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Gemeinschaftssinn im Wandel der Zeit

70 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland: Was ist das Geheimnis ihres Zusammenhalts?

Der Siebenbürgische Chor Baden-Württemberg vor der von Bundeskulturreferent Hans Werner Schuster konzipierten Ausstellung „Für die Gemeinschaft einstehen – 70 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen“, Dinkelsbühl 2019 Fotos: George Dumitriu

Dr. Florian Kührer-Wielach hielt in Dinkelsbühl eine brilliante Rede über den Verband der Siebenbürger Sachsen.

Berühmt ist der Gemeinschaftssinn der Siebenbürger Sachsen. Historisch erklärbar durch die Notwendigkeit von dörflicher Disziplin und Zusammenhalt für das Überleben der Siedler in der Fremde, aber auch durch ihre Rolle als Verteidiger Siebenbürgens gegen die Einfälle der Türken und Tataren. Hingegen mag man sich wundern, dass ihn noch viele jener hochhalten, die schon lange nicht mehr in der alten Heimat leben, sondern – bestens integriert – in Deutschland. Sichtbarstes Zeichen dieses Gemeinschaftssinns ist der jährlich an Pfingsten begangenen Heimattag in Dinkelsbühl: An die 24.000 Teilnehmer trafen sich dort allein in diesem Jahr wieder, über zehn Prozent der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen. In den Rekordjahren 1990 und 2015 waren es rund 25.000. Dabei liegt der Massenexodus aus Rumänien nun fast 30 Jahre zurück! Trotzdem wirkt die alte Heimat bis heute identitätsprägend und verbindend, selbst in der Generation der in Deutschland Geborenen. Eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und immer wieder Neuschaffung dieses Wir-Gefühls spielt der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, der heuer 70-jähriges Jubiläum feiert.

An Mitgliedermangel leidet der 1949 gegründete Verband, dem als Bundesvorsitzende Herta Daniel vorsteht, bis heute nicht: 19.574 Mitgliedsfamilien sind in acht Landesgruppen und 98 Kreisgruppen organisiert, es gibt über 50 Chöre und Singkreise, 25 Blaskapellen, 22 Kultur- und Theatergruppen.  Das optische Highlight der kulturellen Aktivitäten ist der Trachtenumzug am Heimattag: Dieses Jahr defilierten ca. 3100 Teilnehmer in 115 Trachtengruppen – eine Rekordzahl – vor der Kulisse der schönsten Altstadt Deutschlands. Frauen, gebockelt, geschleiert oder mit dem schwarzen Borten auf dem Kopf, von dem bunte Bänder baumeln, dekoriert mit Tüchern, steinbesetzten goldenen  Gürteln und Hefteln – wer wäre darauf nicht stolz? Männer schwitzen in prächtigen Kirchenmänteln aus Schaffell. Die Kleinsten werden in hölzernen Leiterwagen gefahren, umgeben von Kissen. „Siebenbürgen, süße Heimat“ steht auf einem in Kreuzstich. Junge Mädchen verstoßen schon mal gegen die Regeln und tragen offenes Haar statt Zöpfen. Aber es gibt sie, die Jugend!

Was verbindet die in Deutschland Geborenen mit einem Wir-Gefühl, das auf der Verbindung zu einer nie gekannten Heimat beruht? Einem Siebenbürgen, das für immer verlassen wurde, zu dem es kein Zurück gibt, zu viel hat sich inzwischen hier und dort verändert - höchstens einen Neubeginn, den nur wenige wünschen und noch weniger wagen. Doch fragt man jene, die Siebenbürgen noch erlebt haben, was sie am stärksten vermissen, kommt meist wie aus der Pistole geschossen: die Gemeinschaft!

