„Die Grundausbildung hat mir alles auf meinen Weg gegeben“

Der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz an der Orgel des Hohen Doms zu Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Der aus Darowa/Darova stammende und in Deutschland lebende Organist und Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz (63) reist ein paar Mal im Jahr ins Banat, um hier verschiedene Vorträge zu halten oder Konzerte zu bestreiten. Franz Metz ist als Organist vielseitig tätig, seine Forschungen im Bereich der Banater Musikgeschichte hatten als Ergebnis zahlreiche wertvolle Publikationen. Vor zwei Jahren widmete Dr. Metz der Banater Orgellandschaft eine Wanderausstellung, die das Gerhardsforum Banater Schwaben aus München veranstaltete. Über seine Projekte sprach Raluca Nelepcu mit Dr. Franz Metz.


Wie groß ist das Interesse für eine Nischenforschung wie die von Ihnen betriebene, etwa jene zur alten Banater Musik?

Das ist das Interessante an dieser Forschung. Es ist ein sehr wichtiges Kapitel unserer europäischen Musikgeschichte, weil es dabei auch um eine regionale Musikforschung geht. Es geht nicht um Beethoven, Schubert, Wagner oder Brahms, deren Werke schon hundertmal gedreht und analysiert wurden, sondern da geht es um fundamentale Forschungen, d. h. um die Musikgeschichte einer europäischen Kulturlandschaft. Das Banat war und ist noch immer eine europäische Kulturlandschaft von besonderer Schönheit und erfreut sich eines besonderen Interesses, jenseits der politisch-nationalen Grenzen. Wenn man beispielsweise in verschiedenen Musiksammlungen im serbischen Banat forscht oder in Makó oder Szeged, in ungarischen Musiksammlungen oder in Temeswar, so findet man Ähnlichkeiten. Wenn man dieses Know-how gewinnen oder erhalten möchte, würde das unsere ganzen Kenntnisse über die Musik dieses faszinierenden Kulturraums erweitern und bereichern. Das ist die Banater Musikgeschichte in diesem grenzüberschreitenden Kontext.

Das andere, was typisch für unsere Gegend ist, ist dieses Multiethnische und Multikonfessionelle, was wirklich eine Aktualität darstellt. Ich bin ein Gegner von Multi-Kulti-Politik, aber hier ist wirklich das Multikulturelle Realität und das war es schon immer. Und das ist das Interessante hier: Wenn man die Musikgeschichte der Banater Schwaben, der Rumänen, der Ungarn, der Serben oder Kroaten erst aufeinanderlegt, wie ein Mosaik, dann sieht man den wahren Reichtum. Wir sind aber noch nicht so weit, weil jede Ethnie ihre eigene Musikgeschichte schreibt. Das ist aber auch sehr wichtig, denn man kann erst dann etwas zusammensetzen, wenn man die Bestandteile dazu hat. Das muss jetzt noch kommen, dass man wirklich versucht, diese Musikkulturen nebeneinander und übereinanderzulegen und das Wertvollste daraus zu präsentieren.

Haben Sie Mitstreiter oder sind Sie eher ein Einzelgänger in dem, was Sie tun?

Es gibt viele Mitstreiter. Unser großes Problem ist aber, dass es in den verschiedenen Ländern Wissenschaftler gibt, die noch immer sehr national denken. Ich sage nicht „nationalistisch“, aber sehr national. Ein konkretes Beispiel: Man macht z. B. oftmals keinen Unterschied zwischen „muzica României“ und „muzica românilor“. Sprech ich jetzt über Vidu, Brediceanu, Grozăvescu oder spreche ich über Franz Limmer, Conrad Paul Wusching, Bartók Béla, usw.? Diese Thematik gibt es in allen drei Ländern, über die sich das Banat erstreckt. Es gibt aber junge Musikwissenschaftler und Kulturmenschen in Temeswar, Szeged, Großbetschkerek oder Werschetz, die versuchen, auch die Musik ihrer Nachbarn zu verstehen, zu erforschen und zu dokumentieren. Es geht sehr langsam, vielleicht zu langsam, aber ich sehe da großartige Chancen für die Zukunft. Nochmals: Um den reellen Wert dieser Musikkultur zu verstehen, muss man erstens mal die Musikkultur der Banater Schwaben, der Rumänen, Serben, Ungarn, usw. erforschen, und wenn man das hat, dann kann man versuchen, überethnisch oder interethnisch diese Sachen zu klären und zu präsentieren. Es sind viele Ansätze da, aber es gibt auch noch viel Platz nach oben.

