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„Das Licht der Vereinigung“ erhellte den Domplatz

Reges Kulturleben in der Europäischen Kulturhauptstadt 2021

Die Pferdekutsche auf dem Domplatz soll an die österreichisch-ungarische Zeit erinnern. Fotos (2): die Verfasserin

Mehrere zusammengefügte Körperteile standen symbolhaft für Temeswar.

Aus den Fenstern des Kunstmuseums drang klassische Musik – in Anlehnung an das Konzert von Franz Liszt.

Die Sonne des Logos von „Temeswar 2021“ ging am Ende der dreiteiligen Aufführung auf. Das Kulturhauptstadtprogramm entfaltet sich unter dem Motto „Shine your light – light up your city!“. Fotos (2): TM2021/ Cornel Putan

Es war Freitagabend, Punkt 20.30 Uhr, als fast alle Lichter am Domplatz/Piața Unirii in Temeswar/Timișoara ausgingen und der ganze öffentliche Platz in Dunkelheit versank. Die Menschen saßen schon wartend auf den Steinbänken, einige waren gerade dabei, noch eine Erfrischung in den Gastgärten nebenan zu genießen, während mehrere Kinder auf dem Gras herumtobten. Die Musik – eine Mischung aus Ambient und verschiedenen Geräuschen – wurde plötzlich immer lauter. Dann leuchteten Flammen an allen vier Ecken des Domplatzes auf. Männer auf Stelzen mit brennenden Fackeln in den Händen begaben sich mitten auf den Platz, wo neben der Pestsäule die große Bühne eingerichtet worden war. Sie brachten das „Licht der Vereinigung“, worauf die Zuschauer schon längst gewartet hatten. Mit einem Gongschlag wurde der Beginn der Aufführung angekündigt. 

In Temeswar, der Europäischen Kulturhauptstadt 2021, ging am letzten September-Wochenende ein großangelegtes Kulturprojekt über die Bühne. Das Projekt ließ den Domplatz zu einer riesigen Bühne und die Zuschauer zum Teil des Geschehens werden. Dass dies so geschah, wundert niemanden mehr. Schließlich haben sich die Temeswarer an die Kulturevents des Vereins „Temeswar – Europäische Kulturhauptstadt 2021“, die mitten in der Menschenmenge stattfinden, längst gewöhnt. „Das Licht der Vereinigung“/ „Lumina Unirii“ hieß heuer das Projekt des Kulturhauptstadtvereins, das im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms organisiert wurde. Im vergangenen Jahr erlebte das Unterfangen seine erste Auflage am Freiheitsplatz/Piața Libertății und erfreute sich einer sehr hohen Besucherzahl. Es trug damals den Titel „Das Licht der Freiheit“ und mobilisierte Hunderte von Zuschauern, die fasziniert das Spektakel unter freiem Himmel verfolgten. Nicht nur die Zuschauer waren damals in einer großen Zahl erschienen, auch die Zahl der Kunstschaffenden, die die Aufführung mitgestalteten, war beträchtlich. Mehr als einhundert Akteure trugen voriges Jahr zum guten Gelingen des Projekts bei. Auch diesmal gab es Musik, Tanz und Theater, vor allem aber die Videomapping-Technik, die die historischen Bauten schon im vergangenen Jahr vergehen und wieder aufleben ließ, begeisterte die Anwesenden. „Aha“-Erlebnisse, bei denen die Zuschauer plötzlich erkannten, was mit dem Aufgeführten überhaupt gemeint war, gab es auch in diesem Jahr viele, auch klatschte man reichlich Beifall für die Musiker.   

Die Entstehung der Stadt im Fokus

Wie im vergangenen Jahr stand auch heuer die Geschichte der Stadt Temeswar im Mittelpunkt der Geschehnisse. Wenn im vergangenen Jahr das Szenario mit dem Ersten Weltkrieg begann, so beleuchtete man am vergangenen Wochenende die Gründungsgeschichte der Stadt. Drei Abende benötigten der Kulturhauptstadtverein und seine Partner, um die Entstehung Temeswars und seine weitere Entwicklung bis hin zur Einverleibung eines Teils des Banats in Großrumänien zu erzählen. Am ersten Abend ging es um die Entstehung der Stadt auf sumpfigem Gebiet. Durch Froschquaken und Entengeschnatter wurden die Zuschauer in jene Atmosphäre versetzt, als Morast und Sumpf weite Teile des Banats bedeckten. Die Stadt Temeswar verkörperte eine Gestalt bestehend aus mehreren Teilen, die die Schauspieler mal zusammenfügten und mal wieder auseinandernahmen. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund, zwei Hände und zwei Ohren waren notwendig, um der Stadt ein Gesicht zu verleihen.  Die Teile waren zuvor an verschiedenen Orten des Domplatzes herumgelegen, bis die schwarz gekleideten Schauspieler diese in die Hände nahmen und zur Bühne brachten. Die Geschichte der Stadt wurde mit viel Spannung und Gefühl erzählt. Wie es weitergehen würde, wussten viele zwar aus den Geschichtsbüchern, wie man es jedoch künstlerisch verarbeiten würde, konnte keiner erahnen. Das Ergebnis beeindruckte viele Bewohner der Stadt. 