„Ein erster Schritt, wieder Akteur zu werden“

Gemeinschaft in nächster Nähe mag man als selbstverständlich erleben. Gemeinschaft mit  über ein Land hinweg Verstreuten hat etwas Virtuelles, das aktiv gewünscht und gepflegt werden muss - ein beträchtlicher Aufwand in den Zeiten vor  Social Media. Waren es die zerrissenen Familien nach Fluchtbewegungen, Vertreibungen und Deportation nach dem Zweiten Weltkrieg, dann die lange Trennung durch den Eisernen Vorhang, die diesen nachhaltigen Wunsch auslösten? Ist dies der Grund, warum sich ausgewanderte Siebenbürger Sachsen vor 70 Jahren zusammenfanden, um „im ersten möglichen Moment des Grundgesetzes, 1949“ - den Verband ins Leben zu rufen, fragt Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche  Kultur und Geschichte Südosteuropas (IGKS) an der LMU München, in seiner Rede mit dem Titel „Weil etwas fehlt“ auf der Festveranstaltung zum Jubiläum in Dinkelsbühl. Und folgert: Es war „ein erster Schritt, um wieder ein Akteur zu werden. Sich gegenseitig Hilfe zu leisten in einer Zeit, in der nicht etwas, sondern es an nahezu allem fehlte.“

„Man hat früh verstanden, dass Kommunikation über Räume hinweg das Wichtigste ist, um aus den ‚Splittern der Splitter eines Spiegels‘ einen Spiegel zu formen“, fährt er fort. Hierbei sei die Rolle der 1950 gegründeten „Siebenbürgischen Zeitung“ kaum zu überschätzen. Mit einer aktuellen Auflage von 20.000 Exemplaren, die in 16 Länder ausgeliefert wird, seit 2002 gibt es sie auch online, ist sie die Plattform dieser virtuellen Gemeinschaft. Ausgelebt wird diese in unzähligen Treffen verschiedener Heimatortsgemeinschaften – und in großem Stil auf dem Heimattag.

Auf der Suche nach Sicherheit und Neuanfang

Erste Zellen von Siebenbürger Sachsen schlossen sich bereits 1945 zusammen, auf der Suche nach Sicherheit, bereit für einen Neuanfang unter widrigsten Bedingungen. Die Ausstellung zum 70. Verbandsjubiläum und ihre Begleitbroschüre „Für die Gemeinschaft einstehen“ zeigen Bilder von Landsleuten im zerbombten München, „Notgemeinschaften“ im Lager Sonne in Schwarzenbach, Halberdhütten im Lager Neukirchen oder den Treck der im Winter 1944 evakuierten Deutsch-Zeplinger, die mit Pferdewägen und zu Fuß an der Grenze zum Deutschen Reich ankamen. Rund 50.000 Siebenbürger Sachsen gab es nach 1945/46 auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik: Evakuierte aus Nordsiebenbürgen und sechs Dörfern Südsiebenbürgens; entlassene Kriegsgefangene der Deutschen Wehrmacht; etwa die Hälfte der 30.000 in die Sowjetunion Deportierten, die bis 1949 in den von den Sowjets besetzten Teil Deutschland entlassen wurden und in das Gebiet der späteren BRD weitergewandert waren; sowie einige Tausend, die sich schon in der Zwischenkriegszeit dort niedergelassen hatten.

Die wichtigste Gründung war die 1945 vom Siebenbürger Sachsen Dr. Otto Appel ins Leben gerufene  „Beratungsstelle für Südostdeutsche“ im Präsidium des Bayerischen Roten Kreuzes, die als Suchdienst für zerrissene Familien  fungierte, Zuzugsgenehmigungen und Wohnraum beschaffte und Dokumente übersetzen half. Ihre Aufgaben wurden 1947 kurzfristig vom „Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben“ übernommen, bis das Grundgesetz 1949 die Gründung von Vereinen erlaubte. In München entstand der „Verband der Siebenbürger Sachsen“, der sich bald auf ganz Deutschland ausdehnte.

Der erste Heimattag in Dinkelsbühl 1951 – unter Beteiligung von 4000 Landsleuten - war ein überwältigender  Erfolg. 1952 zählte der Verein rund 5000 Mitglieder. Seither fand  der Heimattag (mit zwei Ausnahmen) jährlich in Dinkelsbühl statt, mittlerweile mit Siebenbürgen - Partnerstadt ist Schäßburg/Sighișoara - verbrüdert.

