Ein Blauwal in Temeswar

Streetart: Mehr als 500 Kunstwerke über die ganze Stadt verteilt

KSELEQOQYNQYSHY (als „casele cu ochi închiși“ zu lesen, also „Die Häuser mit geschlossenen Augen“) hat ein richtiges Bildermosaik rund um den Esel Benjamin mit Sehenswürdigkeiten, Symbolen und Eckdaten der Stadt geschaffen. Hier nur eine Detailaufnahme. | Foto: Zoltan Pázmány

Werk von Flavius Rouă und Corina Nani im Seiteneingang des Grigore-Moisil-Informatiklyzeums | Foto: Sergio Morariu

Ovidiu Batista hat ein Gedicht Ion Monorans malerisch verewigt, während gegenüber davon Popescu den Freigeist und Premieren der Stadt im gelb-braunen „Together” festhält. | Foto: Zoltan Pázmány

Mural im Schulhof der Allgemeinschule 1, entstanden im Rahmen eines EU-Projekts zum Thema Roma-Integration. | Foto: Sergio Morariu

„Mama, ein Blauwal!“, „Schau, ein Blauwal“ ertönt es fast im Chor von der Rückbank zur Fahrerin herüber. Wo, bitteschön, sollen die beiden Dreijährigen jetzt einen Wal gesehen haben? Liegt da auf der Bank etwa ein Kinderbuch mit Tierbildern? Nein, sie zeigen zum Fenster hinaus, hinüber zum Begaufer. Der Wal ist zwar nicht im Fluss unterwegs, dafür auf dem anderen Ufer: ein monumentaler Anblick, fast dreidimensional auf der Seitenwand der einstigen Lederfabrik in der Fabrikstadt. 

Jahrelang sah die Wand herabgekommen aus, ja, das ganze Gebäude mit weiten Fenstern und dem einen stets offenen Tor im ersten Obergeschoss, das Unmengen an blauen Materialresten zu einem regelrechten Hügel ausspie. Das 260 Quadratmeter große Bild erinnert durch seine kleinen Details ein bisschen an die Lederfetzen und will genau auf den Aspekt der Umweltverschmutzung hinweisen. Das Trio Cazacincu Bogdan, Mihail Alin und Andreea Ungureanu schufen den Blauwal an der Bega im Rahmen des 14. Street-Delivery-Fests in Temeswar/Timișoara nicht nur, um für mehr Umweltschutz zu werben, sondern auch um ein bisschen mehr von der Stadt zurückzuerobern, das Ziel, das sich Street-Delivery seit seinen Anfängen setzt: Straßen und öffentliche Plätze den Bürgern zurückzugeben und neu zu beleben. 

Und genau hier, an diesem Zipfel Temeswars könnte es beginnen: als Streetart-Rundfahrt auf dem Roller oder Fahrrad. Entlang der Bega hat das 2011 initiierte Fisart-Projekt schon einige hunderte Malereien von Künstlern aus der halben Welt entstehen lassen, erzählt der Mitinitiator von Fisart und somit der Streetart in Temeswar, Sergio Morariu. In Zusammenarbeit mit der Fakultät für Kunst und Design gewann das Projekt mit Corina Nani über die Jahre sowohl eine künstlerische Leiterin, als auch eine produktive Künstlerin. Werke von Streetart-Künstlern aus den USA, Spanien, Mexiko, Frankreich, Rumänien und Peru stellen ein regelrechtes Freilichtmuseum auf dem Gelände der Wasserwerke Aquatim seit 2016 zusammen (2017 kamen weitere Werke hinzu), das kostenlos zu betrachten, allerdings nur mit Voranmeldung, möglich ist. Folgt man nun dem Wasserlauf der Bega, lässt man den Blauwahl auf dem linken Ufer hinter sich und ist irgendwann über den Fahrradweg am Eingang zum Kinderpark angelangt. Hier sollte man einen Abstecher in die Pestalozzi-Straße machen. Denn die Erdöltanks und Mauern der Fernwärmewerke Colterm waren bereits 2013 und 2014 von rumänischen, spanischen, brasilianischen und amerikanischen Künstlern mit Motiven versehen worden, die das Kulturhauptstadtjahr 2021 heraufbeschworen.

