Ein rumäniendeutscher Sozialist, Opfer kommunistischer Willkür

35 Jahre seit dem Tod von Georg Hromadka

Georg Hromadka, 1960 beschattet und fotografiert von der Securitate (Quelle: ACNSAS)

Bearbeitung Hromadkas in einem Operativen Vorgang. Umschlag der Akte (Quelle: ACNSAS)

Am 9. November 1982 verfasste Oberstleutnant Nicolae Pădurariu, Leiter der Unterabteilung 1/A innerhalb der Temeswarer Securitate, einen ausführlichen Bericht, in dem er von „Sorin” erhaltene Informationen auf vier maschinengeschriebenen Seiten zusammenfasste.  „Sorin“ war damals Redakteur der Bukarester Tageszeitung „Neuer Weg“ und arbeitete in der Temeswarer Redaktionsvertretung. Kurz zuvor war er von einer Westreise nach Rumänien zurückgekehrt und berichtete dem u. a. auch für die Überwachung der rumäniendeutschen Minderheit zuständigen Securitateoffizier über seine Beobachtungen und Kontakte sowie über die Ausführungen und Meinungen der Teilnehmer an den Mattersburger Gesprächen, die vom 8. bis zum 10. September 1982 in Österreich zum Thema „Die deutsche sozialdemokratische Bewegung und die deutsche Arbeiterliteratur“ stattgefunden hatten. Unter den Referenten befanden sich auch drei Gäste aus Rumänien, Nikolaus Berwanger, William Marin und Andreas Lillin, sowie der zwei Jahre zuvor nach Westdeutschland übersiedelte frühere Sozialdemokrat Georg Hromadka.

In seinem Bericht konzentrierte sich „Sorin“ vor allem auf Berwanger, dessen Referat er als wissenschaftlich anspruchslos beschreibt und dessen Haltung Rumänien gegenüber er als politisch unzuverlässig darstellt.
„Sorin“ spielte übrigens auch eine Schlüsselrolle in der nachrichtendienstlichen Überwachung der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Darüber hatte sie in einem langen Beitrag für die Wochenschrift „Die Zeit“ (Nr. 31, 2009), „Die Securitate ist noch im Dienst“, geschrieben.

An Hromadkas Vortrag schien die Securitate damals nicht interessiert gewesen zu sein. In der Zusammenfassung Pădurarius wird er bloß als Teilnehmer erwähnt. Ob es über seine Mitwirkung an der auch ein Jahr zuvor in Mattersburg stattgefundenen Tagung der Internationalen Lenau-Gesellschaft aus Österreich einen Bericht in den Securitatearchiven gibt, ist nicht bekannt. Vorträge zur Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung in Rumänien hielten zwischen dem 16. und 19. September 1981 William Marin („Josef Gabriel, der erste Monograph der Banater Arbeiterbewegung“), Nikolaus Berwanger („Sozialistische Parteizellen in den Banater Landgemeinden am Beispiel des Dorfes Großjetscha“) und Georg Hromadka („Reschitz, eine Hochburg der Sozialdemokratie im europäischen Südosten“).

Nach seiner Ausreise aus Rumänien hatte Hromadka ein dringendes Anliegen, das er regelmäßig vorbrachte und durch seine Vorträge und die posthum erschienenen Aufzeichnungen über die jüngste Geschichte der sozialistischen Bewegung seiner Heimat  illustrierte. Es ging ihm darum, die Erinnerung an eine bestimmte Epoche wach zu halten. Seine diesbezügliche Tätigkeit ließe sich auch als ein Versuch verstehen, Geschichtsklitterungen entgegenzuwirken und sein sozialdemokratisches Engagement sowie seinen eigenen Beitrag zur sozialen und politischen Emanzipation der rumänischen Arbeiterschaft hervorzuheben. Obwohl er streng darauf achtete, die Kriterien historischer Objektivität zu respektieren, waren auch seine veröffentlichten Aufzeichnungen nicht gegen subjektive Komponenten gefeit, die sich automatisch in Zeitzeugenberichte einschleichen und sich durch Auslassungen, durch Gedächtnislücken, fehlende Dokumente und archivarische Belege erklären lassen.

