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Vom Suchen und Finden der eigenen Identität

Aus Nordsiebenbürgen nach Ulm und Mittelfranken

Die Gruppe der Sathmarer Schwaben vor einer Ulmer Schachtel in Ulm Foto: Karl Heinz Rindfleisch

Die ehemalige Reichsstadt Ulm ist eine an der Donau am südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb an der Grenze zum Freistaat Bayern gelegene Universitätsstadt und mit ihren ca. 125.000 Einwohnern wahrlich keine Metropole. Dennoch hat sie zu Gebieten, die heute zu Rumänien gehören, eine vielen Menschen unbekannte Beziehung.

Vor über 300 Jahren machten sich viele Schwaben und Auswanderer aus süddeutschen und sonstigen deutschsprachigen Regionen von Ulm aus über die Donau auf den Weg in ein neues Land – ein neues Leben. Die Vorfahren vieler Donauschwaben begaben sich genau auf diese Reise. Der Fluss, der in Donau-eschingen entspringt, war daher auch namensgebend in der Genese des modernen Begriffs „Donauschwaben“, der erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Weg in die Wissenschaft fand. Ulm war und ist daher ein Ort von historischer Bedeutsamkeit. Die Relevanz dieser Migrationsgeschichte lässt sich auch heute noch am Donauufer entdecken. Gestiftete Tafeln verschiedener Gruppen der Donauschwaben erinnern an die Auswanderung und deren Schicksal.

Auf diesen Spuren wandelten vom 22. bis 26. August auch 33 langjährige Mitglieder und Förderer des Demokratischen Forums der Region Nordsiebenbürgen. Die Recherchereise „Auf den Spuren der Sathmarer Schwaben“ war auch als weiterführender Impuls des Geschichtsprojektes mit demselben Namen gedacht, in dessen Verlauf bereits 2017 acht Jugendliche aus Sathmar, unter der Leitung von ifa-Kulturmanager Arthur Glaser, in Ulm ihre eigene Geschichte rekonstruierten. Nun war es an der vorherigen Generation, sich auf dieselbe Spurensuche zu begeben. Die Recherchereise hatte nicht nur den Zweck, den Teilnehmern zu ermöglichen, auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte zu gehen, sondern vielmehr auch eine Multiplikatorenfunktion wahrzunehmen. Engagierte innerhalb der diversen Orts- und Kreisforen sollen durch das Gesehene und Erlebte aktiviert werden, die historische Aufarbeitung auch in den Heimatorten mit schwäbischer Geschichte in Nordsiebenbürgen in Form von Kultur- und Bildungsangeboten zu entfalten. Viele           Sathmarer Schwaben haben im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur den Bezug zur deutschen Sprache und zum schwäbischen Dialekt verloren, sondern vielmehr auch den Bezug zur eigenen Identität. Die Recherche soll daher auch ein identitätsstiftendes Element sein. Die Reise führte die Gruppe durch die Länder Ungarn und Österreich bis in den Süden Deutschlands, in die sogenannte „Urheimat“ nach Ulm und anschließend in die Region Nürnberg.

Am 23. August konnten die Teilnehmer aus dem vollen Brunnen der historischen Spuren der Stadt Ulm schöpfen. Museums- und Stadtführer Jörg Zenker führte die Gruppe durch die sehenswerte Dauerausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseums (DZM). Auf etwa 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche erzählt das Museum, welches sich nur wenige Hundert Meter vom Donauufer befindet, die wechselvolle Geschichte der Donauschwaben vom späten 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Zur Gruppe der Donauschwaben gehören auch die Sathmarer Schwaben. Schon der Modellnachbau einer Ulmer Schachtel vor dem Museum lässt den Besucher bereits vor dem Eintritt in die Geschichte eintauchen. Den Teilnehmern wurde so eine kulturhistorische Schatzkiste geöffnet, aus der sie sich bedienen konnten. Einige Ausstellungsstücke berührten beson-ders, da sie mit Kindheitserinnerungen und -erlebnissen assoziiert wurden. Der Gruppe wurde so auch vor Augen geführt, unter welchen Umständen ihre Vorfahren einst ihre Heimat verließen, um im damaligen Ungarnland eine neue zu finden, und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert waren. Im Anschluss an den Museumsbesuch führte der Kenner Jörg Zenker die Gruppe aus Nordsiebenbürgen durch die Stadt. Vom Donauufer ins Fischerviertel, vorbei am schiefsten Hotel der Welt, zum Haus, wo einst die Großmutter Albert Einsteins wohnte. Von dort aus wurde das Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt in Angriff genommen.

