Kunstfestival Art Safari noch bis Sonntag geöffnet

Gheorghe Petrașcu und Sabin Bălașa im Fokus

Gheorghe Petrașcu „Gasthausinnenraum des Klosters in Viforâta“ (1928), Ölfarben auf Leinwand Fotos: die Verfasserin

Sabin Bălașa „Die Reise“ (1993), Ölfarben auf Leinwand

Gili Avissar „Unbetitelt“ (2019), Textilinstallation Foto: Lena Gomon

Das temporäre Museum Art Safari erstreckt sich über eine Fläche von 11.000 Quadratmetern und beherbergt 800 Kunstwerke mit einem Gesamtwert von über 12 Millionen Euro im Herzen der Hauptstadt, im Victoria Tower-Gebäude (Calea Victoriei, Nr. 15) und dieses Jahr auch auf dem Platz der Eisbahn in der Mall AFI Cotroceni (Blvd. Vasile Milea Nr. 4).

Betritt man nach langem Schlangestehen den Victoria-Tower, so wartet, in drei Stockwerken ausgestellt, die Kunst mehrerer Epochen und Generationen auf den Besucher.

Im ersten Stock können etwa 140 Gemälde des Meisters Gheorghe Petrașcu bewundert werden. Der ganze zweite Stock ist dem rumänischen Surrealisten Sabin Bălașa gewidmet, außer einem Raum, der während des Lockdowns entstandene Werke von künstlerisch begabten Kindern zeigt.

Das dritte Stockwerk ist von engagierter Kunst belegt und der Ausstellungsraum teilt sich zwischen den Mitgliedern der Schule von Bukarest, wie Geta Brătescu, Vlad Nancă, Ștefan Câlția, Saddo Dumitru Gorzo usw. und der Mitte der 80er Jahren in New York entstandenen feministischen Künstlerinnengruppe „Guerilla Girls“. Letztere zeigen zum ersten Mal als Gastkünstler in Rumänen ihre berühmten Poster, die den wichtigsten Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst wegen ihrer Rassen- und Geschlechterdiskriminierung kritisch gegenüberstehen.

Größte Petrașcu-Retrospektive in den letzten 50 Jahren

Fast 50 Jahre nach der letzten großen Retrospektivausstellung von Gheorghe Petrașcu zielt Art Safari darauf ab, einen Teil des reichen Werkes des Künstlers wieder zu vereinen, angefangen mit Gemälden aus der Ausbildungszeit an der Schule für Schöne Künste in Bukarest und der Julien-Akademie in Paris bis hin zur Zeit seiner künstlerischen Reife und einstimmigen Anerkennung.

Gheorghe Petrașcu (1872-1949) gilt als einer der wichtigsten Meister der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts und wird 1936 als erster Künstler zum Mitglied der Rumänischen Akademie ernannt.

Für seine Gemälde findet er Inspiration in der materiellen Schönheit der Welt und an den Orten, die er besucht: Seine Stillleben, Porträts, Landschaften aus Vitré, Venedig, Toledo und die Werkstattinnenräume aus Târgoviște oder Bukarest werden in der Atmosphäre wohlhabender Bürgerlichkeit seiner Zeit und seines Milieus dargestellt.

Der Maler ist ständig auf der Suche nach ästhetischen Lösungen, um seinen originellen Stil zu vervollkommnen und einen sicheren, präzisen künstlerischen Abdruck, den er als Inspirationsquelle für den Nachwuchs intendiert, zu hinterlassen.

Eine wesentliche Rolle in der beruflichen und stilistischen Ausbildung des Künstlers spielt der Meister des rumänischen Impressionismus Nicolae Grigorescu, den der junge Student Petrașcu in seiner Bukarester Werkstatt in der Strada Polonă besucht und der ihn dann Minister Spiru Haret für ein Stipendium im Ausland empfiehlt. Petrașcu besuchte 1899 und 1902 die Julien-Akademie in Paris.

