Dyslexie im rumänischen Alltag

Was tun, wann Kinder mit Leseschwierigkeiten kämpfen?

In jeder Schulklasse sitzt wahrscheinlich wenigstens ein Kind, das beim Lesen oder Schreiben hinterherhinkt. Oftmals von den Schulkameraden verspottet, stellt ein solches Kind sowohl die Lehrkräfte als auch die Familie vor große Herausforderungen: Es ist eindeutig anders als die anderen, doch keinesfalls einfach nur „dumm“ – also muss es am mangelnden Willen liegen!  Beim Kind führt diese Unterstellung oft zu Minderwertigkeitsgefühlen, Depressionen oder psychologischen Problemen. Die wenigsten aber wissen, dass bis zu 15 Prozent der Weltbevölkerung an Dyslexie leiden und dass es sich dabei – wie bei zahlreichen anderen Lernstörungen – nicht um eine Behinderung, sondern eine behandelbare Krankheit handelt.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mit immer weitläufigerer Einführung des Schulunterrichts auch unterschiedliche Lernschwierigkeiten entdeckt, so auch die ursprünglich als „Wortblindheit“ und ab 1877 von Rudolf Berlin als „Dyslexie“ benannte Lesestörung (vom Griechischen „dys“ für „fehl-“ und „lexis“ für Schrift, Wort). Es sollte jedoch noch knapp ein Jahrhundert dauern bis die Wissenschaft so weit war, Dyslexie nicht mehr als Behinderung, sondern als Krankheit zu beschreiben, bei der die Gehirnvernetzung anders verläuft als bei der Mehrheit. Obwohl Dyslexie auch infolge eines Schocks (Unfall, Schlaganfall, usw.) erworben werden kann, scheint sie des Öfteren angeboren, also vererbt zu sein und zeigt sich bei Kindern in den ersten Schuljahren.

Anzeichen der Dyslexie

„Mein Sohn verschluckt einfach die Buchstaben, er stottert auch beim dritten Lesen eines Satzes“, erzählt Maria, die Mutter eines Zweitklässlers, der die Buchstaben komplett verdreht – sowohl beim Schreiben, als auch beim Lesen. Dies betrifft nicht nur die übliche spiegelbildliche Verwechslung, beispielsweise zwischen „d“ und „b“ – ihr Sohn scheint bei jedem Wort regelrecht Anagramme zu bilden: Er liest die Buchstaben nicht hintereinander, sondern verdreht deren Stellung, bis er zu einem bekannten Wort gelangt. „Ansonsten ist er ganz normal: Er spielt, klettert, ist gut beim Basteln, erzählt energisch über seine Abenteuer – nur beim Lesen geht es einfach nicht“, meint Maria. 

Reaktionen der Eltern

Bei derartigen Lernproblemen reagieren die Eltern oftmals entspannt, nach dem Motto: Jedes Kind entwickelt sich anders. Tatsächlich werden aber die Unterschiede zu anderen Gleichaltrigen innerhalb kurzer Zeit immer deutlicher. 

Andererseits ist es auch schwer zu akzeptieren, dass das eigene Kind ein Problem hat: Eltern wollen nicht, dass ihr Kind vielleicht als „dumm“ oder „behindert“ abgestempelt wird und versuchen dementsprechend, die Schwächen zu ignorieren, ja sogar zu vertuschen, und die positiven Seiten ihres Kindes noch mehr hervorzuheben. 

Man könnte auch meinen, dass Lehrkräfte, dank ihres Studiums und ihrer Erfahrung eine Lernschwierigkeit wie Dyslexie leicht erkennen können müssten – jedoch scheint es trotzdem an Fachkenntnissen zu mangeln, insbesondere aber an Zeit: Bei knapp 30 Kindern in einer Klasse hat die Lehrkraft oftmals wirklich keine Möglichkeit zur persönlichen Betreuung jedes Einzelnen.

Somit wird die Verantwortung auf die Eltern zurückgeworfen, die Lernschwierigkeiten ihres Kindes durch eigene Mittel  festzustellen und weitere Schritte einzuleiten, um die richtige Art von Therapie ausfindig zu machen. Oder das Problem zu ignorieren...

Reaktionen eines dyslexischen Kindes

Auch Maria erging es anfangs genauso: Ihr Sohn sollte eine schöne Kindheit haben, spielen und sich amüsieren – für Lesen und Schule wäre noch Zeit, er war ja erst in der zweiten Klasse. Dann kam die Pandemie. Beim Online-Unterricht beobachtete sie ihren Sohn nun täglich beim Lernen aus der Küche. Nicht nur, dass sie auf einmal seine tägliche Qual beim Lesen hautnah miterleben musste – sie bemerkte auch, dass er versuchte, die Stunden zu meiden, in denen er zu lesen hatte, wie er öfters ruhig und nachdenklich wurde und bei fast allen Hausaufgaben hinterher hinkte; er schämte sich sogar zu lesen, fand ständig Ausreden, wenn es darum ging und erklärte immer öfter, dass der eine oder andere Schulkollege besser und klüger sei als er. 

Das Problem anpacken

Das war für Maria der Wendepunkt: Ihr Sohn durfte sich nicht grundlos selbst vor anderen Kindern klein machen! Fortan verbrachte sie Stunden mit ihm bei den Hausaufgaben und verstand anfangs einfach nicht, wieso er einen Zehn-Wörter-Text über eine einzige Zeile nicht fließend lesen konnte – oder wollte. 

