Schule ist eine ihrem Begriff fremde Institution

Eine persönliche Sicht auf das Schulsystem in Rumänien

Schüler hatten es nicht leicht in der Corona-Krise. Anstatt in der Klasse zu sitzen, hockten sie zu Hause vor einem Bildschirm. Symbolfoto: flickr.com/elinerijpers

Schulen wurden in der Antike unter den Begriffen „schola“, „scholeion“ oder „akademos“ erfunden. Bei den Griechen bedeutete der Name „Freizeit“ und später „Ort, wo man seine Freizeit verbringt“. In den damaligen Schulen wurden philosophische und wissenschaftliche Themen diskutiert. Heute gibt es kaum einen Schüler, der über den Erfinder der Schule nicht mindestens ein Mal schlecht gesprochen hat. Was ist in all diesen Jahren passiert? Wo hat das Bildungssystem einen Fehler gemacht?

„Eine ihrem Begriff fremde Institution“ – der Ausdruck hallt in meinem Kopf wider. „Fremd“, weil sich die Schule von den wahren Bedürfnissen der Kinder entfremdet hat. „Ihrem Begriff fremd“, weil Schule heute Erziehung, Informationsvermittlung und Lernen bedeutet. Sie bezeichnete einst die Zeit, in der ein Kind durch Kontakte zu anderen Menschen und anderen Kulturen zu einem verantwortlichen Erwachsenen geformt wird. Dieser Prozess findet heute so nicht mehr statt.  

Schulen wurden vom Materialismus und Pragmatismus eingenommen. Schulen sind profitorientierte Institutionen in einem profitorientierten System geworden. Was in der Schule gelernt wird, muss man danach im Leben als Profitquelle anwenden können. Die Idee klingt erstmals gar nicht so verkehrt, aber sehen wir uns die heutigen Schulen und das heutige Schulsystem an, so erkennen wir den Fehler. Die Gesellschaft ist eine Spiegelung der Schule. Was in den antiken Zeiten als wichtige Fähigkeit gegolten hat, scheint in der Gegenwart ihren Wert verloren zu haben. Vorstellungskraft und grenzenloses Denken sind nicht mehr die Merkmale eines guten Schülers. Die Art und Weise, wie der Stoff eingeteilt und gedacht ist, zwingt den Schüler oft, sein Auswendiglernen zu entwickeln. Der Schwerpunkt hat sich von den humanistischen Bereichen auf den realistischen Bereich verlagert. Eine Tatsache, die nachvollziehbar ist. Wir leben ja in einer Welt der Technik. Was hat aber diese Welt der Technik beeinflusst?

Rumänien hat 40 Jahre lang unter dem Kommunismus gelitten. Die intellektuelle Schicht und die Kirche wurden abgeschafft. Letztendlich waren Sichel und Hammer die Symbole der Partei, der Arbeiterschaft. Folglich wurden die Menschen aller moralischen, intellektuellen und geistlichen Fähigkeiten beraubt. Solche Wunden heilen schwer.

Die Mentalität von damals wurde auch teilweise bis heute behalten, ein Beispiel dafür liefert uns der Film von Cristi Puiu „Un cartuș de Kent și un pachet de cafea“, der im Jahr 2004 spielt. Gute Arbeitsplätze wurden durch Gefallen erledigt. Außerdem wurde noch ein Aspekt behalten – der Status der Künstler. Wie im Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck stellen die Künstler eine Gefahr dar. Sie sind, im Film, eine Gefahr für das System, doch in den heutigen Zeiten werden sie von einigen auch noch als eine Gefahr für die Produktivität betrachtet. Leider wachsen wir mit vielen solchen Ideen auf. Falls ein Kind eine künstlerische Neigung aufweist, wird diese in manchen Fällen von den Eltern unterdrückt.

Als ich den Film von Cristi Puiu sah, dachte ich mir, wie selten wir doch in der Schule mit dieser schwarzen Episode über die Geschichte Rumäniens konfrontiert werden. Warum verheimlichen wir unsere Geschichte? Vielleicht sind wir, von der Mentalität her, immer noch in alten Systemen eingewurzelt. Die Schule wäre der erste Schritt zu einer entwickelten Gesellschaft. Die heutige rumänische Gesellschaft ist die Spiegelung des Zusammenbruchs des rumänischen Schulsystems.

