Schuppenkultur

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass rumänische Häuser auf dem Dorf meist über mehrere Nebengebäude verfügen? Dass diese zusammengenommen oft größer sind als das eigentliche Wohnhaus? Und dies, obwohl nur noch wenige Leute Nutztiere halten, die Stall, Scheune oder Heuschober rechtfertigen würden. Selbst das Backhäuschen und die Sommerküche scheinen längst aus der Mode gekommen zu sein. Nicht jedoch der – oder die – Schuppen!

Wäre ich Einbrecher, würde ich mit meiner Raubtour im Schuppen beginnen. Wäre ich Versicherungsagent für Immobilien, würde ich jeden Kunden fragen: „Wieso Haus? Mich interessiert Ihr Schuppen!“ Der Schuppen ist das Herzstück rumänischen Lebens auf dem Land. Dort befindet sich alles, was der Mensch irgendwann in den nächsten abertausend Jahren nochmal gebrauchen könnte. Alles, was im Haus – einem Ort voller nutzloser Dinge (aus Einbrechersicht) wie abgewohnte Möbel und persönliche Dekorgegenstände – keinen Platz mehr findet: Motorblöcke verschiedener Ex-Geräte, Schnapskessel, das Krautfass für den Winter. Eine ansehnliche Sammlung vertrockneter und nie geöffneter Lackdosen samt ebensolcher Pinsel. Das Batterieladegerät, der kaputte Schleifstein, gerade Nägel und krumme zum Geradebiegen, falls man sich mal langweilt. Die überaus wertvolle Drahtsammlung, denn ein Stück Draht zu finden, wenn man es braucht, ist unersetzlich und wiegt die vielen kleinen Unfälle auf, bei denen man sich an den aufgehängten Resten in den Arm oder ins Auge gestochen hat. Ofenrohre, weiß oder schwarz, mit und ohne Rost – und ohne Ofen. Ein Sack Kalk, zwei Kanister Altöl, Kisten mit Einmachgläsern für mehrere Generationen – ach was, für eine ganze Dynastie. Der holzperlenbesetzte Fliegenvorhang – nicht anfassen, sonst rieseln die Perlen! Ein Eimer recycelter Kohle vom letzten Gartengrill-Event. Ein Baumstumpf und eine veritable Sammlung Äxte für jede Scheit- und Mannesgröße repräsentiert verschiedene Epochen, von der Jungsteinzeit bis in die Baumarkt-Ära, alle noch intakt, wenn auch manche stiellos. Hornbach, Dedeman & Co. können in Anbetracht dieses Angebots einpacken! Das Nationale Geschichtsmuseum erst recht: Der zerbrochene, kostbar verzierte Horezu-Teller, das fußlos gebliebene Sektglas aus Mediasch-Kristall, das Messer, Original aus der Ceaușescu-Zeit mit halbem transparentgrünem Plastikgriff, die vergilbte Muttergottes auf Glanzpapier hinter speckigem Glas – zum Wegschmeißen zu heilig oder viel zu schade. Zeig mir deinen Schuppen – und ich sage dir, wer du bist!

Das Geheimnis der rumänischen Schuppenkultur blieb mir als Eingewanderte lange Jahre hartnäckig verschlossen. Für mich galt früher immer die Devise: Ausmisten macht frei! So musste ich als Mitbesitzerin eines Schuppens – Ergebnis einer ehebedingten deutsch-rumänischen Kompromisskultur – leere Konservendosen, zerbrochene Sektgläser und verbogene Nägel stets konspirativ entsorgen.

Erst nach vielen Ehejahren enthüllte sich auch mir nach und nach die schamanische Macht dieses Ortes. Ein Schuppen ist Therapie gegen Langeweile und Vergesslichkeit: „Wo mag nur die Thunfischdose mit den Fensternägelchen sein?“ Meditativer Ort des Rückzugs: „Gleich, Schatz, ich hab noch im Schuppen zu tun!“ Kultort künstlerischen Schaffens: „Wo sind die zerbrochenen Tongefäße? Ich will den alten Tisch mit einem Scherbenmosaik verzieren.“ Brutstätte genialer Erfindungen, etwa des Backofens im Heizofen: Ein metallenes Kästchen, direkt in die Glut gelegt, in dem man energiesparend einen Braten garen kann. Oder Hort trauter Gemeinsamkeit: „Wir müssen dringend mal wieder den Schuppen aufräumen!“

Von der Schuppenphobie endgültig geheilt hat mich schließlich ein neues Hobby: Möbel bemalen. Die erdrückend dunklen Schränke der Schwiegermutter, die mein Mann monatelang dort hortete, der Schreibtisch mit der mehrfach gebrochenen Platte, das potthässliche Resopal-Schubladenkästchen waren alle schon in Gedanken ausgemustert, das Überzeugungsgespräch mit dem Göttergatten minutiös geplant. Doch mit etwas Leim, hellen Farben und frischem Design haben sie sich ihre Existenzberechtigung zurückerobert. Seither ersetzt unser Schuppen nicht nur Hornbach, Dedeman und Ikea – sondern auch das TV-Unterhaltungsprogramm.

 

cffviseu

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Bemerkungen :

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    Sabine Lilli Neudörfer 02.07.2020 Beim 02:07
    ....große Klasse dieser Text - absolut kreativ ;- )
  • user
    Ortwin Rill 01.07.2020 Beim 22:48
    Ein herzerfrischender Bericht, wir haben jede Zeile nickend begleitet und auch mit etwas Wehmut an all diese „Kostbarkeiten“ gedacht. Gleichwohl ist dieses Verhalten vererbbar, das beweisen in Deutschland viele Garagen, Keller und Dachböden mit ähnlichem Sinn für Ordnung, sehr oft mit gleichem Inventar.
    Herzlichen Dank!
  • user
    Don Emilio 30.06.2020 Beim 11:49
    Ein sehr schöner Beitrag!
    Im Jahr 2000 habe ich mir, auch als Zugewanderter, ein 110 Jahre altes Bauernhaus auf dem Land gekauft. Mit allem drum und dran und drinnen, und Schuppen. Eine Offenbarung. Da braucht man auf Jahre weder Fernsehen noch Internet. Säcke mit Walnüsse und Millionen Motten, Säcke mit Mais der innen hohl war,die komplette Sammlung aller Fünfjahrespläne der rumänischen kommunistischen Partei, in deutscher Übersetzung nebst Portäts des geliebten Landesvaters, was sage ich, es war ein Himmelreich!
    Nix für ungut,
    Don Emilio