Laufbahn und Tod eines Getriebenen im Exil

Der Fall Culianu zeigt, wie schwer Rumänien es sich selbst macht

„Er ist weder in unserer Sprache noch in dieser Zeit zu Hause“, schrieb Hillary Wiesner, Lebensgefährtin von Ioan Petru Culianu, 1986 in ihr Tagebuch. Horia-Roman Patapievici befindet in seiner Biografie „Ultimul Culianu“ (Humanitas Verlag, 2010), dass der designierte Nachfolger von Mircea Eliade „für einen Typ Mensch geschrieben hat, den es in keiner Welt gibt: den Menschen mit dem Kopf eines Gelehrten, dem Herz eines Jugendlichen, der Neugierde eines Experimentierenden, der Akribie eines Philologen, der Weite eines Computers, der Schnelligkeit eines Mikroprozessors und der Klarheit eines Mathematikers.“
Bild: Gedenkmuseum „Casa Mureşenilor“ Kronstadt/Brașov, 2018

Wer am 21. Mai 1991 mittags in der Herrentoilette der Divinity School an der University of Chicago abgedrückt hat, wird wohl auch zukünftig nicht ermittelt werden können. Unbestritten aber ist, dass das Projektil, das dort aus einer handtellergroßen Beretta Kaliber 25 abgefeuert wurde, den schillerndsten und zugleich kompromisslosesten Intellektuellen Rumäniens aller Zeiten sofort getötet hat. Ioan Petru Culianu keinen Platz im edlen Club der Größen wie Miguel de Unamuno, Albert Camus, Thomas Mann und Umberto Eco zu gönnen, tut dem Rumänien, das sich weder mit der linken noch der rechten Extreme anfreunden will, Unrecht. „Er hat den Totalitarismus in all seinen Varianten gehasst, und es wäre gut, dass seine gleichermaßen anti-kommunistischen und anti-faschistischen Texte so bald wie möglich in einem Band im Inland gesammelt werden“, wie Vladimir Tism²neanu am 31. Mai 1991 in der Ausgabe Nr. 21 der Bukarester oppositionellen Zeitung „Revista 22“ schlussfolgerte. Ein perfekter Mord, „der nur jenen, „die Toleranz und Menschlichkeit hassen, nützen kann“, so das Fazit von Soziologe Tism²neanu, der 1982 in die USA gezogen war.

Ob und wie viel oder wenig Rumänien dreißig Jahre später noch von Ioan Petru Culianu Bescheid weiß, ist unklar. Wahrscheinlich zu wenig. Rumänien stünde heute bestimmt anders da, hätte sich die Gesellschaft seine Denkschriften, Artikel, Romane und phantastischen Erzählungen gleich von ihrer Veröffentlichung an selbstkritisch tief zu Herzen genommen. Denn gedruckt wurden nicht nur ein paar zig oder hundert Seiten, sondern knapp 40 Bücher, die meisten von ihm selbst geschrieben. Das Copyright liegt bei seiner Schwester Tereza Culianu-Petrescu, Ehefrau von Schriftsteller Dan Petrescu. In den ersten Jahren nach dem Mord in Chicago, der den Widerstand von Opposition und Diaspora gegen Ion Iliescu stark zu brechen vermochte, erschienen die damals noch wenigen in rumänischer Sprache verfügbaren Bücher von Culianu im Nemira Verlag. Die breite Palette seines Schaffens liegt seit der Jahrtausendwende im Polirom Verlag auf.

Jassy, Eliade 
und Renaissance


Als Ideenwissenschaftler, der das abendländische Weltbild zwar nicht kippen, ihm aber einige mutige Änderungen aufdrücken wollte, ließ er seine Texte gern unter dem Namenszug „Ioan P. Couliano“ veröffentlichen. Alexandru Ioan Petru Culianu lautet der unveränderte und vollständige Name des Ausnahme-Gelehrten, der am 5. Januar 1950 in Jassy/Ia{i zur Welt kam, die Sommerferien der Kindheit im orthodoxen Nonnenkloster V²ratec verbrachte und später auf der Höhe seines Rufs als international geachteter wie streitbarer Experte für Religionswissenschaften am Tag der Heiligen Konstantin und Elena ermordet wurde. 

