Von der Nordsee zum Schwarzen Meer

Eine Flusskreuzfahrt als alternative Reisemöglichkeit durch Europa

Während eines Ausflugs über dem malerischen Donauknie nördlich von Budapest
Fotos: Șerban Căpățână

Architektur und Weinbau am Rhein

Kölner Dom bei Sonnenuntergang

Budapester Parlament auf einer Lichterfahrt

Streckenüberblick

Während der letzten (vorpandemischen) Jahre ist die Anzahl Touristen, die sich für eine Kreuzfahrt entschieden haben, immer mehr gestiegen. Sei es in der Karibik, in der Adria oder vielleicht am Mittelmeer, auf Flüssen wie dem Nil, dem Mekong oder dem Irrawaddy – Kreuzfahrten wurden immer beliebter. Abgesehen von diesen exotischen Reisezielen wissen die Wenigsten, dass sie ganz Europa per Kreuzfahrtschiff genießen können: von der windigen und kalten Nordsee über die Hochhäuser Düsseldorfs oder Frankfurts und die historischen Altstädte Wiens, Budapests oder Bratislavas, bis hinunter ins Vogelparadies des Donaudeltas und zu den Stränden des Schwarzen Meeres.

Warum Kreuzfahrt?

Die Vorteile eines fahrenden Bootshotels können insbesondere ab einem bestimmten Alter nicht übersehen werden. Von einer Stadt zur anderen in demselben Zimmer zu fahren und gleichzeitig reichlich verpflegt zu sein hat natürlich seine zahlreichen Vorteile. Frisiersalon, Spa-Bereich, Fitnessraum und Fahrräder ergänzen das Angebot eines Kreuzfahrtschiffes. Und in jeder Stadt, in der man anlegt, ist die Möglichkeit geboten, sich die Sehenswürdigkeiten entweder alleine zu erlaufen oder aus einer breiten Palette angebotener Touren zu wählen. Jeden Abend finden an Bord vielfältige Programme statt, von Unterhaltung über Tanz oder Spiel. Langweilig wird es keine Minute, auch neue Freunde lassen sich so gewinnen.

Das Kreuzfahrtschiff ist also bei weitem kein goldener Käfig – eher ein Schneckenhaus, in dem man alles Nötige ständig bei Hand hat.

Streckenüberblick

Die knapp 3500 Kilometer lange Wasserstraße zwischen der Nordsee in den Niederlanden, in Amsterdam bzw. Rotterdam, und dem Schwarzen Meer am Ende des Sulina-Arms im Donaudelta lässt sich übersichtlich in vier große Abschnitte unterteilen, die sich über 14 Länder erstrecken. Über 220 Millionen Menschen leben in den Einzugsgebieten der Wirtschaftszentren, die entlang dieser Wasserstraße gegründet wurden, wobei jeder Teil sein eigenes Spezifikum hat und einzigartige Sehenswürdigkeiten bietet.

Die ersten beiden Teile mit einer Gesamtlänge von knapp 925 Flusskilometern verlaufen entlang des Mains und des Rheins, ein kleiner Abschnitt durch die Niederlande, überwiegend aber durch Deutschland.

Von Bamberg bis Kehlheim folgt die Wasserstraße über die nächsten rund 171 Kilometer dem sogenannten Rhein-Main-Donau-Kanal, eines der längsten künstlichen Kanäle der Welt. Die Idee der Verbindung der beiden wirtschaftlich und strategisch wichtigen europäischen Flüsse – dem Rhein und der Donau - faszinierte bereits die Römer, danach auch Kaiser Karl den Großen, und wurde schließlich vom bayrischen König Ludwig I. erstmalig umgesetzt.
Der größte Teil der Wasserstraße verläuft entlang der schönen blauen Donau, von Kehlheim bis zur Donaumündung im Schwarzen Meer, über glatte 2411 Flusskilometer, und bietet entlang der Strecke die größte landschaftliche Vielfalt und kulturelle Diversität.

Die Rhein- und Mainstrecke

Eine Kreuzfahrt entlang dieser Wasserstraße beginnt im „Venedig des Nordens“: Amsterdam ist für seine engen Kanäle und insbesondere für das Nachtleben und das Rotlichtviertel bekannt, welches seit Jahren eine echte Touristenattraktionen darstellt. Zwischen März und Mai wird die niederländische Hauptstadt während des Tulpenfestivals zum Blumenzentrum der Welt und zieht Millionen Besucher an,ähnlich wie Japans Kirschblütenfestival. Ein absolutes Muss sowohl für Technik- und Seefahrtliebhaber, als auch für Familien, ist das interaktive Marinemuseum. Und in Madame Tussauds Wachsfigurenmuseum kann jedermann ein Foto mit seinem Lieblings-Promi knipsen, sei es Prinzessin Diana oder Sean Connery. Eine entspannende Bootsfahrt durch die Amsterdamer Kanäle ist bei jedem Kreuzfahrtpaket dabei.

Weiter flussaufwärts legen die Kreuzfahrtschiffe in Düsseldorf, Köln und Bonn an, drei überaus wichtige Städte für die deutsche Geschichte, die auch zahlreiche Sehenswürdigkeiten bieten. Der Blick vom Schiff auf den Düsseldorfer Rheinturm und die Architekturuniversität an der Rheinuferpromenade oder auf die Kölner Kathedrale und das Schokoladenmuseum, oder aber auf die berühmte Drachenburg bei Bonn ist sicherlich beeindruckend.