Viele der jetzt zugänglichen Unterlagen aus rumänischen Archiven ermöglichen es, nicht nur die Biografie des am 6. Juli 1911 in Lupeni geborenen Georg Hromadka zu vervollständigen, sondern auch die Geschichte der sozialistischen Bewegung in Rumänien im Allgemeinen und im Banat und deren Hochburgen Temeswar und Reschitza im Besonderen.

Georg Hromadka klinkte sich bereits Ende der 1920er Jahre aktiv in die legalen Strukturen der Gewerkschafts- und sozialistischen Bewegung ein. Zuerst arbeitete er innerhalb des sozialistischen Jugendverbandes in Reschitza und gehörte zu jenen, die keine Berührungsängste hatten, wenn es um die Kooperation mit der seit 1924 im Untergrund tätigen kommunistischen Partei ging. Trotz taktischer Unterschiede und ideologisch abweichender Vorstellungen im Ringen um die sozial-ökonomischen Rechte der Arbeiter sowie in der ideologischen Auseinandersetzung mit den nach 1919 erstarkten rechtsextremen Kräften – der faschistischen Legionärsbewegung, der militant antisemitischen Cuzisten-Partei und den rumäniendeutschen pro-nazistischen Organisationen – plädierte Hromadka für eine homogene Linie der Linken. Seine Kritik an der uneinheitlich agierenden Sozialdemokratischen Partei Rumäniens und deren opportunistischem Taktieren mit den jeweiligen Regierenden führten zum zeitweiligen Ausschluss Hromadkas aus der Partei und bewogen ihn schließlich 1940, der illegalen KP beizutreten.

Seine militante Tätigkeit für die Belange der Arbeiter in Reschitza, die zum Großteil im lokalen Eisenverhüttungs- und Maschinenbauwerk UDR (=Werke und Domänen Reschitza) beschäftigt waren, blieb natürlich nicht unbemerkt. Nach der Ausrufung des nationallegionären Staates im September 1940, der Etablierung eines faschistischen Regimes und der Gleichschaltung der rumäniendeutschen Volksgruppe mit den Belangen des Dritten Reiches, wurde Hromadka von der paramilitärischen Legionärspolizei verhaftet. Nach der Niederschlagung der sogenannten Legionärsrebellion im Januar 1941 wurde er auf freien Fuß gesetzt, jedoch ein Jahr darauf zusammen mit zahlreichen anderen linksgerichteten Reschitzaer Arbeitern (darunter auch vielen rumäniendeutschen, wie Josef Puvak) inhaftiert und wegen antifaschistischer Tätigkeiten verurteilt. Hromadka wurde ins Arader Gefängnis überführt und versuchte dort, die deutschen Mitgefangenen zu überzeugen, sich den Rekrutierungen für die Waffen-SS zu widersetzen. Nach dem Sturz des faschistischen Militärregimes von Ion Antonescu am 23. August 1944 wurde Hromadka freigelassen. Er setzte seine Tätigkeit als KP-Kader und Gewerkschafter fort. Er trat aber aus der Kommunistischen Partei aus, nachdem diese im Januar 1945 die Deportation der rumäniendeutschen Frauen zwischen 18 und 30 Jahren und den Männern zwischen 17 und 45 Jahren zur Wiederaufbauarbeit in die Sowjetunion für richtig erklärte.
Sein Wiedereintritt in die Sozialdemokratische Partei (PSD) und sein Wirken in der Gewerkschaftsbewegung in der Zeit des pseudodemokratischen Intermezzos von 1945 bis 1948 wurden ihm später von den stalinistischen Justizbehörden angelastet und als Spaltung der Arbeiterklasse, Sabotage der Volkswirtschaft und Beteiligung an Aktionen zum Sturz des volksdemokratischen Regimes uminterpretiert.

