„In einer präzedenzlosen Krise“

Kulturschaffende beklagen Mangel an staatlicher Unterstützung während der Pandemie

Schon über drei Wochen ist es her, dass eine Auseinandersetzung in der rumänischen Kulturlandschaft für Schlagzeilen sorgte. Es ging um die Reaktion des Kulturministers Bogdan Gheorghiu zur Geste des rumänischen Star-Regisseurs Alexander Nanau, einen Verdienstorden von Staatschef Klaus Johannis abzulehnen. Die Auszeichnung war zum Anlass des Nationalen Kulturtags gedacht, um „die Verdienste (Anm. d. Red.: des Filmemachers) zur Unterstützung der nationalen Kultur in Krisenzeiten“ zu ehren, worüber die ADZ am 30. Januar berichtete. 

Nanau, der Regisseur des Dokumentarfilms „Colectiv“ (2019), Rumäniens Vorschlag für die diesjährige Oscars-Preisverleihung, erklärte in einem offenen Brief, dass es der zynischste Moment sei, die rumänische Kultur zu feiern, wo sich diese doch in einer präzedenzlosen Krise befinde. Statt leerer, symbolischer Taten des Staates erwartet Nanau eher konkrete Maßnahmen zur Rettung des kulturellen Sektors, „der seit Jahren den stärksten Botschafter des Landes darstellt und darüber hinaus bis zur Corona-Krise ein ökonomisch extrem wichtiger Sektor war“. 

„Als Filmemacher, der zurzeit die meiste internationale Aufmerksamkeit auf die rumänische Kultur und die rumänische Filmkunst zieht, finde ich, es wäre eine Heuchelei meinerseits, diese Ehrung anzunehmen, angesichts der Tatsache, dass sich die Filmindustrie und die für sie verantwortlichen staatlichen Strukturen in klinischem Tod befinden. Nicht nur, dass die verantwortlichen Behörden dieses Problem seit März 2020 bis heute nicht angegangen sind, sie haben die Situation durch ihren Aktionsmangel und Gleichgültigkeit verschlechtert“, begründet der Rückkehrer, der fast 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, seine Entscheidung.

Keine konkreten Maßnahmen

Seit dem Ausbruch der Pandemie wurden Konzerte, Aufführungen, Vernissagen, Filmvorführungen und Festivals abgesagt, einige sind ausschließlich online zu sehen. Neue Theater- und Filmproduktionen gibt es mangels Finanzierung kaum noch. Freischaffende Künstler, Theater, Kunstgalerien, Vereine und Organisationen stehen vor dem Untergang, oder mussten bereits ihre Pforten endgültig schließen, die Kinos gehen bankrott. 

Um das Ausmaß des Problems allein in der Filmbranche zu verdeutlichen: Die Tätigkeit tausender Regisseurinnen und Regisseuren, Drehbuchautorinnen und -autoren, Kameramänner und -frauen, Schauspielerinnen und Schauspieler, Produzentinnen und Produzenten, Ton- und Schnittmeisterinnen und -meister, Hairstylistinnen und Hairstylisten, Masken-, Kostüm- und Bühnenbildnerinnen und -bildner, Vertreiberinnen und Vertreiber, aber auch Technikerinnen und Techniker sowie weiteren Personals ist bedroht. Im Bereich Kultur sind alle hart getroffen.
Auf dieses systemische Problem hat Nanau, solidarisch mit seinen Kollegen, in seinem kurzen und bündigen Brief hingewiesen. Er erwarte einen Dialog oder eine öffentliche Debatte seitens des Staatschefs, um gemeinsam Lösungen zu finden und einzusetzen, wie das beispielsweise in Frankreich der Fall war. Bislang gab es keine Stellungnahme von Klaus Johannis zu diesem Thema.

