Keine Auszeichnung um den Preis von Verschleierung

Alexander Nanau hat Verdienstorden am Nationalen Kulturtag abgewiesen

Dokumentarfilmer Alexander Nanau | Foto: Alex Gâlmeanu

Im Dokumentarfilm „Colectiv“ schaut Nanau dem Journalisten Cătălin Tolontan und Gesundheitsminister Vlad Voiculescu über die Schulter.

Hält man sich Rumäniens kulturellen Reichtum vor Augen und Ohren, fällt einem die Entscheidung, was für Angebote und welche Akteure am allermeisten Aufmerksamkeit verdienen, gar nicht so leicht. Die Brunnen, die das Land zwischen dem Schwarzen Meer und der ungarischen Tiefebene und vom bulgarischen Donauufer bis zur ukrainischen Staatsgrenze mit Bildern, Geschichten und Sprache tränken, sind so zahlreich und dermaßen tief, dass es schier unmöglich ist, von allem zu kosten, worauf Gesellschaft und Staat sich stolz geben.

Seit 2010 sind Rumäniens Staatspräsidenten gesetzlich verpflichtet, jährlich am 15. Januar – dem Geburtstag von Mihai Eminescu (1850-1889) – Einzelkünstler sowie private und staatliche Vereine des Kultursektors auszuzeichnen. Klaus Johannis kommt der Ordensüberreichung am Nationalen Kulturtag als selbstsicherer Routinier nach. Zwei Wochen nach Neujahr 2021 hat er die Urkunden und Abzeichen in Kreuzform für besondere Leistungen bereits zum siebten Mal in Folge an glückliche Empfangsgäste ausgehändigt. Am Ende seines zweiten und somit letzten Mandats als Staatschef wird Johannis die Verdienstorden zum Nationalen Kulturtag Rumäniens zehnmal verliehen haben dürfen.

Der Ex-Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu entscheidet nicht alleine über die Namen der Auszuzeichnenden. Sein Beraterstab und das Kulturministerium hatten bestimmt auch diesmal Anteil daran, dass der unabhängige Kultursektor bei der Vergabe der kulturellen Verdienstorden nicht zu kurz kommt. So geschehen am 15. Januar 2021, als der 2010 von Andreea und Andrei Grosu in Bukarest gegründete Verein „UNTEATRU“ in den Club jener Institutionen aufgenommen wurde, die sich Träger eines von Staatspräsident Klaus Johannis zuerkannten Verdienstordens nennen dürfen.

Andreea und Andrei Grosu aber ließen es sich in ihrem Dankesschreiben nicht nehmen, mehr als nur Ehrerbietung einzufordern: „Wir empfangen diese Auszeichnung in einem für den unabhängigen Kultursektor kritischen Augenblick. (...) Wir alle machen sowohl institutionell als auch individuell eine präzedenzlose Krise durch. (…) Hunderttausende haben (…) Karten für unsere Vorstellungen gekauft. Durch diese Geste (…) haben sie uns geholfen, ein durch Liebe zum Theater geborenes Kulturprojekt zu einer international anerkannten unabhängigen Kulturinstitution auszubauen. Durch die Autorität, für die Sie bürgen, haben Sie die Gelegenheit, ihnen (den Zuschauern, Anm. d. Red.) zu garantieren, dass ihre Überzeugung zur Unterstützung auch die offizielle Haltung des rumänischen Staates widerspiegelt. Wir sind bereit, Ihnen die nötigen Hebel zu bieten. Wir vertrauen darauf, dass Sie Ihre Schuldigkeit, die Interessen der Staatsbürger zu repräsentieren, erfüllen werden.“

Am Nationalen Kulturtag 2021 nahm auch Architekt Eugen Vaida aus dem Dorf Alzen/Alțîna im siebenbürgischen Harbachtal/Valea Hârtibaciului einen Verdienstorden aus der Hand von Klaus Johannis entgegen. Der Vorsitzende des 2012 gegründeten Vereins „Monumentum“ bat in seinem Dankesschreiben um Unterstützung für die Aufnahme der Altstadt von Hermannstadt in das UNESCO-Weltkulturerbe.

Zu den Ausgezeichneten zählte auch der Kunsthistoriker und scharfe Kritiker Erwin Kessler, Direktor des im Oktober 2018 eröffneten Museums für Neue Kunst Bukarest (Muzeul de Artă Recentă, MARe), der keinen Hehl daraus macht, klar in Opposition zu dem staatlich geführten Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (Muzeul Național de Artă Contemporană, MNAC) zu stehen. Ein unbeirrter Alleinkämpfer unter den Kulturschaffenden, dem es geglückt ist, sich selbst und seine Vorstellungen fest in der Szene zu etablieren.