Der auf 900.000 geschätzte Anstieg der PSD-Mitgliederzahl ab 1945 hat mit der Wiedereinführung des Mehrparteiensystems zu tun. Andererseits versuchten aber politisch kompromittierte Personen – darunter zahlreiche faschistische Legionäre – in die existierenden Parteien, die kommunistische, die liberale und zaranistische, einzutreten und diese als Schutzschirm vor einer eventuellen Strafverfolgung zu missbrauchen. Das war auch in Reschitza der Fall, wo einige Legionäre, beispielsweise Ilie Fărcășescu, es sogar geschafft hatten, in die Leitungsgremien der PSD einzudringen. Während des PSD-Parteitags in Bukarest im März 1946, der die Strategie bei den im Herbst angesetzten Wahlen festlegen sollte, kam es zur Spaltung in einen pro-kommunistischen Flügel um Lothar Rădăceanu und Ștefan Voitec und einen unabhängigen Flügel um Constantin Titel Petrescu, der sich Unabhängige Sozialdemokratische Partei (PSD-I) nannte und über 25.000 Mitglieder hatte. Die Reschitzaer Delegierten unter Iosif Mustețiu versuchten, sich aus den Flügelkämpfen herauszuhalten, was letztendlich dazu führte, dass die starke lokale PSD-Organisation, bis zur Zwangsvereinigung der PSD mit der KP, ein eigenständiges Dasein führte. Deshalb wurden nach der Gründung der Rumänischen Arbeiterpartei (RAP) im Februar 1948 auch die meisten Reschitzaer PSD-Funktionäre, unter ihnen auch Hromadka, automatisch in die Einheitspartei aufgenommen.

In Reschitza stieg derweil die Unzufriedenheit der Arbeiter wegen der niedrigen Löhne und der akuten Versorgungsengpässe. Gewerkschaftsführer Iosif Mustețiu und der Leiter des Eisenhüttenwerks wurden während einer Sitzung von aufgebrachten Arbeitern zusammengeschlagen. Um derartigen Vorkommnissen vorzubeugen, wurde eine von Franz Klein angeführte Schutzgruppe gegründet. Obwohl Hromadka daran nicht beteiligt war, beschuldigte man ihn und weitere im Sommer 1948 verhaftete Sozialdemokraten und Gewerkschafter, diese Gruppe als Einsatzkommando zum Sturz des Regimes vorbereitet zu haben. Während des Prozesses, bei dem Hromadka am 13. Juni 1951 zu 20 Jahren Zwangsarbeit, Aberkennung der staatsbürgerlichen Rechte und Begleichung der Gerichtskosten von 5000 Lei verurteilt wurde, beschuldigte man ihn auch der Sabotage, der Verschwörung gegen die soziale Ordnung und der Spaltung der Arbeiter.

Während des Rehabilitierungsverfahrens 1969 wurden alle Anklagepunkte als falsch eingestuft und festgestellt, man habe Hromadka lediglich aufgrund von Zeugenaussagen und ohne weitere Beweise verurteilt.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis am 25. April 1956 wurde Hromadka Redakteur des „Neuen Weg“ in Bukarest und erneut Mitglied der RAP. In einem am 4. April 1961 verfassten Bericht wird seine Laufbahn als sozialdemokratischer Journalist und Funktionär zusammengefasst. Er selber wird als antifaschistischer Salonsozialist, als kleinbürgerlicher Parteibonze und eingebildeter Intellektueller beschrieben, der sich gerne als ein unschuldiges Opfer des Stalinismus darstellt.

Nachdem er von einer Frau, die 1959 zu Besuch in der Schweiz war, ein Päckchen und Fotos von dem ehemaligen rumäniendeutschen Funktionär der national-sozialistisch orientierten DAR (Deutschen Arbeiterschaft Rumäniens) Hans Langhardt, erhalten hatte, rückte er erneut in den Blickpunkt der Securitate, die ihn der Spionage verdächtigte. Vom 13. Oktober 1959 bis zum 26. November 1962 wurde Hromadka in einem Operativen Vorgang bearbeitet, wobei viele der gesammelten Informationen von seinen Redaktionskollegen stammen, die sie als inoffizielle Mitarbeiter an die Securitate geliefert hatten. Die Beobachtungsakte wurde schließlich mit dem Hinweis geschlossen, der Spionageverdacht habe sich nicht bestätigt.

Nach seiner Verrentung 1979 zog Hromadka aus Bukarest wieder nach Reschitza. 1980 war er zu Besuch in der Bundesrepublik und entschloss sich, nicht mehr nach Rumänien zurückzukehren. Georg Hromadka starb vor 35 Jahren, am 12. April 1985, in Singen.

 

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Bemerkungen :

  • user
    Klaus Martin Philippi 15.04.2020 Beim 12:07
    Sozialismus ist nicht per se schlecht, wenn mit aufrichtiger statt vorgegaukelter Menschlichkeit gepaart. Kommunismus aber ist ausschließlich schlecht.