Offener Brief an Johannis

Dafür aber reagierte Kulturminister Bogdan Gheorghiu. In einer Pressekonferenz präsentierte er punktuell die staatliche Finanzierung, die Nanau (Anm. d. Red. im Rahmen eines öffentlichen Wettbewerbs) seit 2016 für die Produktion, den Vertrieb und die Teilnahme von „Colectiv“ an internationalen Festivals erhalten habe. Dabei hatte sich der Regisseur ausdrücklich auf den Mangel an Unterstützung des gesamten Kulturbereichs während der Krise bezogen, nicht ein Wort über seinen verloren.

Gheorghiu hat das eigentliche Problem, die Krise des rumänischen Kultursektors, vermieden. Es kam sogar schlimmer: Er zählte die Fonds auf, die 2020 für Kultur ausgegeben worden sind (es geht allerdings hauptsächlich um die Beträge, die sowieso im Haushalt diesem Bereich zugeordnet waren, nicht etwa um eine Unterstützung während der Krise) und glaubt, damit seiner Aufgabe gerecht geworden zu sein. Das Wirtschafts- oder das Finanzministerium hätten wahrscheinlich bessere Lösungen, sagte er.

Auf eine solche Einstellung des Kulturministers, der an den grundlegenden Probleme des Kulturbereichs vorbeiredet, haben Dokumentarfilmemacher Alexandru Solomon und Florin Iepan prompt und heftig reagiert: In einem offenen Brief an Staatsoberhaupt Klaus Johannis und an Premierminister Florin Cîțu beklagen sie die kritische Lage der rumänischen Kulturbranche zu Corona-Zeiten sowie den Mangel einer unterstützenden Politik für den kulturellen und kreativen Bereich seit Beginn der Pandemie. Sie fordern den Präsidenten und die Regierung zu einer öffentlichen Stellungnahme gegenüber der rumänischen Kultur auf und zur Einführung einer kohärenten und funktionalen Strategie zu deren Rettung in Krisenzeiten. Auch hierzu gab es bis dato keine offizielle staatliche Reaktion.

Lösungen wurden vorgeschlagen

Dieser Initiative schlossen sich sofort hunderte Künstlerinnen und Künstler, Produzentinnen und Produzenten sowie Vertriebsleute an, darunter die Filmschaffenden Andrei Ujică, Adina Pintilie, oder Mona Nicoară, Filmproduzentin Ada Solomon, Schauspieler Victor Rebengiuc, Mariana Mihuț, Mihai Călin, Filmkritiker Andrei Gorzo, Schnittmeister Dana Bunescu und Cătălin Cristuțiu, Theaterregisseurin Gianina Cărbunariu, Fotograf Cosmin Bumbuț, aber auch Schriftsteller Svetlana Cârstean und Adrian Lăcătuș. Das Schreiben wurde zur Petition. „Wir fordern eine öffentliche Entschuldigung seitens des Kulturministers dafür, dass er die öffentliche Meinung in seiner Funktion als Minister eines europäischen Staates, mit Absicht manipuliert hat“, heißt es. Die Unterzeichnenden können nicht akzeptieren, „von einem Minister vertreten zu werden, welcher die Mission der von ihm vertretenen Institution (...) schädigt.“  

Lösungen zum alten Problem der Unterfinanzierung der Kultur haben deren Vertreter dem amtierenden Kulturminister in der Vergangenheit bei mehreren Treffen vorgestellt. Offensichtlich erfolglos. Doch besonders jetzt, wenn es schlecht um das von ihm vertretene Gebiet steht, muss Gheorghiu handeln! Es ist seine Pflicht!


Alexander Nanaus Enthüllungsdokumentarfilm „Colectiv“ (2019), über die Brandkatastrophe im Bukarester Nachtklub Colectiv und über die Korruption im rumänischen Gesundheitssystem wurde mit dem Europäischen Filmpreis, wie auch mit weiteren internationalen Prämien ausgezeichnet und erfreut sich hervorragender Reaktionen seitens renommierter Filmkritiker. Einen Emmy erhielt Nanau für „Lumea văzută de Ion B.“ (2010). Seine Dokumentation „Peter Zadek inszeniert Peer Gynt“ (2006) lief in den Kinos in Deutschland und Österreich.

 

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