Frauen vor und hinter der Kamera

Zehn Tage „One World Romania“ – Festival für Dokumentarfilm und Menschenrechte

Das Internationale Festival für Dokumentarfilm und Menschenrechte „One World Romania“ findet zwischen dem 11. und 20. Juni in Bukarest statt, vom 21. bis 27. Juni sind zahlreiche Streifen online zu sehen.

Als Ableger des Filmfestival mit Menschenrechtsthematik „One World“ aus der Tschechischen Republik, das seit 1999 stattfand, anfangs unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Präsidenten Václav Havel, entwickelte sich OWR Bukarest rasch zu einem selbständigen Festival. Vor der Pandemie kamen bei jeder Edition rund 14.000 Zuschauer, um die Filme und Gäste aus aller Welt zu sehen. Im Vorjahr passten sich die Veranstalter der Festspiele an die neuen Bedingungen an und strahlten Filme online aus. Nicht weniger als 42.300 Mal wurden die Live-Ereignisse auf der Facebook-Seite des Festivals gesichtet. Die Streifen wie auch die darauf folgenden Debatten und Diskussionen zu aktuellen Problemen weltweit, bei denen das Publikum mit Filmemachern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen oder mit Darstellern in Dialog tritt, tragen zur wachsende Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft bei.


Am 11. Juni beginnt das Internationale Festival für Dokumentarfilm und Menschenrechte „One World Romania“ (OWR) in Bukarest. Dieses wird bis zum 20. Juni in fünf Innenräumen sowie unter freiem Himmel stattfinden. Eine Online-Version bietet Filmliebhabern aus ganz Rumänien die Gelegenheit, eine große Zahl der Produktionen aus aller Welt zwischen dem 21. und dem 27. Juni auch vor dem Bildschirm zu verfolgen. Hauptthema des Festivals ist die Position von Frauen vor und hinter dem Apparat, der ihr Bild auf dramatische Weise ge- und verformt hat, ihr aber oftmals auch als Befreiungsinstrument diente: die Videokamera. Die meisten Streifen im Programm stammen von Filmemacherin-nen. Wie schon bei den letzten Editionen der Festspiele werden auch bei der 14. Auflage des Ereignisses brennende Themen wie Justiz, Migration, Flucht, sowie benachteiligte Gruppen wie Autisten oder LGBTQ (Abkürzung und Sammelbegriff für verschiedene sexuelle und geschlechtliche Minderheiten) unter die Lupe genommen. Jeder Ausstrahlung folgt eine Debatte oder Diskussion mit Experten, Filmemachern oder Darstellern. Auch werden Sonderveranstaltungen für das Publikum vorbereitet. 

Rückblick: Ulrike Ottinger – Kino ohne Grenzen

Eine besondere Sektion des OWR ist der avantgardistischen deutschen Filmemacherin, Malerin und Fotografin Ulrike Ottinger (Jahrgang 1942) gewidmet: „Ulrike Ottinger – Kino ohne Grenzen“. Zehn ihrer Filme werden im Rahmen des Festivals ausgestrahlt und mit Film-Experten besprochen. Ottingers neuestes Werk, das autobiografische Film-Essay „Paris Calligrammes“ (2020), das seine Weltpremiere 2020 im Rahmen der 70. Internationalen Berliner Filmfestspiele hatte und bereits mehrere internationale Auszeichnungen erhalten hat, läuft in der Eröffnung des Festivals, am 11. Juni. 

„Ich war 20 Jahre jung und mit dem festen Ziel nach Paris gekommen, eine große Künstlerin zu werden.“ Mit dieser Aussage beginnt die Künstlerin ihre Erinnerung an die als junge Frau in Paris verlebte Zeit zu erzählen. Sie folgt im Film den Spuren ihrer Heldinnen und Helden, und „wo immer ich sie fand, werden sie in diesem Film erscheinen“. Viele ihrer Begegnungen und Gespräche mit Intellektuellen und Künstlern und Künstlerinnen jeglicher künstlerischer und politischer Richtung, Herkunft und Nationalität fanden im weltbekannten deutschen Antiquariat „Librairie Calligrammes“ des jüdischen Exilanten Fritz Picard statt. Durch akustisches und visuelles Archivmaterial, sowie durch eigene Werke, lässt sie die 1960er Jahre in der französischen Hauptstadt wieder aufleben. Der Film ist ein Muss. Er ist am Freitag, dem 11. Juni, um 19 Uhr, im „Elvire Popesco“-Kino in Bukarest zu sehen. Über das Meisterwerk wird die Leitung des Festivals, Vanina Vignal und Andrei Rus nach der Ausstrahlung sprechen. Weitere neun von Ottingers Filme sind zwischen dem 12. und 20. Juni zu sehen. 

„Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ 

Eine der Darstellerinnen aus Ottingers Filmen, mit der diese eine jahrelange Zusammenarbeit hatte, ist Delphine Seyrig, Ikone des Nouvelle Vague. Der französischen Schauspielerin und Feministin sowie ihrem komplexen Einsatz in Frauenbefreiungsbewegungen wird bei OWR auch besondere Aufmerksamkeit geboten. Ausstrahlungen wichtiger Filme, in denen sie spielt, haben bereits im Mai als Warm-up für das Festival stattgefunden, weitere vier Leinwandgeschichten sind ab dem 11. Juni zu sehen. 
Seyrig war im internationalen Rampenlicht seit ihrem Erfolg in Alain Resnais „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961), es folgten Kooperationen mit einigen der erfolgreichsten Regisseure wie Luis Buńuel, François Truffaut, Marguerite Duras oder Chantal Akerman. 

Ihr Einsatz für die Rechte der Frauen schließt auch die Gründung des Videokollektivs „Les Insoumuses“ (1975) und wenige Jahre später des „Centre audiovisuel Simone de Beauvoir“ ein, die sie gemeinsam mit Regisseurin Carole Roussopoulos und Aktivistin Ioana Wieder ins Leben rief. Letzteres ist bei OWR im Fokus, unter dem Titel „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ (Femeie nu te na{ti, ci devii). Die bekannte Aussage stammt aus dem Werk „Das zweite Geschlecht“ der französischen Philosophin Simone de Beauvoir, das den Grundstein der modernen Geschlechterforschung legte und die zweite feministische Welle stark beeinflusste. Über zwei der fünf Filme aus dem genannten Archiv, die in Bukarest ausgestrahlt werden, sowie über das Hauptthema des Festivals kann das Publikum mit der Koordinatorin des Zentrums, Nicole Fernández Ferrer, sprechen. 

Das Audiovisuelle Zentrum Simone de Beauvoir ist als Archiv von Videos und Filmen der Frauenrechtsbewegung gedacht, ermöglicht Workshops und Filmanalysen, unterstützt Filmproduktionen zu Themen wie Feminismus und LGBTQ. Das Archiv schließt auch Filme ein, die vor dessen Gründung entstanden. 

Mach einen Film mit einem Flüchtling

16 Studierende der Bukarester Theater- und Filmhochschule „Ion Luca Caragiale“ haben, in Gruppen aufgeteilt, fünf Filme über Flüchtlinge, die in Rumänien leben, realisiert. Während der letzten zwei Jahre haben sie, unter dem Mentoring der Filmemacherinnen Adina Pintilie, Vanina Vignal und Ivana Mladenovi?, die Hauptgestalten ihrer Geschichten mit der Kamera begleitet. Über ihre künstlerische Erfahrung, wie auch über die Schwierigkeiten und Freuden von Ammar, Z. und Amer Abdo aus Syrien, von Aime aus Kongo und Fatima aus Afghanistan bei ihrem Versuch, ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen, berichten die Produktionen. Diese, oder Teile davon, werden am 19. Juni, in der Filmhochschule, vorgeführt.

Das Pilot-Projekt des OWR läuft in Partnerschaft mit dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen (UNHCR) und der Bukarester Filmhochschule und hat als Ziel, Studierenden künstlerisches Mentoring und Unterstützung bei der Produktion von kreativen Filmen zu gewährleisten. Für das gute Gelingen der Initiative haben u.a. eine intensive Werkstätte bezüglich der unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen des Dokumentarfilms und der Hybridmodelle an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion beigesteuert, eine Meisterklasse in Regie und Schnitt, reichliche Informationen über die Flüchtlinge in Rumänien, Eins-zu-Eins-Treffen mit den Mentoren, sowie auch kleine Budgets für die Durchführung des gesamten Entstehungsprozesses der Filme. Weitere Informationen zum Festival sind auf oneworld.ro zu finden.
 

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