Ioan Petru Culianu war ein scharfer Kritiker, der die BOR für ihren Hang zum Fanatismus auf den Tod nicht leiden konnte, aber auch der protestantischen Ethik als Staatsräson des Abendlandes nicht ohne Gegenfragen über den Weg traute. Seinen Vornamen Alexandru verdankte er dem Fürsten und entfernten Vorfahren Alexandru Ioan Cuza. Urgroßvater Neculai Culianu war von 1880 bis 1898 Rektor der Universität Jassy gewesen und hatte die Entscheidung unterstützt, den 1862 unter Cuza aus der Moldau und der Walachei formierten Staat Rumänien politisch nach dem Vorbild des Westens auszurichten. Großvater Petru Bogdan hatte sich aus bescheidenen Verhältnissen an die Spitze der Gesellschaft gekämpft und an der Humboldt-Universität Berlin promoviert. 1927 wurde Petru Bogdan ebenfalls Rektor der Universität Jassy. Leider war es ihm nicht vergönnt, die Geburt seines Enkels zu erleben. Er starb im Herbst 1944 in Siebenbürgen auf der Flucht vor der Sowjetarmee.

1967 ging Culianu als bester Abiturient seines Jahrgangs nach Bukarest, wo er an der Universität die Fakultät für rumänische Sprache und Literatur wählte, zu Beginn des zweiten Studienjahres wechselte er an die Fakultät für italienische Sprache und Literatur. Im Kopf des Studenten, der bereits einen Narren an Mircea Eliade gefressen hatte, Yoga praktizierte und sich geradezu süchtig in das Studium der Renaissance vertiefte, nahm der Gedanke vom Ausbruch aus Rumänien konkrete Gestalt an. Am Ende des Sommersemesters 1972 legte er seine Diplomarbeit „Marsilio Ficino e il platonismo nel Rinascimento“ vor und verließ Rumänien am 4. Juli 1972. Der Entschluss, vom Studienaufenthalt in Perugia nicht mehr in die rumänische Heimat zurückzukehren, fiel ihm nicht leicht. Aber er schlug sich durch, was Biograf Ted Anton packend in „Der Mord an Professor Culianu. Rekonstruktion eines Verbrechens“ nacherzählt, das 1996 in englischer Originalsprache, 1997 in rumänischer Übersetzung und zwei Jahre später auch auf Deutsch veröffentlicht wurde (Insel Verlag).

Mythen und Wahrheiten auf der Spur

Ioan Petru Culianu musste erfahren, dass Mircea Eliade ihm aus Chicago einen abweisenden Brief nach Italien schickte und fürs Erste gar keine Bereitschaft zeigte, dem jungen Gestrandeten aus Rumänien aus der Klemme zu helfen. Der Versuch, sich mit dem Taschenmesser durch das Aufschneiden der Unterarme das Leben zu nehmen, schlug fehl. Bald hingegen stand sein Leben wieder unter einem helleren Stern, und berauschend die Chance, die Renaissance und ihr Weltbild durchschauen zu können. Jetzt war also doch der Augenblick gekommen, endlich von den Früchten des verbissenen Selbststudiums in Bukarest zu ernten! Culianu wurde Assistent von Professor Ugo Bianchi an der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand.

Die Welt der geistigen Wissenschaften vom Mailänder Quartier über das niederländische Groningen und die Pariser Elite-Verlage bis an seinen langersehnten Wunschort in den USA eroberte er im Eiltempo. Mircea Eliade, der ihm anfangs nicht die rettende Hand hatte reichen wollen, entdeckte in Ioan Petru Culianu seinen prädestinierten Nachfolger und ebnete ihm den Zugang an die Divinity School der University of Chicago. Culianu machte sich das Wohlwollen von Eliade zunutze, ging jedoch nach dessen Tod im Frühjahr 1986 wieder auf Distanz zum 1907 in Bukarest geborenen Religionswissenschaftler, der in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkrieges pro-faschistische Propaganda betrieben hatte. Jetzt fühlte die Diaspora Rumäniens in Chicago sich von Culianu verraten.

Culianu war ein schweigsamer Typ. Aber er schrieb seine nackte Wahrheit in allgemeinverständlichen Büchern und Zeitungsartikeln nieder und machte sich so zum Feind seiner Geburtsheimat. An seiner Biografie zeigt sich die Verflechtung der rechten mit der linken Extreme Rumäniens. Ein Freidenker, der sowohl die rigiden Kommunisten als auch die überzeugten Nationalisten gegen sich aufbrachte.

