Germanistik im Spiegel: Wege und Umwege einer Wissenschaft

Zur Germanistentagung in Klausenburg gehörte auch eine Lesung des aus Rumänien stammenden und heute in Wien lebenden Autors Thomas Perle aus seinem Prosaband „wir gingen weil alle gingen.“, moderiert von Enikö Dácz. Foto: Réka Jakabházi

Am 13. und 14. Juni fand in Klausenburg/Cluj-Napoca eine internationale Jubiläumstagung statt, die von der Germanistikabteilung der Philologischen Fakultät der Babeș-Bolyai-Universität in Verbindung mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München, dem Österreichischen Kulturforum Bukarest und der Österreich-Bibliothek Klausenburg veranstaltet und von der Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde. Das Rahmenthema der Jubiläumstagung lautete „Germanistik im Spiegel. Wege und Umwege einer Wissenschaft“ und beschäftigte sich nicht nur mit aktuellen Fragen und Problemen des Faches, sondern auch mit dessen geschichtlicher Entwicklung, insbesondere im siebenbürgischen Klausenburg.

Bei der Begrüßung der Tagungsteilnehmer aus Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien wies die Leiterin des Klausenburger Departments für Deutsche Sprache und Literatur, Daniela Vladu, nicht nur auf das 100-jährige Jubiläum der von König Ferdinand in Klausenburg gegründeten rumänischsprachigen Universität hin, sondern auch auf das demnächst anstehende 150-jährige Jubiläum der im Jahre 1872 gegründeten ungarischsprachigen Universität in Klausenburg. An beiden Universitäten gab es germanistische Abteilungen, die sich dem Studium der deutschen Sprache, Literatur und Kultur widmeten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Deutschen aus naheliegenden Gründen in Rumänien tabu. Erst Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde sowohl an der rumänischen Universität „Victor Babeș“ als auch an der ungarischen Universität „János Bolyai“ der Lehrbetrieb im Fach Germanistik wieder aufgenommen. Die Vereinigung dieser beiden Universitäten zur Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg im Jahre 1959 – in dem Zusammenhang wäre auch dieses 60-jährigen Jubiläums zu gedenken! – führte dann entsprechend zur Vereinigung der beiden miteinander konkurrierenden Germanistikabteilungen, die damals von Georg Scherg und Harald Krasser geleitet wurden.

Nachdem der Prodekan der Philologischen Fakultät in seiner Begrüßungsansprache die Mehrsprachigkeit der Babeș-Bolyai-Universität hervorgehoben und dabei an den ungarischen Germanistikprofessor Hugó Meltzl (1846-1908) erinnert hatte, wurde der Reigen der wissenschaftlichen Tagungsbeiträge durch den in Klausenburg, aber auch an der ELTE in Budapest, wirkenden Germanisten András F. Balogh eröffnet, der in seinem gelehrten Vortrag über die Anfänge der Klausenburger Germanistik ein breites Spektrum deutscher Erudition in Siebenbürgen entfaltete, von Martin Opitz bis hin zu zeitgenössischen Klausenburger Germanisten, die zum großen Teil nach Deutschland ausgewandert sind. Rita Nagy aus Budapest ergänzte in ihrem Vortrag über die Anfänge des Lehrstuhls für Deutsche Sprache und Literatur in Pest dieses panoramatische Bild noch um historische Hinweise zur Gründung von Germanistiklehrstühlen im Königreich Ungarn.

Die in Tübingen promovierende Literaturwissenschaftlerin Sarah Gaber beschäftigte sich mit der Geschichte der Germanistik im 20. Jahrhundert aus der Perspektive des Briefwechsels zweier bedeutender und miteinander befreundeter Germanisten, Richard Alewyn und Benno von Wiese. Ersterer verlor in der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund seiner jüdischen Herkunft seine Professur in Heidelberg und ging später ins amerikanische Exil, letzterer war NSDAP-Mitglied und Germanistikprofessor während des Dritten Reiches und danach auch in der Bundesrepublik Deutschland, musste sich aber in den sechziger Jahren gegen den Vorwurf des Mitläufertums zur Wehr setzen. Karla Fröhlich aus Klausenburg befasste sich in ihrem daran anschließenden Vortrag mit der literarisch erlebten Mehrsprachigkeit Siebenbürgens in der Zwischenkriegszeit am Beispiel des siebenbürgischen Germanisten Karl Kurt Klein. Weitere Vorträge des ersten Kongresstages beschäftigten sich mit der Germanistik im Zeitalter der Internationalisierung und Globalisierung (Ioan-Mirel Hăbean aus Hermannstadt/Sibiu) und mit der Sprache und der Übersetzung von Werken der deutschen Kinder- und Jugendliteratur (Anita-Andrea Széll aus Klausenburg).

