Um die Ecke und doch weit weg

Im Zoodt-Tal nahe Hermannstadt stößt tosender Verkehrslärm auf alte Schranken

Noch kann man derartige Ausnahmen in Râul Sadului an den Fingern einer Hand abzählen. Fotos: Klaus Philippi

Aus dem Schatten dieses Blockhauses ließe sich nett in die Ferne blinzeln. Leider ist die Gartentüre fest verschlossen.

Die Küchenzeile im Freien und ein ausdauernd Nahrung schnorrender Dauergast der „Casa de sub munte“.

Die Wasserkraft hat weite Teile der ehemals befestigten Forststraße am Prejba-Bach zerstört. Ein mit illegal geschlagenen Baustämmen beladener LKW kommt da nicht durch.

Aus dem Schatten dieses Blockhauses ließe sich nett in die Ferne blinzeln. Leider ist die Gartentüre fest verschlossen.

Weg-Distel (Carduus acanthoides) mit weit verbreitetem C-Falter (Polygonia c-album).

Ohne das tief unter den Hochweiden des Zibinsgebirges/Munții Cindrel und des Lauterbach-Gebirges/Munții Lotrului leise vor sich hin rauschende Zoodt-Tal/Valea Sadului wäre der Großraum Hermannstadt/Sibiu um spannende zig Kilometer Wanderwege ärmer. Die markierten Routen und menschenleeren Forstwege in den Misch- und Nadelwäldern nördlich und südlich des Bergbauerndorfes Râu Sadului/Kalibaschen/Riuszád verlaufen entlang zahlloser Nebenbäche, die in den Zoodt münden. Seit Dezember 1896 wird der im 1725 Meter hoch gelegenen Șteflești-Sattel entspringende Gebirgsbach zur Gewinnung von Elektrostrom genutzt. Da die Betonmauer des Negovanu-Stausees im Waldgebiet auf halber Luftlinie zwischen Hoher Rinne/Păltiniș und dem Höhenzug des Lauterbach-Gebirges das Landschaftsbild seit 50 Jahren mitbestimmt, scheinen selbst jüngste Wunden menschlichen Eingreifens in den Hauptwasserlauf des Zoodt-Tales heute seit jeher geschlossen.

Dass der Asphaltbelag der Kreisstraße 106P, die nach Westen Richtung Negovanu-Stausee und Șteflești-Sattel führt, bald nach dem letzten Weiler der Dorfzeile endet, tut dem Freizeitgenuss vor Ort keinen Abbruch. Auf der Forststraße hinauf zur Wasserscheide zwischen Zoodt-Tal und Frumoasa-Tal/Valea Frumoasei sind Fußgänger und Fahrradfahrer gegenüber jedem PKW im Vorteil. Nur mit Geländewagen und Vierradantrieb ist eine motorisierte Fahrt ab Dorfende zu empfehlen. Autos mit üblich niedrigem Radstand lässt man lieber unten stehen. Ein Spaziergang oder eine Fahrradfahrt wirkt erholsam und stressfreier als das Wagnis, mit intakter Ölwanne und fahrtauglichem Vehikel oben ankommen zu wollen.

Käse aus Schafs- und Kuhmilch ist das am leichtesten erhältliche Lebensmittel in Râu Sadului. Weil Einheimische ihren Alltag mit Tierhaltung und als Selbstversorger meistern, gilt auch Urlaub suchenden Gästen der Tipp, sich für die Tage im Zoodt-Tal vorab mit ausreichend Proviant einzudecken. Salz und Zucker gehören am besten mit auf die Packliste. Im Dorf gibt es zwar drei kleine Lebensmittelläden, aber ihre Türen werden nur geöffnet, wenn man im Haus nebenan mit etwas Glück ein Mitglied der geschäftsführenden Familie antrifft. Ausnahmezeit herrscht am Wochenende, wenn Dorfbewohner ihre Kühltruhen an den Straßenrand stellen und Auto fahrende Tagesausflügler sich abends auf dem Heimweg angesprochen fühlen, anzuhalten und für kleines Geld eine satte Portion Milchprodukte hausgemachter Qualität zu kaufen. Auf Anfrage und bei frischem Vorrat können ebenso Eier von glücklichen Hennen, die bestimmt nichts vom Leben in der Batteriefarm wissen, rasch aus dem Hof herbeigeholt werden.