Er reiste während seines Studiums in der Bretagne nach Vitré und kehrte im Sommer immer wieder zurück ins Land, um in Agapia (Kreis Neamț), Konstanza  und Nicorești (Kreis Galatz/Galați) seine künstlerische Tätigkeit fortzusetzen. 1907 reist er in Ägypten nach Assuan – und gleich darauf folgt die plötzliche Erhellung seiner Farbpalette. Zu diesem Zeitpunkt beginnt das intensive Blau, das dem Himmel seiner Gemälde eine kennzeichnende Resonanz verleiht, in seinen Werken aufzuscheinen.

Zur Zeit seiner künstlerischen Reife 1930-1940 wird sein Interesse in den Innenraum seines Studios versetzt. Die entstandenen Werke, seien es Innenszenen oder Stillleben, gelten als Höhepunkte seiner künstlerischen Karriere. Das Interieur ist von einer ruhigen Atmosphäre des Luxus und der Sinnlichkeit umgeben. Dabei wird das Menschliche auf materielle Sachen projiziert: derselbe Schrank und Ledersessel, dieselbe Säule offenbaren sich als Sujets und bilden immer unterschiedliche Kompositionen.

Gheorghe Petrașcus Persönlichkeit und Werk werden in den darauffolgenden Ausstellungen und Reisen schrittweise einheitlich und weiterentwickelt. Er bevorzugt Landschaften, aber auch idyllische Motive, die er mit einer dunklen Palette Ölfarben darstellt, die mit dem Messer reichlich auf die Leinwand aufgetragen werden: Landschaften mit Ruinen, Gewässer unter einem unendlichen Himmel, Ebenen und Häuser, die im Licht der Dämmerung verhüllt sind.

Nach den Balkankriegen von 1913 fühlte sich Petrașcu von der Donau und dem Schwarzen Meer angezogen. Er reiste und malte in den heute in Bulgarien gelegenen Städten Silistra, Baltschik und Tortucaia, die bis 1940 Großrumänien angehörten.

Ein wichtiges Kapitel seiner Tätigkeit wird der Stadt Venedig gewidmet, in die er zwischen 1902 und 1939 anscheinend zehnmal zurückkehrt.

Petrașcu schafft einen Stil, der sich von dem unterscheidet, den die meisten rumänischen Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufwiesen. Er stößt mit seinen Gemälden zunächst auf eine gewisse Zurückhaltung, wurde jedoch durch die zahlreichen Ausstellungen, den ständigen Kontakt mit der Öffentlichkeit bekannt und wird bis heute als ein Meister der Malerei geschätzt.

Sabin Bălașa, ein Vertreter der kosmischen Romantik

Blau, ein einheitliches, homogenes und klares Ultramarin, ist die Hauptfarbe in den Werken des rumänischen Surrealisten Sabin Bălașa (1932-2008). In seiner künstlerischen Auffassung ist Blau keine gewöhnliche Farbe, es steht für Licht, es symbolisiert die Göttlichkeit, den Kosmos, die Quelle aller Dinge, es gibt uns „das Gefühl der Ewigkeit“.

Die Ausstellung hat die Form einer einfach „Blau“ betitelten Erzählung, die Mythen, Legenden und lokale Folklore als Initiationsritual erforscht und den Betrachter einlädt, auf das Auge des Geistes zuzugreifen und sich mit dem Kosmos in Verbindung zu setzen.

„Blau ist für mich das am weitesten entfernte Licht, das mir das Gefühl der Ewigkeit gibt (...) es ist kennzeichnend für uns als Menschen“, lautet ein Zitat des Künstlers.

Im Mittelpunkt seiner Werke steht der Mensch in seiner idealen Hypostase, der seinen göttlichen Ursprung und seine Rolle als Mitschöpfer verstanden hat. Unter diesem Gesichtspunkt verzichtet Sabin Bălașa nicht auf die Naturnachahmung. Ganz im Gegenteil, er betrachtet sie als historische Beständigkeit. Seine menschlichen und tierischen Figuren stammen aus einer fernen Vergangenheit und leben in jedem von uns durch die weiblichen und männlichen Archetypen, die wir in uns tragen.