Geschickte Öffentlichkeitsarbeit

Der Verband betrieb geschickte Öffentlichkeitsarbeit und suchte den Kontakt zu öffentlichen Stellen bis hin zur Bundesregierung. Auch zum Heimattag werden stets Politiker eingeladen - Plattform für eine Profilierung des Verbands vor den Mitgliedern. Aufgaben waren von Anfang an Inteessensvertretung sozialer, wirtschaftlicher, aber auch rechlicher Natur. „Gemeinsam mit dem Bund der Vertriebenen agierte der Verband im Vorfeld der gesetzlichen Regelungen 1952 bis 1954 ebenso erfolgreich wie bei deren Umsetzung: Anerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, Vertriebenengesetzgebung, Lastenausgleich“, erklärt Herta Daniel. Ein Meilenstein für den Verband war auch die Übernahme der Patenschaft durch das Land Nordrhein Westfalen im Jahr 1957.

1986 wurde in Dinkelsbühl das „Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen“ gegründet, das nach 1989 offen Hilfssendungen nach Rumänien schicken konnte und zum Mittler für Hilfsmaßnahmen der deutschen Regierung wurde. Hilfe zur Selbsthilfe leistet er seit 1992 mittels Wirtschaftsförderung über die Saxonia-Stiftung.

1990 standen dann erneut Rechtsfragen im Fokus. Als Rechtsanwalt, Vorsitzender und Präsident des Verbandes von 2007 bis 2018 konnte Dr. Bernd Fabritius - auch dank seines Bundestagsmandats - Regelungen zum Nachteil der Aussiedler teils wieder rückgängig machen. Aktuell bewegt das Thema Rentengerechtigkeit die Gemüter im Verband.

Auf kulturellem Gebiet ist die Gründung des Trägervereins „Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck“ 2015 der größte Meilenstein. Durch den Kauf des Schlosses in Gundelsheim mit Spendengeldern gelang es, dem „Siebenbürgischen Museum“, dem Archiv und dem „Siebenbürgen-Institut“ eine Zukunft und einen dauerhaften Sitz zu sichern. Das Schloss befindet sich im Ausbau als Kulturzentrum und Begegnungsstätte, die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant.

Spaltung und Wiederfindung

Vor allem aber war der Verband eine Integrationsmaschine, stellt Kührer-Wielach in seiner Rede klar – und deutet an, dass dieser wohl auch eine Rolle spielte in der Spaltung der Siebenbürger Sachsen zum Thema Auswanderung. Früher war es die Angst, zuerst vom Ungarischen, dann vom Rumänischen assimiliert zu werden, die die Siebenbürger Sachsen in ein intensiveres Deutschtum trieb, erklärt er. In Deutschland brachte dann die Integration die Gefahr des Auf- und Untergehens mit sich: „Aus dem sogenannten ‚Volksstamm‘ drohte bundesdeutsches Kleinholz zu werden.“ Was die Menschen in ihrer Identität vereinte, war  Siebenbürgen. Es wurde „zu einem Phantasma, gleichzeitig zu einem verlorenen Paradies und zu einer Hölle auf Erden, aus der die verbliebenen Sachsen gerettet werden mussten“. Lange spalteten Fragen wie „rausholen oder vor Ort unterstützen“, „bleiben oder gehen“, die  Landsleute hier und dort.  Nach der Wende, als der Massenexodus einsetzte, wurde die Kluft noch größer. „Während der Verband und seine Zeitung seine höchsten Mitglieds-, Teilnehmer-, und Abonnentenzahlen erreichte, rang man in Siebenbürgen zunehmend um Präsenz und Existenz“. Doch bald sollte man seitens des Verbandes erkennen: Ein Leben außerhalb Siebenbürgens war zwar möglich - doch keines ohne Siebenbürgen. Ein neuer Pragmatismus belebte die Beziehungen zwischen den Sachsen in Deutschland und Rumänien, analysiert der Wissenschaftler. Die verbliebenen, entfremdeten Landsleute wurden zu „Gralshütern“ der alten Heimat. Der Verband, der „vielleicht einst manches zur Entfremdung beigetragen hatte“, leistet fortan einen veritablen Beitrag zur neuen Einigkeit.

Was fehlt?