Das größte Aufsehen am Nationalen Kulturtag 2021 jedoch erregte Alexander Nanau – obwohl, oder gerade weil er den ihm angetragenen Verdienstorden dezidiert ausschlug. Der Argwohn und die Häme, womit Alexander Nanau bald nach seiner auf Facebook veröffentlichten Weigerung zu rechnen hatte, ließen in der Tat nicht lange auf sich warten. Zwar bedankte sich Nanau noch in der ersten Zeile seines Antwortschreibens bei Staatspräsident Johannis und Kulturminister Bogdan Gheorghiu für den Vorschlag auf Überreichung eines Verdienstordens, nicht ohne jedoch im zweiten Satz anzufügen, die Auszeichnung „wegen der präzedenzlosen Krise, in welcher der gesamte Kultursektor Rumäniens steht“ nicht annehmen zu können. „Ich glaube fest, dass der rumänische Staat in dieser Zeit der Krise den Kulturtag nicht für Zeremonien und symbolische Ehrungen, sondern für die Bekanntgabe und Umsetzung konkreter Lösungen für die Rettung des Kultursektors nutzen sollte, der seit Jahren den stärksten Botschafter des Landes darstellt, und darüber hinaus bis zur Corona-Krise ein ökonomisch extrem wichtiger Sektor war. Die Vorschläge zur Rettung der Kulturindustrie wurden bislang nur rhetorisch vorgebracht, und ich kann an dieser symbolischen Unterstützung einer wesentlichen Sache, der Kultur dieses Landes, nicht teilnehmen.“

Affront oder Aufruf?

Wie ist die Tatsache, dass der in Bukarest geborene Kameramann, Regisseur und Produzent in Personalunion des Dokumentarfilms „Colectiv“ solch harsche Kritik an Rumäniens Kulturpolitik übt, einzuordnen? Als Affront jemandes, der es verdient, für sein ungerechtfertigtes Ausscheren gerügt zu werden? Oder will Alexander Nanau durch das Verweigern seiner Auszeichnung einfach nur erreichen, dass Rumänien mit sich selbst Tacheles redet?

Alexander Nanau zu unterstellen, er habe Klaus Johannis ins Zentrum seiner Kritik stellen wollen, ist kurzsichtig. Das kann doch beileibe nicht das Motiv seiner Weigerung gewesen sein, obwohl sie ihm von bestimmt nicht wenigen Fans und Insidern der Branche als Fauxpas angelastet wird. Zumal der seit Dezember 2014 amtierende Staatspräsident seinen Amtsvorgängern der letzten 30 Jahre in kulturellen Fragen klar überlegen ist – Emil Constantinescu vielleicht ausgenommen – und nicht eben den Eindruck erweckt, dem Kultursektor seinen breiten Rücken kehren zu wollen. Etwaige Reaktionen von Johannis auf den Ordensverzicht Alexander Nanaus sind bislang nicht bekannt.

Dagegen bezeichnete Kulturminister Bogdan Gheorghiu die Behauptung des Regisseurs, das Kulturministerium habe sich nicht in die Verwaltung des von den Corona-Maßnahmen schwer betroffenen Kultursektors eingebracht, als „böswillig und grundlos.“ Bogdan Gheorghiu (Nationalliberale Partei, PNL) ist der einzige Minister des Regierungskabinetts, der seine Funktion trotz der Neuverhandlungen nach den Parlamentswahlen vom 6. Dezember 2020 nicht eingebüßt hat. Er war Anfang November 2019 zum Kulturminister der Übergangsregierung bestimmt worden und erinnert daran, dass die Nationale Zentralstelle für Kino (Centrul Național al Cinematografiei, CNC) die Dreharbeiten und die nationale wie internationale Werbung für den Dokumentarfilm „Colectiv“ mit eineinhalb Millionen Lei unterstützt hat. Darum kommt Alexander Nanau beim rumänischen Staat nach offiziellem Standpunkt nicht gut weg.

Das scheint ihn aber nicht zu kratzen. Denn was Alexander Nanau in Gefahr sieht, ist nicht seine Laufbahn, sondern die Kultur Rumäniens. Dass sein Streifen „Colectiv“ im Dezember 2020 nach Ausschreibung der 33. Auflage der Europäischen Filmpreise den Preis für die beste Dokumentation gewonnen hat, verleitet ihn nicht dazu, über die kulturpolitischen Unzulänglichkeiten Rumäniens hinwegzuschauen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Rumänien „Colectiv“ für die 93. Auflage der Oscar-Preisverleihung nominiert hat, die voraussichtlich am 25. April 2021 in Los Angeles stattfinden wird.

Bevor man sich dazu entscheidet, dem Lager jener Kritiker beizutreten, die Regisseur Alexander Nanau zur Unperson statuieren, sollte man den Dokumentarfilm „Colectiv“ gesehen haben. In Rumänien geht das einfach auf der digitalen Plattform hbogo.ro. In 109 Minuten Spieldauer wird man aus nüchternster Informationsquelle daran erinnert, dass am 30. Oktober 2015 in Bukarest und den Krankenhäusern Rumäniens das Fass schon längst übergelaufen war. Die Aussage der Chefärzte und des medizinischen Beamtenkorps, dass „die Patienten bei uns wie in Deutschland behandelt werden“, wird in der Doku Lügen gestraft.