Gleichzeitig konnte sie bemerken, dass Mathematik, eine mündliche Nacherzählung oder eine Malerei keine Probleme für ihren Sohn darstellten – solange er nicht bloß einen Text lesen sollte. Sie erkannte, dass es langfristig so nicht weitergehen konnte – doch was tun?

Erkenntnis: „Mein Kind ist nicht dumm!“

Ein kurze Recherche im Internet zum Thema „Leseschwierigkeit“ hat Maria gleich zum Begriff „Dyslexie“ geführt und damit auch zu unterschiedlichen Quellen über Maßnahmen und Institutionen, die sich mit diesem Thema befassen. Sie war erstaunt, festzustellen, wie viele andere Kinder mit demselben Problem kämpften, vor allem aber, dass es auch Lösungen gibt.  Sie war erleichtert, dass ihr Sohn nicht behindert war - ganz im Gegenteil: Bei Dyslexikern sind bestimmte Regionen des Gehirns (z. B. jene, die für Kunst oder dreidimensionales Sehen zuständig sind) viel besser entwickelt und das Gehirn ist insgesamt aktiver, um die Leseschwierigkeit zu kompensieren. Dementsprechend sei auch der IQ bei dyslexischen Personen überdurchschnittlich. „Mein Kind ist nicht dumm, es ist nur krank“, erkannte Maria erleichtert. 

Diagnose

Die Eigendiagnose war jedoch nur der erste Schritt. Obwohl das rumänische Schulsystem auf Kinder mit Lernschwierigkeiten unzureichend vorbereitet ist – außer für gravierende psychologische oder physische Probleme, dafür gibt es dann Sonderschulen – folgte Maria dem offiziellen Prozedere – Formblätter, Anträge, schulische und ärztliche Befunde einholen, um die Situation ihres Sohnes klarzustellen. Dabei erfuhr sie unter anderem, dass er auch an einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden würde – eine häufige Begleiterscheinung von Dyslexie. Und, dass es sich um eine Krankheit handelt, die zwischen fünf und 15 Prozent der Bevölkerung weltweit betrifft. Maria fasste daraufhin Mut, ihren Sohn offiziell in die Datenbank der Kinder mit Lernschwierigkeiten (CMBRAE) eintragen zu lassen – und seine Lernschwächen auch vor sich selbst anzuerkennen.

Lernunterstützung für Dyslexie

Nur 15,5 Prozent der Rumänen ist der Begriff Dyslexie überhaupt bekannt, besagt die einzige Studie zum Thema aus dem Jahr 2012, die von OMV und dem Rumänischen Verband für dyslexische Kinder (ARCD) in Auftrag gegeben wurde. 80 Prozent der Kinder, die an Lernschwierigkeiten leiden, stünden unter regelmäßiger Therapie, 60 Prozent davon zeigten daraufhin auch bessere Schulergebnisse. Trotzdem waren 2012 nur rund 13 Prozent dieser Kinder offiziell als Dyslexiker eingestuft. 

Zwar gibt es Organisationen, die Kinder mit Lernschwierigkeiten unterstützen, jedoch werden dort meist Lernschwierigkeiten verschiedener Ausprägung und Schweregrade unter denselben Hut gesteckt, sei es Dyslexie oder Autismus – weswegen viele Eltern Kinder mit milderen Lernschwierigkeiten nicht anmelden. Abschreckend wirkt auch, dass für Kinder mit Lernschwierigkeiten oftmals spezielle Schulen empfohlen werden, die für Kinder mit besonderen psychischen oder physischen Bedürfnissen gedacht sind.

Erst vor knapp fünf Jahren hat das rumänische Schulgesetz mildere Lernschwierigkeiten wie Dyslexie anerkannt und Kindern, die daran leiden, angemessene Bedingungen im regulären Schulsystem geschaffen, um eine normale Ausbildung zu erhalten. Bei-spielsweise müssen dyslexische Kinder nicht mehr vor der Klasse vorlesen, sie erhalten mehr Zeit während der Prüfungen, um mit dem Lesen der Problemstellung auch mitzukommen und können, gemäß ihren Fähigkeiten, andere Hausaufgaben erhalten oder von bestimmten schulischen Aufgaben befreit werden. 

Zusammenleben mit Dyslexie

Es gibt kein Allgemeinrezept für diese Art von Lernstörungen, fand Maria bald heraus. Man müsse unterschiedliche Methoden probieren, um zu sehen, wie das Kind besser und leichter lernen kann, sagt sie. Gleichzeitig sollte täglich Lesen und Schreiben geübt werden, viel mehr als bei anderen Kindern. 

Marias Sohn ist wieder heiter und versteht, dass nicht sein „Widerwille“, sondern eine Krankheit ihm das Lesen schwer macht. Er versucht auch, selbst Lösungen zu finden, um leichter zu lernen, beispielsweise Apps, die ihm die Texte automatisch vorlesen oder seinen Laptop steuern. Dadurch geht er vertrauensvoller an seine Hausaufgaben heran und ist erleichtert, dass er nun besser mit seinen Schulkollegen mithalten kann. Außerdem hat er eine ganze Sammlung an dyslexischen Persönlichkeiten aufgestellt – Vorbilder, vom Physikgenie Albert Einstein bis zu Steve Jobs, Mitbegründer der Computerfirma Apple  – und verbildlicht sich täglich, dass er im Leben sicherlich auch etwas Wichtiges schaffen wird. „Jeden Tag wird es, langsam, langsam, besser“, sagt Maria froh.

 

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