Der Abend des ersten Kongresstages war dann einem besonderen literarischen Ereignis gewidmet. Im Klausenburger Haus der Religionsfreiheit las der aus Rumänien gebürtige und heute in Wien lebende junge Autor Thomas Perle aus seinem Prosaband „wir gingen weil alle gingen.“, in dem er die Auswanderung seiner Familie aus Rumänien nach Deutschland und deren Folgen schildert. Bereichert wurde die Lesung Thomas Perles durch ein Zwiegespräch mit Enikö Dácz vom IKGS, die in einer angenehmen Mischung von Interview, Moderation und Diskussion die Person und das Werk Thomas Perles dadurch noch eindrücklicher zur Geltung brachte.

Der zweite Kongresstag wurde von der Bukarester Germanistin Ioana Crăciun-Fischer eröffnet, die sich mit der Klausenburger Germanistik im Spiegel des Romans „Die uns angebotene Welt. Jahre in Klausenburg“ von Joachim Wittstock befasste, der just in dieser ereignisreichen Zeit Ende der fünfziger Jahre in Klausenburg sein Studium der Germanistik absolvierte. Joachim Wittstocks autobio-grafischer Roman ist zugleich ein Schlüsselroman, der dem historisch Kundigen einen interessanten Einblick in die Klausenburger Germanistik aus der Sicht eines Zeitzeugen verschafft. Ferenc Vincze aus Budapest befasste sich danach mit Gefängnisromanen, wobei er der Mehrsprachigkeit in Rumänien auch durch die Auswahl der von ihm behandelten Werke Beachtung schenkte. Eginald Schlattners Roman „Rote Handschuhe“ kam dabei ebenso zur Sprache wie der Roman „Matei Brunul“ (Matei der Braune) von Lucian Dan Teodorovici sowie der Roman „Sinistra körzet“ (Schutzgebiet Sinistra) von Ádám Bodor. Stephan Kitzberger, der derzeit als Lektor des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD) in Budapest tätig ist, beschäftigte sich in seinem Vortrag zur Plagiatsforschung mit der Frage literarischer wie auch wissenschaftlicher Plagiate, wobei er neben rechtlichen Dimensionen auch solche der Psychologie, der Ästhetik und des Literaturbetriebs ansprach.

Zwei weitere Vorträge der Jubiläumstagung rückten Dichtergestalten deutscher Sprache in den Blickpunkt. Noémi Kordics aus Budapest befasste sich mit dem Gesamtwerk des Reiseschriftstellers, Essayisten, Romanciers und Dramatikers Arthur Holitscher (1869-1941), und die in Kronstadt lebende und in Jassy/Iași promovierende Germanistin Beatrice Greif beschäftigte sich mit der bukowinadeutschen Dichtung und insbesondere mit dem Werk Alfred Kittners (1906-1991), jenes in Czernowitz geborenen Dichters, mit dem die Literaturwissenschaftlerin sogar familiär verwandt ist.
Drei Vorträge zur Sprachwissenschaft rundeten die Klausenburger Jubiläumstagung ab. Mathilde Hennig aus Gießen sprach über den Duden als Norminstanz, Robert Niemann, ebenfalls aus Gießen, referierte über das Sprachsubjekt bei Searle, und die Klausenburgerin Emilia Codarcea trug zum Thema „Neuere Trends im deutschen Sprachgebrauch. Jugendwort und Anglizismus des Jahres“ vor.

Wer nach diesen beiden anstrengenden Kongresstagen noch Kraft und Durchhaltevermögen hatte, konnte sich anschließend noch einem Stadtrundgang durch die historische Altstadt unter der kundigen Führung des Klausenburger Geografieprofessors Wilfried Schreiber anschließen und sich von ihm in die kulturgeschichtliche Topografie der Universitätsstadt am Kleinen Somesch einführen lassen.

Dank der hervorragenden organisatorischen Vorbereitung durch die Klausenburger Germanistinnen Réka Jakabházi und Ursula Wittstock sowie durch die OeAD-Lektorin Veronika Zwing wurde die Klausenburger Jubiläumstagung in den Räumen der Österreich-Bibliothek „Bernhard Stillfried“ zu einem nicht nur wissenschaftlich ertragreichen, sondern auch menschlich bereichernden Erlebnis.

 

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