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„Bildende Kunst, Musik, Literatur und Theater sollen als zentrale Kategorien der Identitätsbildung wahrgenommen werden“

19 Jugendliche aus Deutschland und Rumänien beteiligten sich am internationalen Projekt „Vielfalt erleben“

Deutsche und rumänische Jugendliche während des Aufenthalts in Berlin Foto: Heinke Fabritius

In diesem Herbst wurde in Berlin das Projekt „Vielfalt erleben“ abgeschlossen, im Rahmen dessen 19 Jugendliche aus Deutschland und Rumänien (bei den rumänischen Jugendlichen handelt es sich um Schüler der Nationalkollegs „Johannes Honterus“ und „Dr. Ioan Meșotă“ aus Kronstadt/Brașov) sich für je 10 Tage in beiden Ländern getroffen und ausgetauscht haben. Zusammen haben sie unter professioneller Anleitung die Theaterperformance „Irgendwie anders“ entwickelt, in der es sich thematisch um das Zusammenleben verschiedener Ethnien in Vergangenheit und Gegenwart gedreht hat. Über die Herausforderungen des Austauschprojekts „Vielfalt erleben“ sprach die ADZ-Redakteurin Elise Wilk mit Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen, Renate Krekeler-Koch vom Ludwig-Wolker Verein in Berlin und Paul Binder vom Honterus-Alumni Verein in Kronstadt/Brașov.

Frau Fabritius, das Projekt „Vielfalt erleben“ ging von Ihrer Initiative aus. Wie kam es dazu und warum wurde es gerade mit Jugendlichen aus Kronstadt durchgeführt? 
Heinke Fabritius: Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Ludwig-Wolker Verein in Berlin, dem Honterus-Alumni Verein in Kronstadt und der Kulturreferentin für Siebenbürgen, einer Stelle, die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien getragen wird. Zu den Aufgaben der Kulturreferentin zählen Angebote und Förderung einschlägiger Veranstaltungen zur Kultur und Geschichte Rumäniens. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, Jugendliche anzusprechen und frühzeitig in kulturelle Prozesse einzubinden: Bildende Kunst, Musik, Literatur und Theater sollen als zentrale Kategorien der Identitätsbildung wahrgenommen werden. Im Zentrum steht die Erfahrung und Ausbildung eigener Handlungsfähigkeit. Mit diesem Ziel und dem Gedanken an ein deutsch-rumänisches Theater- und Reiseprojekt habe ich mich an den Ludwig-Wolker Verein in Berlin gewandt. Das Haus ist seit vielen Jahren mit großem Erfolg in der internationalen Jugendarbeit tätig. So habe ich in Renate Krekeler-Koch eine begeisterte und höchst kompetente Partnerin gefunden.

Gute Theaterarbeit wirkt über Landesgrenzen hinaus. Das gilt unter anderem für die Aufführungen der unter Leitung von Petra Antonia Binder mit Schülerinnen und Schülern des deutschen Sprachzweiges am Honterus-Lyzeum erarbeiteten Stücke. Ich meine, das ist eine wichtige Initiative für deutschsprachiges Jugendtheater in Rumänien und wir waren sehr froh, als uns die Zusage unserer Kooperationsanfrage erreichte. Unter Federführung von Renate Krekeler-Koch wurde dann die Projektantragstellung bei der EU im Rahmen von „Erasmus + JUGEND IN AKTION“ und bei der BKM (Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien) im Rahmen des Förderprogramms „Vielfalt erleben!“ erfolgreich umgesetzt.

Frau Koch, mit welchen Eindrücken sind die deutschen Jugendlichen aus Siebenbürgen zurückgekehrt? 
Renate Krekeler-Koch: „Das war die beste Fahrt meines Lebens!“ ist wohl die stärkste Rückmeldung, die wir bekommen haben. Tatsächlich ist die Reise für fast alle deutschen Jugendlichen die erste Begegnung mit Rumänien gewesen, und ich denke, es werden weitere folgen. Das legen alle Rückmeldungen nahe. Eine davon sei hier noch erwähnt: „Wir hatten so ein gutes, schönes Erlebnis … Von Unbekannten zu Freunden und am Ende zu einer Familie. Wir haben so vieles zusammen erlebt, von der Stadtrallye, zum Tanzen, zu den Aufführungen, bis hin zu unserem letzten gemeinsamen Abend. Ich finde, dass dieses Ende der Anfang ist. Ich glaube, dass wir uns noch mal sehen werden, auch außerhalb dieses Projektes. Die Freundschaften, die wir aufgebaut haben, haben keine Grenze und werden auch durch die Zeit nicht gebrochen.“

