„Das Allerwichtigste ist, unser Publikum wieder zu gewinnen“

Gespräch mit Ioana Iacob, der Interimsintendantin des Deutschen Staatstheaters Temeswar (DSTT)

Ioana Iacob leitet als Interimsintendantin das Deutsche Staatstheater Temeswar. Foto: Lorena Dumitrașcu

Ioana Iacob spielte in dutzenden Vorstellungen des Deutschen Staatstheater Temeswar, sie hatte aber auch einige Filmrollen. Auf diesem Bild ist sie in „Pool (No water)“, einer Inszenierung aus dem Jahr 2008 von Alexandru Mih˛iescu zu sehen. Foto: DSTT

Seit Anfang September ist Ioana Iacob interimistische Intendantin des Deutschen Staatstheaters Temeswar (DSTT). Mitten in der Pandemie hat die beliebte Schauspielerin die Leitung des deutschsprachigen Theaterhauses in Temeswar/Timișoara übernommen, nachdem die Einrichtung seit etwa zwei Jahren, als die Temeswarer Kommunalverwaltung sich weigerte, den Vertrag des langjährigen und erfolgreichen Intendanten Lucian Vărșăndan zu verlängern, einfach vor sich hin gedöst hat. Ioana Iacob hatte Lucian Vărșăndan auch in der Vergangenheit immer wieder vertreten, als dieser beispielsweise eine Zeit lang als Staatssekretär in Bukarest tätig gewesen oder beurlaubt war. 
Was sich die stellvertretende DSTT-Intendantin für die kommenden Monate vornimmt, erfahren Sie aus einem Gespräch, das Tatiana Sessler-Toami und Adrian Ardelean von Radio Temeswar nach der Eröffnung der Spielzeit mit ihr geführt haben. Die redaktionelle Bearbeitung übernahm ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.


 

Das DSTT scheint kurz nach dem Abgang von Lucian Vărșăndan in einen Dornröschenschlaf versunken zu sein. Es gab wenig bis gar keine Premieren, das internationale Theaterfestival „Eurothalia“ fiel aus und dann kam noch die Corona-Krise, in der absolute Funkstille am Deutschen Theater herrschte. Wie werden Sie es schaffen, das DSTT aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken? 

Wie Sie sehen, haben wir heute unsere Spielzeit eröffnet, und ich glaube, es waren knapp sieben Leute im Publikum. Das heißt, dass wir einen sehr langen Weg vor uns haben. Ich glaube aber, es befinden sich viele Theater in dieser Situation, nach der Krise. Und ich finde am allerwichtigsten – und darauf werde ich mich konzentrieren – ist, unser Publikum wieder zu gewinnen und dafür interessante Projekte vorzuschlagen.

Und dann stellt sich noch die Frage: Was können wir noch spielen von unserem Repertoire, das wir vor der Krise hatten? Was ist noch aktuell, was ist noch interessant für das Publikum? Ich glaube, wir müssen uns neue Sachen ausdenken. Aber das Allerwichtigste, finde ich, ist jetzt, unser Publikum wieder ins Haus zu holen.

Es gab auch andere Probleme in dieser Zeit – einige Schauspieler verließen beispielsweise das Ensemble (Horia Săvescu, Radu Vulpe). Wie ist nun das DSTT-Ensemble aufgestellt?

Ja, das stimmt. Vor allem die Jungs sind uns weggegangen. Wir haben einen Mangel an Jungs. Und das stellt uns vor ein weiteres Problem. Diese Schauspieler, die jetzt gegangen sind, das waren Schauspieler, die sehr präsent in unseren Stücken waren. Wenn wir also noch Stücke von unserem Repertoire spielen wollen, dann müssen wir diese Schauspieler immer wieder herholen. Das wird langsam sehr kompliziert, weil einige sich woanders ein neues Leben aufgebaut haben und sie nicht immer wieder hierherkommen können. Manche können und wollen es aber. Ich freue mich auch immer wieder, wenn das passiert. Aber wir sind noch immer um die 20 Schauspieler, und natürlich müssen wir jetzt weiter suchen, auf jeden Fall.

Welche waren bzw. sind die ersten Maßnahmen, die Sie als interimistische Intendantin getroffen haben? Was planen Sie in unmittelbarer Zukunft?
Außer dem ganzen bürokratischen Kram, der jetzt nicht sehr interessant für die Leser ist, gibt es auch ganz konkrete Projekte. Eins davon, unser erstes Projekt, das schon vor der Pandemie auf der Liste stand, ist die Inszenierung „Der Gott Kurt“ von Alberto Moravia in der Regie von Alexander Hausvater. Dieses Projekt hat schon im März begonnen und wurde wegen des Lockdowns eingestellt. Wir haben es jetzt wieder aufgenommen und arbeiten weiter daran. Das heißt, wir werden am 28. Oktober eine Premiere am DSTT feiern.

Danach gibt es noch ein Projekt, das unsere Schauspielerin Olga Török mit der Regisseurin Paula Breuer entwickelt hat, ebenfalls während des Lockdowns. Es entstand eine Online-Vorstellung, und diese möchten wir jetzt für die Bühne adaptieren. Es ist ein Projekt, das ich persönlich sehr interessant finde, weil es über diese Krise spricht und darüber, was ein Schauspieler in dieser Krise machen kann, usw. Wahrscheinlich werden wir am 7. November Gastgeber der Premiere sein. Außerdem sind wir noch im Gespräch mit der Regisseurin Carmen Lidia Vidu für ein Dokumentartheater-Projekt. Und wenn uns das alles bis Ende dieses Jahres gelingt, bin ich schon sehr froh. Das wäre, was wir derzeit planen.

