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Im Einsatz für die architektonischen Juwelen Bukarests

Die NGO ARCEN ist seit 13 Jahren in der Hauptstadt aktiv

Ein wunderschönes mit Efeu bedecktes Haus reckt sich empor auf der Bukarester Sofia- Straße. Im Vorbeigehen hat man den Eindruck, die früheren Klänge eines privaten Klavierunterrichts und das Lachen von Kindern zu hören. Foto: Alexandru Bucșă

Eine abendliche Gedichte-Lesung fand Mitte September auf dem Dach des Magheru-One-Blocks statt. Fotos: Alberto Groșescu

Rumänische Werbung für Autos und für viele andere Produkte aus der Zwischenkriegszeit sowie Berichte und Anekdoten kann man auf der Website von ARCEN finden. Bild: www.arcen.info

„Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, wo, sondern durch die Art, wie wir leben“, schrieb einst der deutsche Lyriker Georg Baron von Örtzen und kein anderer Sinnspruch fasst die Werte der NGO ARCEN, oder des Rumänischen Vereins für Kultur, Erziehung und Normalität, besser zusammen. Der Verein ARCEN wurde vor 13 Jahren von jungen Architekten gegründet und engagiert sich seither für die Aufklärung der Bukarester Einwohner in Bezug auf die verborgene und zerbrechliche Schönheit der während der Zwischenkriegszeit errichteten architektonischen Juwelen der Hauptstadt. Außerdem setzt die Organisation all ihre Kräfte für deren Sanierung und Bewahrung sowie für die Wiederentdeckung und -belebung ihrer Geschichte ein. Den Vereinsmitgliedern ist es darüber hinaus wichtig, die Verbindung zwischen den Bürgern einer Gemeinschaft und mit der von ihnen bewohnten städtischen Landschaft wiederherzustellen, weshalb sie im Rahmen ihrer vielseitigen Tätigkeit eine Projektreihe für das Publikum entwickelt haben. Dadurch versucht ARCEN die Bukarester für die faszinierende Geschichte der Stadt zu sensibilisieren und zur Gebäudepflege zu erziehen. Auch die Verbesserung der Gesetzgebung bezüglich des Schutzes des Bau-Erbes und der historischen Viertel zählt zu den Zielen der NGO, die sich auf Werte wie Aufrichtigkeit, Ethik, intellektuelle Neugierde, einsichtsvolle Kreativität, Würde und Echtheit stützt.

Mit dem Spazierstock durch Bukarest

Nach dem gleichnamigen Werk des rumänischen Dichters Tudor Arghezi benannte ARCEN die von ihr jährlich veranstaltete Stadtführungsserie „Mit dem Spazierstock durch Bukarest“. Ungefähr zwei Kilometer lang sind die Spaziergänge, sie dauern etwa zwei Stunden und finden immer von April bis September statt. Während des Spaziergangs stehen den Teilnehmern stets zwei Reiseführer, Mitglieder der NGO, zur Seite.
Dieses Jahr schlug ARCEN fünf Routen durch die beeindruckendsten Teile der Stadt vor, sowie eine zusätzliche Tour durch die Bezirke mit den meisten, während des Kommunismus stattgefundenen Zwangsabrissen von Häusern, wobei die Geschichten der einstigen Häuser und ihrer enteigneten Besitzer geschildert wurden.

Heuer beteiligten sich meist junge Erwachsene an  den Führungen durch die Stadtmitte vom Lido-Hotel bis zum Cișmigiu-Park, durch das Cotroceni- und Filipescu-Viertel, dann, in verschiedene Themen eingeteilt - entlang der Mircea Eliade, dem Schriftsteller und Religionshistoriker, vertrauten Plätze oder um die während der Zwischenkriegszeit errichteten Gebäude. In ihrer zehnjährigen Erfahrung hatte die NGO noch Führungen entlang des Boulevards „Calea Victoriei“, durch das Armenische bzw. Jüdische Viertel, durch den zentral gelegenen Icoanei-Stadtteil, durch die ehemaligen Elendsviertel, das verschwindende frühere Bukarest in der Gegend des Nordbahnhofs usw. Die kostenlosen thematischen Stadtführungen stoßen immer auf großes Interesse, insbesondere bei der Jugend, und dies erkennt man sofort an der hohen Teilnehmerzahl. So zum Beispiel machten bei der letzten diesjährigen Führung, am 8. September, schätzungsweise über 150 Leute mit.

