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Die Geschichte einer tiefen Verbundenheit zu Siebenbürgen

„Man muss anerkennen, dass es auch Kirchenburgen geben wird, die sich die Natur zurückholt“

„Lokale Handwerker müssen einbezogen werden, weil ich glaube, dass jemand, der seine Arbeitskraft in den Erhalt oder die Pflege einer Kirchenburg steckt, auch mehr darauf achtet, dass dort nichts passiert, nichts weg kommt und niemand einbricht“, erklärt Peter Cersovsky. Fotos: privat

Der kleine Profilstein, den der gelernte Steinmetz bearbeitet, ergänzt die Fensterlaibung über der Sakristeitür der Hermannstädter Stadtpfarrkirche

In Großkopisch half Peter Cersovsky bei einer Notsicherung. Die nordwestliche Gewölbekappe hatte durch einen Wandriss die statisch notwendige Spannung verloren und musste durch zahlreiche Eichenkeile stabilisiert werden.

„Nach einer langen Reise in Hermannstadt anzukommen, ist auch ein bisschen zu Hause ankommen“, sagt Peter Cersovsky, als ich ihn Anfang Juli auf dem Kleinen Ring treffe. Der gebürtige Thüringer hat in den vergangenen Monaten am Lehrerhaus in Hundertbücheln/Movile mitgearbeitet und im Büro der Stiftung Kirchenburgen ausgeholfen. Es war der Beginn eines Sabbatjahres, das im November in Südamerika enden wird.

„Die Leute haben kaum Menschen mit Rucksäcken mitgenommen,“ erzählt Cersovsky über seine ersten Erfahrungen in Rumänien. Das war im Sommer 1983. Der damals 16-Jährige ist mit einem Freund auf dem Weg an die bulgarische Schwarzmeerküste, per Anhalter aus Thüringen. Doch in Mühlbach/Sebeș wird Cersovsky stutzig. „Zum einen, weil die Architektur anders aussah, als das, was ich zuvor in Rumänien gesehen habe. Gerade die Kirche, die hätte auch in einer thüringischen Kleinstadt stehen können. Und dann war da diese Schülergruppe, die von ihrer Lehrerin ziemlich laut auf Deutsch zurechtgewiesen wurde.“

In Hermannstadt/Sibiu machen die beiden Tramper halt. „Eigentlich wollten wir gar nicht in die Stadt, doch unser Fahrer überzeugte uns vom Gegenteil und hat uns auf dem Kleinen Ring abgesetzt“, erzählt Cersovsky, dem damals die Augen aufgingen und der noch heute von Hermannstadt fasziniert ist. „Eine unzerstörte, vielleicht an manchen Ecken ein bisschen mit Patina versehene, aber wunderschöne Stadt mit mittelalterlichen und barocken Bauten“, schwärmt er. „Es hat zehn Minuten gedauert, dann war mir klar, hier werde ich nicht gleich weiterfahren.“
Die beiden Jugendlichen erreichen zwar im Sommer 1983 noch Bulgarien, doch der Sehnsuchtsort des 16-Jährigen ist fortan Siebenbürgen. Schon im Jahr darauf kommt er zurück nach Hermannstadt und verbringt von nun an seine großen Ferien stets in den großen und kleinen Ortschaften zwischen Mühlbach und Kronstadt/Brașov. Er geht zum Wandern in die Fogarascher Berge und schließt neue Freundschaft - mit Sachsen, Rumänen und Ungarn gleichermaßen. Es sind prägende Sommer für den Heranwachsenden.

