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Stephan Ludwig Roth – ein Fixpunkt für die Gemeinschaft der Deutschen in Rumänien

Gedanken aus Anlass der Hinrichtung des Vordenkers der Siebenbürger Sachsen vor 170 Jahren

Vor einigen Tagen wurde ich von berufener Seite darauf hingewiesen, dass der 170. Jahrestag der Hinrichtung von Stephan Ludwig Roth (1796-1849) in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt verstreichen sollte. Ich musste meinem Gesprächspartner Recht geben und etliche Dringlichkeiten beiseiteschieben, um das Dringendste zu erledigen – das Übliche, gewiss nicht nur für den Verfasser dieser Zeilen, sondern für die gar nicht wenigen, die sich für das Voranbringen unserer kleinen Gemeinschaft mit all ihren Kräften einsetzen.

Das Wissen um den beseelten Einsatz, den Stephan Ludwig Roth in seiner Zeit vorgelebt hat, hielt mich also am Schreibtisch fest. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist mit Blick auf unsere Gemeinschaft als eine Zeitspanne einzustufen, in der die intellektuelle Führungsschicht der Siebenbürger Sachsen den Anbruch der Moderne und den Zusammenbruch der im Mittelalter fußenden ständischen Welt herankommen sah, die Volksmassen, aber auch weite Teile ihrer politischen und kirchlichen Führung, im Überkommenen bedingungslos verharren wollten.

Die Hinrichtung Roths am 11. Mai 1849 nur wenige Stunden nach einem rechtlich äußerst fragwürdigen und hochgradig politisierten Prozess, den radikale Kräfte der ungarischen Revolutionsregierung in Klausenburg zustande gebracht hatten, hat zur nachträglichen Verklärung, nationalen Überhöhung und auch politischen Instrumentalisierung seiner Persönlichkeit schier eingeladen. Es würde eindeutig zu kurz greifen, das Wirken von Stephan Ludwig Roth auf eine Erscheinungsform eines wie auch immer gearteten, jedoch gewiss überlebten sächsischen Nationalismus reduzieren zu wollen. Die Vielschichtigkeit, aber auch die Weitsichtigkeit im Wirken von Stephan Ludwig Roth reflektieren seine Aktualität und widerspiegeln sich in der Tatsache, dass seine Biografie zu den meistbehandelten Themen der siebenbürgisch-sächsischen Historiografie zählt mit bislang über 700 Veröffentlichungstiteln!

Der Lebenslauf des am 24. November 1796 als Sohn des stellvertretenden Schulleiters am Mediascher Gymnasium geborenen Stephan Ludwig Roth weist bis zu seinem zweijährigen Studium, das v. a. den philosophischen Wissenschaften in Tübingen ab Herbst 1817 galt, keine Besonderheiten auf. Roths Fähigkeit, die Dinge von ihrer praktischen Seite her zu erkennen, führten ihn im Anschluss ans Studium an die Lehranstalt in Yverdon-les-Bains in der Schweiz, die Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), einer der führenden Pädagogen seiner Zeit, dort betrieb. Der hier verfolgte Ansatz einer naturnahen umfassenden Erziehung, welche die Harmonie zwischen intellektuellen, seelischen und handwerklichen Fähigkeiten nicht aus den Augen verliert, brachten den mit der Arbeit „Das Wesen des Staates, als einer Erziehungsanstalt für die Bestimmung des Menschen“ 1820 in Tübingen promovierten und heimgekehrten jungen Lehrer Roth bald in Kon-flikt zu den in Siebenbürgen propagierten ausschließlich kopflastigen Lehrmethoden. Seine Initiativen, Turnen und Gesang zumindest als außerschulisches Angebot zu etablieren, wurden von seinen Widersachern bald vereitelt – wie beim Großteil seiner Initiativen war ihre Verhinderung jedoch nur von vorübergehender Wirkung.

Als Roth 1831 dennoch in das Amt des Leiters des Mediascher Gymnasiums aufgestiegen war, führten seine Bemühungen, die Ausbildung der Dorfschullehrer qualitativ zu heben und von dem universitätsvorbereitenden Gymnasium zu trennen, erneut zu Widerständen. Roth wurde zum Stadtprediger weggelobt, die Einführung spezieller Lehrerseminare um Jahrzehnte verschoben, was gewiss nicht im Sinne der Sache war.

