Evangelische Kirche bittet um Hilfe für Alzen

USR-PLUS-Bündnis setzt stärker als PNL auf Kulturerbe

Hermannstadt - „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ – auf dem Prospekt der 1770 von Johannes Hahn erbauten Orgel der evangelischen Kirche der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburg von Alzen/Alcina/Alțâna im Harbachtal/Hortobágy/Valea Hârtibaciului ist der Schlussvers des Psalters deutlich zu erkennen. Doch die gotische Gewölbedecke, die Mittwoch, am 4. November, einstürzte, hat dem edlen Instrument, das letztmalig 2013 von Orgelbauer Hermann Binder (Hermannstadt/Sibiu) revidiert worden war, den Atem verschlagen. Obwohl der original erhaltene Blasebalg kaum mehr als ein paar Schrammen abbekommen hat, wird die einmanualige Orgel mit angehängtem Pedal wohl eine Zeitlang keine Klänge erzeugen können. Die auf der Empore und im Mittelschiff der prächtigen Dorfkirche nunmehr stumm liegenden Schutthaufen stellen die evangelische Ortsgemeinde, Kuratorin Rosemarie Müller sowie die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) vor eine seelisch und verwaltungstechnisch zugleich anstrengende Aufgabe immobiler Reparation. Stefan Bichler, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der EKR, und Jürg Leutert, Musikwart der EKR, haben Donnerstag, am 5. November, in Begleitung von Kamerateams nationaler Fernsehkanäle eine Fahrt an den Ort des verheerenden Gebäudeunfalls, der sich glücklicherweise in Abwesenheit von Menschen ereignete, unternommen.

Die Bilder der traurigen November-Dienstfahrt in eine der bekanntesten Ortschaften des Harbachtales, das sich vor fünf Monaten unvermittelt vom Agnethler evangelischen Pfarrer Reinhardt Boltres (52 Jahre), der an den Folgen eines nicht von ihm selbst verursachten Autounfalls starb, hatte verabschieden müssen, sind auf dem Youtube-Kanal „Organs in Transylvania“ zu sehen. Das Gehäuse der Alzener Johannes-Hahn-Orgel steht zwar noch, birgt im Augenblick aber zu wenig unbeschädigte Pfeifen, mit denen sich Choräle und Gottesdienste im Akkord begleiten ließen. Sitzend oder gar spielend auf der Orgelbank vor dem Manual, dem Pedal und den Registerzügen des mechanisch betriebenen Kircheninstruments Platz zu nehmen, ist derzeit weder denkbar noch körperlich möglich. Schwere Steinbrocken der eingestürzten Gewölbedecke versperren den Zugang zu genau denjenigen Bestandteilen der Orgel, die für eine erhebende Klangerzeugung unabdingbar sind.

Noch vor Freitag, dem 6. November, hat die Stiftung Kirchenburgen der EKR einen Spendenaufruf für Alzen veröffentlicht. Ab sofort ist es möglich, von überall auf der Welt Geldbeträge auf ein Euro-Konto oder ein Konto in rumänischen Lei der Funda]ia Biserici Fortificate zu überweisen. Die Kontodaten und der leicht zu merkende Wortlaut des Verwendungszwecks sind unter der Rubrik Aktuelles der Homepage kirchenburgen.org zu finden.

Trotz Einsturz des gotischen Kirchendeckengewölbes von Alzen hat es die siebenbürgisch-sächsische Kulturlandschaft indessen nicht nötig, sich in eine unkende Weltuntergangsstimmung hineinzusteigern. Denn das Dachgestühl und die Dachhaut der evangelischen Dorfkirche haben zum Zeitpunkt des Unfalls keinen Schaden genommen, der die bauliche Integrität der Kirche infrage stellt. Architekt Eugen Vaida und ein Freiwilligen-Team des von ihm geleiteten Vereins „Ambulan]a pentru Monumente“ hatten den Dachboden und die Ziegeldecke der Alzener evangelischen Kirche im Sommer 2017 generalüberholt. Nicht mehr ausreichend vor Nässe schützende Holzteile und Dachziegel wurden dabei durch neues Material ersetzt. Ein bereits mehr als 36 Monate zurückliegender Arbeitsaufwand, dessen Sauberkeit sich in der nahen und mittleren Zukunft der EKR in Alzen bezahlt machen wird.

Zum Freiwilligen-Team der „Ambulanța pentru Monumente“, das sich im Juni 2017 am Dach der evangelischen Kirche von Alzen verdingt hat, zählte auch Diana Mureșan, neugewählte Stadträtin von Hermannstadt und Mitglied des pro-europäischen Bündnisses der Union Rettet Rumänien (USR) und der Partei für Freiheit, Einheit und Solidarität (PLUS). Am Rande des Unfalls von Alzen teilt die EKR auf ihrem Facebook-Account eine Stellungnahme von Senator und USR-PLUS-Bündnismitglied Vlad Alexandrescu, der von 2015 bis 2016 unter Ex-Regierungschef Dacian Cioloș als Kulturminister gedient und Staatspräsident Klaus Johannis schriftlich um mehr finanzielle Wertschätzung für das Kulturerbe Rumäniens gebeten hatte. Vlad Alexandrescu betont noch heute, das Ansuchen vergeblich vorgebracht zu haben. Der vormalige Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), Ex-Bürgermeister von Hermannstadt und seit November 2014 im Namen der Nationalliberalen Partei (PNL) amtierende Staatspräsident soll gar ein Mitglied seines Beraterstabs damit beauftragt haben, Vlad Alexandrescu zu erklären, dass die Forderung nach mehr geldlicher Unterstützung für das Kulturerbe nicht opportun sei. Der Ex-Kulturminister ist jedoch im Bilde über den aktuellen Schaden von Alzen und hält an besagter Forderung fest.
 

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