„Ich habe hier etwas entdeckt, sehr weit entfernt von zu Hause, was in mir etwas Heimatliches angesprochen hat“, versucht der heute 52-Jährige seine langjährige Verbundenheit zu Siebenbürgen in Worte zu fassen. „Vielleicht auch, weil mich die starke Bindung der siebenbürgisch-sächsischen Kultur an die Rolle der Evangelischen Kirche in meiner Geburtsstadt Mühlhausen erinnert hat.
Doch dann kommt es zum Bruch. Im November 1989 fällt die deutsch-deutsche Grenze. Für den nun 22-Jährigen eröffnet sich eine neue Welt. Schon im Sommer 1990 fährt er in einem uralten VW-Bus mit Freunden in die Türkei. „Aber auch da war völlig klar, dass wir auf der Rückreise eine Woche in Rumänien verbringen werden.“ Viele Freunde saßen da allerdings schon auf gepackten Koffern, erzählt Cersovsky, noch immer etwas überrascht von der Auswanderungsdynamik. „Eine ganze Volksgruppe war plötzlich wie aufgeschreckt und jeder hat gedacht, hoffentlich bin ich nicht der Letzte.

Cersovsky ging bereits 1989 nach Berlin, arbeitete bis zum Studium bei einer Fotografin und kam im Sommer nicht mehr nach Siebenbürgen. Seine Welt war größer geworden, und die Ziele hießen fortan Frankreich, Skandinavien und Amerika. In einem Pankower Wohnzimmer gründete er 1999 mit fünfzehn freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes Berlin-Friedrichshain den Verein Stützrad e.V. – ambulante Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien. Erst knapp zwanzig Jahre später kommt Peter Cersovsky wieder einmal nach Hermannstadt. Er erzählt, dass seine Frau einem Besuch lange Zeit skeptisch gegenüberstand. „Sie hat gesagt: dort gibt es so viel Armut, das ist kein Urlaubsland.“ Die damals in Deutschland verfügbaren Informationen schienen dieses Vorurteil zu stützen, fügt Cersovsky an. Erst 2009 reisen die beiden zusammen nach Siebenbürgen. Cersovsky erzählt, dass seine Frau Annick schließlich sogar ein schlechtes Gewissen hatte, aufgrund der Vorurteile. Denn auch bei ihr habe es nicht lange gedauert, bis sie sich in Siebenbürgen wohl und vor allem willkommen fühlte. „Danach ist wieder etwas gewachsen.“ In den kommenden Jahren kommen beide regelmäßig nach Siebenbürgen, verbringen mal ein verlängertes Wochenende in Hermannstadt oder gleich einen ganzen Jahresurlaub. Auch viele seiner Freunde hat Cersovsky nach Siebenbürgen geschickt. „Viele waren am Anfang skeptisch und kamen dann voller Begeisterung zurück.“ In Berlin wird unterdessen aus dem Stützrad e.V. eine gemeinnützige GmbH.

2017 spielt Cersovsky dann das erste Mal mit dem Gedanken an ein Sabbatjahr. Doch die Vorbereitungen nehmen viel Zeit in Anspruch, denn schon seit 2003 ist er der Geschäftsführer von Stützrad e.V. und leitet seit der Umwandlung der Rechtsform im Jahr 2014, zusammen mit einer Kollegin, ein gemeinnütziges Unternehmen mit 125 Angestellten. Auch soll es nicht nur eine Weltreise werden, das ist schnell klar. Cersovsky erzählt von dem Gedanken, in Rumänien einen Freiwilligendienst zu suchen. „Zum einen, weil ich mich hier wohlfühle und zum anderen, weil ich dachte, dass es schön wäre, hier einmal länger zu bleiben als nur für einen Urlaub.“ Bei Philipp Harfmann von der Stiftung Kirchenburgen, der ebenfalls in Berlin lebt, stößt er sofort auf offene Ohren.