Als Pfarrer in Niemesch ab 1837 und Meschen ab 1847 verstand er es als Teil seines seelsorgerlichen Dienstes, auch in landwirtschaftlicher Hinsicht der Gemeinde den Weg zu weisen im Blick auf ertragreicheres Wirtschaften und damit zu höheren Einkünften, die auch der Allgemeinheit zugutekommen sollten. Er trat für die Aufhebung der Dreifelderwirtschaft, für die Durchführung der Flurbereinigung (Kommassation), Einführung neuer Kulturpflanzen wie dem Klee oder der Kartoffel, die Veredelung der Obstsorten und die Verbesserung der Rebsorten ein. Damit nahm er wesentliche Teile der Programmatik des 1840 gegründeten Siebenbürgisch-Sächsischen Landwirtschaftsvereins vorweg. Um die Modernisierung der Landwirtschaft voranzutreiben, aber auch um der schrumpfenden Bevölkerung neue Familien zuzuführen, initiierte er eine Kolonisierungsbewegung in Württemberg, die mit der Einwanderung von rund 1800 Personen von einigem Erfolg gekrönt wurde, ehe ihr 1848 u. a. der eigene Erfolg zum Verhängnis wurde. Immer wieder ist man bei den Ini-tiativen Roths geneigt, dem Gedanken nachzuhängen, was wäre wohl gewesen, wenn er Erfolg gehabt hätte? Wie sähe es dann heute bei uns aus? Hätte Siebenbürgen als Einwanderungsland Amerika ein wenig Konkurrenz machen können?

Roth verstand es, die siebenbürgisch-sächsischen Intellektuellen fortschrittlicher Prägung um sich zu scharen und sie in ihrem Wirken zu motivieren – dies geschah zu wesentlichen Teilen auf den jährlichen Generalversammlungen des 1840 in Mediasch gegründeten Vereins für Siebenbürgische Landeskunde, der sich der wissenschaftlichen Erforschung des Landes verschrieben hatte.

Mit spitzer Feder veröffentlichte er v. a. in der damals fortschrittlich orientierten Kronstädter Presse. Er sparte dabei kein unbequemes Thema aus: sei es die vernachlässigte Infrastruktur oder die Zukunftsperspektiven des Zunftwesens in Anbetracht der heraufziehenden Industrialisierung. Vor politischen Themen schreckte er desgleichen nicht zurück – seine wirkungsmächtigste Veröffentlichung diesbezüglich war die Streitschrift „Der Sprachkampf in Siebenbürgen“ (1842), die sich gegen die um sich greifenden Magyarisierungsbestrebungen wandte und für die sprachliche und kulturelle Vielfalt als einem bereichernden Element der Region eintrat.

Obwohl Roth zu keinem Zeitpunkt eine die siebenbürgischen Mitnationen ausschließende Haltung vertrat und auch in den größten Spannungsmomenten der Revolutionszeit von 1848/49 für friedlichen Ausgleich eintrat, führte v. a. seine Schrift zum Sprachkampf einerseits zu Anfeindungen durch den ungarischen Adel, andererseits zur Nähe zu führenden rumänischen Intellektuellen – u. a. nahm Roth persönlich auf der 1848er rumänischen Nationalversammlung am Freiheitsfeld bei Blasendorf teil. Zugleich offenbart sein tragisches Ende, wie schnell einfach gestrickte nationale Konstrukte aufeinander prallen und in der Barbarei eines Bürgerkrieges versinken.