Temeswar ist nach Wochen oder Monaten der Selbstisolation oder gar Ausgangssperre bereit, seine Bewohner und Besucher Neues und Altes entdecken zu lassen: Nach der eingeschränkten Sicht auf die eigenen vier Wände bietet es sich beim Spaziergang im eigenen Viertel, aber auch vielleicht in Gegenden, in denen man sonst kaum unterwegs sein würde, an, den Blick mal nach oben zu richten. Die verstaubten Wände des Erdgeschosses oder die Schaufenster, an denen man vorbeieilt, lassen kaum erahnen, welche architektonischen oder künstlerischen Überraschungen etwas weiter oben oder gar um die Ecke das Auge erfreuen könnten: Entweder sind es Altbauten, in verschiedensten Stilen und Zeiten der Stadtgeschichte errichtet, oder die eine oder andere Wandmalerei, Mural, die erst seit wenigen Monaten die leere, vielleicht sogar leicht triste Fassade zur Leinwand renommierter Künstler werden ließ. 

Streetart ist nicht Straßenkunst, Streetart ist nicht Graffiti – sie ist Kunst, die für die Gemeinschaft geschaffen wird und für die kein Eintrittsticket nötig ist. Das Stadtbild wird durch solche Kunstwerke konstant erneuert. Trotz der Restriktionen 2020 und der von der Stadt seit 2018 weggefallenen finanziellen Unterstützung hat das Fisart-Team mittels anderer Projekte neue Farbflecken in der Stadt geschaffen. Wenn man von den Colterm-Werken die Straße weiter hinunterfährt, kommt man an der Temeswarer Bierfabrik und der griechisch-katholischen Kirche vorbei und steht an der Ecke der Allgemeinschule 1 in Temeswar. Nun muss man sich auf die Straße dahinter begeben und sollte versuchen, über die Mauer hinweg zu gucken, am besten von der anderen Straßenseite. Auf dem Schulhof ist sind im letztem Sommer im Rahmen des EU-Projekts Common Spaces for Integration of Roma zwei große Murals entstanden, die für leuchtende Kinderaugen zu Schuljahresbeginn gesorgt haben.

Die Fahrt sollte nun ins Studentenviertel führen, wo sowohl durch Fisart eine Vielzahl von Wandmalereien seit 2013 entstanden ist, aber auch das Projekt „Memoiren der Festung“ 2020 für zwölf neue Werke gesorgt hat. Die Geschichte, der Geist und die Sehenswürdigkeiten Temeswars sollten sich darin wiederfinden. Ganze Seitenfassaden und Eingänge der Wohnheime sind mit Kunstwerken versehen worden, die teils als Folge einer Ausschreibung im Herbst zustande kamen. Popescu, Robert OBERT, LUX, Cristian Scutaru, Sandu-Milea Lucian, Horațiu Christian Pavelescu @ Nava C2 und KSELEQOQYNQYSHY haben je 15.000 Lei dafür bekommen, innerhalb von zwei Wochen ihre Projekte an die Wand zu bringen. Sonst sind Streetart-Werke Temeswars fast ausschließlich Pro-bono-Arbeiten gewesen, sagt Sergio Morariu. 

Drei Teams wurden von der Stadt eingeladen, Wände zu besprühen und zu bemalen: Kaps Crew, NOM - Novus Ordo Muralis und Sweet Damage Crew. Ovidiu Batista hat ein Gedicht Ion Monorans malerisch verewigt, während Popescu gegenüber davon den Freigeist und die Premieren der Stadt im gelb-braunen „Together” festhält. Ein Mural von Zgondy & Irlo ist dem 100-jährigen Jubiläum des Polytechnikums gewidmet. 

