Trovanten und Tarnautzken, Jupiter und Bogdan-Misch

„Schäßburg und die Große Kokel“: Es gibt wieder viel zu entdecken im neuen Bildband von Martin Rill

„Schäßburg und die Große Kokel“, Georg Gerster und Martin Rill, Buchversand Südost, www.siebenbuergen-buch.de, ISBN 978-3-00-065486-2

Zweieinhalb Kilo geballte Information auf 312 Seiten liegen schwer auf den Knien: Mit Luftbildern, großformatigen Gesamtaufnahmen und Dorfzeilenplänen nähern wir uns blätternd Schäßburg/Sighișoara und 18 weiteren Orten an der Großen Kokel/Târnava Mare. Die Bilderreise beginnt mit dem Anflug auf das Ensemble der Kirchenburgen. Dann wird eingezoomt: Ringmauern, Wehrtürme und -gänge, Fassaden mit Strebepfeilern und Bogenarkaden. Portale, kunstvoll verzierte Torbögen, Turmuhr-Figuren. Pfarrhäuser und Friedhöfe treten ins Blickfeld. Dann klickt sich die Kamera ins Innere: Blick zum Altar, Blick zur Orgel, hinauf ins Gewölbe. Charmante Konsolenfiguren, dekorative Schlussteine, bemalte Emporen, Kassettendecken, kunstvoll geschnitztes Gestühl, prächtige Altäre – kein Blickwinkel darf fehlen in der ausführlichen Dokumentation des Historikers Martin Rill, Herausgeber des neuen Bildbands „Schäßburg und die Große Kokel“.

Das gigantische Werk besticht durch seine Vollständigkeit sowohl im Detail als auch im Ensemble. So findet man neben sächsischem Kulturerbe auch Kirchen aller Konfessionen, Schulen, Rathäuser, Pfarrhäuser, Herrenhäuser, Pensionen oder sonstige Gebäude, die das heutige Dorfbild prägen.

Die Luftaufnahmen von Georg Gerster enthüllen, was dem Besucher sonst verborgen bleibt: das Arrangement der beiden eng um die Kirchenburg von Arkeden/Archita geschlungenen Mauern, das massive Wehrgeschoss der seltsam überhöhten Kirche von Klosdorf/Cloașterf, den fast intakten, gigantischen Mauerring der Fliehburg von Keisd/Saschiz, eine Anlage, die man vom Boden aus nur als Ruine wahrnimmt.
Rund 8000 Fotografien hatte der Schweizer Flugbildpionier Ende der 1990er Jahre über Siebenbürgen geschossen, für das 1997 erschienene wissenschaftliche „Mutterprojekt“ dieses und weiterer Bildbände, „Siebenbürgen im Flug“.

Ein Fundus, aus dem Rill immer noch zehrt bei der allgemeinverständlichen Aufarbeitung des wissenschaftlichen Materials in regionalen Bildbänden. Noch im selben Jahr war „Das Burzenland“ mit 13 Orten einschließlich Kronstadt/Brașov erschienen, zum Kulturhauptstadtjahr 2007 dann „Hermannstadt und das Alte Land“,  2014 „Das Repser und das Fogarascher Land“ mit 27 Orten und 2018 – pünktlich zur 500-Jahrfeier des spätgotischen Flügelaltars in Bogeschdorf (siehe ADZ-Online, 10. Juni 2018: „Es ist ein großer Schatz, den wir in Siebenbürgen noch haben“) - „Einblicke in das Zwischenkokelgebiet“ mit 36 Orten. 2020 erblickte nun der fünfte gewichtige Band der Reihe das Licht der Welt: „Schäßburg und die Große Kokel“ mit Arkeden, Denndorf/Daia, Dunesdorf/Daneș, Felsendorf/Florești, Großlasseln/Laslea, Keisd, Klosdorf, Kreisch/Criș, Malmkrog/Mălâncrav, Neudorf/Nou Săsesc, Peschendorf/Stejărenii, Rauthal/Roandola, Schaas/Șaeș, Scharosch/Șaroș pe Târnave, Schäßburg/Sighișoara, Trappold/Apold, Waldhütten/Valchid, Deutsch-Weißkirch/Viscri und Wolkendorf/Vulcan.

Architektur und Kunst von europäischem Rang

Um 1300 war die Besiedlung des Gebiets südlich der Großen Kokel weitgehend abgeschlossen, schreibt Rill. Ein Jahrhundert später waren die Orte bereits zu wirtschaftlichen Kraftzentren gediehen. Nachdem Schäßburg 1324 zum Verwaltungszentrum erhoben wurde, blühten dort und im Marktort Keisd das Handwerk und die Zünfte auf. Schäßburg entwickelte sich mit Goldschmieden und Zinngießern, Malern und Schreinern zu einem Zentrum für Kunsthandwerk von europäischem Rang. Im 16. Jahrhundert erreichte die wirtschaftliche Entwicklung ihren Höhepunkt. Die Siedler konnten sich stattliche Sakralbauten mit reichhaltiger Ausstattung leisten, die sie zum Schutz gegen die Angriffe der Türken mit mächtigen Wehranlagen sicherten, die im Zentrum des dörflichen Lebens standen.