In der Rückschau beeindruckt die folgende Erkenntnis: Die von Stephan Ludwig Roth wesentlich mitetablierte gemeinschaftliche Agenda ist heute noch aktuell! Dies gilt in besonderem Maße für den Bildungssektor. Auf der anderen Seite bleibt ein bitterer Geschmack angesichts der Tatsache, dass zahlreiche Chancen verpasst und erst um Jahrzehnte versetzt die Kernpunkte von Roths Programmatik umgesetzt wurden. Wo stünden wir, wenn diese Zeit nicht vergeudet worden wäre? Wieder anders beleuchtet kann man sich die Frage stellen, ob die Promptheit, mit der die politischen Vertreter unserer Minderheit vor 100 Jahren die Chancen des Moments zu nutzen wussten, nicht auch eine späte Frucht von Roths Wirken und der späten Umsetzung seiner Programmpunkte war? Und wie stehen wir heute? Schlafen wir oder sind wir auf Zack? Wie würde Roth die Dinge wohl sehen und anpacken? Käme er überhaupt zum Zug?

cffviseu

Kommentare zu diesem Artikel

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Bemerkungen :

  • user
    dan 04.06.2019 Beim 15:12
    Hermannstadt, Kronstadt... sind verloren.
    Warum haben die Sachsen das Jubiläum Hermannstadts vor einem Jahr nicht öffentlich gefeiert? Warum verstecken sich die paar verbliebenen Sachsen denn?

    Heute ist das umgesetzt, was nach 1918 in Bukarest und anderswo geplant und umsetzt wurde: ein rumänischer Staat ohne die Sb. Sachsen, Banater Schwaben.

    Ob das den Rumänen und ihrem Land mehr schadet als hilft, möge jeder für sich entscheiden.
  • user
    ger 28.05.2019 Beim 11:04
    Sibiu oder Brasov

    Sehr geehrter Hr. "dan"

    Kennen sie HERMANNSTADT oder KRONSTADT nicht
  • user
    dan 28.05.2019 Beim 10:47
    Zu S.L. Roth:
    er war seiner Zeit voraus.

    In der langen Tradition seiner Väter und Vorväter seit der Ankunft der Saxen, hat er aus dem Westeuropa Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten mitgebracht, die in Siebenbürgen von den Machthabern und Entscheidern, auch bei den Saxen, meist unerwünscht da unverständlich waren.
    Hatte er in Siebenbürgen starke Unterstützer?
    Das scheint nicht der Fall gewesen zu sein.


    Die Frage ist, ob er nicht auch heute noch weiter ist als manch ein Provinzparteigenosse in Siebenbürgen?

    Oder droht dem Know-How Roths in vielen Bereichen, welches auch heute noch nützlich sein kann in Siebenbürgen, das gleiche Schicksal wie dem anderen Saxen-Kultur und Wissensträger: in der Schublade oder auf dem Aufboden eines Museums in Vergessenheit zu geraten?

    Die Saxen scheinen sich aufgegeben zu haben.
    Der Normalsaxe hat die Parolen und Propaganda in Westeuropa der ehemaligen Landsmannschaft satt, und hat sich meist im Alltag assimiliert, schämt sich oft, in Firma und Öffentlichkeit als Saxe erkannt zu werden.
    Und in Rumänien sind fast nur noch Alte, verstreut. Viele einsam und allein in den Dörfern.
    Nur noch in den Städten sind ein paar.
    Zum Glück kommen die Sommersachsen saisonal... sonst wäre nichts mehr von den Saxen sichtbar.
    Zum Glück lieben viele Rumänen die Saxen, ziehen ihre Trachten an und defilieren gerne zu säxischen Feiertagen vor den Besuchern aus dem Ausland.
    Aber das sind wohl nur des Kaisers neue Kleider.
    Danke, Saxen, dass ihr da wart!
  • user
    dan 28.05.2019 Beim 10:38
    Ein notwendiger Artikel und Hinweis.

    Leider versäumen es die Saxen, überhaupt noch sichtbar zu sein im Kulturbereich.
    Wenn, dann kennt man sie nur über Iohannis und die an einer Hand abzuzählenden Lokalpolitiker in Sibiu oder Brasov, oder dem zufälligen Mitansehen eines Saxen-Konsumfestes, wie zuletzt in Sibiu.

    Ansonsten scheinen die Saxen schon verschwunden und tot zu sein.
    Traurig.
    Genauso wird es auch dem Roth-Jubiläum ergehen, wie es dem Centenar der Stadt Sibiu ergangen ist: die Öffentlichkeit, die Bürger, ganz zu schweigen von Europa und der Welt, sehen und hören nichts davon.

    Ändern Sie was daran, Herr Sindilariu, Sie sind noch jung!
Kanton Aargau