Was hat Ihnen die Grundausbildung aus dem Banat mit auf ihren Lebensweg gegeben?

Die Grundausbildung hat mir alles auf meinen Weg gegeben. Die Grundvoraussetzungen habe ich hier bekommen. Die wurden mir einerseits in die Wiege gelegt, denn schon mein Vater war 30 Jahre als Kirchenmusiker in Lugosch tätig, mein Großvater väterlicherseits hat Violine gespielt, also das liegt schon in unseren Genen. Dann hatte ich Klavierunterricht in Lugosch bei Dr. Josef Willer, einem Freund Béla Bartóks und George Enescus, der mir schon als kleines Kind sehr viel, was das musikalische Know-how anbelangt, eingeimpft hat. Später hat mir meine erste wichtige Klavierlehrerin, Prof. Clara Peia, die in Budapest studiert hat, die Klaviertechnik beigebracht und mich in die Werke Johann Sebastian Bachs eingeführt. Mit ihr habe ich sehr viel vierhändig gespielt, wir haben viele alte Platten angehört, es waren teilweise noch Schellackplatten, mit Aufnahmen von den Bayreuther Festspielen von Richard Wagners Werken, usw. Und das Ganze in Lugosch, die Musikstadt damals! Das hat mich sehr geprägt. Die Kirchenmusik an der Lugoscher Pfarrkirche hatte vielleicht das gehobenste Niveau in den 70er-80er Jahren im Banat. In Temeswar gab es zwar diese Kirchenmusik auch, aber nirgends klangen der Chor und das Orchester so gut wie in Lugosch. Das hat auch mit der kirchenmusikalischen Tradition zu tun, angefangen mit Wusching und anderen Komponisten, bis zu meinem Vater, der noch in den 70er Jahren „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von Josef Haydn aufgeführt hat, mit Chor, Solisten und eigenem Orchester. Man muss sich vorstellen, man hatte in Lugosch sämtliche Instrumente zur Hand. Man konnte regelmäßig Mozart-Messen aufführen und das war in der damaligen Zeit etwas ganz Besonderes, denn es war eine Zeit, in der es selbst in Temeswar schwer war, diese Musik zu verwirklichen. Das habe ich auf den Weg bekommen und von dem zehre ich heute noch.

Wie viel Wert legen Sie auf das Interpretieren von Musik?

Die Interpretation spielte schon immer eine wichtige Rolle, sowohl heute, wie auch früher. Heute spricht man von historischer Aufführungspraxis, zum Beispiel. Das ist ein Begriff, der in den 1970er Jahren entstanden ist und von Nikolaus Harnoncourt, einem bedeutenden Dirigenten und Musikwissenschaftler, stammt. D. h. die Werke Mozarts, Bachs, Händels oder romantischer Komponisten so aufzuführen, wie sie damals gespielt/interpretiert wurden, mit Instrumenten, die nach historischen Beispielen/Vorbildern wieder hergestellt werden, somit ist die Klangfarbe eine andere und die Interpretationsart dieser Werke ist wieder ganz anders. Heutzutage spielt man im westlichen Ausland Bach-, Händel- oder Purcell-Werke nur mit alten Instrumenten dieser Art. Hier, in Temeswar, gibt es das Festival Alter Musik, da versucht man auch, diese Sache warm zu halten und fortzuführen. Jeder Interpret hat zum Glück aber auch noch seine eigenen Interpretationsarten. Das hängt ja auch vom morphologischen Stadium des Körperaufbaus ab, was für eine Technik er hat, was für eine Schule er absolviert hat, und da kennen wir die verschiedensten stilistischen Entwicklungen der verschiedensten, auch südosteuropäischen, Schulen. Aus dem Banat sind gute Musiker in die ganze Welt versendet worden, von den Geigenklassen von Prof. Josef Brandeisz bis zu den verschiedensten Klavierklassen. Wir können uns schon brüsten, dass die Banater Musik auch weltweit eine Rolle gespielt hat und noch spielt.