Dem eher dokumentarischen Ansatz des Bildbandes fehlt keinesfalls die nötige Prise an Poesie – die Kirchenburg von Denndorf im Schnee; der von riesigen Blütenständen überwachsene evangelische Friedhof von Großlasseln, die Weitwinkelaufnahme des gedeckten Wehrgangs in Arkeden mit Wattewölkchen.

Sporadische Einblicke als „Appetithäppchen“

Beim Durchblättern kann man so manche Besonderheit entdecken, mit Erklärungen und überlieferten Geschichten, die man so kaum in ähnlichen Werken findet, hier als „Appetithäppchen“ willkürlich herausgegriffen:

- Sächsische Friedhofsbräuche: In Denndorf springen einem die seltsam gerundeten Grabsteine ins Auge. Zeitweilig war es dort üblich, einen von der Natur geformten Trovanten als Grabmal zu setzen, erklärt Rill. Eine Inschrift aus verschlungenen Lettern verrät: „Hier lieg ich Sterbends in der Gruft, bis mich des Herrn Stimme Ruft. Joahann Schuster, 1829“. In Großlasseln, Peschendorf und Rauthal erfahren wir, was ein Tarnautzken ist: ein hölzerner Friedhofspavillon.

- Vorreformatorisches Erbe: In der spätgotischen Saalkirche von Felsendorf, gestiftet 1424 von den Brüdern Antonius und Markus Bethlen, fand sich eine vorreformatorische Altartafel, die die Kreuzabnahme Christi darstellt. Sie stammt vermutlich aus der Schäßburger Werkstatt des  Meisters Johannes Stoß, kein geringerer als der Sohn des berühmten Nürnberger Bildhauers Veit Stoß. Seit 2005 wird sie aus Sicherheitsgründen in der Schäßburger Bergkirche aufbewahrt.

- Charmante „Persönlichkeiten“ auf Türmen: Das Glockenspiel des Schäßburger Stundturms kennt jeder – aber hätten Sie gewusst, dass die Figur des Donnerstags auf der Drehscheibe der Uhr den Gott Jupiter oder Zeus in Königsgestalt mit Krone und rotem Gewand repräsentiert? Sein Pendent in Keisd ist der lebensgroße, 1818 gegossene Glockenschläger, „Bogdan-Misch“ genannt, der die Viertelstunden verkündete. Im dortigen Glockenturm kann man auch den gigantischen Mechanismus einer Turmuhr bestaunen. Auch Glocken können Namen tragen: Nachdem bei einem Großbrand in Keisd 1714 die Glocken geschmolzen waren, wurde die große „Susanna“ aus Resten gegossen. Im Ersten Weltkrieg bewahrte sie Pfarrer Franz Schullerus dann vor einem ähnlichen Schicksal. Durch einen persönlichen Bittgang nach Budapest rettete er „Susanna“ vor dem Einschmelzen zu Kriegszwecken.

Filigrane Goldschmiedekunst: Die reich verzierten Abendmahlkannen aus der Schäßburger Bergkirche bezaubern mit Putten und Füllhörnern, Engelsköpfen zwischen Blumen- und Blütenkartuschen und charmanten Deckelfiguren, das Lamm Gottes und ein liegender Hirsch.

Für Freunde von Kunsthandwerk und Architektur ist der informative Bildband ein absolutes Muss: Das Herrenhaus von Kreisch, 1519 erbaut, „der wohl schönste Profanbau aus der Zeit der Renaissance“, mit Bogenschützenturm, Laube und spektakulärer Loggia; die phantasievollen Landschaften mit Palmen auf den bemalten Kassetten der Empore in der Kirchenburg von Waldhütten oder das letzte Bohlenhaus im rumänischen Ortsteil von Klosdorf sind nur wenige Beispiele. Eine Fundgrube auch für Reiseführer, die ihren Vortrag um interessante Details und Geschichten anreichern wollen. Touristen haben an dem großformatigen Bildband, der sicher in keinen Rucksack passt, zu schwer zu schleppen. Umso größer jedoch die Freude bei der Vor- oder Nachbereitung! Siebenbürgenfreunde werden das vielseitige, umfassende Monsterwerk in ihrer Hausbibliothek nicht missen wollen. Und können schon mal Platz schaffen für das nächste Buchprojekt von Martin Rill: Ein Bildband über Mediasch und den Unterlauf der Großen Kokel.

 

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Bemerkungen :

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    Johannes Zultner 02.09.2020 Beim 03:22
    Danke für die Berichtigung des rumänischen Ortsnamens von Scharosch - jetzt richtig "Șaroș pe Târnave".
  • user
    Johannes Zultner 28.08.2020 Beim 15:31
    Der im Artikel verwendete rumänische Ortsname "Șoarș" für "Scharosch kann nicht stimmen". Wenn es sich um "Scharosch an der Kokel" handelt, und nur das kann ja der Fall sein, ist der entsprechende rumänische Ortsname "Șaroș pe Târnave".
    "Șoarș" dagegen ist der rumänische Ortsname für das im Fogarascher Land gelegene "Scharosch" .
    Bitte um Korrektur.