Wie verlief der zweite Teil des Projektes in Deutschland?
Renate Krekeler-Koch: Die Rückbegegnung in Deutschland war mehr von aktuellen gesellschaftlichen Themen geprägt, mit einem Fokus auf Europa. Der Besuch beim Botschafter Rumäniens hat die Jugendlichen eingestimmt auf die Frage: Wozu überhaupt die Europäische Union? Um den Wert der Überwindung der Teilung Europas und die Basis der Europäischen Union besser zu verstehen, waren das Gespräch mit dem Botschafter als unmittelbaren Zeitzeugen und als ehemalige Stimme von Radio Free Europe Romania sehr wertvoll. Der Blick in die Geschichte der geteilten Stadt Berlin (Gedenkstätte Berliner Mauer), auf die Unrechtserfahrungen sowie die Unterdrückung im Sozialismus (Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen) waren weitere wichtige Ausgangspunkte für eine tiefere Diskussion. Diese konzentrierte sich auf Fragen wie: In was für einer Welt wollen wir leben? Was bedeutet es, anders zu sein? Wohin führt Ausgrenzung?

Paul Binder: Wir hatten in Deutschland ein ausgewogenes Programm, welches den Jugendlichen vielfältige Eindrücke ermöglicht hat. Das multikulturelle und sehr bunte Berlin ist uns mehrfach durch den Magen gegangen (wir haben typisch deutsch, aber auch indisch und türkisch gegessen) und wir konnten die Stadt während unserer Besichtigungen aktiv be-obachten und erleben; die Unterdrückung nahezu aller Freiheiten im Sozialismus ist ein Teil der europäischen Geschichte, welche wir in Hohenschönhausen sehen, in den Ausführungen des rumänischen Botschafters fühlen und über welche wir an der Berliner Mauer staunen konnten. 

Heinke Fabritius: Parallel zu diesem Orientierungsprogramm wurde auch die Theaterarbeit mit Tanja Freitag und Mirona Stănescu fortgesetzt, sodass sowohl in Berlin als auch in Stralsund weitere Aufführungen des Stücks „Irgendwie anders“ folgen konnten. Die Räume im Fuchsbau, in Berlin Reinickendorf, haben natürlich andere Voraussetzungen geboten und andere Spielregel erfordert als die weite, große Bühne in der Kronstädter Redoute. Im Fuchsbau beispielsweise gab es viel weniger Platz, anderes Licht, auch eine andere akustische Situation. Ich war erstaunt, wie kreativ und inspiriert die Gruppe damit umgegangen ist. Zum Beispiel wurden hier große Spiegelwände eingesetzt, in denen sich nicht nur das Bühnengeschehen auf wunderbare Weise fortsetzte, sondern auch das Publikum mit einschloss. Mit anderen Worten: Diese Aufführung war bei gleichem Thema und gleichem Titel keine bloße Wiederholung gewesen, sie war an den neuen Begebenheiten gewachsen und hat sich vor und für das Berliner Publikum neu profiliert. Solche Qualitäten entwickeln und umsetzen zu können, ist für Jugendliche eine zentrale Erfahrung.

Renate Krekeler-Koch: Die dritte Aufführung fand im Sonntagsgottesdienst der Katholischen Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit in Stralsund statt und war ein Höhepunkt des Projekts. Nicht nur durch die vielen Zuschauer, die Messe war mit gut 150 Personen stark besucht, sondern vor allem durch die beeindruckende Atmosphäre. Statt einer Predigt nehmen die Jugendlichen den Raum ein. „Die Botschaft ist angekommen!“ so der Kommentar einer Zuschauerin im anschließenden Publikumsgespräch mit den Jugendlichen.

Welches Feedback gab es von den Teilnehmern? 
Paul Binder: Einig waren sich die rumänischen Teilnehmer, dass sie die gemeinsame Zeit sehr genossen haben und sehr viele neue Eindrücke aus diesem Projekt mitnehmen konnten. Es ist eine Reise, welche viele Türen geöffnet und Verständnis für viele neue Themen (kulturelle, soziale) geweckt hat.
Renate Krekeler Koch: Auch hier möchte ich wieder mit den Worten der Jugendlichen antworten, die sich von der Vielfalt Berlins als Flanierende auf der Straße und dem Flohmarkt und als Besucher im Theater überzeugen konnten. Jemand sagte: „Gekostet haben wir die Multiethnizität auch beim Inder im Restaurant. Ganz schön fand ich diesen Multikulturalismus in der Architektur, an alten Gebäuden. Die am meisten beeindruckende Erfahrung für mich war der Besuch beim rumänischen Botschafter in Berlin.“ Dieses Statement ist ein sehr positives, es zeigt mir aber zugleich, welches Defizit in meiner Arbeit noch immer besteht. Die Vielfalt wird eher beobachtet, als erlebt. Es fehlt der direkte Kontakt zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen. Aber natürlich ist die Fähigkeit, genau hinzusehen, eine wichtige und führt zur differenzierten Wahrnehmung. Ein Fazit lautete: „Ja, es hat mich sehr beeindruckt zu sehen, wie andere Leute in Deutschland, aber auch in Städten Rumäniens jetzt und früher gelebt haben. Außerdem hat es mich zum Nachdenken geführt und meine Bereitschaft zur Aufmerksamkeit erhöht, sodass ich kein „Irgendwie Anders“ in meinem Leben habe und, dass ich auch aufmerksamer bin, wie ich mich anderen gegen-über benehme.“ Das „Irgendwie Anders“ ist der personifizierte Ausgegrenzte, die Hauptrolle im Theaterstück gewesen. Wenn die Botschaft des Theaterstücks eine Basis für zukünftiges Handeln geworden ist, haben wir in unserem Projekt alles richtig gemacht.

