Dreimal Hoffnung auf Heimat

Die hundertjährige Geschichte der Dobrudschadeutschen und ihr russisch-bessarabisches Vorspiel

Über Russland und Bessarabien kamen deutsche Siedler in die Dobrudscha.

Ethnografische Karte der Dobrudscha 1913

„Der deutsche Dobrudscher denkt, wenn er seine Schritte aufs Feld lenkt: Hier ist mein liebes Dorf, in dem ich zuhause bin und von hier will ich nimmermehr fort.” War es Vorahnung oder Ironie des Schicksals, was Johann Straub zu diesen Zeilen, später im Jahrbuch der Dobrudschadeutschen 1956 veröffentlicht, bewegte? Ihre Geschichte, die 1840 beginnt, ist eine der kürzesten unter den deutschen Siedlergeschichten: Überschaubare 100 Jahre. Denn bereits 1940 wurden über 15.000 Dobrudschadeutsche wieder umgesiedelt. Viele landeten in den vom „Dritten Reich“ im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten. 
In den Höfen, die man ihnen dort zuwies, stand manchmal noch die Suppe auf dem Tisch, erinnern sich Zeitzeugen. Nach der Niederlage Hitler-Deutschlands wurden sie dann von den einst Vertriebenen wieder verjagt. Andere wiederum erhielten trotz anderslautender Versprechungen gar keinen Hof. In den Auffanglagern im ehemaligen Jugoslawien mussten manche bis zu fünf Jahren ausharren.

Doch noch etwas unterscheidet die Dobrudschadeutschen von anderen deutschen Aussiedlern: Sie zogen nicht direkt aus dem Mutterland in die Dobrudscha, sondern auf Umwegen über Russland und Bessarabien. Wie es dazu kam, verrieten die Historiker Dr. Alin Spânu und Dr. Florian Banu, sowie der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Altreich, Dr. Klaus Fabritius, am 13. Februar im Schillerhaus bei der Konferenz „Die Anwesenheit der ethnisch Deutschen in Bessarabien und der Dobrudscha”.

Die Vorgeschichte: Einladung von Zarin Katharina II.

Die „Geschichte vor der Geschichte“ der Dobrudschadeutschen beginnt mit Zarin Katharina der Großen: In zwei Manifesten, vom 4. Dezember 1762 und vom 22. Juli 1763, ließ sie  „interessierte Staaten” wissen, dass Russland bereit sei, Siedler im Raum zwischen Wolga und Dnister zu empfangen. Besonders in den vom Siebenjährigen Krieg schwer mitgenommenen Gebieten, die wenig Zukunft boten, traf der Aufruf auf migrationswillige Bauern und Handwerker. 
1816 erweiterte Zar Alexander I. die Siedlungsgebiete auf die Region zwischen Pruth und Dnister. Nachdem Bessarabien auf den Bukarester Friedensverhandlungen nach den Russisch-Türkischen Kriegen (1806-1812) Russland zugesprochen worden war – offenbar waren die mit den diplomatischen Verhandlungen für die Osmanen betrauten rumänischen Unterhändler bestochen worden, der Sultan hatte das Komplott aber erst nach Abschluss des Vertrags bemerkt, worauf er sie köpfen ließ – siedelten sich vor allem Deutsche, Schweizer und Bulgaren in diesem Gebiet an. 

Man stellte ihnen verlockende Vorteile in Aussicht: Sie erhielten Land, langfristige Kredite für den Bau von Häusern und den Kauf von Geräten, wurden von Steuern und Militärdienst befreit und bis zur ersten Ernte mit Nahrungsmitteln versorgt. Eine eigens geschaffene Behörde stand ihnen organisatorisch zur Seite. Die Siedler durften sich selbst verwalten, genossen religiöse Freiheit, das Recht, ihre Sprache zu pflegen und eigene Schulen zu betreiben. 
Die ersten Deutschen kamen zwischen 1764 und 1770 nach Russland und besiedelten die Gouvernate Ukraine, Tschernogorsk und Petersburg. Nach Bessarabien kamen die ersten Siedler ab 1812. Das Land war nach dem Krieg entvölkert, die ursprünglich dort ansässigen Tataren und Moldauer waren vertrieben worden.  Die Deutschen zogen aus Württemberg über Warschau fort und gründeten in Bessarabien die Kolonien Cogâlnic, Ceaga und Sărata. Nach dem Manifest von Zar Alexander I. im Jahr 1816 intensivierte sich der Zustrom Bis 1850 waren 70 Kolonien in Bessarabien entstanden. 

