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Ruf der herben rumänischen Seele 

Ein Künstler muss nun mal seinen Weg gehen

Mit „Aida și noi“ lebt Mihai seine ausgefallenen Ideen so richtig aus und stößt dabei auf allgemeine Sympathie. Foto: Francesca Șchiopca

Mihai Iliescu, dieser ungewöhnlich erfrischende Charakter mit Haarspangen und bunten Accesoires hat „Zmei 3“ 2011 ins Leben gerufen. Foto: Dan Samoilă/Red Carpet

Zmei 3 live im Bukarester „ExPirat“-Club, Sängerin Paula Țurcaș und Mihai Iliescu. Foto: Helmut Ignat

Wenn Mihai mal Kritik wegen einem zu regen Redeschwall während der Konzerte erntet, verwandelt er die Situation geschickt in eine humoristische Szene. Foto: Dan Samoilă/Red Carpet

Wenn man für etwas Bestimmtes geschaffen ist, sollte man dem auch nachgehen, selbst, wenn es manchmal nicht so leicht ist, und manchmal viel, sogar sehr viel Arbeit dahinter steckt. Der Ruf der Seele ist vor allem für Künstler nicht überhörbar, wie es bei Musiker Mihai Iliescu der Fall ist. Er ist von seiner Ausbildung her eigentlich Anwalt, hat zwischenzeitlich bei einer großen PR-Firma gearbeitet, aber schon immer Gitarre gespielt und einen großen Drang verspürt, seine bunte Persönlichkeit auf eine verrückt-extravagante Art auszudrücken. Heute ist er auf einem steilen Weg zum Erfolg, seine Geschichte erzählt aber auch von viel Frust und Enttäuschung. 
Mihais Zuhause wurde in seiner Kindheit zerstört, als in Bukarest ein ganzes Stadtviertel abgerissen wurde, um Platz für den Parlamentspalast zu schaffen. Nach vielen Jahren der Wut und Unmöglichkeit, diesem Kapitel Vergebung zu schenken, wanderte er nach Berlin aus. 

Vom Hotelgast zur Reinigungskraft 

„Bevor ich nach Berlin ging, hatte ich einen sehr gut bezahlten Job, musste aber neu anfangen. Nach etlichen Absagen nahm ich also den ersten Job, der auf mich zukam, das war damals eine Stelle als Reinigungskraft bei einem Hotel. Der Wechsel vom Hotelgast zum Putzmann war ein sehr interessantes Erlebnis, die Leute gingen an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, waren oft sogar von meiner Gegenwart gestört und ich erinnerte mich daran, dass ich mich in der Vergangenheit ähnlich verhalten hatte“, erzählt Mihai bei einem gemütlichen Gespräch im Herzen von Bukarest. 

Eineinhalb Jahre hat er beim Hotel gearbeitet, hat danach privat Gitarre unterrichtet und selber Unterricht bei lokalen Jazzgitarristen genommen, hatte aber auch das Glück, währenddessen die richtigen Leute für seine Band zu finden, wovon er schon lange geträumt hatte. Sein Wunsch war es, der „rumänischen Seele“ musikalisch Ausdruck zu verleihen. So entstand „Zmei 3“ in Zusammenarbeit mit Sängerin Paula Țurcaș, die ebenfalls in Berlin lebt und ursprünglich aus Mediasch stammt, früher erfolgreiche Opernsängerin war, sich aber auf einer derartigen Bühne nicht so wirklich zu Hause fühlte und andererseits von Mihais Beziehung zur Musik komplett fasziniert war. Die Sympathie des Publikums wollte sie mit ihrer originellen, authentischen, dramatisch in Szene gesetzten Erscheinung für sich gewinnen. Bei Zmei 3 schafft sie das auf die natürlichste Weise. 

Dazu kam der Berliner Jazzmusiker Oli Bott, der sein Studium an einer der renommiertesten Musikhochschule der Welt - in Boston, am „Berklee College of Music“ absolviert hat und an seinem Vibraphon eine wahre Show vollzieht. Außerdem kom-poniert er die Musik von Zmei 3 und erschafft an seinem Instrument einen ganz besonderen Klangraum, in dem die Band sich wie zu Hause fühlt. Seine Improvisationen sind nicht nur für Kenner ein wahres Erlebnis, die Presse nannte ihn unter anderem „den aufsteigenden Stern am Berliner Himmel“. 

Mihai schreibt die Liedtexte in rumänischer Sprache und lässt dabei seine sämtliche Enttäuschung und den Frust der Vergangenheit mit Humor und Charme verfließen, es geht oft um Liebe und Nostalgie. „Die schwierigen Momente meines Lebens schenken mir endlos Inspiration. Als es mir gut ging – in der Zeit, als meine beiden Töchter zur Welt kamen, war ich nicht so wirklich kreativ“, erzählt er. 

Das Ergebnis des Zusammenspiels dieser drei charmanten Persönlichkeiten ist eine Mischung aus rumänischer Musik der Nachkriegszeit, Jazz, Pop und Indie, die vom Alltag des Künstlers wie auch von Facetten des Lebens in Rumänien zu erzählen hat und dabei den Nerv der jetzigen Zeit getroffen zu haben scheint. Die Konzerte von Zmei 3 sind im Moment zumindest in Rumänien schon Wochen davor ausverkauft. „Von meinen Freunden kam zuerst massig Kritik, sie konnten diese Musik nicht so richtig nachempfinden, ich lernte aber schnell, solche Meinungen zu ignorieren“, erinnert sich der Künstler. 