Ihre Ausstellung über die Banater Orgeln und Orgelbauer erfreute sich großen Erfolgs. Man sprach damals von einer Orgeltour durchs Banat.Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Wir versuchen, das beginnend mit diesem Sommer zu verwirklichen. Ich habe in den 1990er Jahren öfter solche Orgeltouren gemacht, ich habe ja sechs-sieben Jahre lang auch die Internationalen Temeswarer Orgeltage geleitet und da wurde immer auch eine ein-zweitägige Orgeltour, also die Besichtigung von historischen Orgeln, Kirchen usw. in den verschiedensten Himmelsrichtungen, von Temeswar aus gesehen, unternommen. Jetzt haben wir ebenfalls so etwas vor, und zwar Ende Juli-Anfang August, also im Rahmen der Deutschen Wallfahrt nach Maria Radna, die jedes Jahr am 2. August stattfindet. Und zwar gibt es Prioritäten: Einmal die Ecke Guttenbrunn - Lippa - Neuarad, also die verschiedensten Dörfer, die vielleicht von der Welt vergessen wurden, Wiesenhaid/Tisa Nouă, Traunau/Aluniș, Schöndorf mit historisch sehr interessanten Kirchen und Orgeln, meist Orgeln von Anton Dangl. Neben diesen historischen Orgeln und bedeutenden Kirchen sind ja auch interessante Stätten zu besichtigen, die Guttenbrunn-Gedenkstätte vis-à-vis der Kirche, dann das Museum in Maria Radna. Eine andere Variante wäre um Lenauheim herum, wo die Orgeln meist von Franz Anton Welters aus Temeswar Ende des 18. – Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut worden sind. Natürlich könnte man einen ganzen Tag nur in Temeswar verbringen, bis man die wichtigsten Wegenstein-Orgeln hier besichtigt hat.

Das Gerhardsforum Banater Schwaben, dessen Mitbegründer Sie sind, feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Was waren die wichtigsten Projekte des Vereins bisher?

Wir haben uns vor zehn Jahren entschlossen, auch in München ein Pendant zum St. Gerhards-Werk in Stuttgart zu gründen. Es geht nicht nur um die Kirchenfragen der Donauschwaben. Das Hauptziel ist ja, für unsere Landsleute da zu sein, ob das jetzt in Deutschland ist, speziell in Bayern und in München, oder in Temeswar und im Banat. Es ist nicht einfach, denn dieses grenzüberschreitende Wirken kostet schon viel Aufwand und Energie. Es ist uns gelungen, die Mitgliederzahl fast konstant zu halten und sogar zu vergrößern. Es sind viele Projekte verwirklicht worden. Es sind solche Projekte, die regelmäßig stattfinden, und auch Sonderprojekte, wie die Orgelausstellung oder verschiedene Symposien. Die regelmäßigen sind sehr wichtig. Das sind verschiedene Wallfahrten, z. B. waren wir gleich am Anfang bei der Gründung der Deutschen Wallfahrt nach Maria Radna am 2. August dabei. Wie man sieht, sind jährlich immer mehr Wallfahrer gekommen, egal, ob dieser Tag mitten in die Woche fällt oder auf den Sonntag. Vor zehn Jahren haben wir die Wallfahrt nach Maria Ramersdorf in München ins Leben gerufen, das ist eine historisch wertvolle Wallfahrtskirche, die älteste Wallfahrtskirche in München, und diese Wallfahrt findet immer am letzten Sonntag im August statt. Vor zehn Jahren konnten wir die Partnerschaft zwischen Maria Ramersdorf und Maria Radna aufbauen. Das Gerhardsforum hat ja auch eine Brückenfunktion. Ziel ist, die Verbindung zwischen den ausgewanderten und den hier gebliebenen Banater Schwaben zu erhalten und zu pflegen. Es gibt ja nichts Schöneres als das.

Was steht Besonderes in diesem Jubiläumsjahr an?

Etwas Besonderes ist ein Treffen junger Christen aus dem Banat, aus Ungarn, Serbien und Deutschland im Rahmen dieser Wallfahrt nach Maria Ramersdorf, um den 25. August herum. Vom 23. August bis zum 26. August laden wir junge oder jung gebliebene Christen nach München ein. Wir hatten schon so etwas im Rahmen des St. Gerhards-Werks Anfang der 90er Jahre in Altötting organisiert, nur haben wir festgestellt, dass das den Rahmen der Wallfahrt in Altötting sprengen würde. Es werden zwischen 25 und 30 junge Leute Ende August in Maria Ramersdorf erwartet. Die Veranstaltung wird sowohl vom St. Gerhards-Werk als auch vom Gerhardsforum organisiert und vom Verband Deutscher Diözesen mitfinanziert.

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