Er förderte besonders Wissenschaftler aus Rumänien

Nachruf auf Wolfgang Schuller (3.10.1935 – 4.4.2020)

Wolfgang Schuller Foto: Sigurd Rubel

Am 4. April ist der renommierte Historiker und Publizist Wolfgang Schuller mit 84 Jahren gestorben. Einem breiten Lesepublikum war er sowohl als Autor populärer Bücher zu Themen und Gestalten des Altertums, etwa durch Biografien von Cicero und von Kleopatra (letztere ist auch auf Rumänisch erschienen), als auch als scharfsinniger Kommentator des Zeitgeschehens und der jüngeren Geschichte bekannt.

Wolfgang Schuller wurde zwar 1935 in Berlin geboren, aber wenn er ein wenig früher zur Welt gekommen wäre, wäre aus ihm ein waschechter Hermannstädter geworden. Denn sein Vater, ein Mediziner, entstammte einer alteingesessenen siebenbürgisch-sächsischen Familie und wanderte noch vor der Geburt des Sohnes Wolfgang von der Stadt am Zibin nach Deutschland aus, um eine Privatklinik zu gründen. Diese Familienherkunft begründete auch die lebenslange Verbindung des „gelernten“ Juristen und späteren Professors für Alte Geschichte zum Land seiner Vorväter. Die Freundschaft seines Vaters zum Schriftsteller Erwin Wittstock begründete eine Familienverbindung, die trotz des Eisernen Vorhangs auf die nächste Generation überging. Der junge Absolvent der juristischen Fakultät bereiste schon in den 60er Jahren unter abenteuerlichen Umständen Siebenbürgen und Hermannstadt, um auch wieder an alte Kontakte anzuknüpfen, die nach Erlangung der Freiheit für alle Bürger Europas nach 1989 wieder intensiver gepflegt werden konnten.

Schon während seiner Zeit als Assistent und Doktorand an der juristischen Fakultät in Hamburg widmete er sich seiner Leidenschaft, der Geschichte des Altertums. Ein einschlägiges Zweitstudium begann er in Hamburg und schloss es in Berlin an der FU ab, wo er sich 1971 im Fach Alte Geschichte habilitierte. Zunächst Professor für dieses Fach an der pädagogischen Hochschule in Berlin, ab 1976 dann bis zu seiner Emeritierung 2004 als Ordinarius an der neu gegründeten Universität Konstanz, widmete er sich einer eindrucksvollen Forschungs- und Publikationstätigkeit, die nicht nur sein Lehrfach mit all seinen Facetten umfasste, sondern mit den Jahren eine geradezu enzyklopädische Breite gewann. Während in Deutschland viele Intellektuelle seit den 1960er Jahren mit dem Kommunismus sympathisierten und ihren inneren Frieden mit einem geteilten Europa gemacht hatten, war Wolfgang Schuller immer ein streitbarer Antikommunist und Kämpfer für die deutsche Einheit, der aus seinem berechtigten Abscheu gegenüber den als Rechtsstaaten getarnten Unrechtsregimen östlich der Elbe keinen Hehl machte und dies sogar wissenschaftlich mit seiner juristischen Promotionsarbeit über das perfide politische Strafrecht der DDR untermauerte. Gerade diese Einstellung war es, die gemeinsam mit seinen siebenbürgischen Wurzeln dafür sorgte, dass er zu Zeiten, als fast niemand an deutschen Universitäten etwas mit Osteuropa und Osteuropäern zu tun haben wollte, osteuropäische Wissenschaftler und besonders solche aus Rumänien förderte. Unter heute unvorstellbar schwierigen Bedingungen gelang es ihm, in den 80er Jahren Tagungen in Konstanz und anderswo in Deutschland zu organisieren, zu denen Forscher aus Rumänien nach komplexen Visaverhandlungen anreisen konnten. In diesem Zusammenhang hat er für die rumänische Altertumswissenschaft Herausragendes geleistet und die griechischen und römischen Altertümer aus dem heutigen Rumänien, die in der wissenschaftlichen Diskussion im Westen ein Schattendasein führten, einem größeren Fachpublikum nahe gebracht. Aus den Tagungen der 80er Jahre gingen gediegene Publikationen hervor, etwa „Histria. Eine Griechenstadt an der rumänischen Schwarzmeerküste“ und „Siebenbürgen zur Zeit der Römer und der Völkerwanderung“. Eine besonders innige Freundschaft pflegte er mit dem Archäologen und Historiker Petre Alexandrescu, dem Leiter der Ausgrabungen in Histria.

