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„Viel Mischmasch mitgenommen“

Mariana Hausleitners neue Studie zur Umsiedlung aus der Bukowina 1940

In ganz Europa plakatieren nationalistisch gesinnte Kräfte im Wahlkampf zum Europäischen Parlament Parolen zur nationalen Identität – oder, direkter, zur ethnischen Homogenität, und vielerorts wird von geheimen Plänen zur „Umvolkung“ gemunkelt. Der Begriff der „Umvolkung“ hat in Deutschland sogar den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen, aber kaum jemand weiß heute noch, welche ganz konkreten Pläne sich hinter diesem Begriff verbergen. Anfang des 20. Jahrhunderts und im Zuge des Ersten Weltkrieges waren die multiethnischen Imperien wie das Habsburger Reich oder das Osmanische Reich zerfallen, und gerade auf dem Balkan verursachte die Idee des ethnisch homogenen Nationalstaates große Verwerfungen, die oft in Zwangs-Umsiedlungen mündeten.


Mariana Hausleitner beschreibt in ihrer wissenschaftlichen Abhandlung „Viel Mischmasch mitgenommen – Die Umsiedlung aus der Bukowina 1940“ genau solche Pläne oder – wie es in ihrem einleitenden Kapitel heißt – „…wie nationalsozialistische Fanatiker und Bürokraten die Deutschen nach einer über 120-jährigen Geschichte in der Bukowina in disponibles ‘Menschenmaterial’ für ihre wahnwitzigen Pläne zur ethnischen Homogenisierung Europas verwandelten.“(S.8) Detailliert beschreibt Hausleitner die Situation vor der Umsiedlung, die Spannungen und Konflikte innerhalb der Gruppen und auch die politische Großwetterlage, den Kriegsverlauf und die Bündnisse und Verträge zwischen der Sowjetunion, Rumänien und Deutschland. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf die geistigen Architekten dieser Umsiedlungspläne und wie gerade diese sich auch nach 1945 die Deutungshoheit in bundesdeutschen Institutionen und landsmannschaftlichen Verbänden über Umsiedlung und Vertreibung sichern konnten.


Vorbereitungen zur Umsiedlung


Als die Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien fiel, gab es dort den größten Anteil an nichtrumänischer Bevölkerung. Neben den größten Gruppen der Ukrainer und Juden bildeten Deutsche und Polen einflussreiche Minderheiten. Unter der österreichischen Herrschaft war Deutsch Amtssprache, ebenso dominierte die deutsche Sprache an Universitäten und in Bildungseinrichtungen. Dies änderte sich radikal unter den Rumänen, die ihre Kulturhoheit durchzusetzen suchten. Gegen diese Rumänisierung, vor allem im Schulwesen, verbündeten sich die verschiedenen Minderheiten, insbesondere die Volksvertreter der Ukrainer, Juden und Deutschen, so Hausleitner in dem Kapitel über den gemeinsamen „ Kampf der Minderheiten für ihre Rechte nach 1919“.


Allerdings kann sie im Folgenden zeigen, wie von 1933 bis 1936 die deutschen nationalsozialistischen Organisationen diese Zusammenarbeit unterminierten, wobei sie gezielt die bisherigen Volksvertreter Alfred Kohlruß und Alois Lebouton desavouierten und populäre Kirchenvertreter wie den katholischen Kaplan Georg Goebel diffamierten. Insbesondere die katholische Kirche wurde im Dritten Reich schwer angegriffen, und dies hatte auch für die überwiegend katholische Bevölkerung der Bukowina Konsequenzen. Finanziert wurden diese Kampagnen aus Deutschland, nach 1936 vor allem von der durch die NSDAP geschaffenen Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi), die sich ausdrücklich mit den Belangen der Auslandsdeutschen beschäftigte. Unter der Führung von SS-Oberführer Werner Lorenz und SS-Standartenführer Hermann Behrends verfügte diese Behörde über gewaltige finanzielle Mittel, die sie vor allem für die nun immer mehr präferierten Umsiedlungen der als „Volkssplitter“ deklarierten deutschen Minderheiten, wie Südtiroler, Balten oder eben der Deutschen in Bessarabien und der Bukowina benötigte.


