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Volkskunst und traditionelle Gerichte

Vadu Crişului beherbergte das zehnte „Europäische Picknick"

Die Blaskapelle der baptistischen Glaubensgemeinschaft aus Vadu Crişului sorgte für die Musik während des Umzugs. Fotos: die Verfasserin

Bürgermeister Dorel Cosma führte den Umzug durchs Dorf. Die 190 Teilnehmer zogen vom Rathaus bis zum Veranstaltungsort am Waldrand.

Christiane Bartl stellt mit Hilfe der Holzbrandmalerei besondere Dekorationsobjekte her.

György Müller befasst sich mit der ungarischen Hirtenschnitzerei. Er organisiert aber auch Hilfstransporte mit Schulmöbeln für Ungarn und Rumänien.

Krüge, Töpfe, Vasen, kleine und große Behälter, bemalt oder unbemalt, allesamt aus weißer Keramik stehen auf dem auf dem Fußballfeld neben dem Wald eingerichteten Stand des Töpfers Petru Hasas. Der sehr freundlich wirkende Mann ist der einzige Töpfer aus seinem Dorf und überhaupt einer der letzten seiner Art. Um eine interessierte Kundin von der Widerstandsfähigkeit seiner Produkte zu überzeugen, nimmt Petru Hasas eine glasierte Keramik-Schale in die Hand und klopft mit einer 50-Bani-Münze ein paarmal an ihre Oberfläche; so stark, dass die Frau ihre Augen zudrückt, aus Angst, die Schale könnte platzen. Doch der bemalte Keramik-Behälter ist so hart, dass seine Oberfläche überhaupt keinen Schaden davonträgt, nicht einmal ein kleiner Kratzer ist zu sehen. Ein Bekannter des Töpfers, Arzt von Beruf, möchte ihm einen Wasserkrug abkaufen. „Ich schenke Ihnen den Krug“, sagt Petru Hasas und lehnt das Geld, das ihm der Arzt hinstreckt, vehement ab. Einen solchen Krug verkauft er gewöhnlich für 40 Lei. Das Besondere daran: All seine Produkte sind aus weißer Keramik hergestellt, die man nirgendwo anders in Rumänien oder gar Europa finden kann. „Ich habe gehört, dass es sie noch irgendwo auf den Philippinen gibt“, sagt der Töpfer.

Petru Hasas ist einer der paar Volkskünstler, die einen Stand am Rande des Fußballfelds in Vadu Crişului, Kreis Bihor, beziehen. Es ist Samstag und in der rund 4000-Seelen-Gemeinde im Kreis Bihar/ Bihor feiert man die zehnte Auflage des „Europäischen Picknicks“, einer internationalen Veranstaltung, zu der Gäste von fern und nah angereist sind. Um das Projekt durchzuführen, hat sich die Gemeinde für EU-Gelder im Rahmen des Programms „Europa für die Bürgerinnen und Bürger“ beworben. In den vergangenen fünf Jahren waren Delegationen aus Vadu Crişului bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen Ländern zu Gast. Mehr als 190 Menschen aus insgesamt 18 Ortschaften in Ungarn, der Slowakei, Tschechien, Deutschland, Serbien, Kroatien und Rumänien haben an diesem Wochenende den Weg nach Vadu Crişului, einer touristischen Ortschaft in einer idyllisch gelegenen Gegend, gefunden. Es ist das erste Mal, dass eine Gemeinde in Rumänien das „Europäische Picknick“ beherbergt und in dem kleinen Dorf im Tal der Schnellen Kreisch/Crişul Repede, 2016 zum Kulturdorf in Rumänien ernannt, ist man mächtig stolz darauf.

Auch Deutschland ist bei dem diesjährigen „Europäischen Picknick“ im Kreischland vertreten. György Müller, der schon seit mehreren Jahren diesen Landesteil bereist, hat Christiane Bartl und ihren Sohn Simeon nach Rumänien mitgebracht. Sie kommen aus der Ortschaft Kastl im Amberg-Sulzbacher Land und stellen ihre Kunstobjekte zur Schau. Christiane Bartl schafft besondere Dekorationsobjekte mit Hilfe der sogenannten „Holzbrandmalerei“: Eierbecher, Serviettenringe, Brotzeitbretter, Schilder, Uhren, Weihnachtskugeln, Anstecknadeln, Schmuckbretter und vieles mehr. Einen Teil der Objekte, die in der „Geschenkwerkstatt Bartl“ hergestellt worden sind, stellt Christiane, die heute ein Dirndl trägt, in Vadu Cri{ului aus. „Ich zeichne  mit Vorliebe Tiermotive, aber ich habe mittlerweile auch schon Menschen gezeichnet. Es kommen, zum Beispiel, viele Menschen zu mir und lassen das Bild ihres eigenen Hundes in Holz brennen“, erzählt Christiane Bartl. Je nachdem, wie kompliziert das Motiv ist, dauert die Arbeit mehrere Stunden. Der Preis eines personalisierten Brotzeitbrettes beginnt bei 50 Euro.