Tochterkolonien und Grenzen der Ausbreitung

Wurde eine Kolonie mit der Zeit zu groß, schlossen sich die jüngeren Generationen zusammen und gründeten Tochterkolonien. Die russische Regierung gab auch hierfür bereitwillig Land.  Grund für die Spaltung der Dörfer war das russische Erbgesetz, demzufolge Hof und Boden nicht unter den Nachkommen aufgeteilt werden durfte, um die sukzessive Verkleinerung bis zur Unrentabilität zu verhindern.  
Die Bessarabiendeutschen organisierten sich von Anfang an in Ortsverbänden, koordiniert von einem Dachverband in Tarutino. Über diesen wurden die Gelder für den Bau von Schulen oder die Bezahlung von Küstern, Lehrern und Pfarrern beschafft. Zur Illustration liest  Spânu aus einem Rundbrief von Pastor Immanuel Baumann vor, zwischen 1929 und 1939 Leiter des Dachverbands, der Spenden für den Bau einer Schule einzutreiben versucht. Er mahnte, die bisherigen Abgaben seien unzureichend und rief dazu auf, „im Sommer viel zu arbeiten und dann fleißig zu spenden“, damit im Herbst mit dem Bau begonnen werden könne. Zudem beklagt er, dass es in 87 Gemeinden keinen Küster gäbe.

Weil die Bessarabiendeutschen bei der Ausbreitung ihrer Tochterkolonien irgendwann an Grenzen stießen, weil nicht mehr genug freies Land vorhanden war, aber auch aus Unzufriedenheit mit den veränderten Bedingungen in Russland aufkamen, zogen 1840 die ersten  Mitglieder der jüngeren Generation aus, um neue Siedlungsgebiete zu erschließen. Dabei landeten sie auf langen Umwegen in der Dobrudscha, die unter osmanischer Herrschaft stand. Die Osmanen hießen die Bauern willkommen - doch war der Anfang in der neuen Heimat von zahlreichen Schwierigkeiten geprägt, allen voran der Wassermangel. Die meisten der Dobrudschadeutschen fristeten ein kärgliches Dasein. 

Neue Heimat auf Umwegen: die Dobrudscha

Erstmals dokumentarisch erwähnt wurden deutsche Siedler 1842 in Tulcea, 1843 in Malcoci (Katholiken), 1848 in Atamagea (Evangelische), 1849 in Sulina (Katholiken), 1857 in Cataloi (Baptisten) und in Ciurcova (Evangelische). Die Gründe für ihren Fortzug aus Bessarabien waren neben Landmangel Dürre, Missernten, Epidemien, das Erdbeben von 1838 sowie  der Stillstand von industriellen und wirtschaftlichen Aktivitäten gewesen. Doch bevor sie in der Dobrudscha eine neue Heimat fanden, hatten sie in der Moldau (Botoșani, Baia, Vaslui) und der Walachei (Ploiești, Burdușani) ein bis zwei Jahre lang vergeblich nach Siedlungsraum gesucht. 
Die Einwanderung der Bessarabiendeutschen in die Dobrudscha erfolgte in vier Wellen. Die erste Etappe dauerte von 1840 bis 1856. Besiedelt wurden Akpunar, Malcoci, Tulcea, Măcin, Atmagea, Cataloi und Ciucova. 

