Ein alternativer Masterplan „Tourismus“ ist notwendig!

Zum Masterplan „Tourismus“ der Regierung Rumäniens (Teil 2)

Moderner Tourismus ist nachhaltig und klimafreundlich. Seine Infrastruktur muss gleichermaßen den Einheimischen und den Touristen nützen. Der österreichische Zukunftsforscher Robert Jungk bezeichnete dies schon 1980 als „sanften Tourismus“. Tourismusgeografen wie der Deutsche Werner Bätzing und der Schweizer Jost Krippendorf forschten hauptsächlich in den Alpen. Ihre Ergebnisse lassen sich eins zu eins auf die Karpaten übertragen – und sind heute so aktuell wie damals! Doch wer den rumänischen Tourismus-Masterplan liest, kommt zur Erkenntnis: Nichts gelernt, nichts verstanden, zurück in die Tourismus-Steinzeit der Landschaftsfresser.

Was sucht der Tourist, damals wie heute? Erholung und Entspannung, Abstand zum Alltag, Zeit füreinander, schönes Wetter, das liegt vorne. Dann aber schon: Natur erleben, schöne Landschaften gemeinsam erleben, neue Eindrücke gewinnen. Diese Motive führen zu den verschiedenen Tourismus-Segmenten wie Badetourismus, Kulturtourismus oder naturorientierter Tourismus.
 

Erreichbarkeit verbessern

Tourismus bedeutet Fremdenverkehr oder besser gesagt: Gästeverkehr. Verkehr hat immer Umweltbelastung zur Folge. Das heißt, ein zukunftsfähiger Tourismus muss in erster Linie den Verkehr umwelt- und klimafreundlicher gestalten. Leider ist Rumänien von den wichtigsten Quellmärkten in Mitteleuropa derzeit nur mit dem Flugzeug, also dem umweltschädlichsten aller Verkehrsmittel, in zumutbarer Weise zu erreichen. Warum war die Bukowina von Wien aus zu Kaiser Franz Josephs Zeiten auf dem Landweg in bedeutend kürzerer Zeit als heute zu erreichen?

Nicht Streckenstilllegung, Ausdünnung des Bahnfahrplans, sondern Modernisierung der Strecken, der Bahnhöfe und ihrer sanitären Anlagen, Fahrplanverdichtung und das unter Beibehaltung der günstigen Fahrpreise, dazu die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Abschnitte, all dies kann Rumänien stemmen! Denn die EU-Verkehrsplanung sieht die Stärkung der Bahn vor, inklusive horrender Zuschüsse. Die gibt es natürlich auch für neue Züge! Vor allem in peripheren Regionen steht und fällt der Tourismus mit der Erreichbarkeit. Auch wenn der Durchschnittsrumäne ohne seinen BMW oder Audi nicht mehr unterwegs sein kann – der Tourist will nicht viele Stunden am Steuer sitzen, er will bequem und stressfrei sein Ziel erreichen und sich dort genauso bewegen!

Die katastrophale Situation der Eisenbahn fördert den Individual- und den Busverkehr, der trotz der Internetseite autogari.ro ein Kapitel für sich ist. Jedes Busunternehmen wurstelt vor sich hin, es gibt kaum Fahrplanabstimmung, Ticketvorverkauf oder Platzreservierung, dafür aber oft völlig überforderte Mitarbeiterinnen in den Busbahnhöfen und ausgebeutete Busfahrer. Eine zentrale Organisation der verschiedenen, leider meist privaten Busbahnhöfe, eine landesweite Abstimmung der Fahrpläne, ein landesweiter Tarifverbund, dazu ein computergestützter Ticket(vor)verkauf mit Platzreservierung, auch online, wie das CFR schon anbietet, ist Grundvoraussetzung für eine weitergehende touristische Nutzung des Busverkehrs. Das Autogări-Chaos und die Improvisationsfähigkeit der Mitarbeiter im Busverkehr besitzt nur für einen kleinen Teil der Touristen Charme. Die allermeisten empfinden Stress, vor allem wenn ihre rumänischen Sprachkenntnisse begrenzt sind. Busbahnhof- aber auch Bahnmitarbeiter müssen wenigstens gut Englisch, evtl. auch Deutsch können und im Umgang mit Gästen geschult werden. Eine Ausbildung mit qualifiziertem Abschluss ist dringend nötig!

