Relikte von großen und kleinen Lieben

Museum der zerbrochenen Beziehungen in Bukarest

Ein Hochzeitskleid in einem Einmachglas erzählt von einer gescheiterten Ehe.

Mit dieser Axt hat jemand die Möbel seiner Ex-Frau zertrümmert. Fotos: die Verfasserin

Das Plakat der Ausstellung in Bukarest

Am Mittwoch, dem 3. September, öffnete in der „Rezidența BRD Scena9“ in Bukarest die Ausstellung „Museum of Broken Relationships“ (Das Museum der zerbrochenen Beziehungen), eine Kollektion von Hunderten von Gegenständen, die von Menschen aus aller Welt eingesendet wurden, nachdem ihre Liebesbeziehungen zu Ende gingen. Die Kollektion zeigt, was von Liebesgeschichten übrig bleibt – es sind oft kleine Objekte, die große Geschichten verbergen: ein Aschenbecher, ein Busticket, eine Konservendose, Teddybären, Briefe, die Arme einer Schaufensterpuppe oder sogar eine Axt. 

Während man die Geschichten hinter diesen Gegenständen liest, verwandelt sich die Neugier in Mitgefühl und man muss an seine eigenen verflossenen Liebesbeziehungen denken. Ein Besuch im Museum ist wie eine  kleine Reise durch den schmerzhaftesten Moment einer Beziehung: die Trennung. Die temporäre Ausstellung wurde vom Nationalen Museumnetzwerk organisiert und kann bis zum 17. Oktober besucht werden. 

Die Liebesgeschichten hinter den Gegenständen 

Ein Kinoticket aus dem Jahr 1999, für den Film „Meet Joe Black“, den man damals fürs erste Date ausgesucht hat. Ein Korkenzieher, den man von der netten Nachbarin ausgeliehen hat, nachdem man in die neue Wohnung gezogen ist. Eine Hochzeitseinladung.  Ein grüner Pullover, den man am Tag getragen hat, als er plötzlich Schluss gemacht hat und den man seitdem nicht mehr anrühren will. Eine Kassette mit allen Songs, die an die ersten Monate der Beziehung erinnerten und die man seiner damaligen Freundin zum ersten Jahrestag geschenkt hat. Nach der Trennung schickte sie die Kassette zurück. Ein Papierserviette, auf der eine Handynummer mit blauem Kugelschreiber steht, und die an den Anfang einer Beziehung erinnert. Was tut man mit den Andenken  an eine längst beendete Liebesgeschichte? Oft landen sie in einer Kartonschachtel, die man im Keller abstellt. Eine bessere Idee wäre es vielleicht, die Objekte an das Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb zu schicken, natürlich  zusammen mit der Geschichte, die dahinter steckt. Mit ein wenig Glück wird etwas davon zum Exponat. Für viele Menschen ist es wie eine Erleichterung und Befreiung, wenn sie sich von diesen Gegenständen trennen. „Es war das Einzige, was ich mit diesem Gegenstand machen konnte. Ich konnte ihn nicht wegwerfen und starrte ihn stattdessen dauernd an, als ob es ein furchterregendes Tier wäre“, erzählt die ehemalige Besitzerin einer Thunfisch-Konserve, die sie von ihrem Exfreund im März, am Anfang des Covid-19-Lockdowns, bekommen hat, dem rumänischen Kulturportal Scena9. Die Beziehung überlebte die Zeit der Ausgangssperre nicht. Die Inhaberin eines argentinischen Weinflaschen-Etiketts, das auch ins Museum kam, meint, dass sie selbst zu Hause eine Art Mini-Ausstellung mit Gegenständen hat, die an vergangene Beziehungen erinnern. „Menschen reden immer von der Liebe, aber auch Trennungen gehören zur Liebe und es ist wichtig, dass auch darüber gesprochen wird. Vielleicht hilft diese Ausstellung den Leuten, den Trennungsschmerz besser zu meistern“, meinen die Organisatoren. 

