Dacia felix – das antike Rumänien

Ein Buch des Althistorikers Kai Brodersen, Professor für antike Kultur an der Universität Erfurt

Kai Brodersen, Dacia felix. Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen, Darmstadt: wbg Philipp von Zabern, 240 S., 40 Euro.

Bei diesem Buch handelt es sich um die erste und einzige aktuelle monografische Darstellung der antiken Geschichte Rumäniens in deutscher Sprache; darüber hi-naus um eine sehr gute und vor allem sehr gut lesbare Darstellung dieses Themas. Der Autor ist Althistoriker, Professor für antike Kultur an der Universität Erfurt, und dem Land Rumänien und besonders Siebenbürgen seit einigen Jahren eng verbunden. Dort unterrichtet er in Kompaktkursen an der Hermannstädter Fakultät für evangelische Theologie Seminare über das römische Reich zur Zeit der Geburt Jesu. Durch seine Besuche und beruflichen Aufenthalte in Rumänien lässt sich auch sein Interesse für die Geschichte des Alten Dakiens erklären, dem er sein jüngstes Buch gewidmet hat. Das vom Glück begünstigte Dakien, Dacia felix, ist Gegenstand dieser Beschreibung. Während die rumänische Nationalgeschichte oftmals das Unglück der Rumänen betont, Spielball der Interessenspolitik von Großmächten gewesen zu sein, betont Brodersen positiv den Schnittpunkt der verschiedenen Kulturen, den für ihn Siebenbürgen in der Antike darstellt. Der ehemalige Präsident der Universität Erfurt betont in den einleitenden Kapiteln seinen von moderner Nationalgeschichtsschreibung unberührten, neutralen Ansatz. Für ihn geht es nicht um eine Darstellung der alten Geschichte des Landes als einer Art Vorgeschichte zur Entwicklung des modernen Nationalstaates, wie es bis heute manche auch recht aktuelle Standardwerke tun, indem sie die antike Geschichte Rumäniens vom Standpunkt der weitgehend spekulativen Ethnogenese der modernen Rumänen her beleuchten. Dies ist für die Darstellung der Geschichte des durch Klima und fruchtbare Böden vom Glück begünstigten Landstrichs sicherlich die „glückliche“ und angemessene Wahl des Standpunkts, von dem aus der deutsche Gelehrte sich wirklich sine ira et studio seinem Gegenstand widmen kann. Das unterscheidet dieses entspannte Buch von vielen Darstellungen der Geschichte Dakiens in rumänischer Sprache, auch von den handwerklich durchaus anständigen. Brodersen geht auf die unsinnige alte Frage nach Henne und Ei, der berühmten „Kontinuitätsfrage“, die Generationen von rumänischen und ungarischen Historikern gequält hat, nur in wenigen konzisen Sätzen ein. Allerdings fällt ihm dies auch recht leicht, weil er – abgesehen von einem Ausblick auf die sogenannte „Völkerwanderungszeit“, die ja der eigentliche Zankapfel der verschiedenen Nationalgeschichtsschreibungen ist – seine Darstellung mit der Aufgabe der Provinz unter dem Kaiser Aurelian ca. 271 enden lässt; nach dieser Zeit versiegen auch die historischen Quellen.

