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Ein Archipel der Hoffnung

„Timișoara ´89“ sammelt Spenden für das deutsche Haus

Der Sitz der Stiftung „Timișoara ´89“ im Freidorf-Viertel: Hier befinden sich eine digitale Kunstgalerie und vier Wohnhäuser für Obdachlose. Foto: Raluca Nelepcu

Die Bewohner des „Archipels“ pflegen Haus und Hof. Sie haben bei „Timișoara ´89“ ein neues Zuhause gefunden.

Im Schweizer Haus sind die Frauen untergebracht. Fotos: Timișoara ´89

Der Krankenwagen fährt fast täglich zum „Archipel“ am Rande der Stadt.

Ein Gelände, das ehemals eine Schule im Temeswarer Stadtteil Freidorf beherbergt hat, steht seit viereinhalb Jahren der Organisation „Timișoara ´89“ für einen guten Zweck zur Verfügung. Hier befinden sich mehrere Häuser, in denen Menschen leben, die die Gesellschaft meist an ihren Rand schiebt: Obdachlose, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, minder bemittelte Alleinstehende, chronisch Kranke. Das Sozialprojekt gehört einer Persönlichkeit der rumänischen Literaturszene: Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Petru Ilieșu ist derjenige, der seit dem Wendejahr 1989 das Wohltätigkeitsprojekt in Temeswar/Timișoara leitet. Ihm stehen auch einige Freunde zur Seite, die den Verwaltungsrat bilden.


Im Revolutionsjahr 1989 war Petru Ilieșu noch Mitarbeiter der Temescher Kreisbibliothek. „Ich nahm mir vor, etwas völlig Verschiedenes von dem, was ich bisher tat, zu machen“, erinnert sich der Vorsitzende der Stiftung „Timișoara ´89“. Da kam der Gedanke auf, eine Wohltätigkeitsgesellschaft ins Leben zu rufen. So wurde am 30. Dezember 1989 die rumänische Wohltätigkeitsgesellschaft/Societatea de caritate ro-mân˛ gegründet – die Vorgängerin der heutigen Stiftung „Timișoara ´89“ und zu jener Zeit die erste Wohltätigkeitsgesellschaft im Nachrevolutionsrumänien. Zu Beginn wurden über die Organisation Hilfsgüter an Bedürftige verteilt, bis 1997 das erste Transitzentrum für Obdachlose unter der Schirmherrschaft von „Timișoara ´89“ ins Leben gerufen wurde – daran nahm sich, wenige Jahre später, auch das Bürgermeisteramt Temeswar ein Beispiel, als es selbst ein solches Transitzentrum für Obdachlose einrichten ließ. Ursprünglich befand sich das Sozialzentrum der Gesellschaft „Timișoara ´89“ in der Titulescu-Straße, bis die Stadt der Wohltätigkeitsorganisation ein anderes Gelände – jenes im Stadtteil Freidorf – zur Verfügung stellte.


In den vier Häusern, die das als „Archipel“ betitelte Sozialprojekt im Freidorf-Viertel bilden, leben vielerlei Menschen. Es sind Menschen, die von anderen überlistet wurden und dabei ihre Wohnungen verloren haben; Alkoholiker, die immer noch mit der Krankheit kämpfen; junge Erwachsene, viele davon mit Behinderungen, die das Kinderheim verlassen mussten; oder alte Menschen, die niemanden mehr haben und keine finanzielle Möglichkeit, irgendwo zur Miete unterzukommen. Insgesamt 51 Menschen bietet Timișoara ´89 heute ein Zuhause, davon sind neun Frauen, die in dem sogenannten „Schweizer Haus“ leben. Diesen Menschen werden Kost und Logis zur Verfügung gestellt, sie erhalten aber auch psychologische Betreuung. „Viele dieser Menschen kamen direkt aus dem Krankenhaus zu uns. Es sind Menschen von überall her“, erklärt Petru Ilie{u. Infolge einer Kooperationsvereinbarung mit den Krankenhäusern aus Temeswar gelangen jene Menschen, die keine ständige Bleibe haben, ins Sozialzentrum im Freidorf-Viertel.


Die Temeswarer Kommunalverwaltung unterstützt das Projekt von „Timișoara ´89“. Die Stadt stellt finanzielle Mittel für maximal 45 Menschen mit Temeswarer Identitätskarte zur Verfügung. Eine Regel, die der Stiftungsvorsitzende nicht nachvollziehen kann. „Ich kann mich doch nicht nur auf Menschen von hier beschränken, denn schließlich übernehmen wir die Notfälle. Ich kann von diesen Menschen nicht zuallererst die Identitätskarte fordern“, erklärt Petru Ilieșu. Über viele der absurden Regeln, die Staat und Kommune anwenden, könnte man lange diskutieren. Acht Mitarbeiter beschäftigt das „Archipel“-Projekt – wie schwer Angestellte für den Sozialbereich in Rumänien gewonnen werden können, ist eine weitere Hürde, mit denen Leute wie Petru Ilieșu tagtäglich zu kämpfen haben. Dazu, dass der „Archipel“ gut über die Runden kommt, tragen auch Spender aus dem Ausland bei. Seit 1991 unterstützt die schwedische Organisation U-assist die Stiftung, doch auch andere Organisationen greifen der rumänischen Organisation unter die Arme.