Plötzlich fielen die Türken in die Region ein: Gestalten aus Pappe erschienen am Rande der Festung, während die türkische Musikgruppe „Baba Zula“ aus Istanbul die dazu passende Tonkulisse bot. Orientalische Klänge kitzelten die Ohren der Menschen am Domplatz. Der erste Abend endete mit der Pestepidemie, die verheerende Folgen im Banat hatte. Musik dazu gab es auch von der Gruppe „ARAC“, die besondere Perkussions-Momente zum Besten gab. Das Projekt wurde initiiert von Costin Chioreanu (Gitarre, Effekte) unter Mitwirkung von  Sofia Sarri (Stimme) und Adrian Tăbăcaru (Schlagzeug, Temple bass, Synth.).

Historische Angelpunkte

Der zweite Teil der Aufführung versetzte das Publikum in die österreichisch-ungarische Zeit. Internationale Musiker, die das Eufonia-Festival mitgestalteten, aber auch die Musiker der Rumänischen Nationaloper unter der Leitung von Dirigent Wolfgang Groehs boten klassische Musik aus den Fenstern des Kunstmuseums – eine Erinnerung an das Konzert, das Franz Liszt im Jahr 1846 im Gebäude des jetzigen Kunstmuseums geboten hatte. Eine von Pferden gezogene Kutsche querte den Domplatz. Die Gebäude ringsum nahmen unterschiedliche Formen und Farben an. Auf den Dom wurden Kanonen projiziert – eine Anspielung auf den Ersten Weltkrieg, der auch einige Gebäude Temeswars zerstörte. 

Am Sonntag erlebte die großangelegte Show  der Marke „Temeswar 2021“ dann ihr grandioses Ende: Die Große Vereinigung wurde nachgespielt, untermalt mit Musik von Tymes Orchestra und dem Lucian Nagy Quartett unter der Leitung von Dirigent Radu Zaharia. Ein großer Reigen entstand vor dem Kunstmuseum, während die Sonne in Form eines Luftballons, der einen Neubeginn symbolisierte, mitten unter den Tanzenden aufging. 
Es war eine Mischung aus Licht und Klang, die dem Publikumdie Geschichte Temeswars  näher brachte. Man durfte nicht nur passiv bewundern, sondern es war eine Aufführung, die alle Sinne anregte. Man schaute zwar zu, konnte aber gleichzeitig die Flammen riechen, die Musik hören, „Temeswar“ anfassen. Mehr als hundert Schauspieler waren in das Projekt involviert – die Koordination übernahm das unabhängige Auăleu-Theater. Für Drehbuch und Regie zeichnete Ovidiu Mihăiță verantwortlich, Produktionsleiter war Bogdan Cotîrță. 

Das Licht-Projekt des Vereins „Temeswar 2021“ erfreute sich großer Beliebtheit unter den Zuschauern. Viele, die sich bei dieser Gelegenheit am Domplatz einfanden, kannten die Show bereits aus dem vergangenen Jahr und hatten sich für die drei Abende extra Zeit genommen. 
Dass die Europäische Kulturhauptstadt 2021 immer lebendiger und aus kultureller Sicht immer mehr zu bieten hat, beweisen jedes Wochenende die zahlreichen Veranstaltungen, die hier über die Bühne gehen. Wer am vergangenen Wochenende in der Stadt weilte, konnte sogar unter mehreren Events wählen; denn außer dem Kulturhauptstadt-Projekt fanden auch die Ungarischen Kulturtage statt, die jede Menge Konzerte, Tanzaufführungen und kulinarische Köstlichkeiten boten. Eine bessere Abstimmung unter den Veranstaltern, damit künftige Überlappungen von Großevents vermieden werden, wäre dennoch wünschenswert.

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