Als renommierter Vertreter seines Faches und als Autor des grundlegenden Lehrbuchs zur griechischen Geschichte, das jeder deutsche Student zur Examensvorbereitung benötigte (Griechische Geschichte, Oldenbourg Grundriss der Geschichte), genoss Schuller hohes Ansehen über die engeren Grenzen der Disziplin hinaus. Dazu trug auch die „Wende“ von 1989/90 bei, die er, der so viel durch die DDR und osteuropäische Staaten gereist war und über ein großes Netzwerk an Freunden jenseits des Eisernen Vorhangs verfügte, schon viel früher hatte kommen sehen als die meisten professionellen Auguren aus Politik und Presse. Dass die Deutsche Einheit dann am 3. Oktober 1990, an seinem 55. Geburtstag, vollzogen wurde, betrachtete er als schicksalhafte Fügung und nicht als Zufall. Nach der Wende waren seine Spezialkenntnisse zum Strafrecht der DDR sehr gefragt, und er wurde Mitglied in vielen Kommissionen, die sich um die praktischen Fragen der Wiedervereinigung kümmern mussten. Die DDR-Vergangenheit wurde nach 1990 zu einem weiteren Forschungsgebiet des vielseitigen Historikers. Mit dem Buch „Die deutsche Revolution 1989“ (2009) hat er den vielen unbekannten Helden der Wendezeit ein Denkmal gesetzt, indem er die zahlreichen lokalen Oppositionsgruppen, die in kleinen Städten der DDR entstanden waren, und ihren Beitrag zum Sturz des SED-Regimes würdigte. Nach der „Wende“ konnte er seinen Freunden aus dem Osten Europas noch direkter helfen und viele Kollegen genossen seine Gastfreundschaft in Konstanz und konnten Gastaufenthalte am Bodensee genießen oder in den von ihm betreuten Buchreihen wichtige Beiträge auf Deutsch und Englisch publizieren, die rumänische Altertümer im Westen bekannter machten, zu nennen wären etwa Bücher von Alexandru Avram, Vasile Lica, Silviu Sanie und anderen. Eine ganz entscheidende Rolle hatte er bei der Begründung der Universitätspartnerschaft zwischen seiner Alma Mater und der Alexandru-Ion-Cuza-Universität in Jassy. Der Jassyer Germanist Andrei Corbea-Hoișie, der 1986 als Humboldt-Stipendiat in Konstanz weilte, konnte auf den neuen Freund und rumänophilen Altertumswissenschaftler zählen, als es um die Umsetzung seiner Idee einer Universitätspartnerschaft ging, die – nach einigen Wirren im Wendejahr, als eine deutsche Delegation wieder abreisen musste – seit 1994 besteht. Hunderte von Studenten und Lehrenden aus Jassy haben seitdem von dieser Partnerschaft profitiert, die besonders in der Transitionszeit, den 90ern und in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends, essentiell für die Weiterentwicklung der ältesten Universität Rumäniens war. Der Senat der Cuza-Universität verlieh dem Mitbegründer dieser Partnerschaft für seine Verdienste die Würde einer Ehrenprofessur in Jassy und ernannte ihn auch zum Ehrensenator. Neben dem Absolventen der Universität Jassy, dem aus Zeiden stammenden Mihaly-Loránd Dészpa, der von Wolfgang Schuller promoviert wurde und dann in Deutschland blieb, ist auch der Verfasser dieses Nachrufs, der den umgekehrten Weg ging, ein konkretes Produkt dieser Partnerschaft und der Bemühungen von Wolfgang Schuller um die deutsch-rumänische Freundschaft. Voller Tatendrang und mit vielen Plänen zu weiteren Forschungen und mit einem Buch über die Apostelgeschichte in der Feder ist Wolfgang Schuller nun kurz vor Ostern gestorben. Viele rumänische Kollegen und Freunde sind dem geistreichen und immer liebenswerten Fast-Hermannstädter zu großem Dank verpflichtet und werden sein Andenken in Ehren halten.

 

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