Isolation zu Corona-Zeiten

Der Frühling trotzt dem Coronavirus. Auch in Kronstadt. Foto: Elise Wilk

Seit 30 Tagen in Isolation und noch ist der Spuk nicht vorbei. Noch lange nicht, wie es aussieht. 16 Tage auf Balkonien, unserem Häuschen auf dem Land, danach isolierte Tage im Haus unter der Zinne. Auf Balkonia: die alten und die jungen Bäume gestutzt. Ordentlich, denn jetzt ist Zeit dafür. Massig. Die Rosen wie im Lehrbuch geschnitten. Waren das wirklich schon immer so viele? Dutzende alte und junge Obstbäume werden sorgfältig frisiert. Da ist das Know-how, gelernt von meinem Großvater, wie immer die Grundlage. Auch helfen die neumodischen, verlängerbaren Schneidewerkzeuge recht gut. Weiter gehts. Immer mit stolzem Seitenblick auf die rudimentäre Schubkarre à la Fred Flintstone. Schon seit Jahren wollte ich diesen Rückschritt installiert haben, für mich ein nervenschonender Fortschritt. Rückschritt in Fortschritt verwandeln? Passt zu diesen abstandhaltenden Zeiten.Der Garten umfasst über 22 Ar, bei der Größenordnung muss man vorne wieder anfangen, sobald man hinten fertig ist, ulken meine Freunde. Der eingezäunte Gemüsegarten etwa 4 Ar. Einen Tag lang entferne ich hier ganze Berge an Wurzeln und Stützstäben und Unkraut. Wir räumen den Garten immer im Frühjahr auf, lassen ihn im Winter ruhen.

Zu Corona-Zeiten neige ich zum Philosophieren. Mehr als sonst. Das Wetter ist schön sonnig, die Arbeitsmoral ebenso. Abends knistert das Feuer im Ofen, man schaut Nachrichten, gerade nur soviel, bevor man schwermütig werden kann. Was man zu sehen und zu hören bekommt, verschlägt einem die Sprache. Die geöffnete Weinflasche bleibt unangetastet.Das Handy muss dauernd nachgeladen werden, zu viel haben wir uns alle zu sagen.Schach spielen, beim Backgammon die Würfel rollen lassen und lesen, lesen und nochmal lesen. Ja, das Lesen tut uns gut. Eigentlich unfassbar, doch meine Frau, sonst die personifizierte Korrektheit, befasst sich zu Corona-Zeiten mit Geldwäsche. Wortwörtlich. Sie wäscht draußen die Geldscheine mit Spiritus ab und lässt sie, mit Kieselsteinen beschwert, an der Sonne trocknen.

Auch gekocht wird zusammen. Kennen Sie Palukes a la Balkonia? Palukes etwa fester kochen, umstülpen. Mit einem Faden dünnere Schichten abschneiden, über jede Schicht Käse vom Bauern und ganz kleingeschnittene, frische Zwiebeln aus dem Garten streuen und etwas Olivenöl drauftröppeln. Obendrauf reichlich Käse und wieder etwas Öl und in den Backofen damit, ein paar Minuten, bis der Käse schmilzt. Mit einem Glas heißgekochter Mich frisch auftragen - ein herrliches, sättigendes Abendessen. Eine alte Nachbarin bringt Eier, Milch und Käse ans Tor, ist schweigsamer als sonst und ihr Blick ist leer. Kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Wir beschließen, bei der Kälte in die Stadt zurückzufahren, kehren nach dem ersten Kilometer zurück, um die fällige „declara]ie“ richtig auszufüllen. Wir werden tatsächlich kurz angehalten und das Papier ist in Ordnung. Dieses Land ist bemüht, Corona martialisch im Zaum zu halten. Anderswo begnügt man sich mit eindringlichen Aufrufen. Es scheint so, als werde in Kürze vielmehr als nur das nötig sein.Die sanitäre Mängelliste ist europaweit erschreckend und ellenlang. Die wirtschaftlichen Folgen kann weltweit kaum einer vorhersehen, egal welche Löcher man im Moment auch stopft.Und nur mit Worten und mit leeren Taschen ist diese Gefahr und ihre Folgen nirgendwo zu überwinden. Irgendwie verständlich, dass jedes Land offensichtlich mehr an seine eigenen Sorgen und Nöte denkt. Hat ein Freund von mir recht, der Europa eine Schönwettergemeinschaft nennt? Das wird sich zeigen. Ich selbst kann das nicht so recht glauben. In der Stadt geht die Maloche weiter. Zu Corona-Krisenzeiten für mich offenbar die beste Medizin. Ich erledige meine Arbeiten, suche dauernd neue und gehe währenddessen meinen Gedanken nach. Beides verträgt sich und tut gut. Der Garten wird ordentlich aufgeräumt und - endlich - der Keller auch. Lieferdienste bringen bunte Stiefmütterchen und Osterglocken ins Haus. Der riesige Flieder und die Magnolie legen just am Ostersonntag los. Die Kirschpflaume eilt mit zahllosen Blüten hinterher, die alten Rosen treiben, was das Zeug hält, ein paar Krokusse stecken in einer Ecke ihre Köpfe seit Jahren eigensinnig hervor, die kleine Kornelkirsche zeigt erste Blüten, übt für die Pracht späterer Jahre. Weidenkätzchen sind schon länger da. Der Wilde Wein auf dem Gartenzaun zeigt auch bald, wozu er fähig ist. Die buschige Hagebutte hat im Winter mit reichlich Früchten so manchen Vogelmagen gefüllt, wird mit Komposterde versorgt, damit sie erneut eine reiche Ernte bringt.  Der alte Jonathan mitten im Garten und die uralte Isabella-Traube hinten an der Mauer haben sich, unverwüstlich wie sie sind, auch für diesmal einiges vorgenommen. Den Löwenzahn lassen wir sich austoben. Dieses Jahr, scheint mir, treibt er es besonders bunt. Erst nachdem er verblüht ist, geht der Rasenmäher dazwischen.Sie alle zu pflegen, zu beobachten und zu genießen, dafür ist jetzt Zeit und Ruhe da.

