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Der Visitenkartenfresser

Symbolfoto: freeimages.com

Immer wieder passiert es mir, dass ich den Inhalt meiner Handtasche frustriert auf den Schreibtisch kippe. Die Visitenkarte von X oder Y – ganz sicher hab ich sie da reingetan! Doch nun ist sie weg. Unauffindbar! Auch nicht in der After-Eight-Schachtel der obersten Schreibtischschublade, die als Externspeicher für die ständig wachsende Datensammlung herhalten muss. Seit gut zwei Jahren beobachte ich das nun schon. Aber jetzt bin ich mir sicher: In den Untiefen meiner Tasche muss er irgendwo sitzen – der gemeine Visitenkartenfresser!

Eingeschlichen wie ein trojanisches Pferd, verrichtet er seine Arbeit tückisch und unauffällig, aber mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit. Keine Karte ist vor ihm sicher. Nichtmal die Bus- oder U-Bahn-Fahrkarte... Nicht mal vor meinen eigenen Visitenkärtchen schreckt das dreiste Biest zurück, denn auch die werden erschreckend schnell weniger. Manchmal vertilgt er auch kleine Notizzettel oder ganze Blöckchen. Nur an den dicken Timer, in den ich immer die Interviews reinschreibe, hat er sich noch nicht rangetraut. Doch bestimmt finde ich auch den eines Tages angebissen vor! Dracula ist ein Milchmädchen dagegen...

Weitere spezifische Verhaltensweisen dieses Wesens, das sein Unwesen in meiner hochheiligen Handtasche treibt, konnte ich bislang studieren: So verschmäht es meist ältere Visitenkarten-Exemplare und stürzt sich mit Vorliebe auf fangfrische Ware. Klar, wer mag schon abgestandenes Essen? Auch doppelt vorhandene Karten verschmäht er schnöde. Statt dessen reizen ihn seltene Speisen, meist Kärtchen von Leuten aus dem Ausland, die man nicht wieder trifft. Oder solche von Trägern mit Rang und Namen, die man schlecht um ein zweites Exemplar bitten kann. Abgeordnete oder Botschafter zum Beispiel – gnadenlos vertilgt, bis auf den letzten Schnipsel! Aber genauso wenig, wie man ein Kind mit einer Schnitte Knäckebrot von Schokolade ablenken kann, hilft es, vor einer wichtigen Veranstaltung vorbeugend einen Stapel leerer Zettelchen in die Handtasche zu werfen.

Über die Verbreitung des gemeinen Visitenkartenfressers ist bisher nur wenig bekannt. Fest steht jedoch, dass diese Spezies unser Haus definitiv infiziert hat, denn meinem Mann geht es genau wie mir. Ganz sicher sind sämtliche Fotowesten, Täschchen und Köfferchen bei uns hoffnungslos verseucht.
Manchmal aber wird es selbst dem gemeinen Visitenkartenfresser zu viel. Fand ich doch tatsächlich unlängst eine Mappe – bis oben hin voll mit alten Kärtchen! Oder hat sich hier einer nur einen Wintervorrat angelegt?

cffviseu

Kommentare zu diesem Artikel

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Bemerkungen :

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    Claus 16.07.2014 Beim 17:38
    Also wirklich, Frau May kann über die Fliege an der Wand schreiben und es wird amüsant zu lesen sein. Es muss doch nicht immer Mord + Totschlag oder Korruption sein über das man schreibt. Ich danke Ihnen Frau May !
  • user
    Ina 10.07.2014 Beim 12:22
    Danke für den netten Artikel! Ich habe unlängst Erfahrungen mit einer dem Visitenkartenfresser verwandten Spezies gemacht, nämlich dem Handyklau. Wissenschaftlich auch noch nicht erfaßt oder beschrieben, aber leider ein Phänomen, mit dem ich mich täglich auseinandersetzen muß. Ich möchte dazu eine Selbsthilfegruppe gründen - meldet sich jemand?
  • user
    Leserin 10.07.2014 Beim 08:37
    Liebe Frau May,
    jetzt haben Sie schon in kürzester Zeit den 2. Artikel zum Thema 'Handtasche' geschrieben. Gibt es denn wirklich nichts anderes mehr worüber Sie schreiben können?
  • user
    Schorsch 10.07.2014 Beim 06:43
    Wie interessant...
Kanton Aargau