Kundgebung gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit

Temeswarer Geist mit Dämonen der Vergangenheit unvereinbar

Temeswar (ADZ) – Mehrere Temeswarer Intellektuelle haben am Dienstagnachmittag vor dem Rathaus eine Kundgebung gegen den Fremdenhass und den Antisemitismus veranstaltet, die in der rumänischen Gesellschaft wieder erstarken würden. An der Protestaktion beteiligte sich auch Bürgermeister Dominic Fritz, der seit Wochen kontinuierlichen fremdenfeindlichen Attacken ausgesetzt ist. Der Bürgermeister erklärte, die Kundgebung sei nicht als eine Geste der Unterstützung für ihn persönlich zu verstehen, sondern als ein öffentliches Bekenntnis der Temeswarer Werte, der Offenheit und der Multikulturalität, die die Stadt prägen. Man wolle ein Zeichen gegen den Hass setzen und zeigen, dass man weiterhin auf Temeswar und den Temeswarer Geist stolz sein könne.

Der ehemalige Diplomat Vasile Popovici, ein markanter Vertreter der Temeswarer Bürgerbewegung der 1990er Jahre, verlas im Namen der Teilnehmer an der Kundgebung eine Erklärung, wonach man im Dezember 1989 nur deshalb siegen konnte, weil die Temeswarer fähig waren, jedwede Trennung nach Ethnien, Konfessionen oder Kulturen zu überwinden und gemeinsam nach Einheit und Freiheit gerufen haben. Die Zeiten seien schwierig, aber man dürfe nicht zulassen, dass obskure Gruppierungen im Schatten der von der Pandemie verursachten Schwierigkeiten, der Vereinsamung und der ökonomischen Probleme nun den Hass schüren und längst vergessene Dämonen wiedererwecken. Man müsse nun auf die Straße gehen, um zu zeigen, dass man Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nicht toleriere, und um jenen Kräften, die sich davon ernähren, Einhalt zu gebieten. In diesen Tagen habe es zum ersten Mal auch Proteste gegen die Ärzte gegeben, das sei eine nicht zu überbietende Absurdität. In Temeswar habe man um Mitternacht vor der Wohnung des Bürgermeisters chauvinistische Parolen gebrüllt und keine Partei habe dazu etwas gesagt, entweder aus billigem politischem Kalkül oder weil ihnen einfach die Vernunft abhandengekommen sei, sagte Popovici. Deshalb müsse die Zivilgesellschaft einschreiten und die von wenigen in den Schmutz gezogene Ehre der Stadt verteidigen. Wer im Banat aufgewachsen sei, habe die Toleranz, das interethnische Miteinander und die Offenheit gegenüber der Kultur und der Sprache des anderen von klein auf gelernt. Weder die Geschichte noch die Gegenwart und die Zukunft könnten anders vorgestellt werden, hieß es in der von Vasile Popovici vorgetragenen Erklärung.

Ein Funktionär der Temeswarer Revolutionärsvereinigungen, Corneliu Vaida, erklärte, dass jene, die in diesen Tagen gegen die Coronamaßnahmen protestiert haben, den Begriff der Freiheit nicht verstehen. 1989 habe man in der Tat für Freiheit gekämpft, auch für die Freiheit zu protestieren. Aber man müsse sich im Klaren sein, gegen wen und gegen was man protestiert. Man solle Politiker beschimpfen, wenn man es wolle, aber man solle jene in Ruhe lassen, die unter großen Anstrengungen Menschenleben retten, sagte Vaida.

An der Kundgebung beteiligten sich unter anderen auch der Leiter der Intensivstation des Kreiskrankenhauses, Professsor Dr. Dorel S²ndesc, und der ehemalige Temeswarer Bürgermeister der Jahre 1992 bis 1996, Viorel Oancea. S²ndesc sagte, dass schlimmer als die Covid-19-Pandemie jene Seuche sei, die gegenwärtig in den Köpfen der Menschen grassiere, man habe es mit einem Monster zu tun, das sich an die Seelen, den Verstand und das Gewissen unserer Mitbürger ranmache und nur Hass, Primitivismus, Intoleranz und Barbarei erzeuge. Also müsse man sich auch um diese Seuche kümmern, deshalb habe er an der Kundgebung teilgenommen, sagte Săndesc. Ex-Bürgermeister Oancea erklärte, er würde die Protestierenden von voriger Woche fragen, wo sie denn alle im Dezember 1989 gewesen waren, um sich nun zu erlauben, nach Freiheit zu rufen.
 

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