Im Einsatz für die nationale Ärztefront!

Volontäre produzieren Gesichtsschutzschirme und Aerosol-Boxen für medizinisches Personal im Kampf gegen Covid-19

Dankbar für die Schutzschirme: medizinisches Personal aus der „Clinic CF Cluj Napoca“ Fotos: Facebook viziere.ro

Viziere.ro im Einsatz: In den Werkstätten werden Masken getragen und darauf geachtet, dass das Gedränge nicht zu groß ist.

Der Schutzschirm lässt sich kinderleicht selbst zusammenbauen.

Fertig für den Versand

Im Krieg gegen den Coronavirus: Ärzte und Pfleger kämpfen an der Front – unsere sichtbaren Helden. Doch wie in jedem Krieg gibt es auch jenseits des Schlachtfelds unsichtbare Helfer. Menschen, die einen wichtigen Beitrag leisten, viele sogar als Volontäre. Im Krieg zählen andere Werte als Geld. Einen Beitrag leisten – das wollte auch Mihai Toma aus Bukarest. Im Fernsehen sah der junge Mann erschüttert, wie unzureichend unsere Ärzte und Pfleger ausgerüstet sind. Es fehlt an allem: Masken, Schutzanzüge, Handschuhe, Gesichtsschutzschirme. Halt! Woraus bestehen denn diese Schirme? Mihai Toma erkannte schnell, dass er mit der hochpräzisen CNC-Maschine in seiner eigenen Werkstatt solche Schutzschirme selbst produzieren könnte...

Gesagt, getan. Und weitergesagt! In der Facebook-Generation verbreiten sich gute Ideen wie ein Lauffeuer. Bald meldeten sich weitere junge Leute, die über solche Maschinen verfügten und bereit waren, ihre Freizeit zu opfern, um die „Kämpfer an der nationalen Front“ gratis auszurüsten. Eine wunderbare Geste der Solidarität in einer Zeit, in der sich Soziologen um die gespaltene rumänische Gesellschaft Sorgen machen...
Doch ein solches Projekt will finanziert, koordiniert und nicht zuletzt auch mediatisiert werden. Die Schirme müssen nicht nur ausgeschnitten, sondern auch verpackt und verteilt werden. Jemand muss sich um die Bestellungen kümmern, die Kommunikation übernehmen, das Material beschaffen, die Spenden organisieren. Je schneller das Projekt wächst, desto komplizierter. Bald erstreckte sich das Netz über mehrere Landkreise. Eine Homepage mit zentralisiertem Bestellformular  musste her. Eine Facebookseite informiert über Neuigkeiten und dokumentiert den Erfolg. Wie aus einer genial einfachen Idee und einer Handvoll Volontäre innerhalb von 14 Tagen ein beispielloses, landesweites Großprojekt aus dem Boden gestampft wurde, professionell gemanagt und als Modell mittlerweile sogar ins Ausland exportiert, verrät Programm-Managerin Cristiana Bogățeanu.

„Rufen Sie am Wochenende an“

„Ich bin noch nicht dazugekommen,  die Zahlen auf unserer Homepage zu aktualisieren“, entschuldigt sich die junge Frau am Telefon. Auf die Anfrage per Mail nach einem Interview über das Projekt, das sich wie die Webadresse Viziere.ro nennt, hatte sie nur knapp zurückgeschrieben: „Rufen Sie am Wochenende an.“ Die Telefonnummer, kein Gruß, kein Name. Sonntagabend: Kaum Zeit, das Aufzeichnungsgerät einzuschalten,  das Handy laut zu stellen, schon sprudelt sie atemlos den Ablauf des Projektes herunter. Persönliche Fragen werden abgewimmelt: „Es geht hier nicht um mich.“ Die Geschichte wird nicht bunt. Nur schwer lässt sich ihr Redefluss durch Fragen unterbrechen. Cristiana entschuldigt sich erneut. Ihr Programm beginnt früh morgens, reicht bis in die späte Nacht hinein.  „Und das der anderen Volontäre“, beeilt sie sich hinzuzufügen. Ich sehe sie mir später auf der Webseite (www.viziere.ro) an, wo sich das organisatorische Team vorstellt: ein hübsches junges Mädchen. Sie alle sehen aus wie kaum Zwanzig! Die Homepage macht einen professionellen Eindruck. Wer hat sie in so kurzer Zeit erdacht und programmiert? Das Projekt gibt es erst seit 17. März, hatte Cristiana erzählt. Sie selbst hatte den Aufruf von Mihai Toma auf Facebook entdeckt und sich sofort als Organisatorin angeboten. „Denn das mache ich auch beruflich, Projektmanagement.“

Zwei Wochen später verriet der Datenticker der Webseite: 957 Freiwillige produzieren landesweit in 22 Zentren. 46.861 Gesichtsschutzschilder wurden kostenlos an 228 Spitäler und 34.256 Ärzte und Pfleger verteilt. Die Reaktionen der Beschenkten sind überwältigend. Auf Facebook posten sie Selfies mit ihren neuen Schirmen. „Dr. X vor seinem Einsatz“. „Gerüstet für die Abendschicht“. Das Lächeln unter den Masken ist nur an ihren Augen zu erkennen. Tausende Dankesmeldungen gehen täglich ein. „Als wir das Projekt begannen, hatten wir uns vorgenommen, 10.000 Schutzschilder zu produzieren und zu verschenken“, erklärt Cristiana Bogățeanu. Doch die Nachfrage wollte nicht abreißen. Und auch nicht die Zahl der Freiwilligen, die sich dem Projekt anschlossen. Es wird weitergemacht. „Sogar Fabriken haben sich uns angeschlossen und ihre zwangsbeurlaubten Arbeiter zurückgerufen“, erzählt Cristiana. „Trotzdem können wir den landesweiten Bedarf immer noch nicht annähernd decken.“ Der Ticker, der die Anzahl der produzierten Schirme zählt, liegt im fünfstelligen Bereich. Der tatsächliche Bedarf beträgt an die 300.000, verrät sie.