Hatten die Rumäniendeutschen in der Bukowina geglaubt, das vermehrte Interesse Deutschlands könnte zur Stärkung ihrer Position innerhalb Rumäniens beitragen, wurden insgeheim bereits ganz andere Ziele verfolgt. So kann Hausleitner zeigen, dass unter der Überschrift „Erfassung von Auslandsdeutschen als potentielle Arbeitskräfte für das Reich“, bereits 1938, also vor Kriegseintritt, Volkskataster erstellt wurden. Federführend waren hierzu die Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SODFG), die bereits 1931 in Wien unter Hugo Hassinger entstand, und das Münchner Südost-Institut, wo der ungarndeutsche Historiker Fritz Valjavec maßgeblich für Umsiedlungspläne eintrat. Hilfe erhielten sie von Deutschen vor Ort wie Herbert Mayer, dessen Listen später auch für die Rekrutierung zur Waffen-SS benutzt wurden.
Deutlicher wurden die Umsiedlungsabsichten nach dem Einmarsch in Polen und der Rede Adolf Hitlers am 6. Oktober 1939, in der er die „neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“ (S.71) ankündigte, die durch die Umsiedlung von Minderheiten geschaffen werden sollte. Möglich wurde der Überfall auf Polen vor allem durch den Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin, in dem u. a. Polen aufgeteilt und Bessarabien und 1940 auch die Nordbukowina der Sowjetunion zugeschlagen wurde. Unter dem Druck der sowjetischen Besatzung in der Nordbukowina gestattete die mit der Umsiedlung betraute VoMi auf Empfehlung des deutschen Konsuls aus Czernowitz die Mitnahme von gemischten Familien, dem titelgebenden „Mischmasch“, außerdem etwa 8000 Rumänen und 4000 Ukrainern, was später zu Spannungen zwischen Rumänien und Deutschland führte.


Insofern unterscheidet Hausleitner auch die Bereitschaft zur Umsiedlung in der Nordbukowina, die aufgrund äußerer Umstände im Wesentlichen freiwillig erfolgte, zu der in der Südbukowina, da die Bevölkerung hier, teils durch falsche Versprechungen, teils durch Drohungen zur Ausreise bewegt wurde. Dennoch gab es auch hier schließlich kaum Widerstand und es verblieben nur ein paar Tausend Personen gegenüber den um die 50.000 Ausreisewilligen. In der Südbukowina wurde eine erheblich strengere Vorauswahl getätigt, weniger Nichtdeutsche, Ukrainer etc. wurden zugelassen und Kranke und Alte von Anfang an isoliert und schließlich wohl auch umgebracht.


Mit der Parole „Heim ins Reich“ war jedoch weniger die Rückführung in die „Stammlande“ gemeint, sondern zumeist die neu besetzten Gebiete West-Polens, um diese zu germanisieren. Himmlers „Generalplan Ost“, wie er schließlich seit 1940 vorlag, beinhaltete die systematische Vertreibung von Polen und Juden, um dort Volksdeutsche u. a. aus der Bukowina anzusiedeln. Als Gegenpol zur EWZ (Einwandererzentrale für die Ansiedlung der Volksdeutschen) organisierte die Umwanderzentralstelle (UWZ) die Vertreibung von Polen und Juden, bis 1944 ca. 1 Million (S. 116), die zunächst in das Generalgouvernement abgeschoben wurden. Letzteres war der besetzte Teil Polens, der nicht unmittelbar dem Reich zugehörte. Hier fand die schlimmste Ausbeutung, Unterdrückung von Polen und Vernichtung von Juden statt.


„Umsiedler in der Hand der SS zwischen 1940 und 1945“ ( S.81)


Zum Schicksal der Umsiedler konzentriert Hausleitner ihre Ausführungen auf die nach rassenbiologischen Kriterien erfolgenden Selektionsverfahren, auf die Enttäuschungen der Ansiedler, aber auch auf besondere Auswüchse, wie der Behandlung von unerwünschten und behinderten Umsiedlern oder den Zuständen im Generalgouvernement.
Da für die Ansiedlung Loyalität und Rasse wichtiger als z. B. berufliche Eignung war, verblieben die so als problematisch eingestuften Bukowiner verhältnismäßig lange in den Aufnahmelagern, die im Herbst 1940 zudem bereits überfüllt waren. Die Versorgungslage war unzureichend und die Insassen wurden sofort zu Arbeiten herangezogen. Da bereits andere Volksdeutsche wie die Balten, Tiroler etc. vorher Land in den besetzen westpolnischen Gebieten zugewiesen bekommen hatten, blieben für die Bukowiner kaum attraktive Höfe übrig, von deren Erträgen sie zudem Zwangsabgaben leisten mussten. Die Landsmannschaften wurden auseinandergerissen, viele Männer zur SS eingezogen. Andere mussten erleben, wie die Vorbesitzer vor ihren Augen vertrieben wurden. Zur rassischen Auffrischung wurden manche Familien auf Höfe in ein überwiegend polnisches, d. h. ihnen feindlich gesinntes Umfeld versetzt.


