Erlebte Geschichte der Deutschen in Bukarest

Buchpräsentation und Rundtischgespräch über die deutsche Minderheit

Ein Rundtischgespräch über die deutsche Minderheit in Bukarest fand letzte Woche im Schillerhaus statt. Die Vorstellung des Buches „Vom Rand ins Zentrum“, das dieses Jahr im Berliner Verlag Frank & Timme erschienen ist, bot den Anlass dazu. Angelika Herta, Österreich-Lektorin am Bukarester Germanistiklehrstuhl, und Martin Jung, Promotionsstipendiat am Graduiertenkolleg für südosteuropäische Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, sind die zwei Herausgeber des neu veröffentlichten Buches. Beim Rundtischgespräch nahmen Christiane Cosmatu, Vorsitzende des Bukarester Forums, Andrei Avram, ehemaliger ADZ-Mitarbeiter, und Martin Jung teil. 

Diskutiert wurde vor allem das Oral-History-Projekt, das dem Buch zugrunde liegt. Oral History, also erlebte Geschichte, ist die Methode, für die sich die zwei Herausgeber entschlossen haben. Das Interessante an dem Projekt ist, dass Interviews mit Angehörigen der deutschen Minderheit in Bukarest, die man im Buch nachlesen kann, als historische Quellen betrachtet werden. Die Interviews wurden ohne Fragebogen, also frei geführt und durch wissenschaftliche Beiträge über Migrationsgeschichte, Sprache und Identität, Fremd- und Selbstbilder, Literatur der deutschen Minderheit usw. erklärend unterstützt. „Wie deuten einfache Menschen ihr Leben?“ sei, so der Herausgeber Martin Jung, die zentrale Fragestellung aller Interviews gewesen. 

Im Gegensatz zu anderen Ansätzen zur Bearbeitung von Geschichte befinden sich also in der Oral-History-Methode Alltagswelten, Lebenswirklichkeiten und subjektive Wahrnehmungen im Zentrum der Betrachtungen. Abgedruckt wurden die Interviews unkorrigiert, sodass sie alle Merkmale der Oralität enthalten und die deutsche Sprache Interferenzen mit dem Rumänischen aufweist, wie im folgenden Auszug aus dem Interview mit Frau M., geboren 1943 in Reschitza: „So bin ich in die Bãrãtia gekommen, das war 1987. Da habe ich gehört, dass es eine deutsche Messe gibt, und, na ja, dann habe ich halt angefangen, auch regelmäßiger zu gehen in die Kirche. 1990, also nach 1989, wurde alles anders. Man hat dann schon gespürt, dass, ja, es ist wieder wichtig, dass man in die Kirche regelmäßig geht, dass man, was weiß ich, den Kontakt mit den anderen wieder aufnimmt usw.”

Der Titel „Vom Rand ins Zentrum“ wurde im Rundtischgespräch ebenfalls erläutert: Er deutet auf den Migrationshintergrund der meisten in Bukarest lebenden Deutschen, die aus Dörfern und Kleinstädten nach Bukarest zogen. Die Bukarester Deutschen bildeten, so Martin Jung, eine zusammengewürfelte Gesellschaft aus Sachsen und Schwaben, Katholiken und Protestanten, die sich durch drei in Interviews immer wiederkehrenden Eckdaten mit dem Deutschsein identifizieren würden, nämlich mit Schule, Kirche und Kultur. Christiane Cosmatu begrüßte das Erscheinen dieses Buches und meinte, es habe ihr viele Anregungen für die Arbeit des Forums geliefert, wie es in Bukarest mehr Präsenz zeigen könnte. Insgesamt regte die Buchvorstellung das anwesende Publikum zu Diskussionen an über berühmte Bukarester Deutsche, den Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, die katholische und die protestantische Kirchengemeinschaft in Bukarest, die kaum miteinander Kontakt haben usw. 

Eine der Schlussfolgerungen, die sich aus dem Gespräch mit dem Publikum ergab, war die Notwendigkeit der Übersetzung dieses Buches über die deutsche Minderheit in die rumänische Sprache. Das sei eine gute Möglichkeit, die Deutschen in Bukarest vom Rand ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.
 

Herta, Angelika; Jung, Martin (2011): „Vom Rand ins Zentrum. Die deutsche Minderheit in Bukarest“. Reihe Forum: Rumänien, Frank & Timme, Berlin

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