Es herrscht, 30 Jahre nach der Wende, eine inoffizielle generelle Selbstzensur, sowie eine Unfähigkeit, sich frei oder einfach auszudrücken. Hauptsächlich sollte man in der Schule lernen, wie man problematisiert und sich ausdrückt. Im Gegenteil aber wird diese eigene, unbewusste Zensur durch Angst vor Lehrern und Eltern geprägt. Problematisieren und eigene Meinungen äußern werden, im besten Fall, nur oberflächlich geübt. Die Schule versucht nicht, freie Denker zu bilden - zumindest nicht praktisch, nur theoretisch. Der Mangel an Problematisierung ist reiner Egoismus. Wir verstecken uns hinter Ignoranz und hoffen, dass uns niemand über die Probleme der Gesellschaft fragt. Aus Angst, dass wir keine Antwort wissen oder etwas Falsches sagen, vielleicht sogar aus Nachlässigkeit. Problematisieren bringt in vielen Fällen Antworten und Lösungen. Doch warum vermeiden wir es, Lösungen zu finden?

Die Schule, gemeinsam mit dem Schüler, hat ihre Ziele geändert. Was war der Auslöser? Aus Sicht vieler  Lernenden trifft die Beschreibung „Wettbewerb für ein Diplom“ mehr zu als „akademische Institution“. Lauter Hindernisse werden den Kindern in den Weg gestellt, manchmal sogar von den Eltern selbst. Eltern, die alles wissen, die immer mehr als der Lehrer verstehen, sehen und mitteilen wollen. Eltern, die im Namen ihrer Kinder rebellieren. Dieser allwissende Status, den sich manche Eltern verleihen, ist furchtbar destruktiv. Kinder übernehmen vieles von ihren Eltern. Was kann ein Kind lernen, wenn seine Eltern immer über Schule und Lehrer lästern?

Kinder sind sowohl von den Eltern, als auch von den Lehrern abhängig. Sie sind auch von dem Lehrer abhängig, der 40 Minuten zu spät kommt, nur, um Abwesenheiten einzutragen. Sie sind genau von dem Lehrer abhängig, der sich weigert, zu verstehen, dass Sport und Schule einander nicht ausschließen. Sie sind genau von jenen abhängig, die ab und zu ihre Träume zertrümmern und nur an ihr Fach und ihren Lohn denken.

Was das eigentliche Problem angeht, so glaube ich, dass  nicht die Menschen daran schuld sind, sondern die allgemeine Mentalität. Um unsere Gesellschaftslücke zu füllen, müssen wir also gegen unsere Natur kämpfen und einige westliche Werte, Ideologien und Modelle übernehmen. Der Kern einer Gesellschaft besteht in der Erziehung, in der Schule. Wenn die Schule nicht ernst genommen wird, haben die Menschen den Start verpasst. 42 Prozent der rumänischen Bevölkerung sind funktionale Analphabeten (laut Digi24). Das bedeutet, dass rund 40 Prozent der absolvierenden Schüler nicht in der Lage sind, einen Text auf den ersten Blick zu verstehen, aber fähig sind, zu lesen und Informationen auswendig zu lernen. Wie ein Land mit solchen Statistiken immer noch keine Maßnahmen dagegen ergreift, ist für mich verwunderlich. Die Zukunft liegt in den Absolventen. Was passiert, wenn fast die Hälfte der Absolventen nicht die geringste Erziehung bekommt? Die Arbeitslosenrate wächst. Die Ökonomie hat darunter zu leiden. Unsere Kultur löst sich in Luft auf. Alles geht zugrunde.
Die Schule ist gefangen in einem System, das vorsieht, dass der Schüler von allem etwas wissen müsste. Ein Prinzip, das dem Alltag widerspricht. Wir werden von allen theoretisch gelehrt, doch uns fehlt die Praxis. In weniger als einem Jahr bin ich, rechtlich betrachtet, fähig, zu wählen, doch mir bringt niemand bei, wie die politische Lage hierzulande aussieht. Wir sprechen über Umweltverschmutzung und Maßnahmen, aber es werden keine getroffen. Ich weiß, dass es gesund ist, für mich und die Umwelt Fahrrad zu fahren, aber ich weiß auch noch, dass viele Kinder nie die Chance haben, Fahrradfahren zu lernen oder sogar zu verstehen, was es bedeutet, Teilnehmer am Verkehr zu sein. In Deutschland organisiert man an Schulen Veranstaltungen, wo Polizisten eingeladen werden, um den Kindern Verkehrsregeln beizubringen. Am Ende dieser Kurse nimmt man an einer Prüfung teil. Das Ergebnis dieser Prüfung zeigt, ob man die Fahrradwege benutzen darf oder nicht. Da man in der Schule versucht, allen alles beizubringen, wird nichts tüchtig studiert. Rumänien braucht Spezialisten, nicht Alleswisser. Die Arbeitslosenrate bei Erwachsenen unter 25 beträgt 24 Prozent und liegt somit über dem Durchschnittswert in Europa. Diese Zahl könnte steigen, wenn Schule keine Reformen erlebt.
Erziehungsspezialisten sind der Meinung, dass funktioneller Analphabetismus in der Grundschule und im Gymnasium bekämpfbar ist - genau in den Jahren, in denen die Grundlagen der Erziehung gelegt werden.

