Entwicklung und Niedergang eines Chemiekombinats

21 Jahre nach der Wende sind die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auf Fogarasch besonderes ersichtlich

Aus weiter Ferne waren und sind die Schlote und Anlagen des Chemiewerkes von Fogarasch/Fãgãras zu sehen. Waren diese vor der Wende noch voll in Funktion und sicherten Tausenden Menschen aus der Stadt und dem gesamten Umfeld einen sicheren Arbeitsplatz, so sind sie heute von Rost befallen. An den Hallen sind alle Fenster zerschlagen, Unkraut wuchert auf den freien Flächen dieses ehemaligen Vorzeigebetriebes und zwischen den nun kaum noch befahrbaren Eisenbahngleisen. Ein Rückblick auf die Entwicklung und den Niedergang des Chemiekombinats ist bezeichnend nicht nur für diese Stadt, sondern für viele ehemalige Großbetriebe aus den sozialistischen Jahren, die nach der Wende, auch durch eine misslungene Privatisierung, dem Verfall preisgegeben waren. Von den neuen Eigentümern wurden sie nicht mit neuer Technik ausgestattet und statt Arbeitsplätze zu schaffen, sicherten sich die neuen Eigentümer einen Gewinn, indem sie die Anlagen als Alteisen verkauften.

Zählte Fogarasch im 17. Jahrhundert 1500 bis 2000 Einwohner, so stieg deren Zahl 1869 auf 4816, 1930 waren es dann 7841. Eine wahre demografische Explosion folgte nach dem 23. August 1944. Im Jahre 1949 wurden schon 9296 Stadtbewohner gezählt, um am Anfang der achtziger Jahre die 40.000-Grenze zu erreichen. Diese Zahl wird von den lokalen Behörden auch heute noch für den gegenwärtigen Stand angegeben, obwohl längst Tausende Stadtbewohner im Ausland arbeiten. Vielleicht sind es so viele im August, wenn jährlich die Fogarascher Tage begangen werden und die Stadt von „Ausländern“, wie die vorübergehend Heimgekommenen bezeichnet werden, regelrecht überflutet wird.

Der Bevölkerungsanstieg wurde in den Nachkriegsjahren vor allem durch den Ausbau des hier befindlichen Chemiewerkes verzeichnet. Ehemalige Landwirte aus den umliegenden Gemeinden, die nach der Enteignung keinen Grund mehr besaßen, fanden da Arbeitsplätze und wurden zu Städtern. Das trifft auch für die sächsische Bevölkerung zu, deren Zahl durch die Zuwanderung aus Felmern/Felmer, Seligstadt/Selistat, Rohrbach/Rodbav, Bekokten/Bãrcut, Scharosch/Soars u.a. Orten bis auf 1200 anstieg. Diese bauten sich da Häuser, es entstanden neue Straßen, wo die ehemaligen Dorfbewohner die verlassene Gemeinschaft wieder suchten. So entstand beispielsweise die Straße der Felmerer.

Durch Dekret des Staatsrates erhielt die Stadt im Jahre 1979 den Rang eines Munizipiums, was eine weitere Entwicklung im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich bedeutete. Fogarasch wurde nach Kronstadt/Brasov die zweitgrößte Stadt im Kreisgebiet, sowohl was die Anzahl der Bewohner als auch die Wirtschaftsproduktion betrifft. 

Die Geschichte des Chemiebetriebes der Stadt beginnt 1920, noch in der Zeit von König Ferdinand I. Die Regierung beschloss, eine wirtschaftliche Entwicklung durch Heranziehung von ausländischem Kapital zu bewirken. Im Amtsblatt vom 29. September 1920 erschien das Gesetz zur Gründung eines Betriebes für die Erzeugung von Sprengstoffen für zivile Zwecke (für die Arbeiten in Bergwerken). Anfangs sollte dieses Unternehmen in Bukarest gegründet werden, dann wurde aber wegen der zentralen Lage Fogarasch vorgezogen. So entstand die erste Rumänische Gesellschaft für Sprengstoffe, die bis zu der Verstaatlichung vom 11. Juni 1948 als solche bestand. 