Vom Rolandsbogen bis zum Mäuseturm bei Koblenz begleiten zahlreiche Burgen und kilometerweite Weinangärten den sogenannten „Romantischen Rhein“, vorbei am Loreley-Felsen, und lassen einen in die mittelalterliche Zersplitterung des heutigen Deutschlands Einsicht nehmen. Die gesamte Region ist derzeit UNESCO-Weltkulturerbe, genau wie die unweit gelegene Altstadt Heidelbergs und das Schloss, in dessen Keller eines der größten Riesenweinfässer der Welt (für knapp 250.000 Liter) bestaunt werden kann, interessante Geschichten zur mittelalterlichen Weinnutzung inbegriffen.

Der Rhein-Main-Donau-Kanal

Der Kanal selbst, dessen Historie und die Technik, die dahinter steckt, ist eine Attraktion an sich. Der jetzige „Europakanal“ ist 1992 nach einer Investition von knapp 200.000 Millionen Euro entstanden, nachdem der alte Kanal König Ludwigs I. während des Zweiten Weltkriegs größtenteils zerstört wurde, sein Ufer ist heute nur noch Promenade. Von den insgesamt über 50 Schleusen zwischen Mainz und der Donau heben die 16 Schleusen des  Kanals die Schiffe fast 170 Meter über das Mittelgebirge Fränkische Alb. Interessant dabei ist auch die Funktionsweise der speziell für diesen Kanal entwickelten Sparschleuse, welche einen Großteil des Wassers wiederverwertet. Auf dieser Strecke gibt es die einzigen geraden Ufer des Europakanals.

Die Donaustrecke…

...ist sicherlich die vielfältigste, sowohl landschaftlich, als auch kulturell, sprachlich, architektonisch oder etwa religiös: Die Prachtstraßen Wiens und die gotischen Formen des Stephansdoms schwinden allmählich aus dem Blick, werden nach und nach durch byzantinisch gewölbte Bauwerke, kleinere Gebäude und chaotische Straßenverläufe ersetzt. Der Einfluss der k&k-Monarchie läßt sich bis an den unteren Lauf nachverfolgen, wobei sich immer mehr „balkanische“ oder türkische Einflüsse bemerken lassen. Die kurvenreiche und geschwindige Strecke der oberen Donau läßt langsam nach und wird ab Budapest und insbesondere auf der unteren Donau, an der Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien, durch weitläufige Ebenen und breite Ufer ersetzt, um letztendlich beim Eintritt ins Donaudelta fast zum Stillstand zu kommen.

Die Reise flussabwärts könnte als Geschichteunterricht vorgestellt werden, denn ohne zahlreiche historische Daten ist die Region eher schwer zu verstehen. Grund dieser Komplexität ist die Donau selbst, die entlang der Jahrhunderte als effiziente natürliche Grenze zwischen Imperien, Sprachen und sogar Religionen fungiert hat. Dabei bietet die gesamte Region unzählbare interessante Überraschungen. Nicht nur, dass ein tieferer Einblick in die Politik des ehemaligen Jugoslawiens und Präsident Titos Erbe neue Facetten auf dieses Ex-Ostblockland wirft, auch die Architektur der Belgrader Altstadt, genauso wie die Altstadt Novi Sads, deutet eher auf westeuropäische Einflüsse hin als auf jahrhundertelanges osmanisches Joch oder auf slawischen, russisch-bedingten Einfluss.
Die Schluchten am Eisernen Tor sind wahrscheinlich der beeindruckendste Teil der Donaustrecke und bieten insbesondere im herbstlichen Laub vielfätige Fotomotive.

Entlang der bulgarisch-rumänischen Grenze verläuft die Donau relativ ruhig und bietet den Reisenden zwei entspannte Tage bis ins Donaudelta. In dieser Gegend gibt es eher weniger direkt am Flusslauf liegende Großstädte. Für touristische Ziele wie die bulgarische Hauptstadt Sofia, Pleven, Veliko Tarnovo, Arbanasi oder die rumänische Hauptstadt Bukarest müssen einige Stunden Busfahrt in Kauf genommen werden.

Nach einem kurzen, aber für eine derartige Europareise unerlässlichen Abstecher auf die Sandstrände Mamaias geht die Reise zum letzten Anziehungspunkt des Europakanals: das Vogelparadies des Donaudeltas (UNESCO-Weltnaturerbe). Eines der Highlights einer derartigen Reise ist sicherlich auch eine Safari-Bootsfahrt durch die engen Kanäle und die Seen des Donaudeltas, bei dem man Kormorane und Pelikane, aber auch die Fischerei und das alltägliche Leben der Einheimischen näher erkunden kann.

Die allerletzte Attraktion der Strecke ist natürlich die Mündung der Donau ins Schwarze Meer: ein beeindruckendes Bild, bei dem das Süßwasser wieder auf das Salzwasser der Meere und Ozeane trifft und die 3469 Kilometer lange Strecke von der Nordsee angenehm abrundet – eine lange, aber informative und überaus abwechslungsreiche Reise.