gibt es Selbstbehauptung, man sagt, nein, wir wollen nicht Pauschaljobs für Big Companies, wir wollen Teil der Entwicklung sein.
Rumänische Bauern sollten verstehen lernen, dass das, was sie hier produzieren, Gold ist. Pflegt eure Regenwürmer! Ich würde darauf achten, dass Handwerk, das hier während meiner Kindheit selbstverständlich war, wieder zurückgebracht wird. Nicht nur Volkskunst. Wir essen immer noch an Tischen und mit Besteck, das produziert werden muss. Es braucht nicht immer maschinell zu geschehen.

Was ich nicht anrühren würde, ist die Religionsfreiheit. Don´t touch it! Wo war die Französische Revolution zum Zeitpunkt des Ediktes von Thorenburg/Turda 1568? Daraus bildete sich etwas Kulturelles, das trotz Braindrain geblieben ist. In einem Dorf mit 700 Seelen stehen drei Kirchen, wovon eine nicht mehr besucht wird, weil alle weg sind. Aber diese Kirche ist gepflegt. Warum? Weil andere sagen, die könnten ja wiederkommen! Für mich ist das gelebter Respekt. Das sollte Rumänien exportieren. Ein Wert von unschätzbarer Dimension!

Der kongenitale Sprachreichtum unseres alten Kontinents steckt mitten in einer Wachstumsphase. Nahe am Bersten scheint die Vielfalt der Weltanschauungen. Besonders in Osteuropa wird ethnischer und religiöser Identitätsprägung enorm viel Bedeutung zugemessen, was in sich die Gefahr birgt, in jeglicher Hinsicht das Universelle zu vernachlässigen. Wie wären Massen einfacher Bürger davon zu überzeugen, dass ethnisch-konfessionell unterschiedliche Zugehörigkeiten keine Ratifizierung der Menschenwürde bedeuten?

In Wien würde ich die Antwort auf Wienerisch geben: ,beim Reden kommen d´Leut zam´. Miteinander reden. Das kann man nicht Top-Down machen, das muss von unten kommen. Was eine politische Landschaft oder Entscheidungsträger kirchlicher Landschaft tun können, ist eine Möglichmachung, also etwas nicht verhindern. Aber es hängt an der Zivilgesellschaft. Wir können nicht erwarten, dass Kirche oder Staat für uns das Problem lösen. Wir Menschen müssen es lösen.


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