Am selben Stand hat auch der gebürtige Ungar György Müller seine Kunstobjekte ausgestellt. „Gyuri bácsi“, wie ihn alle kennen, verwendet die sogenannte „ungarische Hirtenschnitzerei“. In seinem Keller zu Hause entstehen dann verschiedene Dekorationsobjekte naiver Kunst, die allesamt aus der ungarischen Folklore inspiriert sind. „Dieser Husar, zum Beispiel, ist ein Originalmotiv. Ich habe ihn an einem Wochenende geschnitzt“, sagt der Mann und zeigt das Objekt vor. „An diesem Altarbild habe ich 80 Stunden gearbeitet“, fügt er hinzu. Die ungarische Hirtenschnitzerei hat der heute 76-Jährige von seinem Zeichenlehrer am ehemaligen Europäisch-Ungarischen Gymnasium erlernt – er war damals 15-16 Jahre alt. Seine Kunstobjekte verkauft er unter anderem auf der Messe der ungarischen Volkskünstler in Budapest, Ungarn. „Wenn im Fernsehen das Programm schlecht ist, dann fange ich zu schnitzen an. Oder wenn meine Frau mit mir schimpft, dann gehe ich ebenfalls in den Keller und schnitze. Da kann man sehen, wie oft meine Frau mit mir schimpft“, scherzt György Müller.

Seit über zehn Jahren ist der in Ungarn gebürtige Mann, der 1956 zusammen mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert ist, auch ehrenamtlich engagiert, und zwar dadurch, dass er gebrauchte Schulmöbel in Deutschland sammelt und diese nach Ungarn und Rumänien schickt. Alles begann 2010, als der Kolóntar-Dammbruch für eine Giftschlammkatastrophe in Ungarn sorgte und György Müller seinen Landsleuten helfend unter die Arme griff. Der pädagogische Mitarbeiter der Nachmittagsbetreuung am Gregor-Mendel-Gymnasium im Amberg hat im Juni dieses Jahres auch einen Schulmöbeltransport für die Schule in Vadu Crișului organisiert – weitere Schulmöbel gingen nach Großwardein/ Oradea. Im nächsten Jahr wird auch die Nachbargemeinde Au{eu mit Schulmöbeln versorgt, so György Müller.

Den Höhepunkt des „Europäischen Picknicks“ stellt der internationale Kochwettbewerb, bei dem heuer neun Teams mitmachen, dar. Die Kessel sind schon eifrig am Kochen am Samstagvormittag, denn pünktlich um 15 Uhr müssen die Gewinner bekannt gegeben werden. Da gibt es, zum Beispiel, einen in Kruste gebratenen Fisch am kroatischen Stand, einen Schafskessel und Schlambutz am Stand der ungarischen Partnergemeinde Hajdúszoboszló, während die Gastgeber Wildschwein-Pörkölt zubereiten, allerdings außerhalb des Wettbewerbs. Düfte und Geschmäcker aus allen Ecken Europas treffen am Waldrand aufeinander – für Touristen und Besucher der verschiedenen Stände ein wahrer Genuss. Bürgermeister Dorel Cosma hat den offiziellen Anzug, den er vormittags bei den offiziellen Reden trug, gegen ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Staff“ getauscht. Er greift selbst sehr gern zum Kochlöffel, wenn sich seine Ortschaft bei internationalen Kochwettbewerben präsentieren muss. „Das Ziel der Veranstaltung ist die Freundschaft und Verständigung zwischen den Völkern. Das Treffen steht unter dem Motto des 30-jährigen Jubiläums seit den Umsturzbewegungen von 1989“, sagt Dorel Cosma. „Die Teilnehmer fühlen sich sehr wohl bei uns. Aus Legrad, Kroatien, wollten zunächst nur acht dabei sein, doch als sie sich besser über unsere Gegend informiert haben, wollten weitere 20 Menschen mitmachen“, freut sich der Bürgermeister. „Auch der Großwardeiner Bürgermeister Ilie Bolojan, ein Sohn unseres Dorfes, wird später vorbeischauen“, fügt Dorel Cosma hinzu (Anm.d.Red.: Bolojan stammt aus dem eingemeindeten Dorf Birtin). 

Die ersten drei Preise beim internationalen Kochwettbewerb kommen den Teams aus den ungarischen Ortschaften Révfülop (III. Preis – ein Gericht aus Wels aus der Balaton-Gegend), Hajdúszoboszló (II. Preis) und Székkutos (I. Preis – Fischsuppe) zu. Das Fest in Vadu Crişului runden am späten Abend mehrere Tanzaufführungen, Konzerte und ein Feuerwerk ab.

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