In den vergangenen drei Monaten hat Peter Cersovsky unter anderem am Lehrerhaus in Hundertbücheln und an der Hermannstäder Stadtpfarrkirche gearbeitet, bei einer Gewölbesicher-ung in Großkopisch/Copșa Mare geholfen und im Büro der Stiftung Kirchenburgen beraten. „Das war optimal, denn ich konnte viel Zeit in Hermannstadt verbringen, aber auch in den Dörfern unterwegs sein und die Kirchenburgen besuchen.“ Abseits der eigentlichen Arbeit war das Singen im Bachchor die beste Entscheidung, empfindet Cersovsky. „Dort habe ich viele Leute kennengelernt und Kontakt zur Kulturszene bekommen. Ich habe gemerkt, dass Hermannstadt noch sehr viel mehr Kultur zu bieten hat, als ich ohnehin angenommen habe. Ich war mindestens zwei Mal in der Woche bei einem Konzert, dazu auch im Theater. Das wäre so nicht passiert, wenn ich hier im Urlaub gewesen wäre. Es brauchte diese Zeit, dass die Leute mich auch wiedererkennen. Dann kommt man ins Gespräch, tauscht sich aus, geht ein Bier trinken oder etwas essen.“

Was Peter Cersovsky erst im Laufe des Gespräches erzählt: Er hat bei der Denkmalpflege in Mühlhausen Steinmetz gelernt und sogar eine Spezialhandwerkerausbildung zum Denkmalpfleger absolviert. Seine Stellung als Außenstehender mit Einblick in die siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft, der eine langjährige Verbundenheit zu dieser Region pflegt, eignen ihn somit auch zum kompetenten Gesprächspartner zur Zukunft der Kirchenburgen.
Und einen kontroversen Standpunkt vertritt Cersovsky. Er glaubt nämlich nicht daran, dass alle Kirchenburgen zu erhalten sein werden. Stattdessen sei es sinnvoll, frühzeitig zu erkennen, in welchen Ortschaften es weder ein Interesse der lokalen Bevölkerung für ihren Erhalt gibt, noch eine Perspektive für die zukünftige Nutzung, und auch eine Sanierung sehr teuer würde. „Ich glaube, man muss anerkennen, dass es auch Kirchenburgen geben wird, die sich die Natur zurückholt. Das ist so, das ist schade und traurig, aber es macht mich nicht wütend.“ Cersovsky erklärt, dass auch der Zerfall ein Teil der Geschichte ist, doch fügt er hinzu: „aber an möglichst wenigen Stellen bitte.“ Und noch ein zweites „Aber“ ergänzt der gelernte Steinmetz: „Was ich ganz schlecht finden würde, ist, wenn man das nur dort machen würde, wo es keiner sieht. Und wenn man die sich im Verfall befindenden Kirchen von der Karte streicht, sodass dort niemand mehr hinfährt. Nein, die Touristen sollen sehen, dass Verfall stattfindet. Das hat seinen Reiz und auch einen geschichtlichen Wert. Denn man sieht, dass sich etwas ändert, dass eine Kultur zahlenmäßig geringer geworden ist und nicht mehr die Kraft hat, alle Kirchenburgen aufrecht zu erhalten.“

Peter Cersovskys unentgeltlicher Einsatz bei der Sicherung des historischen Erbes der Siebenbürger Sachsen endete vor einem Monat. Nach dem obligatorischen Wanderausflug in den Königsstein und den Butschetsch verbringt er den Sommer nun mit seiner Frau in Naumburg an der Saale. Die beiden haben dort seit vielen Jahren eine Weinbergparzelle. „Zwar fast ohne Wein, aber mit einem schönen Sommerhaus.“ Annick Plock hat einen Teil der vergangenen Monate in Großbritannien verbracht. Auch sie hat sich neun Monate Auszeit von ihrer Tätigkeit als Leiterin der Apothekenaufsicht in Berlin genommen. Anfang September steht für die beiden dann noch eine knapp dreimonatige Reise an, zum Abschluss ihres gemeinsamen Sabbatjahres. Von Kolumbien soll es entlang der Westküste des südamerikanischen Kontinents zuerst nach Süden gehen, um dann in Uruguay zu enden.

cffviseu

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