Die neu gegründete Gesellschaft begann mit einem Sozialkapital von 20 Millionen Lei, das vom damaligen Industrie-Ministerium, von mehreren Banken und Privatpersonen kam. Als ausländische Gruppe war mit 40 Prozent daran die Dynamit Gesellschaft von Wien beteiligt. Der Standort wurde im Süden von Fogarasch festgelegt, am Ufer des Racovi]a-Baches, unweit auch vom Bahnhof, da ein Gleis für das Werk von da aus gelegt werden musste. Die Staatsdomäne stellte unentgeltlich eine Fläche von 93 Hektar zur Verfügung. Ein weiteres Grundstück wurde noch von Emil Stoff, einem lokalen Unternehmer, angekauft. Am 2. Mai 1922 begannen die Bauarbeiten der Sprengstofffabrik und diese wurde ein Jahr darauf, am 7. Mai 1923, in Betrieb genommen. 1924 wurde sie durch drei weitere Chemiewerke erweitert, Dienstwohnungen wurden errichtet. 394 Personen haben da einen Arbeitsplatz belegen können.

1927 wurde das Verwaltungsgebäude errichtet. Trotz der 1928 begonnenen Wirtschaftskrise wurde in den Jahren darauf der Betrieb erweitert. Für das von der Gemeinde Hârseni erhaltene Baugelände führte das Werk, als Gegenleistung, den elektrischen Strom in der Ortschaft ein.

Nach der Verstaatlichung wurde das Werk mehreren organisatorischen Veränderungen unterzogen, neue Produkte wurden erzeugt. Außer Sprengstoffen kamen die chemischen Düngemittel für die Landwirtschaft hinzu. Im Jahre 1957 erstreckte sich das Chemiekombinat, wie es nun offiziell hieß, auf einer Fläche von 490 Hektar. Die innerhalb des Betriebes gebauten Straßen erreichten eine Länge von 40 Kilometer, die Eisenbahngleise erstreckten sich auf 30 Kilometer. 3047 Arbeiter und 150 Ingenieure waren da tätig. Im Jahr 1962 waren es dann insgesamt 4709 Arbeitnehmer, 1968 wurde die Grenze von 5500 Personen überschritten. Diese Entwicklung ging weiter. 

Die Werkleitung hat in diesen Jahren auch zahlreiche soziale Maßnahmen getroffen. Eine Kantine für 2000 Personen wurde gebaut. Eine sehr reiche Bibliothek wurde als Einrichtung der Gewerkschaft angelegt. Hinzu kam ein eigener Sportplatz für die Fußballmannschaft des Kombinats, die bis in die zweite Landesliga aufstieg. Auch andere Sportarten wurden gefördert.

Die Facharbeiter wurden in dem eigenen Bildungszentrum ausgebildet. Allein in der Berufsschule wurden 391 Schüler ausgebildet, in der Meisterschule waren es 106 Kursteilnehmer. In dem eigens dafür gebauten Schulungszentrum gab es 15 Klassenräume, 45 Lehrkräfte führten die Ausbildung durch. Mehrere Fachleute aus dem Fogarascher Chemiekombinat wurden zum Ausbau anderer Chemiewerke aus dem Land herangezogen. Einige der hiesigen Spezialisten stiegen landesweit in leitende Positionen, einschließlich als Minister der Chemieindustrie, auf. Auch Fachleute, die der deutschen Minderheit angehörten, waren in Leitungsfunktionen im Werk, da sie für ihre fachliche Ausbildung sehr geschätzt wurden. Ein Großteil der Produktion fand ausländische Abnehmer. Der Export war auch durch die Mitgliedschaft des Landes im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe gesichert. 

Heute sind auf dem Gelände des ehemaligen Chemiekombinats nur noch wenige Anlagen in Betrieb, die von der Gruppe InterAgro gekauft wurden und in denen chemische Düngemittel erzeugt werden. Rund 500 Arbeitnehmer haben da noch eine Beschäftigung. Für das wirtschaftliche Potenzial der Stadt ist das aber nicht von großer Bedeutung. Viele der ehemaligen Arbeiter des Chemiewerkes sind im Rentenstand und erinnern sich voller Nostalgie an das gewesene Großunternehmen. Andere sind wieder zu Landwirten geworden und bearbeiten die zurückerstatteten Grundstücke in ihren Herkunftsdörfern. Es sind beredte Beispiele eines Transformationsprozesses, der nicht für jeden nur Positives mit sich brachte.

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