Am Abend des 14. November 2020 machte die Nachricht vom tödlichen Brand auf der Intensivstation des Krankenhauses in Piatra Neamț die Runde. Zu sagen, Rumänien habe sich selbst endlich nachgerüstet – ist das 2021 noch immer vertretbar?

Und wie ist die Aussage von Ex-Gesundheitsminister Nelu Tătaru zu verstehen, der noch in der Nacht nach dem verheerenden Feuer von Piatra Neamț vor Ort behauptete, zu glauben, dass „wir alle aus diesem Land und nicht nur das medizinische System und die lokalen Behörden für die Lage seit 30 Jahren und für die lokalen Behörden und das Nichteinbringen schuld sind, weil wir es 30 Jahre lang akzeptiert haben, in einer solchen medizinischen Situation zu leben“?

Einander nichts vormachen

Wo der Dokumentarfilm „Colectiv“ von Alexander Nanau mit der Korruption im Gesundheitssystem Rumäniens hart ins Gericht geht, darf natürlich Vlad Voiculescu nicht fehlen. „Das erste, was Du tun musst, um jemandes Vertrauen zu gewinnen oder wieder zurückzugewinnen, besteht darin, aufzuhören, ihn zu belügen“, sagte der Gesundheitsminister des parteilosen Regierungskabinetts unter Premierminister Dacian Cioloș im Mai 2016 zu Beginn seiner Amtszeit, die Anfang 2017 nach dem Fiasko der Parlamentswahlen vom Dezember 2016 jäh endete. Vlad Voiculescu war allem Anschein nach mit der Absicht angetreten, das scheinbar Unmögliche zumindest teilweise möglich zu machen, und schied aus dem Amt, ohne den Auftrag auch nur annähernd ausgeführt haben zu können.

Doch dem Aktivisten mit Leib und Seele, der Alexander Nanau für die Dreharbeiten am Dokumentarfilm „Colectiv“ freien Einlass bis in die hintersten Büroräume des damals ihm selbst unterstehenden Gesundheitsministeriums gewährte, wurde eine zweite Chance eingeräumt. Dass der zum zweiten Mal als Gesundheitsminister berufene Vlad Voiculescu von der fast uneinlösbaren Bringschuld, die er im Auftrag Rumäniens zu erfüllen hat, Bescheid weiß, steht außer Frage.

Ist auch Kulturminister Bogdan Gheorghiu willens, es besser als beim ersten Versuch anzupacken? Oder wird er bei Kritik an seiner Amtszeit unter Ex-Premierminister Ludovic Orban zur Rechtfertigung entgegnen, die künstlerisch unbedarfte Popsängerin Irina Rimes 2020 zur Ehrenbotschafterin für das Erbe von Constantin Brâncu{i ernannt zu haben? Schickt sich die ebenfalls 2020 von Bogdan Gheorghiu angesetzte Kampagne „Citește românește“ (Lies rumänisch) an, das lesefaule Rumänien wider Erwarten auf Trab zu bringen? Wie steht es um die Kooperation mit dem Bildungsministerium, wo doch dringend darüber zu diskutieren wäre, voruniversitäre Unterrichtsgegenstände wie Latein, Zeichnen und Musik endlich von ihrem stiefmütterlichen Platz am Rand der stundenplanmäßigen Allgemeinbildung zu befreien?

Es betrifft alles und jeden

Vielleicht hätte Alexander Nanau sich nicht geweigert, den von Klaus Johannis versprochenen Verdienstorden am Nationalen Kulturtag entgegenzunehmen, wenn er sich darauf hätte verlassen können, dass Rumänien an der Spitze des Kulturministeriums höchst kompetent besetzt ist und auch die eklatanten Missstände im Gesundheitsministerium, die sein Dokumentarfilm „Colectiv“ aufzeigt, nachhaltig beseitigt hat. Beide Ministerien haben eine Menge wiedergutzumachen. In Rumänien lebende Zuschauer, die das Erörtern von Fragen und Problemen scheuen, wie sie der Dokumentarfilm „Colectiv“ auftischt, werden keine kritische Masse formieren können, die das Zeug hat, der politischen Klasse dringend nötige Reformen abzuringen.

„Ich würde den Film nicht auf eine einzige Lesart beschränken. Aber ja, doch, er handelt von der Entscheidung eines Teils der Gesellschaft, einen Schleier aufzulegen und so zu tun, als ob man nichts sähe, glaubend, dass Korruption, Fahrlässigkeit und das Fehlen von Menschlichkeit und Professionalität einen selbst nicht betreffen können. Glaubend, dass man selbst nicht Opfer werden kann“, wie Alexander Nanau Mitte März 2020 in einem Interview für „Dilema Veche“ meinte. Für ihn geht es in „Colectiv“ letztlich um „die Metapher des Menschen, der die Courage hat, die Wahrheit zu enthüllen“. Großes Kino, bei dem Rumänien nur klein beigeben kann.

 

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