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Seidenband, Paillettenhemd, Truthahnfeder

Ausstellung über die Entwicklung der städtischen Trachten der Rumänen in Kronstadt

Vorführung von Kronstädter Stadttrachten zur Vernissage der Ausstellung „Nationale Identität, Eleganz und Kleidung der Rumänen in Kronstadt (1700 bis 1939)“ am 7. März im Nationalen Geschichtsmuseum (MNIR). Fotos: George Dumitriu

Die Entwicklung einer Tracht der Städter in Kronstadt gilt als einzigartiges Phänomen in Siebenbürgen.

Die Folkloregruppe „Măgura Codlei“ präsentiert den ersten rumänischen Salontanz „Romana“ im Lapidarium des Museums.

Kleider machen Leute. Das galt erst recht im 18. bis 19. Jahrhundert in Kronstadt/Brașov für die feine rumänische Stadtgesellschaft, die damit ihren Status zur Schau stellte. Festtagskleidung, Röcke mit militärischen oder königlichen Insignien, die Trachten der Junggesellenvereine („Junii“), die am Mittwoch vor Ostern in einer prachtvollen Parade durch die Stadt defilierten oder die der rituellen tanzenden Bruderschaften („Călușarii“) verrieten Anlass, Gruppenzugehörigkeit oder Nähe zum Königshaus. Die Verwendung bestimmter Stoffe und Dekors unterlag jedoch strengen gesellschaftlichen Regeln.


Vorbild für die städtischen Trachten war die Mode der Prinzen und Bojaren in der Walachei: vergoldete Schnallen, mit Silberfäden bestickter Brokat, schillernde Pailletten, feierlicher Samt. Knielange Herrenhemden, buntbestickte Leibröcke, schwarze Offiziersstiefel, Soldatenhüte, spitz oder mit Federschmuck. Andere Einflüsse wiederum finden ihren Ursprung in den Kleidern, getragen zu einem uralten rumänischen Ritual: dem Tanz der „Călușari“, heute Bestandteil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes von Rumänien.

In diese schillernde Welt der Kronstädter Bürgerelite, der tanzenden Junggesellen, der prächtigen Pfingst- und Osterparaden zu Pferd, der Züge herausgeputzter Brautwerber zum „Bespritzen“ der Mädchen, entführt die Ausstellung „Nationale Identität, Eleganz und Kleidung der Rumänen in Kronstadt (1700 bis 1939)“ im Nationalen Geschichtsmuseum (MNIR), die dort noch bis zum 1. Mai zu bestaunen ist.

Wiedergeburt der Tracht in der Stadt

Zwischen 1849 und 1918 erfuhr die rumänische Tracht vor dem Kontext der Revolution von 1848 und dem sich entwickelnden Nationalismus eine unerwartete Wiedergeburt. Dank den Bestrebungen einiger Intellektueller aus Kronstadt - Iacob Mureșianu und seiner Schwester Maria, dem Herausgeber der „Gazeta de Transilvania“, Professor Ștefan Emilian -, das Nationalbewusstsein der Rumänen in Siebenbürgen und vor allem in Kronstadt zu fördern, entstand die Notwendigkeit, den Nationalstolz auch äußerlich zur Schau zu tragen. Mädchen wie Jungen wurden angehalten, sich durch traditionelle Kleidung, Kunsthandwerk und Teilnahme an rumänischen Tänzen („Romanul“, „Romana“ und „Bătuta“: „Romana“ war der erste rumänische Salontanz. „Romanul“ und „Bătuta“ gehörten zum Repertoire der „Călușarii“ in Siebenbürgen) dazu zu bekennen. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die städtische Trachtenmode. Bald gehörte es zum guten Ton, zu Festen und Veranstaltungen in der passenden Tracht zu erscheinen.

Inspiriert von rituellen Călușari-Tänzern

An der Kleidung der „Călușari“ inspirierte sich die Tracht der organisierten Junggesellengruppen namens „Junii“ aus dem rumänischen Stadtviertel des alten Kronstadt, Scheii Brașovului. Die Original-Tracht besteht aus einem knielangen Hemd, einer mit magischen Schutzsymbolen rot-schwarz bestickten, mit Pailletten dekorierten Schärpe, langen Kniestrümpfen und ledernen Opanken, dazu eine schwarze Mütze. Die Gruppe der weißen Junggesellen („Junii Naționali Albi“, gegründet 1861) trägt ein fast identisches Kostüm. Nur die derben Opanken wurden durch elegante Offiziersstiefel ersetzt, die Stickereien zeigen Pflanzenmotive, christliche und astronomische Symbole.

1908 spaltete sich von den weißen „Junii“ eine zweite Gruppe ab, die roten „Junii Roșiori“, deren Mützen an Armeekappen erinnern. Diese hatte ihnen Königin Maria über Nicolae Iorga als Geschenk zukommen lassen. Ihr charakteristisches Zeichen ist der rote Bommel.

Ab 1877 gab es auch Gruppen verheirateter Männer, die den Zug der Junggesellen begleiteten: die „Junii batrâni“ - etymologisch ein Widerspruch, da sich „Junii“ von jung ableitet. Zu ihnen zählt die Gruppe mit der Truthahnfeder („Junii Curcani“, gegründet 1879). Ihr Markenzeichen: ein Hut mit Truthahnfedern – aus dem Unabhängigkeitskrieg als Zeichen besonderer Tapferkeit bekannt. Der neue Kopfschmuck war bald so beliebt, dass er von den weißen und roten Junggesellen übernommen wurde; letztere färbten sich die Federn rot.

