„Retro Radio“

Senioren erzählen in einem Podcast über ihre Leidenschaften

Vor vielen Jahren habe ich in der Berliner S-Bahn eine Gruppe von älteren Damen belauscht, die sich über ihren bevorstehenden gemeinsamen Wellness-Urlaub unterhielten. „Sollte ich den gepunkteten Badeanzug mitnehmen oder den schwarzen?“, fragte eine von ihnen. Es folgte ein Gespräch über Badeanzüge und ich musste automatisch daran denken, dass ich in einem Bus oder einer U-Bahn in Rumänien nie ein ähnliches Gespräch hören werde. In rumänischen Bussen sprechen ältere Frauen über Rückenschmerzen, Medikamente, viel zu hohe Gasrechnungen und vielleicht über ihre Enkelkinder. Luxusprobleme wie die Auswahl eines passenden Badeanzugs gibt es sicherlich nicht. Ich empfand eine Art Neid auf die Frauen in der Berliner S-Bahn. In Rumänien gibt es Millionen von Rentnern, und nur sehr wenige von ihnen haben Geld und Zeit, ihren Hobbies und Leidenschaften nachzugehen.  Jahre später während der Corona-Pandemie hörte ich jedoch einen Podcast, der mir zeigte: Es gibtauch hierzulande lebensfrohe ältere Leute, die Leidenschaften haben und gerne über sie reden. 

„Als ich mit Frau Brondello gesprochen habe, klang sie eher wie eine junge Frau meines Alters als eine 82-Jährige. Sie hat so viel Energie“, wundert sich auch die Sprecherin des Podcasts. Sie hat Cornelia Brondello in ihrer Bukarester Wohnung besucht. Hier bastelt die ehemalige Sportlehrerin eifrig an der nächsten Nummer einer Zeitschrift, die sie alle zwei Monate herausbringt. Die Leser sind ihre ehemaligen Kommilitonen. In den Artikeln geht es meistens um lustige Erinnerungen aus der Studienzeit. „Retro Radio“ heißt der Podcast, der auf Spotify zu hören ist, aber auch in allen Podcast-Apps auf Android oder IOS kostenlos erhältlich ist. Der Podcast wurde von einem Team von acht jungen Künstlern aus der Theater-, Musik- und Filmbranche realisiert. Das Projekt wurde vom rumänischen Kulturministerium finanziert. 

„Eine Quelle von Weisheit, Humor und Talent“

Die Kaffeemaschine geht kaputt und man kauft sich gleich eine andere, ohne zu versuchen, die alte zu reparieren. Man kauft reduzierte Kleidung, die man ein Jahr trägt, höchstens zwei,  teure Gesichtscremen, sogar die Marmelade, den Kuchen und die bunt bemalten Ostereier kauft man im Supermarkt. Es gibt aber Leute, die die defekte Kaffeemaschine reparieren, indem sie Teile eines Haarföhns einbauen. Leute, die sogar Brautkleider selbst nähen können. Leute, die unzählige Zacusca-Rezepte kennen, aus altem Stoff Spielzeuge herstellen oder zu jeder Zeit hausgemachte Schönheitsrezepte parat haben. Das sind unsere Großeltern. Wie strickt man einen Schal, wie macht man seine eigene Ledertasche? Wie entsteht selbstgemachter Kirschlikör? Welches ist das Geheimnis einer perfekten Marmelade? Gibt es einen originellen Brotaufstrich, den niemand kennt? Wie kann man selbst Seife sieden und welche sind die besten natürlichen Gesichtsmasken? Gibt es Wunderpflanzen, mit denen man Tee aufbrühen kann? Wie entsteht ein Gewächshaus im eigenen Wohnblock? Gibt es Tipps, damit ein Baum schneller wächst? Junge Leute können da kaum weiterhelfen. 

Im Herbst 2020 begab sich das Team aus Schauspielern, Regisseuren und Musikern auf die Suche nach Senioren, die ein interessantes Hobby haben und ihr Wissen gerne an junge Leute weitergeben wollen. Es sollte ein Versuch sein, die Hausmacher- und Handwerkskultur in Rumänien wieder zu beleben. „Wir wollen alles wissen über Zacusca, eingelegte Gurken oder gestrickte Untersetzer, über Socken, Schals und Handschuhe oder über die Schnittmuster aus der Burda-Zeitschrift. Es interessieren uns außerdem Gesichtsmasken mit Lehm, die Geheimnisse des Weins, Gartenarbeit oder die Anwendung eines Wergzeugkastens. Falls deine Großeltern eins dieser Hobbys haben und darüber gerne berichten wollen, sind sie in unserem Team wollkommen. Die Generation unserer Großeltern ist eine Quelle von Weisheit, Humor und Talent“ - so klang der Text des Aufrufs. Schießlich hat das Team 15 Senioren gefunden, die für den Podcast interviewt wurden. Für jede Folge wurde eine andere Hintergrundsmusik komponiert. 