Die Stadt an der Donau ist voll von historischen Spuren der Donauschwaben. Jeder, der auf diesen auch heute noch wandelt, kann ein Stück eigener Geschichte nacherleben. Im Anschluss führte Otto Buchmüller, ehemaliger Vorsitzender der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben, die Gruppe auch zum Ulmer Schwal. Die heute auf der Donauseite Neu-Ulms liegende Insel fungierte als Ablegestelle vieler Ulmer Schachteln, auf denen die Aussiedler mit Beginn des 18. Jahrhunderts ihren Weg donauabwärts in ein neues Leben starteten. Nach dem Mittagessen konnten die Teilnehmer auch genau diesen Weg, wenn auch nur in der Form einer einstündigen Donauschifffahrt, nacherleben. Gegen Abend stieß auch Thomas Erös, Vorsitzender der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben, zur Gruppe und begrüßte die Landsleute.

Am 24. August machte sich die Gruppe von Ulm aus auf den Weg Richtung Mittelfranken. Dies war nicht nur eine geografische Weiterreise sondern in erster Linie auch eine historische. In der Region Mittelfranken, vor allem Nürnberg, Hersbruck, Lauf an der Pegnitz sowie Schwabach, fanden viele Sathmarer Schwaben in den Nachkriegsjahren, den 1970er und 80er Jahren sowie nach der Revolution von 1989 eine neue Heimat. Hier wird heute noch sathmar-schwäbische Kultur aktiv gelebt. Besonders hervorzuheben ist die HOG (Heimatortsgemeinschaft) Schandern, die das Kulturleben der alten Heimat aufrechterhält und tradiert. In Nürnberg standen zunächst ein Empfang sowie ein Mittagessen im Haus der Heimat auf dem Programm. Das Haus der Heimat fungiert seit 1998 als Begegnungsstätte für deutsche Vertriebene und Aussiedler aus (Süd-)Osteuropa. Die Geschäftsführerin des Hauses, Frau Doris Hutter, welche selbst aus Rumänien stammt, begrüßte die Gäste im Begegnungszentrum. Im Anschluss machte sich die Gruppe aus Nordsiebenbürgen auf die Entdeckung der Stadt Nürnberg. Hierzu gehörte auch der Besuch des historischen Zeppelinfeldes, das den Nationalsozialisten als Reichsparteitagsgelände diente. In Sichtweite dieser historischen Stätte befand sich die Erstaufnahmeeinrichtung, die für viele Sathmarer Schwaben, welche als Aussiedler nach Deutschland kamen, als erste Unterkunft und Durchlaufstation diente. In Form einer Stadtführung konnten die Teilnehmer ebenso in die reichhaltige Geschichte der Stadt eintauchen. Am folgenden Tag besuchte die Gruppe in der Gemeinde Hersbruck den Gottesdienst, der auch von Pater Tiberius Schupler, der der Gruppe aus Sathmar ebenfalls angehörte, mitzelebriert wurde. In der Gemeinde Hersbruck und Umgebung leben heute eine Vielzahl Sathmarer Schwaben, vor allem aus der Ortschaft Schandern.  Dem Gottesdienst folgte ein gemütliches Beisammensein mit Landsleuten und Mitgliedern der Kirchengemeinde Hersbruck. Vorstandsmitglied der HOG Schandern, Paul Kaiser, führte die Gruppe anschließend durch Hersbruck, welches ebenfalls über eine herausragende Geschichte verfügt. Zur Führung gehörte auch die Station des Dokumentationszentrums Hersbruck. Dieses besteht aus einem begehbaren trapezförmigen Bauwerk, das auf die Installation in Happurg ausgerichtet ist. Der Kubus stellt die individuellen Schicksale der Gefangenen des KZ-Außenlagers Hersbruck in den Mittelpunkt. Auf einen Medientisch werden die Namen von rund 9000 Häftlingen projiziert. Herr Kaiser führte der Gruppe vor Augen, dass bereits während des Zweiten Weltkrieges Menschen aus der Region Sathmar durch die Kriegsumstände nach Hersbruck kamen. Hier und vor allem in der Region schloss sich somit auch der Kreis der Recherchereise, der in Ulm mit der Auswanderung im 18. Jahrhundert begonnen hatte und in die Region führte, in der heute viele Sathmarer Schwaben und die nachfolgenenden Generationen eine neue Heimat gefunden haben.

Besonderen Dank für die Unterstützung, Organisation und herzliche Gastfreundschaft an Frau Anna Steinbinder, Paul Kaiser, das Ehepaar Toma, an die gesamte HOG Schandern sowie das Team des Hauses der Heimat, die den Aufenthalt der Gruppe unvergesslich gemacht haben. Ebenfalls gilt auch dem Team des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm ein besonderer Dank. Die Gruppe aus Nordsiebenbürgen konnte sich am 26. August mit vielen schönen Erinnerungen, Eindrücken sowie neuen Impulsen zurück auf den Weg nach Rumänien machen.

Die Recherchereise konnte neben den Eigenbeiträgen der Teilnehmer durch die großzügige finanzielle Unterstützung folgender Förderer und Sponsoren ermöglicht werden: Haus des Deutschen Ostens, Landesforum, Kulturverband Sathmarense sowie Steiger SRL und Dacorim Prox SRL.

 

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