Volontariat als Franchise-Modell

Man kann sich anhand der Zahlen denken, welch gigantische logistische Leistung hinter dem Projekt steckt. Und wie wertvoll diese Erfahrung auch für andere Organisationen wäre. Deshalb hatten die jungen Leute die Idee, auch Freiwillige im Ausland zu beraten, denn Schutzschilder sind in vielen Ländern Mangelware. „Die Republik Moldau hat unser Modell schon übernommen und es funktioniert“, freut sich Cristiana Bogățeanu. „Wir geben gratis unsere gesammelte Erfahrung, das Projekt, die Prozeduren, das Modell als Franchise sozusagen. Und beraten über Skype, sodass sie ganz schnell ihr eigenes Projekt auf die Beine stellen können.“

Ganz anders als die Logistik ist die Herstellung des eigentlichen Produkts hingegen mehr als einfach. Das Modell, das Mihai Toma entwarf,  lässt sich mehrmals verwenden und sogar sterilisieren, weil es im Gegensatz zu marktüblichen Schirmen keine Schaumstoffkomponenten verwendet. „Es besteht nur aus zwei Pet-Plastikteilen, man fädelt von hinten ein Band ein und passt es mit Klammern an. In 5 Sekunden ist es gebrauchsfertig. Die Ärzte haben es getestet, man kann es mit Chloramin oder Alkohol dekontaminieren.“ Die Anleitung zum Ausschneiden – als Material wird 0,5 oder 1 mm dicke PET-G-Folie empfohlen – kann sich jeder auf viziere.ro herunterladen. Wer sich selbst einen Schirm basteln möchte, kann diesen auch von Hand ausschneiden. Allerdings ist die Plastikfolie mittlerweile Mangelware geworden. Diana Iamandi-Gido aus Hermannstadt, die sich dem Projekt zusammen mit ihrem Bruder angeschlossen hat, klagt, dass das Rohmaterial sogar aus den Baumärkten verschwunden sei. Nur noch größere Firmen mit ihren industriellen Lagern könnten jetzt noch helfen.

Ein „Aquarium“ für die Intensivstation

Dass geniale Ideen nicht kompliziert sein müssen, zeigt auch die Initiative von Zaki Milhem aus Klausenburg/Cuj-Napoca, der zusammen mit anderen Volontären Aerosol-Boxen für Intensivstationen bastelt. Die transparenten Kästen erinnern an Aquarien. Der Patient befindet sich innen, der Operateur streckt seine Hände durch zwei Löcher hinein. So lassen sich auch für den Arzt gefährliche Manöver wie Intubation, Bronchoskopie oder manuelles Beatmen, wo virenbeladene Aerosole in großer Menge freigesetzt werden, einigermaßen geschützt durchführen. Die Johns Hopkins Universität (USA) veröffentlichte unlängst ein Experiment, das die Effizienz dieser improvisierten Methode, die ursprünglich aus Taiwan stammt, demonstriert. Gefilmt wurde die Intubation einer Puppe, die mithilfe eines zum Platzen gebrachten Ballons fluoreszierende Farbtröpfchen „hustete“. Ohne Aerosol-Box verbreiteten sich diese auf Gesichtsschirm, Haare und Kleidung des Arztes, auf den Boden und sogar auf entferntere Geräte. Mit der Box wurden Ausmaß und Reichweite der Kontamination drastisch limitiert. Anders als die Produktion der Schutzschirme ist jedoch die Herstellung eines „Aquariums“ aus Plexiglas teuer und komplex: Die Kosten belaufen sich auf 500 bis 600 Lei, die Arbeit auf eineinhalb Tage Schneiden, Kleben, Verstärken und Trocknen. „Der Transport eines solchen Gebildes ist ein Albtraum!“, erklärt Zaki Milhem auf seiner Facebook Seite.  Doch die Nachfrage ist groß.

Freitag, 10. April: Ob Cristiana die Daten auf der Plattform wieder nicht zeitgerecht aktualisieren konnte? Egal, sie sind auch so beeindruckend: 80.830 Schutzschilde an 76.220 Ärzte und 400 Spitäler verteilt. Die Zahl der Freiwilligen ist auf 1369 gestiegen, die der Produktionszentren auf 23. „Wäre es ein Problem, auch an uns etwa 20 Schutzschilder zu schicken, für die Gendarmerie in Giurgiu? Wir arbeiten im Quarantänezentrum“, lautet eine Anfrage auf Facebook. Zusatz: „Es ist nur eine Frage, wir wissen, dass ihr freiwillig arbeitet und Ärzten und Krankenhäusern helft.“ Die Antwort verweist auf das zentralisierte Antragsformular. Ein Arzt schreibt, offenbar tief bewegt: „Ihr heilt unsere Seelen - jetzt sind wir geschützt und fühlen uns in Sicherheit. Ein Dankeschön von der Abteilung für Pneumophysiologie Pitești.“


Geldspenden können in Lei oder Euro auf folgende Konten der Banca Transilvania eingezahlt werden:
ASOCIATIA SSMB, Steuernummer: 18797296
RON: RO04BTRLRONCRT0254704901
EURO: RO24BTRLEURCRT0254704902
Verwendungszweck: Stare de urgenta/Viziere PET

Wer Material spenden möchte – gebraucht werden PET-G Folien 0,5 mm und Transportschachteln 300(L)x220(l) (oder mehr) x230(h)mm – wendet sich an contact@viziere.ro

 

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