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„Das Bewusstsein muss erst mal da sein“

Plastikmüll: Gibt es eine globale Antwort auf ein globales Problem?

Ulrike Koch, Leiterin des Fachgebiets „Klimaschutz & Transformative Bildung“ am Unabhängigen Institut für Umweltfragen e.V. in Berlin

Internationale Konzerne wie Coca Cola, Nestle und Danone geraten in die Kritik der Medien, weil sie mehrere Tonnen Kunststoff pro Jahr herstellen.

Plastik ist ein globales Problem und verschmutzt letztendlich die Meere. Fotos: www.ufu.de, pixabay.com

Verpackungen, Tüten und Styropor: Medien berichten, dass die Meere schon über fünf Billionen Plastikteile enthalten. Außerdem sind die Aussichten alarmierend: 2050 soll praktisch jede Meeresvogelart der Welt Plastik fressen. Laut einem Bericht des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND), einer nichtstaatlichen Umwelt- und Naturschutzorganisation,  schadet Plastik der menschlichen Gesundheit, betroffen ist unter anderem auch das Fortpflanzungssystem. Trotzdem wird erwartet, dass die Plastikproduktion in den nächsten Jahren sogar steigt. Strohhalme, Geschirr und Besteck, Flaschen und Becher für Getränke und Snacks sind Produkte, die zu unserem Alltag gehören. Mehr als 40 Prozent aller Kunststoffe wird nur einmal verwendet und dann weggeworfen. 

Plastik ist ein globales Problem. Globale Probleme werden auch global angesprochen. Die von Greta Thunberg initiierte Bewegung „Fridays for the Future“ gibt es auch in Rumänien. Das zeigt das Potenzial der jungen Generation und deren Bereitschaft, sich für das Klima einzusetzen. Nicht alle sind aber so umweltbewusst wie die 16-jährige schwedische  Klimaschutzaktivistin. 

Ulrike Koch arbeitet seit 2008 am Unabhängigen Institut für Umweltfragen e.V. in Berlin und ist als Leiterin des Fachgebiets „Klimaschutz & Transformative Bildung“ tätig. Zusammen mit Dr. Dino Laufer hat Ulrike Koch ein dreisprachiges Lernpaket zum Thema Plastik für die Deutsche Welle erstellt, das man unter www.dw.
com/de/lernpaket-plastik/a-42271066 findet. Besonders geeignet sind die Materialien für Kinder und Jugendliche, die zum Thema sensibilisiert werden sollen.

Ein Projekt zur Internationalen Klimaschutzinitiative

Koch erklärt, wie wichtig die Plastikmüllreduktion ist und was der Ausgangspunkt für diese Initiative war: „Wir haben einen fünfjährigen Vertrag mit der Deutschen Welle (DW) für das Format ‘Global Ideas’. Es hat 2017 begonnen und es geht jetzt bis 2022. Wir werden für dieses Format zehn verschiedene Lernpakete machen. Eins davon war ‘Plastik’ und das war das Allererste, was wir ausgewählt haben. Es ist ein sogenanntes IKI-Projekt (Internationale Klimaschutzinitiative)”. Aus dem Material an DW-Reportagen, Artikeln, Filmen, Clips, Podcasts - suchen die beiden Experten interessante Formate aus, die sie didaktisch aufbereiten. Ihre Aufgabe ist, das jeweilige Problem nicht aus deutscher oder mitteleuropäischer Sicht zu betrachten, sondern zu versuchen, sich diesen Themen global zu nähern, damit Jugendliche auf der ganzen Welt die Lernpakete nutzen können. Deswegen gibt es das Paket in drei verschiedenen Sprachen.“ Wenn wir auf das Thema Plastik kommen, gibt es sehr umstrittene Verbote, beispielsweise jetzt in Deutschland mit dem Trinkhalm. Aber das Bewusstsein muss erst mal da sein, deswegen ist es ganz wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.” Koch glaubt, es sei für jeden möglich, den Plastikmüll zu reduzieren. „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, wenn wir sagen ‘überdenkt euer Nachhaltigkeitsverhalten, überdenkt euer Verhalten mit der Umwelt’“, so Koch.Dabei geht es nicht unbedingt um das Thema mit der höchsten Priorität, sondern um ein Thema, das sich gut eingrenzen läßt. „Man kann Bilder finden, die berühren, man kann sehr gut Wege aufzeigen und positive Beispiele finden.