Was fehlt, ist Siebenbürgen. Doch Siebenbürgen ist seit der EU-Mitgliedschafts Rumäniens wieder in greifbare Näge gerückt. Für die Jugend gibt es die Möglichkeit eines Studiums, Praktikums oder Austauschjahrs, Senioren können mit der deutschen Rente in Rumänien gut leben. Viele eigentlich Ausgewanderte führen tatsächlich ein Leben in beiden Räumen, als „Sommersachsen“ oder beruflich zwischen den Ländern aktiv. „Die große Chance, nicht auf das Phantasma der Jahrhunderte währenden Kontinuität hereinzufallen, besteht darin, die eigenen biografischen und kollektiven Brüche besser zu verstehen und zu akzeptieren“, meint Kührer-Wielach.

Am Herzen liege ihm auch, dass das siebenbürgische Erbe „weder geschichtsversessen noch geschichtsvergessen“ betrachtet wird. Wichtig auch, die Erfahrungen eines gespaltenen Europas an die Jugend, die dies nicht mehr kennt, weiterzugeben. Aber auch eine „konsequente, professionelle sowie sachliche Aufarbeitung aller braunen und – mit Blick auf die Securitate und ihre giftige (Nach)wirkung – auch roten Flecken in der Verbandsgeschichte“ stünde dringend an. Wobei er auch die Frage stellt: Wie stürzt man ein Denkmal, ohne die Menschen mit den Trümmern zu erschlagen?

Andererseits findet der Historiker: „In einer Welt zunehmender Indifferenz und Beziehungslosigkeit steht die siebenbürgische Sache für Sinn, Bedeutung, Verbindlichkeit.“ Daraus lässt sich eine Rolle mit Zukunftspotenzial ableiten – als  Brückenbauer zwischen den Kulturen, Regionen und Nationen Europas, wie dies ja auch bereits geschieht. Und als Vorbild für Mehrsprachigkeit und multikulturelle Kompetenz , die viele regionale Konflikte verhindert hat – auch wenn man einräumen muss, dass dies weniger aus Idealismus als aus pragmatischen Gründen galt. So könne man die Siebenbürger Sachsen wohl als „ideelle Paten“ eines modernen  Europa betrachten.

 

cffviseu

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Bemerkungen :

  • user
    dan 01.07.2019 Beim 17:20
    Tote können keine Brücken mehr bauen.
    Den Saxen hat man nach 1945 jeden Sinn für Gemeinschaft und Werte ausgetrieben.

    Sie wurden von freien Subsistenzlern, kleinen Bauern und Handwerkern zu einem Volk des Bauernproletariats ohne Eigentum gemacht.
    Argwöhnisch beäugt, immer proviziert und zurechtgewiesen von den rumänischen Nationalsozialisten.
    Gehirngewaschen von 1945-1990.
    Verkauft wie Vieh von Ceausescu.
    Was für Brücken können solche Menschen nach bauen?
    In Deutschland leben die meisten Saxen-Rentner von der Sozialhilfe - in Rumänien sind sie nicht mehr willkommen.
    Oder wie ist zu erklären, dass ihr Eigentum nach 1990 fast vollständig für immer ihnen "legal" enteignet, verkauft - nicht mehr zurückerstattet wurde?
  • user
    dan 01.07.2019 Beim 17:15
    Die Gemeinschaft der Saxen wurde schon nach 1944 fast vollständig vernichtet, als diese nicht nur ihr für ihre Subsistenz notwendiges Eigentum verloren. Sondern deportiert wurden oder - wie die noch in Rumänien aufgegriffene Elite- eingesperrt oder getötet wurde.

    Siebenbürgen ist für die Ausgewanderten nur noch der Ort trauriger Erinnerungen.
    Deswegen kommen wenige Saxen, im Sommer und gehen wieder, ohne Spuren zu hinterlassen, wie es ihre Vorfahren 900 Jahre getan haben.
    Und ihre Baudenkmäler und letzten Reste ihrer Anwesenheit?
    Die werden entweder verschachert von findigen Kirchenoberen an egal wen- Hauptsache es ist kein Saxe- oder gehen kaputt.