Falsche Versprechungen und Enttäuschungen über die wahren Verhältnisse führten bei deutschen Umsiedlern, insbe-sondere nachdem Rumänien die Nordbukowina kurzfristig zurückerobert hatte, zu dem Wunsch zurückzukehren. Wenn sie jedoch als „rassisch wertvoll“ eingestuft worden waren, wurde dies unter Strafandrohung verboten. Neben all den Schikanen sind die Schicksale der als unerwünscht oder ungeeignet eingestuften Umsiedler besonders hart, ihnen drohte die Abschiebung in das Generalgouvernement oder in Umerziehungs- oder Arbeitslager im Altreich. Menschen mit Behinderungen unterlagen den „Euthanasie“-Bestimmungen, wurden isoliert und in Heimen wie der Heilanstalt Tiegenhof bei Gnesen im Wartheland getötet. Oft erhielten die ahnungslosen Angehörigen nur eine kurze fadenscheinige Todesnachricht. Hausleitner nennt auch hier genau die verantwortlichen Ärzte und zum Beispiel den Stabsleiter Rudolf Wagner, der für die Behinderten-Transporte verantwortlich war. Auch bei der problematischen Ansiedlung von Volksdeutschen im Generalgouvernement waren „Volkstumssachverständige“ (S. 149 ) wie Herbert Mayer und sein Umfeld aus der Bukowina der EWZ bei der rassenbiologischen Beurteilung, aber auch bei Denunziationen ihrer Landsleute behilflich.


Einen Sonderfall stellt die „Repatriierung der mitumgesiedelten Ukrainer und Rumänen“ aus der Nordbukowina nach Rumänien dar. Das zähe Ringen um Personen und Kosten zog sich über mehrere Jahre hin, da die Deutschen möglichst viele Nichtarier abschieben wollten, die Rumänen aber nur bereit waren, rassisch reine „Blutsrumänen“ (S.160) zurückzunehmen.
Inkludiert waren hier auch die Entschädigungszahlungen für den zurückgelassenen Besitz der Deutschen aus der Südbukowina, später auch aus der Nordbukowina, die Rumänien lieber in Naturalien wie z. B. Erdöl begleichen wollte. Hingegen stellte Deutschland entstandene Unterbringungs- und Reisekosten für die repatriierten Rumänen auf, um gleichzeitig über Kopfprämien für rückkehrwillige Nichtrumänen zu verhandeln. Zur Einlösung einer sogenannten „Globalabrechnung“ kam es jedenfalls wegen der veränderten Kriegslage nie. Als besonders problematisch erwies sich die Position der rückkehrwilligen Ukrainer, die lange Zeit die bedeutendste Minderheit in der Nordbukowina darstellten und von den Rumänen deshalb als Gefahr für ihr eigenes Rumänisierungsprogramm angesehen wurden.


In den Kapiteln zur Radikalisierung vieler Ukrainer zwischen 1938 und 1944 thematisiert Hausleitner deren prekäre Lage zwischen allen Stühlen durch ihren Wunsch und bisweilen geschürte Hoffnung auf ein eigenes Staatsgebiet. Nicht zuletzt wurde deren Radikalisierung durch das ambivalente Verhalten der deutschen Staatsmacht gefördert. Einer-seits wurden Ukrainer als Spione, Hilfstruppen und Kollaborateure im Kampf gegen die Sowjetunion rekrutiert, anderer-seits wurden sie, sobald ihr Wunsch nach Eigenständigkeit konkretere Formen annahm, wie nach der Proklamation von Lemberg im Juni 1941, als Bedrohung empfunden und verhaftet.
General Antonescu sei-nerseits favorisierte die Umsiedlungspläne von Sabin Manuil˛ von 1941, der neben der Vertreibung der Juden und Roma nach Transnistrien auch Umsiedlungspläne für alle Minderheiten wie die Ukrainer, Polen, Tschechen, Russen, Slowaken und Ungarn, mithin eine rumänisierte Nordbukowina vorsah. Da passten natürlich die rückkehrwilligen Ukrainer aus der Nordbukowina nicht ins Konzept, die daher überwiegend bis Ende des Krieges in Lagern des besetzten Polens verblieben.