Es gibt Müllsammler in Asien an den Stränden, die die Strände beräumen und sagen, sie machen das so lange, bis kein Müll mehr in die Meere geworfen wird.”Das Konzept eines Pakets sieht vor, dass eine gemeinsame Ebene an Wissensstand erreicht wird.Wie kann man das Thema so aufbereiten, dass es sich eine Arbeitsgruppe gut erschließen kann, so dass es diesen gemeinsamen Wissensstand gibt? Das Ziel ist, Bewusstsein zu schaffen und zu entdecken, was in den einzelnen Ländern und unter den speziellen Gegebenheiten vor Ort möglich ist.Koch glaubt, dass es sehr schwer sei, einen plastikfreien Lebensstil aufzubauen: „Es gibt viele Experimente. Das hat auch eine Kollegin von der DW tatsächlich mit ihrer Familie probiert, vier Wochen lang. Plastikfrei zu leben ist zumindest in Mitteleuropa extrem schwer. Aber es gibt diese Bewegung der Unverpackt-Läden und die Zero-Waste-Bewegung”. Bei der Erstellung des Lernpakets wurde viel darüber diskutiert, ob man so etwas per Verordnung, per Gesetz als Staat bestimmen kann. Koch erinnert an das Beispiel von Ruanda, wo es verboten ist, Plastik einzuführen. Die Spezialistin findet es phänomenal, dass es ein Staat schafft, kein Plastik mehr auf der Straße und in Verkaufsläden zu haben. Weitere Möglichkeiten, Plastik zu vermeiden, seien: Mehr Papiertüten produzieren, denn anders als Plastik, braucht Papier nicht 400 Jahre, um zu verrotten. Es scheint ein optimistische Botschaft zu sein. „Es ist auf jeden Fall möglich und es hat mit Disziplin oder mit einem Querdenken zu tun, wie kann man Dinge anders produzieren? Wie kann man Dinge verpacken? Es gibt in der Kosmetikbranche ganz viel Möglichkeiten, auch in der Ernährungsindustrie: Wie verpacke ich eine Gurke zum Beispiel? Oder welche Produkte kaufe ich? Das hat natürlich immer auch etwas mit Konsumenten zu tun: Zu welchen Produkten greife ich, kaufe ich mir Säfte in Verpackung oder in Flaschen, die ich zurückgeben kann? Benutze ich einen Papierhefter oder einen Plastikhefter?”, veranschaulicht Koch. 

Globale Verantwortung

Was die globale Verortung anbelangt, nennt Koch Asien als Region mit riesigen Problemen. Dabei gehe es dort um hygienische Argumente - jedes einzelne Produkt will man in eine Plastiktüte packen. Mitteleuropäer seien aber kein Stück besser und Amerikaner haben auch ein großes Problem. Die Schlussfolgerung: Man finde Plastik überall, in jeder Region, in jedem abgelegenen Dorf und: im Meer.Die Spezialistin findet, es sei gefährlich, das Problem nur auf eine individuelle Ebene zu reduzieren: „Das hat auch mit staatlicher Verantwortung, mit Produktion zu tun. Es ist natürlich das Wirtschaftssystem, das dahinter steht, und es hängt mit etlichen Ressourcen zusammen. Die individuelle Ebene ist wichtig, aber es muss unbedingt ein Umdenken auch in der Wirtschaft, in der Produktion, in den Handelsketten passieren.” Außerdem meint Koch, dass man als einzelner Bürger, als einzelnes Individuum sein eigenes Verhalten ändern könne, aber es müsse sich im Globalen etwas verändern. „Unsere Aufgabe als Bildungspartner ist, zu sagen - wir appellieren an Schüler und Schülerinnen, an Lehrkräfte, daran mitzuarbeiten, damit bei den folgenden Generationen das Bewusstsein da ist – es muss dringend auch von staatlicher Seite etwas gemacht werden.”

Das komplette Interview mit Ulrike Koch wurde auf der Internetseite des Goethe Instituts veröffentlicht (https://www.goethe.de/prj/fok/de/akt/21562038.html).

 

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