Was stehen Ihre Kolleginnen und Kollegen zu Ihrer Wahl als interimistische DSTT-Leiterin? Was hat das Publikum dazu gesagt?

Ich hoffe, sie freuen sich (lacht). Zumindest haben sie das so gesagt und ich habe es natürlich auch so empfunden. Sie unterstützen mich, und das Publikum hat auch sehr positiv reagiert.  Aber ich will jetzt nicht prahlen oder so. Ich hoffe, dass meine Ernennung als Interimsintendantin etwas Gutes für das Haus bringen wird, für meine Kolleginnen und Kollegen natürlich auch und insgesamt für das Theater.

Wie haben Sie persönlich die Pandemie-Zeit erlebt? Wie schwer war es, Ihre Tätigkeit als Schauspielerin nun wieder aufzunehmen?

Ich glaube, wir stecken noch mitten in der Pandemie. Und ich glaube, es ist noch lange nicht vorbei, bloß, dass wir versuchen, unser Leben irgendwie wieder auf die Reihe zu kriegen. Es war ein bisschen irreal und frustrierend.  Aber was ich wirklich genossen habe, war diese Zeit mit der Familie. Das war, zum Beispiel, ein Punkt, wo ich sagen könnte: Es ist nicht gut, dass diese Pandemie passiert, um Gottes Willen, aber diese Zeit in der Familie – die war schön!  Ich habe in dieser Zeit überhaupt nicht gespielt und jetzt ist für mich plötzlich eine neue Arbeit angesagt. Natürlich werde ich noch spielen, aber zuerst muss ich mich jetzt auf diese neue Herausforderung konzentrieren.

Theater online, Live-Streaming und nicht nur: Ist das überhaupt echtes Theater? Oder ist das gar das Theater der Zukunft? Was meinen Sie dazu?

Ich weiß nicht, was echtes Theater ist. Das sind Fragen, die wir uns immer stellen und ich finde, das ist auch gut so. Es werden sicher neue Formen entstehen. Wir müssen von nun an auch mit anderen Werkzeugen arbeiten, wer weiß, für wie lange. Oder vielleicht gefällt uns das sogar und wir entwickeln neue Sachen. Das finde ich eigentlich spannend. Und vielleicht ist jetzt mehr Kreativität angesagt.

In dem Stück „Tagebuch Rumänien. Temeswar“, welches die neue Spielzeit am Deutschen Staatstheater eröffnet hat, geht es um Temeswar und die Verbindung einiger Schauspielerinnen zur Stadt an der Bega. Temeswar wird ja bekanntlich erst 2023 den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt tragen. Wie stehen Sie zu dieser Verschiebung?

Meiner Meinung nach war es keine schlechte Idee, die Kulturhauptstadt zu verschieben, und dass die Leute, die daran arbeiten und alle Künstler plötzlich für ein halbes Jahr auf die Seite gestellt wurden. Vielleicht hat dieser Titel „Temeswar – Europäische Kulturhauptstadt“ eine neue Chance bekommen, dass etwas wirklich Interessantes passiert. Ich hoffe es zumindest.

Was erhoffen Sie sich als Temeswarerin und Kulturschaffende vom Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2023?

Erstens erhoffe ich mir sehr interessante Projekte für das Theater, natürlich. Das ist eine Chance zu Koproduktionen, um neue Sachen zu entwickeln, in Zusammenarbeit mit anderen Theatern, damit wir ein bisschen rauskommen. Ich erhoffe mir, dass dieser Titel wirklich für Kultur steht. Und natürlich auch eine bessere Finanzierung für die Kultur und für die Freischaffenden; denn freischaffende Künstler und unabhängiges Theater sind ebenfalls wichtig.
 

Das Deutsche Staatstheater Temeswar

Das deutschsprachige Theater in Temeswar blickt auf eine lange Geschichte zurück: Im Jahr 1746 wird erstmals die Anwesenheit von Schauspielern in der Stadt dokumentiert, in den nachfolgenden Dekaden erfreuen sich deutschsprachige Tournee-Ensembles großer Beliebtheit. 1875 wird das Franz-Joseph-Theater gegründet, 1899 aber der deutsche Theaterbetrieb eingestellt. Nach 1920 wird der deutschsprachige Berufstheaterbetrieb wieder aufgenommen, bis 1940 die nationalsozialistische Gleichschaltung erfolgt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wird das Haus aufgelöst.

Am 1. Januar 1953 wird die deutsche Abteilung des Staatstheaters Temeswar gegründet. Drei Jahre später löst sich die deutsche Bühne von der Verwaltung des rumänischen Staatstheaters los und wird zum Deutschen Staatstheater Temeswar erklärt. Gespielt wurde und wird im ehemaligen Redoutensaal des einstigen Franz-Joseph-Theaters – heute Temeswarer Kulturpalais – auf Rumänisch, Deutsch und Ungarisch.

Das Haus gilt heute als eine der dynamischsten und interessantesten Adressen der Theaterszene aus Rumänien. Mit insgesamt bis zu 108 Angestellten und zahlreichen weiteren projektbezogenen Mitarbeiter- Innen produziert das Haus jede Spielzeit zwischen fünf und sieben Premieren und spielt jedes Jahr vor etwa 10.000 ZuschauerInnen. Seit 2009 veranstaltet das Theater das Europäische Theaterfestival „Eurothalia“, das jeden Herbst einige der interessantesten Aufführungen aus Rumänien und aus diversen Ländern Europas nach Temeswar holt. 


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