Mit dem Spaziergang durch das Filipescu-Viertel wurde  die Stadtführungssaison 2019 abgeschlossen. Zum vergangenen Jahrhundertbeginn galt der Raum zwischen dem Doroban]i-Platz und dem Victoria-Platz als das Viertel der wohlhabendsten Familien Bukarests. Zum Auftakt der üblichen acht Stationen der Führung hielt man vor dem ehemaligen Haus des Literaturkritikers Tudor Vianu an. An dieser Stelle wäre ein von Vianu hinterlassenes Zitat, das zum Nachdenken anregt, erwähnenswert: „Die Stadt erlebt einen wichtigen Moment ihrer architektonischen Umwandlung. Je nachdem, wie geschickt wir sind, sie in einer langlebigen Form zu gestalten, werden wir die Liebe und Bewunderung der Nachkommen oder aber ihre Abneigung verdienen.“ Es folgte das Haus der 1916 geborenen Regisseurin Jeni Acterian, die unter anderem auch für die geistreichen Worte ihres vor Kurzem neu herausgegebenen Tagebuchs bekannt war. Darauf gab Reiseführer Edmond Niculușcă, Vorsitzender von ARCEN, zu, er wäre der Geliebte von Jeni Acterian gewesen, hätte er zu jener Zeit gelebt. Alberto Groșescu, der Geschäftsführer der NGO und zugleich zweiter Reiseführer und Fotograf, schmunzelte seinem Kollegen zu, während ihnen die Beteiligten ein Lächeln schenkten.

Von hier führte der Spaziergang weiter bis zum Victoria-Platz. Die Geschichten mehrerer im neu-rumänischen, maurisch-florentinischen, modernistischen, Art-Déco- und kubistischen Baustil entworfener Villen wurden in den darauffolgenden zwei Stunden geschildert. Man erzählte ein bisschen Klatsch vom Anfang des 20. Jahrhunderts und beschrieb die Sommerempfindungen der hohen Gesellschaft der Zeit sowie die Partneransprüche der Frauen und Männer von damals. Das unterhaltsame Programm diente zur Einführung in die Atmosphäre der Epoche und ausgerechnet, als man sich das Lebensgefühl der Belle Époque angeeignet hatte, musste die Führung enden. Die fast ein Jahrhundert alten Geschichten, sowie Presseberichte, Fotos sowie die damalige Vintage-Werbung sind unter dem Namen „Via București“ auf der Website www.arcen.info online aufrufbar.

Ausverkaufte Gedichte-Abende

Die gleiche angenehme Atmosphäre findet man bei den Gedichte-Abenden des ARCEN-Vereins wieder. Diese werden jeden Sommer auf dem Dach des Magheru-One-Blocks, auf dem Gheor-ghe-Magheru-Boulevard 1, abgehalten. Seit fünf Jahren organisiert die NGO eine „Gedichte-Abende“ betitelte Vorlesungsreihe unter der Teilnahme bekannter junger Literaturpreisträger, die verschiedene Werke aus ihren Gedichtbänden vor einem auserlesenen jugendlichen Publikum interpretieren. Die Gedicht-Performance findet bei einem Glas Wein und mit musikalischer Untermalung vor einem begeisterten Publikum von etwa 200 Leuten statt. Es versteht sich, dass man sich ein Ticket im Voraus verschaffen muss, denn die Eintrittskarten sind innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft.

Einsatz für die historischen Stadtteile und Bauwerke

Neben den kulturellen Veranstaltungen führt die NGO auch Forschungen und Bestandsaufnahmen der historischen Gebäude durch und hat seit ihrer Gründung 50 der insgesamt 98 geschützten Räume Bukarests sowie 6000 Bauwerke im „Bukarest-Katalog“ komplett inventarisiert. Am Projekt arbeiten zurzeit 120 Architekten und Bauingenieure und die Ergebnisse der Forschung werden der Architekturfakultät für die Erstellung des nächsten städtischen Bebauungsplans zur Verfügung gestellt.

Die jungen Architekten von ARCEN haben außerdem auch den Stadtteil mit der größten Dichte an Kulturinstitutionen und kulturellen Gemeinschaften entdeckt, und zwar ist es das Icoanei-Viertel, das sie „District 40“ getauft haben und es zu einem geschützten historischen Raum umwandeln möchten. Hier organisiert die NGO regelmäßige Treffen zum Erdbeben-Training, an denen sich alle Bukarester beteiligen können, unabhängig davon, ob sie im genannten Viertel wohnhaft sind. Außerdem werden die Einwohner des „District 40“ am Samstag, dem 28. September, und am Sonntag, dem 29. September, zu einer Block-Party entlang der Ion-Luca-Caragiale-Straße eingeladen.

Weitere Angaben zu den Projekten des Vereins sind unter www.arcen.info erhältlich.
 

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