1924 spaltete sich von den „Junii Curcani“ die „Junii Dorobanți“ als eigene Gruppe ab: Die Kleiderordnung blieb gleich, nur der Hut wurde dem Michaels des Tapferen nachempfunden. Dann gibt es noch die „Junii Brașovecheni“, die nicht aus Schei, sondern aus einem älteren Stadtteil stammen. Ihre Tracht zeichnet sich durch einen spitzen Hut aus.

Jeder Brauch braucht seine Kleider

Seit 1741 ist der uralte rumänische Brauch des „Bespritzens“ der Mädchen dokumentiert. Und zwar im Erlass eines Kronstädter Richters, der ihn fortan untersagt, weil es zu einem Zwischenfall gekommen war. Daraufhin erbot sich die orthodoxe Kirche zum heiligen Nikolaus im Șchei, den Brauch am Ostermontag als Teil des Osterfests zu organisieren, in einer den Behörden und den Eltern der Mädchen akzeptablen Form. Für die Junggesellen bot das „Bespritzen“ - ursprünglich ein vorchristliches Fruchtbarkeitsritual - Gelegenheit zur Brautwerbung. Von der Kirche wurde der Brauch fortan in „Zug der Junggesellen um rote Eier“ umgetauft. Im Volksmund hat sich der alte Begriff „Bespritzen“ („udat“) erhalten.

Natürlich gab es auch für diesen Anlass einen eigenen Staat: Die Burschen kleideten sich in lange weiße Hemden, darüber ein schwarzer Rock, weiße Hosen und schwarze Stiefel. Sie organisierten sich in Gruppen („cete“), die von einem Anführer („vătaf“) geleitet wurden. Vor dem Abmarsch wurde im Kirchhof eine Hora getanzt, dann ging es los von Haus zu Haus. An jedem Wegkreuz musste der Zug anhalten, singen und auf Rumänisch, Slawonisch und Neugriechisch ausrufen: „Christus ist auferstanden!“ Im Haus des Mädchens wird dieses dann von den Jungen mit Parfüm aus kleinen Messinggefäßen in Form eines Streitkolbens bespritzt; das Mädchen steckt ihnen im Gegenzug frische Blumen an den Rock („lăibar“) – der Favorit wird am üppigsten dekoriert. Bevor es weiter geht, werden gemeinsam rote Eier gepeckt.

Edle Stoffe als Symbol der Freiheit

Die Kleider der Frauen im Șchei waren von der Mode der Bojarinnen und Prinzessinnen an den walachischen Fürstenhöfen inspiriert. Um sich jedoch demonstrativ als freie und privilegierte Bürger zu zeigen, trug man Stoffe, die in der Walachei per Gesetz nur Fürsten vorbehalten waren - etwa Samt. Beliebt waren auch edle Felle: Fuchs, Eismarder, Zobel. Betrachtet man die Tracht der verheirateten Frau mit Seidenbändern, silbern bestickten Samtmanschetten, Rock und Weste aus Brokat, vergoldetem Silbergürtel und transparentem Seidenschal – erinnert sie trotz der teuren Materialien im Stil an sächsische Trachten.

Die Erfindung der „ie“-Bluse

Keine Tracht zu haben, war im Kronstadt jener Zeit eindeutig ein Mangel. Dieser traf vor allem die nicht dort geborenen Gattinnen der Männer aus höheren gesellschaftlichen Schichten. 1850 schlossen sich diese zu einer Vereinigung zur kulturellen Erziehung armer Mädchen zusammen. Weil es notwendig erschien, zu den Veranstaltungen Tracht zu tragen, beschlossen die trachtenlosen Vereinsdamen kurzerhand, sich ihre „Trachtenblusen“ selbst zu entwerfen: Die „ie“ war geboren. Die Motive wurden von rumänischen Trachten aus dem ganzen Land entlehnt. Dazu trug man Schürzen aus der Region Muscel. Mit der Gründung von rumänischen Frauenvereinen in Jassy/Iași, Hermannstadt/Sibiu, Lugoj, Abrud, Șimleu und anderen Städten verbreitete sich auch die „ie“-Bluse bald über das ganze Land. Heute ist sie längst über ihre Funktion als Nationalsymbol hinausgewachsen. Man trägt sie zu allen Anlässen, nach Belieben kombiniert. Fans gibt es nicht nur in Rumänien.

Welche Rolle der modische Einfluss des Westens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte, welche Verbindungen es zwischen den „Junii“ in den Jahren 1906-1948 zum rumänischen Königshaus gab, die durch bestimmte Insignien zur Schau getragen wurden – auf diese und viele andere Fragen gibt die Ausstellung im MNIR, organisiert in Zusammenarbeit mit dem Verein der „Junii Brașovecheni“ und der NGO „Șchei Brașovului“, Auskunft. Ansonsten ist sie in erster Linie ein überwältigender Augenschmaus: So viel unerwarteter Reichtum, der ganz offen zur Schau getragen wurde. So viel Glanz und Glitter jenseits der Karpaten!



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