Mehr als ein Ort

ber Minderheitentheater, rumänische Geschichte sowie das Recht auf ein Roma-Staatstheater

Drei Mitglieder der Gruppe während einer Aufführung des Stücks „Corp Urban“. Weitere Informationen, Trailer und Informationen zu den Stücken sowie geplante Projekte finden sich auf der Homepage: giuvlipen.com.

Vergleicht man die Dichte an Minderheitentheatern auf europäischem Boden, ist es salopp gesagt durchaus möglich, das nicht-rumänische Europa als eher unterentwickelt zu bezeichnen. Denn Rumänien weist eine europaweit einmalige Dichte an Minderheitentheatern auf und kann auf zwei deutsche, neun ungarische und ein jüdisches (Staats-)Theater verweisen.

Diese verfügen über einen reichen Traditionsschatz. In Sibiu/Hermannstadt ist beispielsweise die deutsche Theatertätigkeit seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert, die institutionelle Tätigkeit der deutschen Abteilung des Rumänischen Nationaltheaters „Radu Stanca“ lässt sich auf das Jahr 1788 datieren. Dies macht es zu dem ältesten deutschsprachigen Theater in Südosteuropa. Auch die Ursprünge des prestigeträchtigen deutschen Staatstheaters (DSTT) in Timișoara/Temeswar reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Dieses teilt sich das Gebäude und Bühne, beherbergt im Opernhaus am Piața Victoriei, mit dem ungarischen Staatstheater „Csiky Gergely“. Altersmäßig wird dieses von seinem Pendant in Cluj-Napoca/Klausenburg überholt, das die älteste Theaterkompanie in ungarischer Sprache darstellt und 2017 das 225. Jubiläum feierte. Zudem wird es als eines der qualitativ hochwertigsten Theater in Rumänien gehandelt und genießt internationales Renommee.

Nach der Gründung des ersten jiddischsprachigen Theaters der Welt 1876 in Iași/Jassy tourte der Schriftsteller, Komponist und „Vater des jiddischen Theaters“ Avram Goldfaden 1877 mit seiner Gruppe durch Rumänien. Aus der lebendigen jüdischen Theaterkultur in den Zwischenkriegsjahren (zwischenzeitlich gab es fünf Theater in Rumänien) ging 1948 das jüdische Staatstheater in seiner jetzigen Form hervor. Aufgrund der systematischen Verfolgung und Vernichtung während des Holocaust sowie der Zerstörung der architektonischen Zeugnisse jüdischer Präsenz in Bukarest durch Ceaușescu, gilt das Theater heute als eines der wenigen Zeugnisse der einst blühenden jüdischen Kultur in Rumänien.

All dies zeigt, dass auf der einen Seite Minderheiten in Rumänien über eine reiche Tradition der Theaterpraxis verfügen (wohlgemerkt sind in dieser Betrachtung nur institutionalisierte Theater-Formen berücksichtigt). Auf der anderen Seite wird auch klar, wie eng die Institution Theater im Kontext von Minderheiten mit Aspekten von kultureller Identität und nationaler Anerkennung zusammenhängen. Alle drei genannten Institutionen sind für die jeweilige Minderheitengruppe ein fester Bezugspunkt und nehmen zudem einen festen Platz in der rumänischen Theaterkultur und Geschichte ein.

Diese Präsenz mag schon quantitativ zu erklären sein: Die ungarische Minderheit umfasst heute rund 1,2 Millionen Angehörige, die deutsche Minderheit in den Zwischenkriegsjahren lag bei 746.000 Angehörigen und die jüdische Minderheit stellte den Zwischenkriegsjahren allein in Bukarest 11% der Bevölkerung. So ist es nicht verwunderlich, dass sich aus diesem reichen sozialen Leben institutionelle Formen des Theaters bildeten. Doch folgt man dieser quantitativen Erklärung für die Existenz von Minderheitentheatern, dann drängt sich die Frage auf: Wo bleibt die zweitgrößte (nach Angaben von Amnesty International mit geschätzten zwei Millionen Angehörigen sogar die größte) Minderheitengruppe Rumäniens, nämlich die der Roma? Und folgt man dem Argument des qualitativen Beitrags der jeweiligen Minderheiten zum rumänischen Theater – was ist demnach der Beitrag von Roma zur nationalen Theaterkultur?

Diese Fragen rücken insbesondere durch die Forderung nach einem nationalen Roma-Staatstheater in Rumänien in das öffentliche Bewusstsein. Zwar existiert die Forderung bereits länger, doch wird sie seit 2015 als konkretes Vorhaben von der Theaterkompanie „Giuvlipen“ sowie der damit assoziierten Vereinigung der Roma-Schauspielerinnen und -Schauspieler (Asociația Actorilor Romi) verfolgt. Innerhalb der letzten Jahre nahm das Vorhaben an Fahrt auf und wird mittlerweile von über 80 namhaften Personen des öffentlichen Lebens unterstützt. Im Kontrast dazu stoßen Giuvlipen und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer auf staatlich-administrativer Seite bislang aber auf taube Ohren.

