Erasmus Büchercafe

Ein Dorf wie nirgends anderswo

Annette Schorb und ihre außergewöhnliche Liebe zu Siebenbürgen

Kurz nach der Wende erschienen in der einheimischen sowie westlichen Presse zwei Berichte über das ungewisse Schicksal der deutschen Bevölkerung in Rumänien. Wer waren diese Menschen, die es nicht schafften auszuwandern, aber genug Mut, Abenteurergeist und Ausdauer aufbrachten, um hier weiterzuleben? Ein Historiker resümierte trocken: So wie es einmal war, wird es nie mehr sein. Aber mit einigem Glück und besseren wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, könnte sich hier etwas entwickeln, was das Deutschtum erhalten könnte, zwar anders als bisher, aber ohne ein vollständiges Verlöschen.

Keine 30 Jahre später ist tatsächlich vieles anders geworden, aber vom Untergang ist keine Rede, obwohl sich die Anzahl der Rumäniendeutschen als Minderheit verkleinert. Es wird immer noch Deutsch gesprochen, die deutschen Schulen sind nach wie vor gefragt, dank der zahlreichen Zugänge rumänischer Schüler, die sogar deutsches Brauchtum weiterpflegen. Wirtschaftlich siedeln sich immer mehr Betriebe deutscher und österreichischer Unternehmer in Rumänien an, ihre Kinder besuchen die einheimischen Schulen und sogar zwei Unterrichtseinheiten mit deutschem Lehrplan wurden eingerichtet.

Als die Deutsche Annette Schorb sich entschloss, ein Buch über ihre 25 Jahre in Siebenbürgen, in Deutsch-Weißkirch/Viscri, verbrachten Jahre zu schreiben, wusste sie nicht, dass dieses - vor Kurzem im Hermannstädter Schiller-Verlag erschienen – viel mehr sein wird als ein einfaches Erinnerungsbuch. Schließlich wurde es zu einer Chronik, einem Sozialbericht, einem Reiseführer und nicht zuletzt zu einer Hommage an eine einzigartige siebenbürgische Ortschaft. Durch die Distanz zu den Dingen, ihre Wahrheitsliebe und  Zuneigung gelingt es ihr, ein persönliches Buch zu schreiben, das dank seiner Objektivität im Vergleich zu anderen Heimatbüchern über Siebenbürgen ganz aus dem Rahmen fällt.

Ihre Erinnerungen beginnen nämlich genau mit der turbulenten Zeitspanne nach der Wende. Als Zuwanderin aus Deutschland, die ihre große Liebe zu Siebenbürgen zufällig entdeckte und sich in einem abgelegenen Dörfchen, gemeinsam mit ihrem Mann, niederließ, nahm sie die Gegebenheiten so an, wie sie vorgefunden hatte, und versuchte das Beste daraus zu machen. Da sie keine siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln hatte, nahm sie die sächsische Tragödie nur nebenbei wahr und wunderte sich nur, wieso die brenzligen Probleme der Nazizeit nicht erwähnt und verarbeitet worden waren, sondern die Schuld auf andere abgeschoben wurde. Sie interessierte mehr, was nun weiter geschah, inwieweit die kommunistischen Nachwehen überbrückt werden konnten und der Armut beizukommen war. Sie war nicht gekommen, um deutsche Ordnung ins rumänische Durcheinander zu bringen, aber sie kam daran nicht vorbei. Sie kaufte ein altes Haus und machte es bewohnbar, legte sich einen schönen Garten an, lauschte dem Vogelgezwitscher, sie wanderte und ritt durch eine herrliche Naturlandschaft, von der sie schon lange geträumt hatte, und genoss den endlosen Sternenhimmel, wie es ihn anderswo kaum noch gab.

Aber der Alltag hatte mehrere Gesichter. Im ehemals sächsischen Dorf waren die Hauptbewohner nun die Roma. Wie geht man mit ihnen um, wie wird man die ständige Bettelei los, wenn wirklich Not am Mann ist? Zwar tauchten die ersten Ausländer mit Hilfsgütern auf, aber war das die Lösung? Damals lernte Annette Schorb dort die Deutschen Maria und Harald Riese kennen, die mit Sockenstricken einen Anfang wagten: Socken stricken für Geld und diese in Deutschland verkaufen! Die Frauen mussten organisiert, Vertrauen aufgebaut werden. Der Frauenverein „Viscri startet“ war das Ergebnis, nachdem auch die Herstellung von Filzpantoffeln hinzugekommen war. Das im Kommunismus zerstörte Gemeinwesen begann sich mit viel Mühe langsam wieder einzupendeln. Der Gewinn ging an soziale Projekte: Eine Suppenküche für arme Kinder, Lernhilfe wurde eingeführt, der Frauenverein kaufte sich ein Haus und wurde immer aktiver. Natürlich gab es genug Reinfälle, aber man lernte, sie zu überbrücken.