Leider bekommt auch das Zoodt-Tal raue Geschmacksnoten jenes Wermutstropfens zu kosten, der alles Verantwortungsbewusstsein im Keim erstickt und überall auf dem naturbelassenen Feierboden haften bleibt, nachdem die Masse stumpfer Sonntagsgäste ihre Feuerstellen am Bachufer stets unaufgeräumt zurücklässt. Leere Plastik-Flaschen und Getränkedosen im Straßengraben gehen sicher nicht auf das Konto hochbetagter Einheimischer, die sich auf der Bank vor ihrem Haus einen Abendplausch gönnen und wohl noch von der guten alten Zeit zu erzählen wissen, als die weiteste Fahrt vom Dorf hinaus ins nahe Heltau/Cisnădie führte. Das vormals fernab liegende Hermannstadt rückt der Idylle ungemütlich auf die Pelle.

Geradewegs am Ortsanfang von Râu Sadului führt eine nicht mehr ganz neue Fußgänger-Hängebrücke über den Zoodt. Just neben dem Ortsschild stehen drei große Tonnen für Rest-, Plastik- und Papierabfall bereit, die wöchentlich vom Müllabfuhrdienst geleert werden und folglich entsprechend genutzt werden sollten, beträgt doch die Entfernung zwischen Hängebrücke und Abfalltonnen kaum mehr als drei Schritte. Die gemeine Picknick-Klientel bäckt hier hingegen einen Pustekuchen, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann. Recycling und Strafgeldbuße? Fremdwörter und Fehlanzeige!

Der Schatten, den Rumänien aus seinem eigenen Fahrzeug und Heim nach draußen auf öffentliche Wegstrecken wirft, nimmt Maße an, die sich direkt proportional zur unliebsamen Ausbreitung von Gleichgültigkeit in Stadt und Land verhalten. Für den klagend-miauenden „hii-äh“-Ruf des Mäusebussards (Buteo buteo) oder das tiefe, sonore „krorr krorr“ in klar vernehmbaren Zwiegesprächen der Kolkraben (Corvus corax) am blauen Himmel über dem Zoodt-Tal haben viele Tagesgäste der unsportlichen Sorte wahrscheinlich keine offenen Ohren. In ihren PKWs, mit denen sie bis dicht ans Ufer heranfahren, stecken meist nur das plärrende Kofferradio, Berge von Grillgut, ein Billigzelt und ein Kasten Bier, der flugs im Bach kaltgestellt wird. Bücher, wie etwa der 400 Seiten starke und wegen seinen über 1400 Fotos auch für Kinder spannende Band „Was fliegt denn da?“ (Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2016), der nur schlappe 13 Euro kostet und 346 Vögel sicher bestimmen hilft, stehen nicht in der Heimbibliothek von Menschen, die auf saubere Gastlichkeit von Natur und Tierwelt pfeifen.

Aus demselben Grund wiederum bleibt jedoch der Garten Eden wildwachsender Brombeersträucher, die alle markierten und nicht markierten Wanderwege flankieren, von der biederen Clique der Sonnenanbeter und Möchtegern-Ausflügler unerkannt. Dabei ist das schwarze Obst so erschreckend leicht zu finden. Wer hier eine oder mehrere Wochen Zeit verbringt und täglich mit seelenruhiger Bewegung von Armen, Händen und Fingern stachelige Äste abgrast, wird früher oder später mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die ein oder andere Bärenspur stoßen. Ein gutes Motiv, nicht alleine loszumarschieren.