2014 von Mihaela Drăgan und Zita Moldovan gegründet, entwickelte sich die anfangs informelle Theatergruppe Giuvlipen zu einer festen Größe in der rumänischen Theaterlandschaft. Über zehn unabhängig inszenierte Theaterstücke in sechs Jahren und zahlreiche (inter-)nationale Festivalauftritte ebneten den Weg, um 2020 den Preis des British Council im Rahmen der „Uniter Awards Gala“, des wichtigsten rumänischen Schauspielevents, entgegenzunehmen. Doch der Weg dahin war lang und als erste unabhängige rumänische Roma-Theatergruppe stand am Anfang vor allem eines: Grundlagenarbeit. So musste 2014 die Übersetzung des Wortes „Feminismus“ ins Romani erst erfunden und danach durch einen befreundeten Linguisten bestätigt werden. Heraus kam „Giuvlipen“ – „Giuvli“, Romani für „Frauen“ und „ipen“ was auf Romani für „Kollektiv“ steht. Klar wird hieraus auch die Agenda: pro feministisch, zeitgemäß und vor allem kontra stereotyp.

So beschreiben Giuvlipen sich folgendermaßen: „Unsere Gruppe kreiert Theateraufführungen, die auf den Lebensgeschichten von Roma-Angehörigen basieren, über die Schwierigkeiten, zwischen einer traditionellen patriarchalen Gemeinschaft und einer geforderten Integration in die dominante rumänische Gemeinschaft zu leben. Wir arbeiten daran, Stereotypen entgegenzuwirken, indem wir die realen Probleme, insbesondere die, mit denen Roma-Frauen täglich konfrontiert sind, auf die Bühne bringen“. Nach ihren ersten Stücken wuchs das Bewusstsein dafür, dass das, was da passiert, bedeutsam ist. „Wir tourten mit den Stücken durch ganz Rumänien und spielten in Gärten, Privatwohnungen und sogar in der Schule meiner Heimatstadt. Die Resonanz war überwältigend, obwohl wir provokative Themen wie Frauenrechte, Sexualität und Rassismus in unseren Stücken behandelten. Während der Reisen wurde uns auch bewusst, wie wichtig Strukturen sind. Wir trafen viele Roma, die keine Ahnung davon hatten, dass es professionelle Roma-Schauspielerinnen und -Schauspieler überhaupt gibt. Bis heute höre ich, dass Roma-Gemeinschaften noch nicht ‘bereit‘ für Theater sind. Aber das verschleiert nur die Tatsache, dass viele dieser Gemeinschaften keinerlei Zugang zu kulturellen Ressourcen wie Theater haben, geschweige denn zu einem Theater, welches nicht von der Mehrheitsgesellschaft für die Mehrheitsgesellschaft konzipiert ist“.

So wurde die Notwendigkeit ersichtlich, die eigenen Anstrengungen größer zu denken. In dem anschließenden Projekt „Roma Theater is not nomadic!“ wurde versucht, gezielt Staatstheater zu bespielen. Durch Kollaborationen, wie mit dem jüdischen Staatstheater für das Stück „Kali Traș/Die schwarze Angst“ – einer Verarbeitung der Deportationen von Roma nach Transnistrien während des Holocaust, basierend auf dem Buch des Überlebenden Valeric St˛nescu und die darauffolgende Aufführung 2018 im Deutschen Staatstheater in Temeswar (die ADZ berichtete), ließ sich eine größere Resonanz erzielen als jemals zuvor. Zeitgleich wurde klar, dass Gastauftritte nur als Zwischenschritt hin zu einem eigenen Raum fungieren können. „Wir Roma-Schauspielerinnen und -Schauspieler als Teil der inoffiziell größten Minderheit in Rumänien haben ein Recht auf einen eigenen Raum und ein Recht darauf, unsere Geschichten selbst zu erzählen. Über Jahrhunderte haben Stereotype und Mythen über Roma genug Stoff für Kunstschaffende hergegeben, die jedoch selten der Realität entsprachen. Mit einem Roma-Staatstheater würde die Regierung ihrer Verpflichtung nachkommen, unser Recht als Minderheit auf eigenen kulturellem Ausdruck zu gewährleisten. Und es ist ja nicht so, dass wir uns nur an Roma wenden. Wir machen auf gesamtgesellschaftliche Probleme aufmerksam und adressieren explizit auch die Mehrheitsgesellschaft. Wir sehen das Projekt Roma-Staatstheater als gemeinsame Anstrengung, um strukturelle Probleme der rumänischen Gesellschaft anzugehen.“