Heinke Fabritius: Mich haben zahlreiche Rückmeldungen beeindruckt. Im Kern zeigen sie alle einerseits die Fähigkeit der Jugendlichen, schnell und offen auf-einander zugehen zu können, andererseits bezeugen sie die Gabe, sich leichtherzig von Stereotypen freizumachen und eigene Standpunkte zu vertreten. In einem Feedback zum ersten Teil der Reise heißt es: „Wir hatten Gelegenheit, über den Blick der Deutschen auf uns, also die Rumänen, zu diskutieren. Das war ein ziemlich emotionaler Moment für mich. Ich glaube nicht, dass die Deutschen erwartet haben, dass in Rumänien ihre Muttersprache recht häufig gesprochen wird, und dass viele von uns darauf angewiesen sind, manche identifizieren sich sogar damit.“ Eine solche Beobachtung spiegelt aktuelle Aspekte der gegenseitigen Wahrnehmung, führt aber auch zu Fragen nach der gemeinsamen Geschichte. Wenn diese von den Jugendlichen selbst formuliert und die Diskussion darüber eröffnet wird – und das wurde sie! –, sind nicht nur die Zielvorgaben von Erasmus+ erreicht.

Wird das Projekt fortgeführt? 
Renate Krekeler-Koch: Die erfolgreiche Kooperation soll in jedem Fall fortgesetzt werden. Da ein solches Projekt einen großen organisatorischen und finanziellen Aufwand bedeutet, um die inhaltlichen Ansprüche als politisch-kulturelles Bildungsprojekt zu erfüllen, kann es nur jedes zweite Jahr angeboten werden.
Paul Binder: Theater verbindet und interessiert. Als jemand, der Jugendprojekte erarbeitet, glaube ich fest daran, dass das Theaterspiel ein Instrument ist, über welches man Jugendliche für vielerlei Themen begeistern kann: Sprache, Gesellschaft, Geschichte, Kultur, Politik. Das hat unser Kronstädter Johannes Honterus schon im 16. Jahrhundert gewusst und in die Schulordnung geschrieben: es muss eine Theatergruppe an der Schule geben, die mindestens eine Aufführung jedes Jahr darzubieten hat.
Heinke Fabritius: Die deutsch-rumänische Jugendarbeit soll und muss auf jeden Fall fortgesetzt und erweitert werden, unbedingt auch über Siebenbürgen bzw. Norddeutschland hinaus.

Warum sind Jugendprojekte wichtig? 
Renate Krekeler-Koch: Internationale Begegnungen eröffnen Jugendlichen interkulturelle Erfahrungsfelder, in denen sie sich aktiv und selbstverantwortlich mit sich, mit Menschen aus anderen Kulturen und mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen können. Als Verein wollen wir Jugendliche und junge Erwachsene in deren persönlicher Entwicklung unterstützen und fördern. Wir wollen sie ermutigen, an Entwicklungen in Gesellschaft, Kirche und Staat verantwortlich mitzuwirken, damit sie sich als handelnde und gestaltende Menschen erleben und erfahren. 

Paul Binder: Jugendliche verstehen mehr, als man es manchmal wahrhaben will. Es liegt an Eltern, Lehrern und gezielt auch an einzelnen Vereinen und deren Mitarbeitern, für das passende Alter der Jugendlichen den passenden Rahmen zu schaffen, um Motivation und neue Interessen zu wecken, sich auch für historische und politische Themen interessieren zu wollen und um Jugendlichen dazu zu verhelfen. 
Heinke Fabritius: Das hat eine der Jugendlichen sehr schön auf den Punkt gebracht: „Weil wir die Zukunft sind!“ 

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