Der Anfang war eigentlich auch recht schwungvoll, denn das erste Konzert von Zmei 3 fand direkt im bekanntesten Jazzclub Berlins, dem „B-Flat“, statt. mehrere Konzerte in Deutschland und Österreich folgten, der Andrang war zwar nicht besonders groß, die deutsche Presse hatte aber trotzdem viel darüber zu berichten: „Wenn Zmei 3 spielen, passiert es nicht selten, dass im Publikum Tränen fließen“, formulierte es die deutsche Zeitung „Der Tagesspiegel“. Der Westdeutsche Rundfunk berichtete: „Zmei 3 sind psychedelisch und melancholisch, spirituell und soulig, jazzig und experimentell, manchmal sogar rockig, immer sehr rumänisch und vor allem mutig.“ „Immer wieder wird Sängerin Paula mit ihrer kräftigen aber auch milden, abwechslungsreichen Stimme hervorgehoben.

Zurück nach Transsilvanien

Das erste Album kam durch eine Kickstarter-Kampagne zustande. Fans aus aller Welt spendeten über 20.000 Euro, um das anspruchsvolle Projekt ins Leben zu rufen. Es sollte nämlich nicht nur ein gewöhnliches Album werden, sondern auf einer Reise durch Transsilvanien mitsamt dazugehörigem Dokumentarfilm aufgenommen werden - so mussten Sound- und Videoteams sowie Journalisten mit technischem Zubehör gleich mit ins Gepäck. „Es wäre natürlich einfacher und viel billiger gewesen, in einem Studio in Berlin aufzunehmen, wir brauchten aber die Natur, die Landschaft, unsere Heimat, um all dies in die Musik fließen zu lassen“, so Mihai.  
Das Album „Rough Romanian Soul“ wurde von einem Grammy-gekürten Produzenten bearbeitet und 2016 veröffentlicht. Das Ergebnis: ein Auftritt bei BBC und ein Konzert beim WOMAD Festival in England. „Viel mehr kam dabei nicht zustande“, sagt Mihai mit leichter Enttäuschung, er hatte sich bereits jahrelang um den Aufstieg der Band bemüht. „Es war wahrscheinlich ein Fehler, dass wir direkt so hoch gezielt haben, denn ein richtiges Publikum hat sich ohne zahlreiche Club-Auftritte nicht geformt, weder in Deutschland, noch in Rumänien. In Deutschland hatten wir meist ältere Herrschaften und Touristen als Zuhörer, da wir in exklusiven Lokalen spielten. Die Leute verstanden die Texte zwar nicht, aber sehr viel von der Musik, wurden aber eher selten zu richtigen Fans“.

Ausverkaufte Live-Auftritte

Den wahren Durchbruch schaffte Zmei 3 trotzdem, aber erst 2018, als die Hitsingle „Rică din Obor“ ins Radio kam. „Auf einmal ging es steil bergauf, es war sehr überraschend für uns, dass ein Konzert schon Wochen vorher ausverkauft war“, erzählt Mihai. Die Live-Konzerte werden inzwischen zusätzlich von Bass und Schlagzeug begleitet, manch-mal kommt auch ein Akkordeon dazu, den „Kern“ bilden aber weiterhin die drei. 
Aktuell arbeiten sie an einem neuen Album, vor Kurzem sind zwei Videos als Vorschau zum Album erschienen, die im Sommer im „Startrec“ Studio in Bukarest aufgenommen wurden und auf www.zmeitrei.com zu finden sind. Wann das Album herauskommt, steht noch nicht fest, bis auf Weiteres sind Konzerte angesagt, eines davon findet am 20. Dezember im Bukarester „Control-Club“ statt, wo die neuste Single, „A murder ballad“, präsentiert wird.   

Mihai ist inzwischen mit seiner Familie nach Bukarest zurückgekehrt und in ein weiteres Projekt vertieft: Bei „Aida și Noi“ mit Sängerin Aida Šošic aus Bosnien spielt er Gitarre, singt und drückt seinen quirligen Charakter mit schrillen Outfits aus, woran sich meist auch die gesamte Band mit einem ebenfalls ausgefallenen Erscheinungsbild anpassen muss. Außerdem ist er für seine offene, witzige Art, mit dem Publikum zu interagieren bekannt, manchmal kommt auch Kritik, da er seinem Wortschwall oft kaum Rückhalt bieten kann, darauf reagiert er dann aber auch sofort und beherrscht sich, verwandelt sie Situation geschickt in einen ironischen Witz und erscheint auf Facebook  kurz darauf mit Klebeband über dem Mund. 

Solch grenzenlose Kreativität bringt im besten Fall eine große Ladung Verantwortung und riesigen Schaffungsdrang mit sich, deshalb ist Mihais Solo-Projekt „Iliescu“ auch schon im Plan, denn Raum wird gebraucht, um das endlose Maß an Inspiration und Ideen so richtig ausleben zu können. 

    

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