Trotz mehrjährigen Engagements der Zivilgesellschaft und Kulturszene hat die Stadtverwaltung Bukarest es bis heute versäumt, einen Raum für kulturellen Ausdruck einer Minderheit, an dem die Mehrheitsgesellschaft teilhaben kann, bereitzustellen. Schaut man sich die drei Theater-Neugründungen in der Amtszeit der ehemaligen Bürgermeisterin Gabriela Fiera an, dann dürfte die Forderung eines Roma-Theaters eher nicht am Kultur-Budget gescheitert sein.
Aber warum existiert ein solches Theater nicht bereits? Die Mitglieder von Giuvlipen berichteten von einem besonders einprägsamen Moment beim Zusammentreffen mit einem ehemaligen rumänischen Kultusminister. Auf die Initiative des Roma-Staatstheaters angesprochen, erwiderte er überrascht, dass „die Roma doch nichts mit der rumänischen Theatergeschichte zu tun haben“. Dass diese Aussage nicht nur falsch, sondern auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses des aktiven Vergessens ist, verdeutlichen aktuelle Ergebnisse von Archivrecherchen des Forschers und Regisseurs Mihai Lukács. Er zeigt auf, dass Roma in die ersten Anfänge des rumänischen Theaters maßgeblich involviert waren: Während der 500 Jahre andauernden Versklavung von Roma in der Moldau und der Walachei hielten sich wohlhabende Bojaren (feudale Großgrundbesitzer) Roma als Hofsklaven und gaben Ihnen verschiedene Rollen wie Akrobaten, Musiker und, inspiriert vom französischen Königshof, allen voran sogenannte „Narren“ (Bufoni). Lukács schreibt, dass diese „seit ihrer historischen Erwähnung in der Walachei ausschließlich aus dem Volk der Roma ausgewählt wurden und zu einem Symbol des vormodernen rumänischen Theaters wurden. Sobald die Narren in die Geschichte des rumänischen Theaters integriert waren, gerieten ihre ethnische Zugehörigkeit und ihr Sklavenstatus in Vergessenheit, wodurch die symbolische Bedeutung der Beteiligung der Roma am Aufbau einer nationalen Kultur geleugnet wurde. Die Wiederentdeckung der Roma-Narren ist eine Anerkennung der theatralischen Tradition der Roma, die der des rumänischen Theaters vorausging und diese zutiefst beeinflusste.“ Auf der Homepage der rumänischen Botschaft in Deutschland heißt es aber: „Die Anfänge des dramatischen Schauspiels liegen in den primitiven Formen des einheimischen Volkstheaters und in den Aufführungen des Volkstheaters an den Höfen der Fürsten oder der hohen Feudaladligen.“ Eine erweiterte Perspektive auf die Theatergeschichte Rumäniens aber würde es auch ermöglichen, die Verflechtungen und Wechselwirkungen hervorzuheben, aufgrund derer Roma immer schon ein Teil der rumänischen Gesellschaft waren – sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Theaters.

Die Tatsache, dass die rumänische Bevölkerung zu 11% aus staatlich anerkannten Minderheiten besteht, ließe sich auch als Chance betrachten, und die Förderung von Minderheitentheatern könnte als Aushängeschild einer modernen rumänischen Nation gesehen werden. Kulturpolitik und diversitätsbewusstes Handeln könnten gemeinsam gedacht werden, um der – angesichts eines bis heute grassierenden Antiziganismus dringend notwendigen – Schaffung von institutionellen Räumen für Roma Vorzug zu leisten. Auch ließe sich hier Bukarest als progressive Stadt verstehen, die nach Berlin 2017 mit der Institution des European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) nun der zweiten Roma-assoziierten Kulturinstitution in Europa einen Raum gibt.

Doch ist dies nicht der alleinige Grund für die Etablierung eines Roma-Staatstheaters: Denn die Mitglieder von Giuvlipen sind nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern ihres Könnens in der Position, in der sie jetzt sind. An Professionalität und Ideenreichtum mangelt es keineswegs, ihre Bedürfnisse sind administrativer Art: „Wir sind nicht auf Mitleid angewiesen, sondern brauchen lediglich die Mittel, unsere Geschichten selbst zu erzählen. Was wir brauchen ist ein Raum für uns, ein Budget und Techniker für die Bühne. Den Rest sind wir gewohnt, selbst zu machen und vor allem gut zu machen. Was wir fordern, ist lediglich unser Recht dazu“. Das Recht, sich kulturell auszudrücken und ihre Geschichten selbst zu erzählen, aber auch das Recht aller Gadje (Nicht-Roma), diese Geschichten aus erster Hand zu hören.

cffviseu