Bestmögliche Orientierung im Zoodt-Tal bietet – nebst einem fotografisch detailgenauem Gedächtnis, das in Ehren zu halten noch keinem Wanderfreak geschadet hat – die 2019 vom Schubert & Franzke Verlag Klausenburg/Cluj-Napoca im Maßstab 1 : 60000 gedruckte Karte „Cindrel“ der neu aufgelegten alten Reihe „Munții Noștri“ (www.schubert-franzke.com/ro/magazin-online). Obwohl der Kartenausschnitt für das Zoodt-Tal nur zwei markierte Zustiege auf den Hauptkamm des Lauterbach-Gebirges und zwei markierte Wanderwege anzeigt, die den Götzenberg/Vârful Măgura (1307 Meter) des Zibinsgebirges von dessen Südseite her ansteuern, stehen noch viele weitere Forstwege zur Auswahl, die stundenlang ohne harte Anstrengung bergauf führen und gleichfalls auf der Karte vermerkt sind.

Eindrückliche Bilder eröffnet der nicht markierte und gewiss an die hundert oder noch mehr Jahre alte Forstweg entlang des Prejba-Baches. Allein schon beim Hören des klangvollen Eigennamens schlagen die Glocken in der Erinnerung Erwachsener mit biografischer Anbindung an Hermannstadt nostalgische Töne an, die der Winterrausch Jahrzehnte zurückliegender Skilager des Samuel-von-Brukenthalgymnasiums auf immer und ewig im Langzeitgedächtnis von Zeitzeugen nach sich zieht. Doch die Route des damals gewählten Winteraufstiegs zur heute verwahrlosten Prejba-Hütte startete stets am etliche Kilometer weiter talabwärts gelegenen Grünen Tisch (Masa Verde) und traf nicht mit dem Wasserlauf des Gebirgsbaches zusammen, der den Namen der sagenumwobenen Hütte teilt. Wer an einem oder mehreren der besagten Skilager beteiligt war, hat ein edles Stück Hermannstädter Schulgeschichte aus nächster Nähe miterlebt. Frage nebenbei: Würde der Aufstieg zur Prejba-Hütte auch mit Tourenski, die das Einbrechen in die Schneedecke verhindern und damals zu niemandes Ausrüstung zählten, bis zu acht Stunden dauern?

Rustikal einfach statt kitschig gestaltet, im Erdgeschoss mit gemütlicher Wohnküche bestückt und wintertauglich ist das in acht Zimmern 22 Schlafplätze fassende Ferienhaus „Casa de sub munte“ am Ortseingang von Râu Sadului. Die freundlichen Hausleute Mihaela und Vasile Vidrighin (0722/952792) sind Eltern zweier Kinder im Grundschulalter. Für alle Mahlzeiten von früh bis spät muss man selbst aufkommen, den Kühlschrank füllen und an Herdplatte und Spüle Hand anlegen – nichts für verwöhnte Großverdiener also, die unbedingt dreimal täglich am fertig gedeckten Tisch bedient werden wollen. Gäste aber, die im Modus Selbstversorgung keinen mühsamen Zeitverlust erachten, werden mit einem am Hang liegenden Garten, einer aus Holz gezimmerten Veranda und einem Kellerraum mit Sitzecke und Tischtennisplatte entschädigt. Vier unkaputtbare Schläger aus robustem Kunststoff und Bälle liegen bereit. Eigenes Material im Gepäck ist natürlich noch besser.

Bestellungen einzelner Zimmer nimmt Familie Vidrighin nur für die Dauer von Montag bis Freitag entgegen. Wer das Wochenende in der „Casa de sub munte“ genießen möchte, verpflichtet sich, sie komplett zum Preis von gesamt 1800 Lei für zwei Nächte und drei Tage zu mieten. Direkt an der Gittertüre des Gartenzauns startet ein nicht markierter Pfad auf den Götzenberg, der anfangs steil durch Nadelwald führt. Den beiden hier aufgespannten Hängematten ist es einerlei, ob sich überarbeitete Urlaubsgäste oder einfach nur vom Tagesmarsch müde Wanderer darin fallenlassen.

 

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