Die zweite Einwanderungswelle ereignete sich von 1873 bis 1883, wobei Kolonien in Cogeleac, Tariverde, Faclia, Caramurat (heute Mihail Kogălniceanu), Colelia, Anadolchioi-Konstanza, Ortachioi und Cogealia gegründet wurden. 
In der dritten Welle, die von 1890 bis 1891 dauerte, besiedelten Deutsche die Orte Sarighiol (Albești), Cobadin, Mangalia, Sofular (Credința), Alakap (Poarta Albă), Omurcea (Valea Seacă), Palazul Mare, Techirghiol, Murfatlar (Basarabi), Osmangea und Viile Noi. Diese hatten Russland wegen der dort neu eingeführten Gesetze verlassen: Ausländer durften kein Land mehr kaufen oder pachten, keine Kirchen mehr bauen, deutsche Schulen wurden geschlossen. 1891 wurde Russisch als Pflichtsprache eingeführt. Viele Bessarabiendeutsche wanderten in dieser Zeit auch in die USA und nach Kanada aus.

Zwischen 1918 und 1920 - die Dobrudascha gehörte nun zu Rumänien - kamen die letzten Einwanderer aus Russland. Sie waren vor den Folgen der bolschewistischen Revolution geflohen und siedelten in Karatai, Alakap, Sofular, Mangeapunar, Techirghiol, I.C. Brătianu und Pallas. 
Das Leben in der neuen Heimat war von Arbeit und Armut geprägt. Etwa 90 Prozent der Dobrudschadeutschen waren Bauern oder Handwerker und lebten auf dem Land. Ein Grund für die relativ rasche Verarmung war das Erbrecht: Im Gegensatz zu Russland wurde in der osmanischen und später rumänischen Dobrudscha der Besitz auf die Nachkommen aufgeteilt, was zu einer ständigen Verkleinerung der Höfe bis zur Grenze der Rentabilität führte.
Ein paar Zahlen zur demografischen Entwicklung: 1913 wurden in der Dobrudscha 380.430 Einwohner gezählt, davon 7697 Deutsche. Die Volkszählung 1928 ergab bereits 756.047 Einwohner, davon 11.092 Deutsche (1,47 Prozent). Die übrigen Ethnien waren Rumänen (41,07 Prozent), Bulgaren (24,34 Prozent), Türken und Tataren (22,66 Prozent), Russen (5,24 Prozent), Griechen (1,44 Prozent), Juden (0,64 Prozent) und 3,14 Prozent andere.

Das Ende: „Heim ins Reich“

Nach der 1940 bis 1943 erfolgten Umsiedlungsaktion „Heim ins Reich” als Folge des Hitler-Stalin Paktes  (von der auch die Bessarabiendeutschen betroffen waren)  blieben in der Dobrudscha nur 1693 Deutsche zurück. Die übrigen 15.440 Dobrudschadeutschen wurden über Auffanglager in Jugoslawien verteilt: 1942 erhielten 9000 Familien konfiszierte Höfe in Böhmen und Mähren, 4500 erhielten die Höfe polnischer Bauern im Wartheland im ehemaligen Polen. Weitere Familien wurden nach Lothringen, Galizien oder in die Südsteiermark geschickt. Für viele gab es jedoch trotz anfangs andersleutender Versprechungen keinen neuen Hof. Sie mussten in den Lagern jahrelang unter prekären Bedingungen ausharren. Nach der russischen Offensive von 1944 und 1945 konnten etwa 2000 bis 3000 Dobrudschadeutsche von dort nicht rechtzeitig flüchten und wurden von der Roten Armee in die Dobrudscha zurück geschickt. Kaum in ihren alten Siedlungen angekommen, wurde ein Teil von ihnen 1945 in die Sowjetunion deportiert. 

Mit der Umsiedlung der Dobrudschadeutschen endete ihre Geschichte. Die wenigen Verbliebenen gingen in  den anderen Ethnien auf. Zählte man 1956 noch 735 Deutsche in der Dobrudscha, waren es 1966 nur noch 599. Bei der letzten Volkszählung (2011) bezeichneten sich 166 Personen als Deutsche, doch handelt es sich bei diesen vorwiegend um aus beruflichen Gründen Zugezogene. 
An die ursprünglichen Dobrudschadeutschen erinnern heute nur noch verfallene Kirchen, Gedenktafeln - und so mancher, der vielleicht noch erzählen kann,  wie einst der Vater oder Großvater aus Russland zurückgekehrt war.
 

cffviseu

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