Corona Blues

Bild: pixabay.com

Vor wenigen Wochen habe ich das 65. Lebensjahr erfüllt. Folglich gehöre ich zur Risiko-Gruppe, die nur zwischen 11 und 13 Uhr ausgehen darf. Weil ich das von der Corona-Pandemie verständlicherweise überlastete und überforderte rumänische Gesundheitssystem nicht von innen kennenlernen möchte – es haben solidere Gesundheitssysteme kollabiert, das marode rumänische hat sich vergleichsweise bisher gar nicht soo schlecht geschlagen – beachte ich die per Militärverordnungen auferlegten Restriktionen. (Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob sie zu streng sind oder nicht, ob die Menschenrechte verletzt werden, usw. Meiner Ansicht nach haben sie mit dazu beigetragen, die Zahl der Erkrankten und Toten zu reduzieren, selbst wenn sie das Leben vieler sehr schwer gemacht haben.)

Was ich online erledigen kann, wird auf diese Weise getätigt. Ich gehe einmal pro 7 oder 10 Tage einkaufen und sonstige Erledigungen machen. Mit Mundschutzmaske. Die Handschuhe erachte ich als gefährlicher als das Desinfizieren der Hände (mit Desinfektionsmitteln in Fläschchen) nach jedem Mal, wenn ich irgendwo reingegangen und Gegenstände oder Türen angefasst oder etwas mit der Karte bezahlt habe. Wenn man mit dem Handschuh überallhin greift, wird das Virus mitgeschleppt und also verbreitet. Aber darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Nach dem Heimkommen werden Jacke, Hose und Schuhe im Treppenhaus gelassen, Hände gewaschen, Maske, Kopfbedeckung, Schal und Bluse in die Waschmaschine gesteckt, Gesicht, Schlüssel und Brille mit Seife gewaschen. Und alles Mitgebrachte mit einem mit Spiritus benässten Lappen abgewischt, ehe es in die Wohnung und an seinen Platz gelangt. Eine Freundin lässt sich alle Lieferungen in den Gepäckträger des Autos stellen, den sie aus dem Fenster öffnet, wo sie 2-3 Tage zum „Entviren“ bleiben. Sind wir zu vorsichtig? Vielleicht. Aber Sie kennen sicher das Sprichwort von der Vorsicht und der Porzellankiste ...

Dass uns, der Risiko-Gruppe, der Ausgang eingeschränkt wurde, verstehe ich. Nicht aber, warum als Uhrzeit 11-13 gewählt worden ist. Die meisten Senioren leiden an vorseniler Bettflucht, sind also um 8 Uhr morgens fit und könnten einkaufen gehen, wenn die Geschäfte nach der Desinfektion noch sauber sind und niemand die Produkte angegrapscht hat. Am Fenster eines Ladens ist der Aushang angebracht, dass zwischen 13.45 – 14 Uhr desinfiziert wird (dann ist der Laden zu). Pünktlich also, nachdem die Risiko-Gruppe eingekauft hat, die ja angeblich geschützt wird ...

Offensichtlich gehören auch viele unter 65-Jährige in die Risiko-Gruppe, denn die Läden sind zwischen 11 und 13 Uhr stets voll. Schlangen bilden sich aber nicht nur vor den Supermärkten sondern auch vor den Apotheken – obwohl es derer Unmengen gibt – oder vor den Banken. Wegen der erforderlichen Distanz dürfen jeweils nur 2-4 Personen – je nach Größe des Lokals – hinein, was richtig ist. Unverständlich ist, wieso alle unter 65-Jährigen, die doch bis 22 Uhr rausdürfen, ebenfalls zwischen 11 und 13 Uhr etwas zu erledigen haben. Manche sind zuvorkommend und überlassen den Senioren den Vortritt, viele aber schauen strafend drein, wenn sich eine Seniorin oder ein Senior getraut, den Mund unter der Maske zu öffnen. Und meinen Sie, dass überall 1,5 Meter Abstand bewahrt wird? Ich wurde neulich ironisiert, weil ich den Hintermann gebeten hatte, mir nicht auf den Buckel zu steigen.

Mit manchen Seniorinnen und Senioren gilt es aber auch ein Hühnchen zu rupfen! Dass sie sich vor Ostern auf den Märkten und in den Läden gedrängt haben, da jede und jeder befürchtete, den Feiertag ohne die sich biegenden Tische verbringen zu müssen (und nun das Essen wegwerfen) war zu erwarten. Warum sie aber wenige Tage nach Ostern, wenn Kühlschrank und Kammer sicher noch voll sind, schon wieder in den Läden sind, ist schwer nachzuvollziehen. Gut, man möchte die Nachbarin oder den Nachbarn treffen, ein Plauderstündchen halten, um die neuesten Neuigkeiten zu erfahren, aber warum muss das zwischen den Regalen geschehen, sodass ein Dritter nicht mehr vorbeikann? Für das viel zu nahe aneinander Stehen gibt es plausible Erklärungen: die Gewohnheit, die nachlassende Sehkraft, die tauben Ohren ...

Wofür ich keine Erklärung habe, ist das Verbot, in die Parks zu gehen und sich in freier Luft Bewegung zu machen. Bei Beibehalten der sozialen Distanz ist der Aufenthalt dort wesentlich ungefährlicher – ja gar gesünder – als auf der Straße, wo die Abgase der vorbeirasenden Autos eingeatmet werden, vor oder in den Läden, wo man in geschlossenen Räumen ist, wo die Viren konzentrierter sein können.

Wir, die Risiko-Gruppe, erwarten die Lockerungen der Restriktionen. Nach dem Aufheben des Ausgehverbots werden vermutlich weitaus weniger über 65-Jährige auf den Straßen anzutreffen sein ...

 

cffviseu

Kommentare zu diesem Artikel

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Manfred 27.04.2020 Beim 19:49
    Bravo,Frau Baier!Ach in Deutschland werden die "Vorsorgebestimmungen" immer dubioser,nicht nachvollziehbar für einen denkenden Menschen.Vor einigen Wochen wurden Schutzmasken als Virenschleudern bezeichnet,heute darf ich ken Geschäft mehr ohne betreten.Da diese Dinger praktisch nirgendwo erhältlich sind,soll das Volk selber welche basteln,obwohl der Sinn unter Fachleuten umstritten ist...Es könnte ja sein,das es hilft...Armes Deutschland!Wünsche Ihnen vom ganzen Herzen alles Gute,liebe Frau Baier!