Seine Werke scheinen fantastische Traumlandschaften und die Frucht einer reichen Vorstellungskraft zu sein, doch sie weisen eine tatsächliche Verbindung zu den großen Themen der Gegenwart und zur zeitgenössischen Gesellschaft auf, welche zurzeit eine tiefe Identitätskrise erlebt.

Der alltägliche Algorithmus führt uns immer weiter weg von unserem astralen Ursprung, von der tiefen Ebene des Bewusstseins, scheint Bălașa zu sagen. In seinen Gemälden geht es um Wissen, um Massaker und Völkermorde in Konfliktgebieten, um Massenmanipulation und Regierung durch Tyrannei und Unterdrückung. Manchmal treten seine stilisierten Figuren in Massenkompositionen auf, welche auf den sozialistischen Realismus hinweisen. Seine typische Darstellungsweise beschreibt er selber jedoch als „kosmische Romantik“, die mit dem sozialistischen Realismus unvereinbar sei. Daher gelten solche Bilder eher als Satiren und der mitgemeinte Kommunismus erweist sich erneut als eine unerreichbare Utopie.

„Kometen“, „Erde“, „Frieden“, „Eminescu“ (Der Morgenstern Hyperion), „Krieger“, „Der Klang des Meeres“, „Jugend“, „Exodus“ sind nur einige Werke, deren Untertext tiefer und aktueller ist denn je.

Die Jugend ist das Bindemittel, welches das Gleichgewicht und die Kontinuität der Schöpfung bewahrt. Die stilisierten und mit idealen Zügen dargestellten Gestalten des Malers sind immer kräftig, voller Leben, sinnlich und energisch. Sie werden immer inmitten eines kosmischen Fluges, der ein Initiationsritual symbolisiert, gezeigt. Bălașas weibliche Figuren gelten als Mütter, Göttinnen oder Musen, die die Harmonie des Lichts erhalten. Die jungen Figuren stammen aus einer archetypischen Erinnerung an eine Welt, die vor langer Zeit von diesen perfekten Wesen bevölkert war. Nacktheit wird dabei vom zeitgenössischen Stigma befreit und aus einer natürlichen, ursprünglichen Perspektive betrachtet.

Der Maler, Wandmaler, Illustrator, Zeichentrickfilmzeichner, Dichter und Essayist Sabin Bălașa mag wegen seiner ununterbrochenen künstlerischen Tätigkeit sowohl vor als auch nach der Wende 1989 bis zu seinem Tod 2008 umstritten sein, jedoch übt sein Werk zweifellos eine nachhaltige Faszination auf den Kunstliebhaber aus und regt ihn an, über das unbeschreibliche kosmische Blau nachzudenken.

Wendet man sich zum Ausgangspunkt, um die restlichen ausgestellten Werke zeitgenössischer rumänischer Künstler zu besichtigen, wie Costin Ioniță mit seinen eindrucksvollen, meisterhaft geschnitzten monumentalen Holzskulpturen, oder des Künstlers Obie Platon, der sowohl den Kommunismus als auch den Kapitalismus und das Zeitalter des Internets in seinen beiden Gemälden symbolisch dekonstruiert, sowie frischer Absolventen der Bukarester Kunstuniversität in der Mall AFI Cotroceni (Blvd. Vasile Milea Nr. 4), so bemerkt man im Atrium des Victoria-Tower eine herrliche farbenfrohe, sich senkrecht auf vier Stockwerken erstreckende Textilinstallation. Diese ist vom Vertreter des diesjährigen Gastlandes Israel, Gili Avissar, signiert. Zufrieden und tief beeindruckt verlässt man die Ausstellungsräume des Kunstfestivals Art Safari 2020 und sieht erwartungsvoll der achten Auflage des Kunstereignisses im nächsten Jahr entgegen.

 

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