Mondän wie der Mond

Anita Daniels Feuilletons verzaubern immer noch

Menschen, die aus Rumänien kommen, entwerfen ihr eigenes Weltmodell. Sie entfalten ein Bild von dem, was sie sehen, empfinden und erleiden in einer oft spielerischen und grazilen Art. Die Lyrik von Rose Ausländer gehört dazu, die 1901 in der damals noch habsburgischen Stadt Czernowitz/Cernăuţi geboren wurde, die dann von 1918 bis 1947 ein Teil Rumäniens war und deren Dichtung stets etwas Schwebendes hat, einen Klang erzeugt, der ohne Trompeten auskommt und eher in die Harfe der Sprache und Menschen greift.

„Wenn ich den blauweißen Schal / nach Osten hänge/ schwingt Jerusalem herüber zu mir / mit Tempel und Hohelied// Ich bin fünftausend Jahre jung // Mein Schal / ist eine Schaukel“, dichtete sie im Gedicht „Jerusalem“. Rumänien ist selten auf nur einen Nenner zu bringen. Auch nicht eine Universitätsstadt wie Jassy/Ia{i. Dort wurde Anita Daniel geboren; auch sie war jüdisch, wie um 1900 ja fast die Hälfte der Einwohner. 1902 soll sie dort geboren worden sein, aber das war wohl eher ihrem biographischen Gestaltungswillen geschuldet, sie wollte (immer) jünger sein, darin der Kölner Dichterin Hilde Domin verwandt, die ihr Geburtsjahr von 1909 auf 1912 verlegte. Anita Daniels Leben begann Ende des 19. Jahrhunderts – wann ganz genau, bleibt dunkel - und endete erst 1978 in New York. Dazwischen lag ein imposantes Leben, das einem den Atem verschlägt, eine Vita voll Anmut, graziler Sprache und Weltläufigkeit und so eben auch der Poesie verwandt. Über Rose Ausländer schrieb sie nichts, aber sie schrieb Feuilletons aus und über Deutschland und später in den USA mit einer so konturenscharfen Feder, dass man an eine Seelenverwandtschaft glauben möchte.

Das Feuilleton ist eine Literaturform, die nur derjenige beherrscht, der über breite Bildung, Empathie und souveränes Sprachvermögen verfügt. Und Anita Daniel hatte das alles. Die 120 Feuilletons, welche die kundige Hamburger Kulturjournalistin und Autorin Katja Behling („Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900“) zusammengestellt hat, sind ein voller Lesegenuss, nie seicht (was man Feuilletons gelegentlich vorwirft), sondern frisch wie ein Sommermorgen, mit leichter Hand komponiert, in ihren herangezoomten Begebenheiten von Alltäglichkeiten indes genau und anmutig. Der Text „Entdeckung der Nähe“ stellt den Satz „Der Weg zu einem selbst führt über die ganze Welt“ voran und könnte das Lebensmotto der Frau aus Jassy gewesen sein. Der Text ruft am Ende ein rumänisches Sprich-wort auf, wonach derjenige, der keine guten Nachbarn habe, sich selbst loben müsse. Wie wahr, aber die Conclusio, die folgt, ist noch genauer: „Denn die Entdeckung der Nähe ist eine Erfüllung. Aber der Mensch ist nie vollendet genug, um ohne Sehnsucht leben zu können.“ Eine Erkenntnis wie ein poetischer Kristall.

Anita Daniel schrieb in heute eher unbekannten Zeitschriften wie „Die Dame“, „Uhu“ oder „Aufbau“, ein Blatt, das 1934 in New York aus dem Vereinsblatt des German Jewish Club hervorgegangen war (Einstein, Mann, Feuchtwanger, Werfel und Hannah Arendt schrieben dort). In den hier zusammengestellten Texten erfährt man mehr vom Berlin der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts als durch die TV-Serie „Babylon Berlin“. Die eingestreuten Aphorismen sind weltklug. „Eleganz bedingt Haltung, Haltung erzeugt Würde. Daher ist angeborene Eleganz nie auf seelischer Leere aufgebaut“, eine Erkenntnis, die sie verdichtet in der Sentenz „Eleganz der Rede: Klarheit und Tiefe des Sinnes, natürliche Schönheit des Ausdrucks. `Ciceronische Eleganz` ist ein klassischer Begriff geworden.“

Diese Weisheit ist verschwistert mit dem Gryphius-Satz, wonach Form höchster Inhalt ist. Der kulturhistorische Bogen spannt sich von Deutschland, Frankreich, Schweiz, von Europa nach Nordamerika und findet so alte und neue Welt. Kaum ein Thema wird ausgelassen. Sie strömt über, eine Lebenslust scheint ihre Biographie zu gründen und so schreibt sie 1941 aus New York, wohin sie sich nach Jahren in England und Island retten konnte: „Ein wahrer Dichter übertreibt nie – er strömt über.“ Und sie schrieb bald auch in Englisch in Zeitschriften wie „Vogue“ und „Delineator“, so den vielbeachteten Text „Why I envy American Women“. Und auch adeligen Familien nahm sie sich an, köstlich der Text im „Uhu“ aus dem Jahre 1933 „Warum ist der Prinz von Wales immer so traurig“, bei dem man sogleich an den Dackelblick des heutigen denken muss. Und dass Erich Kästner (1899-1975) mal zum Tee bei Queen Mum war und sie sich amüsiert über „Emil und die Detektive“ ausließ, ist eine Trouvaille aus der Zeitgeschichte, die Personen und Zeit klarer beleuchtet als viele Fotos. Ja, aber auch als Fotografin entwickelte sich Anita. Sie konnte eigentlich alles, was sich inszenieren ließ mit Bildern in Salons, Museen, in Worten und Fotolinse. Mascha Kaléko (1907-1975) war wohl auch ihre Seelenschwester und ihrem Blick auf die Welt verwandt. Zudem konnte Anita Daniel Couplet-nah dichten, wie das Gedicht „Monolog 1930“ beweist, das in die Welt von Claire Waldoff (1884-1957) hineinreicht. Das Mondäne hat bei Anita Daniel etwas Mondfernes, aber es zieht immer an. Ach, es ist eine Wonne, sich von dieser Prosa an die Hand nehmen zu lassen und ein paar Seiten zu vergessen, dass diese Welt für immer vergangen, aber doch nicht gänzlich vergessen ist. Aus Rumänien kamen eben oft – damals wie heute – Frauen von Grandezza. Ihnen zuzuhören, öffnet Welten.

Anita Daniel, „Mondän ist nicht mehr modern“, Feuilletons über Mode, die Kunst und das Leben. Herausgegeben von Katja Behling und Thomas B. Schumann, Edition Memoria, Hürth bei Köln 2021, 263 Seiten.

 

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