Drohnen, Glasperlen und Burda-Zeitschriften 

Zurzeit sind im Podcast zwei Folgen zu finden: „Von Drohnen und Glasperlen” und „Klamotten aus der Burda”. Die restlichen vier Folgen werden in einem Abstand von zwei Monaten folgen. In der ersten Folge lernt man die Rentner Cornelia Brondello und Ioan Erhan kennen. Cornelia führt ein Notizbuch, in dem sie alle nötigen Schritte aufgeschrieben hat, um auf YouTube ein Video anzuschauen. Sie trägt lackierte Fingernägel und in ihrem Wohnzimmer steht ein alter Kasettenrecorder. Die Idee für die Zeitschrift „Remember für ein Leben“ kam ihr in den 90er Jahren auf dem 30. Jubiläum ihres Hochschulabschlusses. Damals wollte sie ihre ehemaligen Kommilitonen mit mehreren Artikeln und alten Fotos überraschen. Die Zeitschrift hatte Erfolg und Cornelia hat weitergemacht. In der letzten Nummer der Zeitschrift erinnert sie sich an verschiedene Scherze, die sie als Studenten machten. Ebenfalls hat die Rentnerin, deren Mutter Italienerin und ebenfalls Sportlerin war, eine Leidenschaft für selbstgemachte Glasperlenketten. Die meisten davon verschenkt sie an Freunde und Familie. 

Ioan Erhan ist 91 Jahre alt, hat eine Webcam für Videoanrufe auf seinem Computer installiert und bastelt an einer selbstgemachten Drohne. Vor vielen Jahren hat er bei Wettbewerben für Modellboote teilgenommen, die er in der Badewanne testete. Er repariert alle elektronischen Geräte, die in seinem Haus kaputt gehen. „Man muss nicht aufgeben. Auch das Leben der Apparate kann verlängert werden“, meint er. 

In der zweiten Folge des Podcasts lernen wir Mihaela Hacman kennen, die schon mit sieben Jahren angefangen hat, Kleider für ihre Puppen zu nähen. Später hat sie in einem Burda-Katalog ein Modell für ein Brautkleid entdeckt und hat es für eine Freundin genäht. Mihaela war Erzieherin, hat beim Metrologie-Institut gearbeitet und war eine Zeit lang auch Übersetzerin. Doch die Leidenschaft für das Nähen von Kleidern hat sie nie aufgegeben. Nicht einmal dann, als sie an einem Wettbewerb der Burda-Zeitschrift teilnahm und ein negatives Feedback aus Deutschland erhielt. Heute entwirft sie sogar für ihre Haustiere Regenmäntel und Kissen. In ihrem Schrank sind Kleider, die 60 Jahre alt sind und die man noch tragen kann. In einer Zeit, in der der Mode-Wahnsinn die Umwelt zerstört, sollte man vielleicht daran denken, dass es nachhaltiger ist, seine Kleider selbst zu nähen. 

Riesenerfolg bei TikTok

Die Großeltern aus dem Retro-Radio-Podcast hatten großen Erfolg bei den jungen Leuten. Auf TikTok haben schon über eine Million Jugendliche die Sendung verfolgt. „Wir haben Retro Radio für junge Leute gemacht. Auf Social Media gibt es viel zu viele schwache Beiträge und unserer Meinung nach brauchen die Jugendlichen gut erzählte Geschichten. Deshalb hat unser Projekt Erfolg. Es ist ein Podcast, den man von überall hören kann, auch mehrere Male. Er klingt gut, macht gute Laune, du erfährst interessante Lebensgeschichten und lernst nonkonformistische Senioren kennen“, meint Koordinatorin Ioana Păun. Von den Hörern kommen immer wieder rührende Rückmeldungen. So wie diese: „Am Ende habe ich geweint, weil ich nie auf die Idee gekommen bin, meine Großeltern aufzunehmen, wenn sie über ihr Leben erzählten. Sie hatten so schöne Sachen zu erzählen”.  


Was ist ein Podcast? 
Wer beim Laufen keine Musik mehr hören will, die Zeit im Auto, Bus oder Zug auf nützliche Weise verbringen möchte oder vor dem Einschlafen keine Lust mehr hat, auf Facebook zu scrollen, der kann sich einen Podcast anhören. Ein Podcast ist ein regelmäßig oder unregelmäßig erscheinender Blog in Form von Audio-dateien. Im Gegensatz zu einer Radiosendung ist die Episode eines Podcasts jederzeit abrufbar und kann auf dem Smartphone oder Computer unabhängig von einer bestimmten Sendezeit gehört werden. 
Das englische Wort „Podcast“ setzt sich zusammen aus „pod“ (Gondel) – die Bezeichnung für den tragbaren Audioplayer iPod, auf dem das Medium zum ersten Mal breite Verwendung fand – sowie der Bezeichnung „Broadcast“ (Sendung). 
Durch die wachsende Verbreitung von Smart-phones wurden die Podcasts seit 2015 immer beliebter. Ein einzelner Podcast besteht aus einer Serie von Medienbeiträgen, die über einen Web-Feed automatisch bezogen werden können. Viele Podcasts gibt es als Stream im Netz und man kann sie ohne Probleme auf dem Laptop hören. Mit dem Tablet und dem Smartphone geht es noch einfacher: Man lädt eine Podcast-App herunter und abonniert anschließend die einzelnen Podcasts der jeweiligen App. Beim Erscheinen neuer Episoden wird man automatisch benachrichtigt. 

 

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