Alles fing in Kroatien an 

Das Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb wurde im Jahr 2007 eingeweiht. Die Idee für das Museum kam den beiden Künstlern Olinka Vištica und Dražen Grubišic, nachdem sie sich selbst getrennt hatten. Es viel beiden sehr schwer, das Ende ihrer Beziehung zu verarbeiten und beide waren umgeben von Souvenirs und Andenken, die sie an ihre besten Zeiten erinnerten. Wohin mit den vielen Andenken? Sie brachten es nicht übers Herz, sie wegzuschmeißen. Aber auch behalten konnten sie diese Gegenstände nicht, es war zu schmerzvoll, sie jeden Tag auf dem Regal zu sehen. Die beiden fanden eine Lösung: sie eröffneten ein Museum. Zuerst zeigten sie Objekte, die in ihrem Freundeskreis gesammelt wurden, später kamen Gegenstände von Museumsbesuchern dazu. Heute ist das „Museum of Broken Relationships“ in Zagreb weltbekannt, hat eine Filiale in Los Angeles und zeigt in einer Wanderausstellung rund um den Globus Relikte von großen und kleinen Liebesgeschichten jeder Art, natürlich mit den zugehörigen Geschichten. 2011 wurde das Museum mit einem Sonderpreis, der Auszeichnung „Europäisches Museum des Jahres“, gewürdigt. Bisher gelangte die Wanderausstellung in über 32 Länder. Unter den Exponaten befindet sich manch interessantes Objekt. Wie zum Beispiel ein blauer Aschenbecher voller Zigarettenstummel, der aus Deutschland stammt. Er gehörte einem Ex-Freund, der oft in der Nacht alleine auf dem Balkon rauchte. Nach der Trennung hatte es seine Partnerin nicht geschafft, den Aschenbecher zu leeren. Also schickte sie ihn ans Museum. Ebenfalls kann man eine Axt besichtigen, mit der jemand die Möbel seiner Ex-Frau zerteilt hat. Das ist das Schöne am Projekt: Jeder Mensch aus aller Welt kann zur Ausstellung beitragen. Auch ein Buch zum Museum ist inzwischen erschienen. Die beiden Museumskuratoren haben 75 Objekte, die aus der ganzen Welt eingesendet wurden, dafür ausgewählt. Wie in der Ausstellung werden sie gemeinsam mit der Geschichte der Beziehung (die Ex-Partner bleiben anonym) präsentiert. Sie handeln von hetero- oder homosexuellen Liebespaaren, aber auch von verflossenen Freundschaften (das Ende einer Freundschaft kann manchmal sogar schmerzhafter als Liebeskummer sein, weil man weniger damit rechnet) oder von komplizierten Eltern-Kind-Beziehungen. 

Man kann seine Geschichte auch aufschreiben 

In der Ausstellung in Bukarest findet man in einem der Räume Papierzettel und Bleistifte vor.  „Falls ihr selbst keinen Gegenstand habt, den ihr dem Museum überlassen wollt, habt ihr vielleicht eine Geschichte über eine zerbrochene Beziehung. Wir werden anschließend alle Zettel sammeln und sie ins große Museum nach Zagreb schicken“, schreiben die rumänischen Organisatoren auf Facebook. Die Ausstellung kann dienstags bis freitags zwischen 16.00 und 20.00 Uhr und am Wochenende zwischen 13.00 und 20.00 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei. Als Maßnahme zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ist die Anzahl der Besucher beschränkt. Deshalb muss man sich online anmelden, unter folgendem Link: booking.appointy.com/en-US/rezidentabrdscena9/bookings/calendar. Das Interesse ist sehr groß, also sollte man sich beeilen! 

Liebesgeschichten hinter den Exponaten 

Rumänische Kollektion:
 Eine Thunfisch-Konserve in Tomatensaft. Dauer der Beziehung: Zweieinhalb Jahre. „Nach zweieinhalb Jahren, in denen wir uns täglich gesehen haben, kamen drei Tage, an denen ich nichts von ihm hörte. Am vierten Tag kam er dann zu mir nach Hause. Voll bepackt mit Konserven, Desinfektionsmittel, Klopapier, Olivenöl und Katzenfutter. Dann machte er Schluss. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Es war der dritte Tag der Ausgangssperre, gleich am Anfang des Lockdowns. Ich habe alle Konserven behalten und gehofft, dass er vielleicht zurück kommt und wir gemeinsam etwas kochen“.

Internationale Kollektion:
 Buch. Dauer der Beziehung: 1984-1986, Mexiko. „Ein Junge, der mich immer auf dem Schulweg begleitet hat, hat mir dieses Buch geschenkt. Ich war 13, er war ein Jahr älter.  Ich habe ihn sehr gemocht. Dann wurde er krank und wir konnten uns nicht mehr sehen. Wir haben ein geheimes Alphabet erfunden und schrieben uns täglich Briefe. Unsere Familien haben uns verboten, am Telefon zu sprechen. In diesem Buch gibt es ein Gedicht, das er mit unserem Geheimalphabet verfasst hat. Unsere Familien waren mit unserer Beziehung aus religiösen Gründen nicht einverstanden, also trennten wir uns nach einer Zeit. Es dauerte 25 Jahre, bis er mich wieder fand, auf Facebook. Die Gefühle füreinander waren mit der Zeit überhaupt nicht verblasst. Aber es war zu spät. Er war schon verlobt“. 

Rumänische Kollektion:
Das Etikett einer argentinischen Weinflasche, die wir an unserem ersten gemeinsamen Abend getrunken haben. Dauer der Beziehung: einen Monat und eine Woche in Argentinien, Peru und Rumänien und ein Jahr Fernbeziehung (bis im Frühjahr 2016), Bukarest, Rumänien. „2016 hatte ich mir ein Sabbatjahr genommen und bin durch Südamerika gereist. Ich habe mich in einen 11 Jahre jüngeren Mann verliebt, der an der Rezeption eines Hostels in Patagonien arbeitete. Im Februar 2016 verbrachten wir eine Nacht zusammen, danach haben wir dauernd kommuniziert. Er hat sich ein Flugticket für den Sommer nach Rumänien gekauft und hat in fünf Minuten beschlossen, mit mir nach Peru zu kommen. Ich hatte dauernd das Gefühl, in einem komplett anderen Leben gelandet zu sein. Danach ging unsere Beziehung eine Zeit lang online weiter. Er gab mir Tipps über Rinderbraten, Weine und Orte in Argentinien. Ich habe mich gut gefühlt, es war die Reise meines Lebens.

 

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