Inzwischen kam die beeindruckende mittelalterliche Kirchenburg der Siebenbürger Sachsen, auf dem Hügel inmitten des malerischen Dorfes gelegen, endlich zu ihrem Recht! Sie gelangte auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, Touristen entdeckten dieses sächsische Kleinod inmitten einer unzerstörten Landschaft und kamen immer öfters. Die letzten Sachsen krempelten die Ärmel hoch, empfingen die Gäste gebührend, organisierten Führungen und Ausstellungen, die ersten Gästehäuser wurden eröffnet. Als der englische Thronfolger Prinz Charles hier eintraf und sich ein einfaches Bauernhaus kaufte, als der unter seiner Schirmherrschaft stehende Eminescu-Trust seine Tätigkeit aufnahm, wurde das Dorf allbekannt. Die verwahrlosten Häuser wurden hergerichtet, das traditionelle Handwerk wiederbelebt, eine Ziegelbrennerei eröffnet, denn alles sollte so erhalten werden, wie es von altersher war; der Modernisierungsprozess sollte in verträgliche Bahnen gelenkt werden. Inzwischen war auch eine belgische Hilfsorganisation am Werk, um den Lebensstandard der verarmten Bevölkerung zu verbessern. Diese organisierte eine Sanitätsstation für die fünf Dörfer der Umgebung, Kranke, Kinder und Alte wurden betreut. Die Bodenrückgabe entwickelte sich zu einem harten Kampf mit den staatlichen Behörden. Wie sichert man sich eine Viehweide, wenn der Bürgermeister dagegen ist? Geduld und Ausdauer siegten bis zuletzt, Kühe, Schafe und Pferde werden wieder tagtäglich auf die nahe Weide getrieben. Doch waren die EU-Auflagen immer richtig, wenn die Verordnungen beispielsweise die Schafzucht kaputt machten?

Annette Schorb kannte sich mit Gesetzen aus, sie entdeckte manches, was anders hätte entschieden werden sollen. Sie half, wo sie konnte, aber das war nicht alles. Sie nahm aktiv am Dorfleben teil, lernte die einheimische Küche und Bräuche aller Art kennen, erlebte Hochzeiten und Begräbnisse, fand viel Neues und Unbekanntes. Denn sie war gekommen, Land und Leute kennenzulernen, und dieses Land wartete auf sie mit einer herrlichen Naturlandschaft, mit einmaligen Blumenwiesen, uralten Wäldern und Pflanzen und Tieren, die in der westlichen Welt kaum noch zu finden sind. Im Garten zwitscherten Vögel aller Art, der Storch zog seine Runden, im nahen Wald hausten Bären und Wölfe, ihre Spuren waren oft zu finden. Denn in Siebenbürgen haben Mensch und Tier schon immer nebeneinander gelebt, belehrte sie ein alter Schäfer. Nur wenige Kilometer weiter begann ein malerisches Hügelland, das bald in die Karpatenwelt überging. Herden und Hirten, heubeladene Pferdewagen, Mäher und Bauern gingen gemächlich ihrer Arbeit nach, waren gern für einen Plausch bereit. Um Bretter ging es in die Harghita, in Poiana M²rului wartete eine alte Bäuerin mit Sauermilch auf sie, über Passhöhen fuhr man durch einsame Wälder in die Gebirgswelt hoch. Sie fuhren bis in die Bistritzer Gegend und amüsierten sich neben dem Dracula-Hotel über das nächtliche Treiben. In der Maramuresch lockte eine Schmalspurbahn, die das Wassertal hinauffuhr. Doch auch das Retezat-Gebirge, das Banater Bergland und der Donaudurchbruch war ihnen eine Reise wert. Sie besichtigten sächsische Dörfer, wo trotz der Verlassenheit das Leben weiter pulste: Sie erlebten in Deutsch-Kreuz ein schönes Orgelkonzert oder in Kleinschenk eine herrliche Touristenherberge. Was sie betroffen machte, waren die neuartigen Veränderungen, die in letzter Zeit die rumänischen Dörfer und Naturlandschaft verunstalteten: In der Maramuresch bombastische Neubauten, die alte Holzhäuser verdrängen, oder mächtige Steinkirchen, die wunderschöne kleine Holzkirchen in den Schatten stellen. Ob diese Entwicklung das Land nicht seiner traditionellen Kostbarkeiten beraubt? Ro{ia Montan² in den Westkarpaten war die beeindruckendste Erfahrung dieser Art. Ob es dem Raubkapitalismus gelingt, wegen Goldvorkommen ein ganzes Gebiet zu vergiften?

Annette Schorb kennt und liebt dieses Land ungemein. Sie hat erkannt, dass der Tourismus eine Überlebensquelle darstellt, wenn er nicht ausufert und mehr zerstört, als er einbringt. Inzwischen hat sie Nachahmer gefunden. Wer einmal hier war, kommt gern wieder. Auch in das reizende Dorf, wo sie heimisch geworden ist.
Das Buch (125 Seiten, mit Farbfotos) ist zum Preis von 14 Euro / 125 Lei erhältlich beim Schiller Verlag (www.schiller.ro), in den Hermannstädter Buchhandlungen „Erasmus“ und „Schiller“ sowie im Deutschen Buchhandel.
 

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Bemerkungen :

  • user
    da 20.07.2019 Beim 11:17
    Na ja, es gibt nun viele Deutschsprechende aus dem Westen, die glauben verstanden zu haben, wie Rumänien funktioniert.
    Meiner Meinung nach haben sie das Wesen Rumäniens nicht erkannt.

    Deutsch-Weisskirch ist heute nur noch etwas für Massentouristen.
    Sachsen sind dort fast keine mehr, außer der Familie von Frau Fernolend.
    Die Zugewanderten wie auch die Rumänen vor Ort können die Gemeinschaft der Sachsen und deren Kultur nicht weiter am Leben erhalten. Es sind eben keine Sachsen.
    So wird es im besten Fall auch in anderen ehemals sächsischen Dörfern aussehen: keine Sachsen mehr, keine Kultur mehr, dafür aber viel Lärm und viel Massentourismus... und im Winter ein leeres Dorf ohne Touristen.