Bis zu zwei Jahren – so das rumänische Gesetz – darf ein Obdachloser in einem derartigen Zentrum verbringen. „Das Gesetz ist absurd. Wohin soll ein alter, obdachloser Mensch ohne Angehörige gehen? Es gibt Menschen, denen keine andere Lösung übrig bleibt, als in einer derartigen Einrichtung zu leben“, erklärt der Stiftungsvorsitzende. Mit den vorgeschriebenen Normen erklärt sich der Stiftungsvorsitzende bis zu einem Punkt einverstanden: „Das ist der Punkt, wo ich jemanden hinauswerfen muss. Das wird nicht geschehen“, betont Petru Ilieșu. Einer der Männer lebt seit rund zwölf Jahren im Haus. „Von seiner Frau verlassen, von den Kindern überlistet, hat dieser seine Wohnung verloren und ist obdachlos geblieben“, erzählt Petru Ilieșu. „Vorige Woche ist ein Herr zu uns gekommen, der an einer Tankstelle arbeitet und 1500 Lei netto im Monat verdient. Er hat keine Angehörigen. Eine Miete kann er sich von diesem Geld nicht leisten“, sagt der Stiftungsvorsitzende. „Der meiner Meinung nach skandalöseste Fall ist jener eines 36-jährigen jungen Mannes mit Hydrozephalus, einer sehr schweren Krankheit. Für seine Behinderung, als mittelschwere Behinderung eingestuft, bekommt er vom ´großzügigen´ rumänischen Staat 65 Lei im Monat. 65 Lei“, sagt der Leiter des Sozialprojekts.

 

Mittelschwere Behinderung bedeutet, dass der Mensch arbeiten kann. „Kein Mensch mit Hydrozephalus kann arbeiten“, erklärt Petru Ilieșu. Über einen Schlauch, der von dem Gehirn in den Bauchbereich führt, wird das überschüssige Hirnwasser abgeleitet. Der junge Mann muss oft ins Krankenhaus. „Einmal in der Woche geschieht das. Zu uns fährt der Krankenwagen fast täglich“, sagt Petru Ilieșu. Eine angestellte Krankenschwester kümmert sich um die chronisch Kranken, die hier leben.

 

Seit 1994 ist Petru Ilieșu offiziell in Rente – die finanzielle Stabilität ermöglichte es ihm, sich freiwillig im Sozialbereich einzubringen. Natürlich hätte er auch etwas anderes machen können – er entschied sich jedoch, Gutes zu tun. „Ich bin seit fast 30 Jahren in diesem Bereich tätig, sodass mir gar nicht mehr klar ist, dass ich Gutes tue, denn alles geschieht automatisch. Ich habe eine Sache angefangen und die möchte ich gewissenhaft zu Ende bringen“, sagt Petru Ilieșu. „Der Sozialbereich ist sehr deprimierend. Wenn du keine anderen Hobbys hast, keine Ablenkung, schaffst du es psychisch nicht“, erklärt der Schriftsteller. Sein Glück sei, dass er die Literatur und Kunst als Gegenpol benutzen kann, gesteht er. Auf kultureller Ebene hat die Stiftung „Timișoara ´89“ eine digitale Kunstgalerie sowie verschiedene Performance-Aufführungen und Videoinstallationen erarbeitet. Unter der Schirmherrschaft der Stiftung wurde auch das Konzept „Timișoara Open Art City“ lanciert.


Auf dem Gelände im Freidorf-Viertel stehen vier Häuser; jedes davon trägt den Namen des Spenders, der in großem Maße zur Errichtung des Baus beigetragen hat. Das schwedische Haus, das Schweizer Haus, das Lions-Rotary-Haus und das rumänische Haus wurden in den vergangenen vier Jahren auf dem Gelände im Freidorf-Viertel errichtet. Der „Archipel“ soll demnächst auch um ein deutsches Haus ergänzt werden, wünscht sich der Stiftungsvorsitzende. Für das deutsche Haus sammelt die Stiftung „Timișoara ´89“ derzeit Spenden. „Mein Ziel ist, eine Art europäisches Dorf, eine Sozialgemeinschaft, ins Leben zu rufen“, erklärt Petru Ilieșu. Auch ein italienisches Haus wäre mit Unterstützung der italienischen Gemeinde vor Ort in Zukunft denkbar. Unter timisoara89.ro können Interessierte erfahren, wie sie das Sozialprojekt unterstützen können.

 

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