Das revolutionäre Weltbild der Renaissance zu verteidigen war ihm wichtig, weil er sich als Giordano Bruno des 20. Jahrhunderts fühlte und ebenso wie die Philosophen des italienischen Rinascimento die Meinung vertrat, dass Magie von „Imagination“ herrührt und Mythen für das Leben in der Moderne von entscheidendem Nutzen wären, würden sie integer statt unlauter interpretiert. Für Ioan Petru Culianu stand fest, dass die von Martin Luther losgetretene Reformation und ihre Folgen genau das gekappt hätten, was Menschen in der schonungslos verdinglichten Alltagswelt seiner Meinung nach ganz besonders dringend brauchen würden: „Wir sind heutzutage metaphysische Analphabeten und unsere Einbildungskraft ist durch den Siegeszug von Wissenschaft und Technologie unterentwickelt.“ Ein Argument dafür, es auch mit der protestantischen Ethik moderat statt radikal zu halten. Nachzulesen in der Biografie von Ted Anton.

Gefährliche Spiele mit Massenpsychologie

Zu seinen Vorbildern zählte nicht zuletzt Umberto Eco. Aber auch der Semiotiker aus Bologna hielt ihn umgekehrt für zutiefst bewundernswert. Culianu und Eco waren sich zeitlebens nur zwei- oder dreimal persönlich begegnet, hatten aber die Bücher des jeweils anderen genau studiert und teilten die Meinung, dass jede noch so furchtbare Fiktion zur zerstörerischen Realität werden kann, wenn unerkannte Manipulatoren am Werk sind, die es vermögen, Massen ins Verderben zu lenken und für die Umsetzung ihrer falschen Visionen zu gewinnen. „Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier...“, heißt es im Epilog des Romans „Der Name der Rose“ (1980). Ioan Petru Culianu schuf 1987 ein Pendant zum Schmöker von Umberto Eco – sein im Florenz der Renaissance spielender Krimi „The Emerald Game“ ist seit 2005 auch als „Jocul de smarald“ im Polirom-Verlag erhältlich und macht mit Thomas Anglicus dort weiter, wo Adson von Melk schließt: „Die doppelte Wahrheit bedeutet nicht, dass es eine Wahrheit der Theologie und eine andere der Wissenschaft gibt und dass diese einander widersprechen können, wie alle irregeleiteten Leute glauben; sondern sie bedeutet, dass Gott frei ist, die Regeln, die er selbst aufgestellt hat, seinem Willen entsprechend zu akzeptieren oder zu verwerfen.“

Intellektuelle, die sich erdreisten, ferngesteuerte Psychologien der Massen auf Herz und Nieren zu prüfen, können den Strippenziehern der Welt ins Gehege kommen. Denn nicht alle Großen der Welt, die im 20. und 21. Jahrhundert am geopolitischen Steuer gedreht haben und noch heute drehen, gehen als Gutgesinnte in die Geschichte ein: „In unseren Tagen erleben wir eine solch hyperkomplexe Welt, dass nur noch unbedarfte Köpfe wie jene aus den Reihen der Rassisten fähig sind, ihre Daten zu vereinfachen (…) Rassismus ist nicht nur unter den Herrschenden, sondern auch auf der Seite der Beherrschten festzustellen, und diese zwei Formen von Rassismus können gleichermaßen zu verwerflichen Aktionen führen (…) Der Rassismus muss überall dort, wo er auftritt, denunziert werden, ganz gleich ob beim Herrschenden oder beim Beherrschten. Und ich glaube überhaupt nicht, dass der Rassismus der Beherrschten historisch gerechtfertigt werden muss, weil das auf immer und ewig die Gefahr der Entstehung von Dominanz-Verhältnissen in sich birgt, die einander stets wechselseitig ablösen. Was abgelegt werden muss, ist just die Logik der Rache, die Logik des Erlangens der Macht“, wie Culianu Januar 1985 im Artikel „L´offense rasiste“ der Pariser Zeitschrift „Nouvelle Acropole“ formulierte.

Die Frage, wer sich kurz vor dem Ausgang des 20. Jahrhunderts verzettelt hat – die Welt, in der noch recht viele Fetzen fliegen sollten, oder Ioan Petru Culianu? – ist kaum zu verstehen und noch schwerer zu beantworten. „Weder in Ordnung noch in Unordnung besteht der Zweck der Menschheit“, hatte Culianu im selben Artikel „L´offense rassiste“ das Universum zu erklären versucht. Der Name des Mörders steht nicht fest. Fakt aber ist, dass Ioan Petru Culianu für seinen beispiellosen Forschermut vom nationalistisch aufgestachelten Rumänien erbost zur Kasse gebeten wurde und mit seinem Leben bezahlen musste. Noch trauriger jedoch stimmt die Einsicht, dass der tiefgreifende Neustart, den Culianu für sein Rumänien wollte, auch 30 Jahre danach hinkt. Am Ende der spannenden Story von Culianu flehen stumme Schreie einer verpassten Rehabilitation um Gehör.
 

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