Natürlich braucht Rumänien auch ein funktionsfähiges Straßennetz. Dies ist dank EU weitgehend realisierbar. Es geht hier nicht um ein dichtes Autobahnnetz, es geht in erster Linie um die Anbindung abgelegener Orte mit touristischem Potenzial. Und die Zufahrt zum Prislop-Pass von der Bukowina-Seite ist gemeingefährlich. Aber trotz Auto-Manie der Rumänen und ihrer Politiker gilt der Satz: Wer Straßen sät, wird Straßenverkehr ernten – mit all den Folgen für Umwelt und Gesundheit.

Im Gegenteil, es müssen gesetzliche Maßnahmen zur Eindämmung des motorisierten Individualverkehrs ergriffen und auch kräftig sanktioniert werden. Quads, Enduros, ATVs und SUVs haben auf Feld- und Waldwegen nichts zu suchen – außer ein Landwirt, Hirte oder sonstiger Anlieger nutzt den Weg zur Bewirtschaftung seiner Grundstücke. Es muss strikt unterschieden werden zwischen Straßen, die dem öffentlichen Verkehr dienen, und Wirtschaftswegen, auf denen nur Anlieger fahren dürfen.
 

Landschaftspotenzial erhalten

Rumänien besitzt noch ein immenses Landschaftspotenzial für den Tourismus. Dies gilt es zu bewahren. Und manchmal auch zu optimieren. Hierzu sind die Mittel der Raumordnung einzusetzen. So muss die Zersiedlung der Landschaft und die Verhunzung schöner, typischer Ortsbilder durch stillose modernistische Gebäude verhindert oder vermindert werden, z. B. durch die finanzielle und auch planerische Förderung der Sanierung landschaftstypischer Gebäude anstatt von Neubauten.

Dazu gehört die Instandsetzung der verfallenen oder fehlgenutzten Casinos, Kurhäuser, Quellfassungen und Traditionshotels der einst weltbekannten Kurorte wie Herkulesbad, Vatra Dornei oder Borsec. Da nicht zu erwarten ist, dass im korruptionsgeplagten Rumänien anständige Privatinvestoren diese Aufgabe im Sinne einer zukunftsorientierten Ortsentwicklung wahrnehmen, müssen die Kommunen über gesetzliche Vorgaben, über Vorkaufsrechte zu günstigem Preis, verbilligte Kredite und über EU-Programme in den Stand gesetzt werden, diese Aufgaben zu erfüllen.

Die traditionelle Landbewirtschaftung hat die typische, immer als schön empfundene Kulturlandschaft weiter Teile Rumäniens geschaffen. Aber die Aufgabe dieser Art Landwirtschaft in abgelegenen Gebieten und die hemmungslose Modernisierung, oft durch ausländische Unternehmen, in den Gunsträumen verändert die Landschaft. Daher muss eine Förderung der Landwirtschaft an ökologische Leistungen geknüpft werden, wie sie Dacian Ciolo{ in seiner Amtszeit als EU-Agrarkommissar gefordert hat, z. B. Grünlandbewirtschaftung durch extensive Weide, Mahd mit Sense oder Balkenmäher, Ackerbau in traditionellen Fruchtfolgen, Vermarktungshilfen, geringere MwSt. für traditionelle Agrarprodukte aus ökologischer Produktion.
Jetzt schon ist die EU-Förderung von Klein- und Mittelbetrieben im den Bereichen Unterkunft, Gastronomie und Versorgung möglich.

Dazu müssen aber die potenziellen Antragsteller in die Lage versetzt werden, die Anträge überhaupt formgerecht zu stellen, Stichwort „Antragslyrik“. Die Kontrollinstanzen müssen widerstandsfähig gegen Korruption gemacht werden. Das heißt Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung … in den Behörden, bei den Antragstellern und schließlich bei allen Beschäftigten, von der Köchin über den Kellner bis zu den Gemeindebehörden. Erst wenn das Wissen da ist, kann Vertrauen und Korruptionsresistenz entstehen und daraus wiederum die Bereitschaft, zu investieren. Leider ist das alles nicht im Sinne der derzeitigen Strippenzieher in der rumänischen Politik, von der Gemeindeebene bis hinauf zur Regierung und der sie tragenden Parteien.

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