„Bukowiner Umsiedler nach 1945 und die gesteuerte Erinnerungskultur“ (S.203)


Dem Schicksal der aufgrund der Umsiedlungspolitik der VoMi weit verstreuten Bukowiner von Lothringen bis Polen, aber auch dem Schicksal der wenigen in der Bukowina verbliebenen Deutschen samt Zwangsdeportationen in den Donbass widmen sich die letzten Kapitel. Hier wurden nun nicht nur historische Quellen, sondern zunehmend auch mündliche Zeugnisse hinzugezogen. Geradezu paradox mutet an, dass Personen wie Fritz Valjavec, als einer der Verantwortlichen für die Umsiedlungsprogramme, sich in die Aufarbeitung der Erinnerung wieder involvieren konnten. Wenn nicht im wissenschaftlichen Betrieb, so durch die Organisation der Landsmannschaften gelang es vielen dieser ehemaligen Funktionäre, an entscheidender Stelle Einfluss zu gewinnen.


Bezeichnend ist die Feststellung, dass in den 50er Jahren im Präsidium des Bundesverbandes der Vertriebenen „von dreizehn Personen nur zwei vor 1945 keine Träger der nationalsozialistischen Politik“ waren (S.217). Stellvertretend für die Gruppe der führenden Nationalsozialisten, die im Gegensatz zu ihren Landsleuten, sei es bei der EWZ oder im Nachkriegsdeutschland immer eine führende Position einnahmen, sei der hier bereits mehrfach erwähnte Herbert Mayer angeführt. Verantwortlich u. a. für die Erstellung der „Volkskataster“, eigentlich von Beruf Physiker aus Czernowitz, wirkte er später in Breslau und Posen für die EWZ und war verantwortlich für Deportationen. Nach 1949 an der Hochschule in Clausthal-Zellerfeld als Physiker engagiert, gerierte er sich innerhalb der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen als Retter vor dem Kommunismus.


Ebenso weiß Hausleitner zu begründen, warum beim späteren Lastenausgleich, d. h. den Entschädigungszahlungen für verlorenen Besitz in der Bukowina, genau diese Gruppe der ehemaligen Nationalsozialisten als erste bedacht wurde. Umgekehrt wurden Anträge auf Lastenausgleich von Juden aus Czernowitz, die sich zum Deutschtum bekannten, von eben diesen Landsmannschaften abgelehnt. Wie sehr die „Geschichtspolitik und Erinnerungskultur zur Umsiedlung“ (S.232) letztlich von jenen beeinflusst wurde, die diese zu verantworten hatten, belegt der Lebenslauf des bereits mehrfach erwähnten Fritz Valjavec. Obwohl seine SS-Vergangenheit hinlänglich bekannt war, gelang es ihm im Zuge des kalten Krieges, die Verantwortlichen zu überzeugen, ein Südost-Institut als Beobachtung des kommunistischen Einflussbereiches 1953 erneut zu gründen, und galt als Gründer des „Südostdeutschen Kulturwerkes“. Ohne auf alle Fälle näher eingehen zu können, sei hier noch erwähnt, dass Hausleitner auch die Schwierigkeiten benennt, mit denen sich junge Wissenschaftler wegen dieser verkrusteten Hierarchien konfrontiert sahen. „Wenn jemand dennoch etwas über die Nationalsozialisten in Rumänien publizierte, wurde er in den Publikationen der Landsmannschaften in polemischer Weise angegriffen.“ (S.239)

Abschließend plädiert Hausleitner u. a. für eine breite Thematisierung der Pläne der Nationalsozialisten zur „ethnischen Flurbereinigung“, denn „es besteht immer die Gefahr, dass Menschen in Objekte verwandelt werden“ (S. 262).

 

Hausleitner, Mariana: „Viel Mischmasch mitgenommen. Die Umsiedlungen aus der Bukowina 1940. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen“, Buchreihe der Kommission für Geschichte und Kultur der Deutschen in Südosteuropa 43, 2018, de Gruyter Oldenbourg

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Bemerkungen :

  • user
    Stephan 08.05.2019 Beim 23:02
    Welch ausführliche Rezension dieses, den Leser doch sehr nachdenklich stimmenden Buches!Gerade die verdeckten Vorbereitungen zur "Heimholung", sprich kriegs-, bzw. siedlungsgerechter Verwendung der nichtsahnenden Bevölkerung sowie die dreiste Anbiederung der Planer und Ausführer nach 1945 sprechen in negativer Weise für sich.
    Danke für die Mühe der Rezension und an die Autorin dieses Werkes.
Kanton Aargau