In der achten Klasse stehen im Stundenplan ungefähr 17 Fächer. Außerdem wartet am Ende des Schuljahres die Landesprüfung. Jeder 15-Jähriger, der das Landesexamen gut übersteht, hat nur einen Gedanken im Kopf: einen Platz in einem guten Gymnasium zu bekommen. Keines der Kinder hat eine langfristige Sicht. Niemand weiß, was sie danach erwartet oder was sie wollen. Dazu kommen noch die Erwartungen und der Druck der Eltern.
Die Schule hat also den einzigen Zweck: Menschen zu formen, die der Gesellschaft einen Vorteil bringen können. Man darf sie auf keinen Fall übersehen. Deswegen muss man dafür kämpfen, das Schulsystem zu reformieren.

Schüler sein in der Corona-Krise

10. März 2020. Ich erwische mich dabei, durch die Flure einer teilweise ihrem Begriff fremden Institution zu wandern. Ab und zu hört man Worte wie „Virus“ oder  „Notmaßnahmen“. Diesen Gesprächen schenke ich nicht viel Aufmerksamkeit. Obwohl seit Tagen dieses Thema immer häufiger vorkommt, streifen meine Gedanken in eine andere Richtung. Zeitungen, Fernsehen, Jugendliche und Eltern besprechen in einer Schleife immer dasselbe. Ich traue diesen Gerüchten nicht.
Am 10. März 2020 erwische ich mich während einer Stunde, wie ich mit einer Freundin flüstere. Das Thema? Virus. Wir schütteln unsere Köpfe im Unglauben. „Solche Maßnahmen werden nicht ergriffen.“
Am selben Tag des Monats März 2020 höre ich mir gespannt die Erklärung des Präsidenten an. In meinem Kopf hallen dieselben Wörter wider: „Solche Maßnahmen werden nicht ergriffen“. Während dem Zuhören wiege ich die Varianten ab. „Ferien“ klingt nicht schlecht. Jetzt, wo ich zurückdenke, bedauere ich es.

In der ersten Woche der Quarantäne spürt man kein Gramm von Trauer. Schulen sind geschlossen, aber man darf noch die U-Bahn benutzen. Man fühlt sich teilweise wie in den Ferien. In der zweiten Woche beginnen gewisse, interessierte Lehrer ihre Arbeit. Wir legen Online-Kurse fest, bekommen anständige Materialien und allerlei Ermunterungsbotschaften. In der oberen Zeile habe ich gelogen. Eine Lehrerin hat Interesse gezeigt.


Für mich als Schüler sieht ein Tag in Corona-Zeiten folgendermaßen aus: Der Wecker klingelt immer noch nervtötend an jedem Morgen, nur hat sich die Uhrzeit geändert. Um 9.30 stehe ich auf, lüfte das Zimmer, koche mir einen Kaffee und schalte den Bildschirm an. Die Schule beginnt. Ich schließe Mikrofon und Kamera an und setze mir die Kopfhörer auf. 15 Minuten werden mit Kleinigkeiten oder technischen Problemen vertrödelt. Während der Stunde ist es still, außer der Roboter-Stimme des Lehrers ist nichts zu hören. 40 Minuten sind verstrichen. Man hat Zeit für eine Toiletten-Pause oder eine kleine Mahlzeit. Ein bisschen Sport zwischen den Stunden treiben ist ein Luxus, den wir uns nur an manchen Tagen leisten können. So verbringen wir den ersten Teil unseres Tages. Vor einem Bildschirm. Jeder Lehrer vermutet, dass wir außer Online-Schule keine Tätigkeiten ausüben, also werden doppelt so viele Hausaufgaben wie in normalen Schulzeiten aufgegeben. Teilweise auch wegen versäumten Minuten durch Tratschen und Problemen mit der Software. Also bringen wir uns den Stoff meistens alleine bei. Am Ende des Tages ist man so erschöpft, dass man nur noch mit dem Gedanken an den morgigen Tag einschläft.

Die Corona-Krise hat unsere Gesellschaftslücken ans Licht gebracht. Sie hat gezeigt, wie schwach unser Verwaltungssystem ist und wie viel wir noch ändern müssen. Wir sind den zukünftigen Generationen verpflichtet, sowohl unsere Mentalität, als auch die Bedeutung der Schule zu ändern. Die Schule soll ihre wahre Pflichten erledigen: moralische, geistige, intellektuelle und kulturelle Werte zu verbreiten und die Gesellschaft zu erziehen.



Alexandra Enciu ist Schülerin der zwölften Klasse am deutschen Goethe-Kolleg Bukarest.

 

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