Dieser lockere und unverkrampfte Zugang, sowie die quellennahe und klare sprachliche Gestaltung des Buches machen die Lektüre mehr als angenehm. Der von Brodersen gewählte Zugang, die antike Geschichte des Karpatenbogens von den beiden mediterranen Hochkulturen, in deren „Brennpunkt“ auch diese Landschaft geriet, her zu erzählen, bietet sich auch aus praktischen Gründen an. Denn nur aus griechischen und später römischen Quellen kennen wir die Bewohner und die Gegebenheiten dieser antiken Landschaft. Zu Beginn des Buches macht der Autor den Leser mit den verschiedenen Quellen vertraut, den archäologischen, inschriftlichen, numismatischen (also münzkundlichen) wie auch den wichtigsten, den literarischen Quellen, weil nur diese Sinnzusammenhänge herstellen, die sich nicht selbstverständlich aus dem archäologischen Befund ergeben. Das geschieht in überaus eleganter Weise mit vielen klaren und eindeutigen Erklärungen notwendiger Fachbegriffe, sodass selbst jemand, der nie im Leben eine historische Darstellung zur Hand genommen hat, dieser Erzählung leicht folgen kann. Denn die Zielgruppe dieses Büchleins ist eben nicht der Fachgelehrte, sondern das allgemeine Lesepublikum, das sich für die Geschichte dieses Landstriches interessiert. In diesem Sinne wird der Band abgerundet von einer „Top Ten“ der wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten, die dem Band auch eine gewisse touristische Qualität geben, sowie durch nützliche Indices und teils farbige Abbildungen.

Die mit Kapitel vier beginnende historische Erzählung fängt mit den Griechen und Persern an, die als erste in Kontakt mit diesem Teil Thrakiens kamen. Das Anfangskapitel zu den Dakern ist sinnigerweise mit einem Fragezeichen versehen. Dieses Fragezeichen ist gewissermaßen ein Leitmotiv, wenn im weiteren Verlauf der Erzählung auf den namensgebenden thrakischen Stamm eingegangen wird. Brodersen betont immer wieder unaufdringlich, wie wenig sicheres Wissen wir über die Geten und Daker aus diesem Teil der Welt haben und dass dies eben aus zweiter Hand stammt, nämlich aus der Feder von Griechen und Römern. In seiner Kritik der rumänischen Forschung ist Brodersen sehr zurückhaltend, obwohl seine Darstellung verrät, dass er sich auch mit der Fachliteratur in rumänischer Sprache gut auskennt. Manchmal verweist er knapp auf allzu phantasievolle Rekonstruktionen „dakischer“ Monumente und historischer Ableitungen aus magerem Quellenbestand. Generell wird in diesem für Leser und nicht für Experten geschriebenen Werk nicht auf strittige Fachdebatten eingegangen, sondern anhand der Quellen ein stimmiges Gesamtbild des Altertums in dieser Region dargestellt. Chronologisch geht es von Herodots Beschreibung der Geten und ihrer seltsamen Bräuche über das Gastmahl des Dromichaites für den griechischen Herrscher Lysimachos bis zur großen Auseinandersetzung der Römer mit dem Königreich des Decebal. Dabei zeigt der Autor in der Quellenperspektive, wie aus den zunächst als lächerlich und einfältig beschriebenen Barbaren gefährliche und auch von den Quellen nun ernst genommene Gegner der Römer werden. Den einzigen Vorwurf, den man diesem schönen und kurzweiligen Buch machen könnte, ist der offenbar bewusste Verzicht auf die Zeit nach 271, die aus traditioneller historischer Perspektive dann wohl als Darstellung einer „Dacia infelix“ erfolgen müsste. Denn die Periode, in der germanische Gruppen, vor allem die Goten, diese Landschaft besiedeln und zu prägen beginnen, gilt allgemein als Zeit des kulturellen Niedergangs. Gerade eine für Laien und an Geschichte interessierte Leser gedachte Darstellung dieser zu Unrecht verschmähten Spätzeit fehlt bis heute völlig für diese Region. Wer sich für dieses spannende Thema interessiert, ist auf die Fachliteratur angewiesen, wobei hier die deutschsprachigen Beiträge von Kurt Horedt, Radu Harhoiu und zuletzt Coriolan Horațiu Opreanu besonders herausragen. Aber vielleicht findet sich einmal ein Archäologe, der die Lücke schließt und diese spannende Epoche für ein breites Lesepublikum aufbereitet. Allerdings wäre zu wünschen, dass dieser dann wenigstens halb so viel Schreibtalent haben sollte wie Kai Brodersen, dem es gelungen ist, wirklich für jedermann verständlich die spannende Geschichte Dakiens in der Antike aufleben zu lassen.

 

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