Fährt man aus dem Studentenviertel raus zum Lahovary-Platz, wird man mit einem weiteren frischen Werk der Künstler Flavius Rouă und Fisart-Initiatorin Corina Nani vertraut. Der Seiteneingang des renommierten Grigore-Moisil-Informatiklyzeums ist ein Verweilen wert, mit dem Werk, das Stadt, internationale Beziehungen, binäre Zahlen mit Naturwissenschaften fließend ineinander kreisen lässt und eindrucksvoll eine umfassende Bildkomposition darstellt.

Bei Regen oder Sonnenschein, ist die Ampel rot, darf und sollte man nicht über die Straße. Für Kurzweil sorgen seit einigen Monaten an manchen Zebrastreifenenden Gedichte auf dem Asphalt. Kurze Verse von Tudor Crețu, Robert Șerban, Goran Mrakic, Aleksandar Stoicovici, Ana Pușcașu, Nicoleta Papp, Svetlana Cârstean, Marius Aldea, Sorin Gherguț und Adrian Bodnaru stehen in Weiß auf dem Gehsteig zu den Füßen der Wartenden.

Dumm nur, wenn jemand gerade sprichwörtlich darauf steht, denn dann ist wenig von den Zeilen zu verstehen. Es lohnt sich jedenfalls, auch mal hinunter zu gucken und nicht nur hinauf auf schön besprühte Wände.

Solche sind aber auf jeden Fall noch entlang der Bega und nicht nur in Temeswar zu entdecken, denn sowohl im Kinderpark, wie auch an den Wänden hinter den Clubs gegenüber der Westuniversität wurde gemalt, unter den Brücken aber auch im Biergarten des Porto Arte. Und ist man dort in Richtung Josefstadt und Bahnhof unterwegs, kommt man nicht um das Pasmatex-Gebäude herum. Ein Gebäude, an dem schon über 200 Streetart Werke verewigt wurden, fast jährlich kommen neue Kreationen hinzu. Manche sind nur nachts richtig zu sehen, weil sie mit fluoreszenten Farben besprüht wurden, für andere wiederum müsste man vor dem Nordbahnhof stehen, um sie auf der Dachterrasse des Gebäudes erblicken zu können. Ganz anders verhält es sich mit dem größten Streetart-Werk Rumäniens, das anlässlich der 30 Jahre seit der Revolution 2019 von Corina Nani, Alex Baciu, Flavius Rouă und Irlo 600 Quadratmeter groß auf die Getreidesilos gesprüht und gemalt wurde, es kann nun sowohl vom entgegengesetzten Ufer als auch vom Vaporetto aus bewundert werden, die daneben abgestellte Lokomotiven-Rostlaube, die auch einen neuen Look verpasst bekam, muss man zu Fuß aufsuchen.

Begibt man sich gegen Ende dieser von Ost nach West durch Temeswar führenden Tour zurück in die Stadtmitte, um sich einen Kaffee oder ein Glas Wein in den Julius Gardens zu gönnen, sollte man es sich nicht nehmen lassen sowohl die Wände der Parkanlagen in den Untergeschossen zu besichtigen, als auch eine der größten Streetartgalerien der Welt, die noch während der Bauphase an der Unterführung zwischen Popa-Șapcă-Straße und Consiuliu-Europei-Platz im Jahr 2019 entstanden ist. Mehr als 30 internationale und nationale Street-Artists haben sich an der Gestaltung von „UnderTown“ beteiligt.

Gerade Städte mit mehreren grauen Wohnblock-Gegenden oder tristen Industriegebieten können durch bunte Murals einen kosmetisch neuen Look gewinnen. Temeswar hat zwar auch ein großes Architekturerbe mit schönen historischen Bauten, Paläste wie Häuser, aber auch noch viele leere Wände, die nur darauf warten, ein neues Gesicht zu bekommen.

 

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