Unser Sohn hat sich im Schweiße seines Angesichts - die hochpädagogische Feststellung, er kann alles, ja, wenn er nur will, bleibt bei seiner wortreichen, erziehungsbemühten Mami nicht aus - im Keller einen Raum mit diversen Sportgeräten eingerichtet. Da müht er sich zweimal täglich ordentlich ab. Hilft auch gerne, ohne zu murren im Garten mit. Abends hängt er mit Freunden und Kollegen via Internet zusammen. Ich strample lieber eine halbe Stunde auf dem Standrad und zappe mich dabei durch den TV-Horror dieser Tage. Auch lernen muss er, es wird, irgendwann, Aufnahmeprüfungen geben. Er ist erstaunlich gefasst und lässt die Online-Schule und das Üben mit uns geduldig und locker über sich ergehen.

Ostern ist friedlich, still und besinnlich. Wir sehnen uns nach unserem Leben vor Corona, wissen aber in unserem Innersten allzu gut, es wird nur das Leben nach Corona geben. Das wollen wir auch meistern, so gut es uns gelingt. Wir haben zwei lange Tage lang zusammen das ganze Haus geputzt, Gardinen gewaschen, Möbel blankgewischt. Keine Putzfrau kann das besser, sagt meine Frau. Na, gewöhnen möchte ich mich daran nicht, knurre ich und schiebe ein paar deftige Worte in Richtung Corona hinterher. (Kein englischer Seemann, kein Budapester Fiakerkutscher oder beklauter, arabischer Basar-Budenbesitzer kommt an die dran. Allerunterste Schublade). Ich ertappe mich dabei, ich tue das in letzter Zeit insgeheim öfter, dieses Corona-Verfluchen. Dampfablassen auf Transsilvanisch eben. Unsere bunten Ostereier bringen richtig Farbe in den Alltag. Nach Großmutters Rezept gefärbt und bemalt, gehören sie selbst zu diesem vollisolierten Osterfest ins Haus. Nur das Bespritzengehen fehlt. Das wird länderübergreifend per Skype erledigt.

Anfang April lese ich im Internet den sehr treffenden Vergleich des Bürgermeisters von Vo, der italienischen Gemeinde in der Lombardei, mit dem ersten Corona-Opfer. Er sagt, das Corona-Virus ist wie ein gnadenloser Scharfschütze, ein Sniper, der einem auflauert und unerwartet zuschlägt. Da wir nicht wissen, wie wir dem entrinnen könnten, bleiben wir zu Hause. Auch nach Lockerung des Lockdown werden wir Vorsicht walten lassen. Bis auf Weiteres. Wünschenswert vielleicht bis der Impfstoff kommt. Unsere Freunde und Bekannten machen das in Sachen Isolation genauso, ohne Gejammer und Wehklagen. Vorhersagen zu der Impfung gibt es zurzeit so viele, wie es Wissenschaftler auf diesem Gebiet gibt. Was man hierzu im Internet alles zu lesen bekommt, ist auf den ersten Blick mehr als verwirrend. Da heißt es, der Impfstoff kommt im September, nein er kommt im nächsten Frühjahr, oder vielleicht nie.

Aber die rastlosen Aktivitäten, der Run nach diesem Goldenen Gral, stimmen hoffnungsfroh. Man darf sich nicht dem unsichtbaren Risiko aussetzen, auch nicht verrückt machen lassen zu dem was kommen kann. Insbesondere nicht von scheinbar wildgewordenen Medien jeder Couleur. Das verordnete Leben, die Gesundheit und der Respekt vor den Mitmenschen gehen in isolierten Zeiten vor. So verdammt schwer das auch fällt. Der rumänische Weg mag überhart erscheinen, doch es ist hier sinnvoller, vorher streng vorbeugend auf das Verhalten der Menschen einzuwirken, als nachher bei einer Unzahl von Fällen medizinisch nicht mehr betreuen zu können, wie leider anderswo. Wie scherzte ein Freund von mir dieser Tage: Wenn du tot bist, brauchst du auch keine „declarație“ mehr. Also bleibt in den eigenen vier Wänden und nicht in den eigenen vier Brettern. So kann man`s auch sagen. Wir aber denken immer wieder, es gibt immer ein Morgen, egal was kommt und wie es kommt. Nein, wir reden uns das nicht ein. Wir sind fest überzeugt davon. Wenn die Sonne aufgeht nach dunklen Stunden, haben wir Menschenkinder die Gottesgabe immer wieder aufzuerstehen. Vielleicht wie Phönix aus der Asche.

 

cffviseu

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